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StartseiteUFCFeaturesMichael Bisping: Gegen die eigenen Prinzipien

Michael Bisping: Gegen die eigenen Prinzipien

Warum es trotzdem okay ist, dass der Brite sich Hendo nach Manchester geholt hat.

von Florian Sädler 07.10.2016

Man kann ihn lieben oder hassen: Michael Bisping gehört in der UFC zum Inventar, und das ist eine Leistung für sich, die nur wenige Kämpfer wirklich für sich in Anspruch nehmen können. Aktuell ist Bisping außerdem Mittelgewichtschampion der UFC und wird diesen Gürtel am Samstag verteidigen. Zuhause, gegen eine alte Nemesis, die dort eigentlich nichts zu suchen hat.

UFC 204 mag nicht der stärkste Pay-per-View-Event sein, den die Organisation jemals auf die Beine gestellt hat. Eigentlich basiert er sogar auf einer groben Missachtung der eigenen Regeln, die durchaus kritikwürdig ist. Und trotzdem: UFC 204 ist mehr als der bloße Versuch, einen letzten Dollar aus dem öffentlichen Interesse an zwei alten Rivalen zu quetschen. Zumindest für die Protagonisten hat der Abend eine größere Bedeutung.

Michael Bisping ist jemand, der aus dem, was er hatte, das Beste gemacht hat. Ohne Geld und ohne allzu viele Perspektiven realisierte der Brite vor zwölf Jahren mit der Aussicht auf ein Leben voller dumpfer Einbahnstraßen-Jobs, dass Kämpfen das war, womit er den Durchbruch schaffen konnte. Wohin, das war damals, als die UFC in Europa noch keine Fußballstadien mitten in der Nacht ausverkaufen konnte, noch nicht klar.

Bisping versuchte es trotzdem, gewann zehn Kämpfe in Folge und setzte sich so aufs Radar der UFC. Den Rest kennt man: Bisping gewann die dritte Staffel der „The Ultimate Fighter“-Reality-Serie, machte sich in der UFC einen Namen und scheiterte zig Mal kurz vor dem großen Ziel: der Chance, den Titelgürtel im Octagon zu gewinnen.

Der thront jetzt in Bispings Wohnzimmer in einem großzügigen Anwesen mit Pool in Anaheim, USA über dem Fernseher. In dem Haus wohnt Bisping mit Frau, drei Kindern und Hund unter der Sonne Kaliforniens. Ein gutes Leben, eine durch und durch filmreife Geschichte, möglich gemacht durch die Entscheidung fürs Risiko im richtigen Moment – mitsamt zwischenzeitlichem Bankrott und fast allen anderen Zutaten, die in keinem klassischen Hollywood-Drehbuch fehlen dürfen.

Beeindruckender als das aber ist die Tatsache, dass Bisping seine Einstellung zum MMA-Sport auch dann nicht geändert hat, als er es sich längst hätte leisten können. Als etablierter Star und langjähriger Schlüsselfaktor für die UFC in Großbritannien könnte Bisping weit mehr Forderungen stellen als die meisten. Tut er vielleicht auch hinter den Kulissen – wer weiß das schon –, aber zumindest, wenn es darauf ankommt, hält er Wort, immer und überall gegen jeden in den Käfig zu steigen.

Bisping hätte den Kampf gegen Chael Sonnen nicht annehmen müssen, als er vier Kämpfe nacheinander gewonnen hatte und das ersehnte Duell mit Über-Champion Anderson Silva so nah schien wie noch nie. Genauso wenig den gegen Vitor Belfort auf dessen TRT-Zenit oder nur zwei Monate nach der K.o.-Niederlage gegen „The Phenom“ das gefährliche Comeback gegen Alan Belcher. Er hätte sich auch vor Luke Rockhold drücken können, als der gerade eine Schneise der Verwüstung durch die Gewichtsklasse zog und erst recht, als sich ausgerechnet gegen Rockhold das Ziel seiner Träume, die Chance auf den UFC-Titel, unter den denkbar schlechtesten Umständen bot.

Keinen dieser Kämpfe lehnte Bisping ab. Um die Chance, ohne Trainingscamp gegen den Mann zu kämpfen, der ihn nicht allzu lange vorher ausgeknockt und dann mit einem Arm zum Abklopfen gebracht hatte, bat Bisping sogar. Sehr wahrscheinlich in dem Wissen, dass er in der UFC je, wenn überhaupt, nur eine einzige Chance auf den Gürtel bekommen würde. Das hier sollte sie sein, völlig egal, dass er die letzten Monate in Kanada auf einem Filmset verbracht hatte.

Nach Jahren der Höhen und Tiefen hat sich Bispings Arbeiter-Einstellung in einem Sport, der zunehmend von geschäftsbetonter Manager-Rationalität durchdrungen wird, spektakulär ausgezahlt. Für ihn zählte nie die Außenwirkung oder seine Marke – die Marke Michael Bisping hat sich von ganz allein entwickelt und rund um UFC 199 und den Titelgewinn ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden.

Um ein weiteres Highlight hinzuzufügen und seinen Rückkampf gegen Dan Henderson zu verwirklichen, der ihn 2009 brutal ausknockte, musste Bisping von dieser bisherigen Mentalität abweichen und selbst zu einigen Manager-Spielereien greifen. Rockhold, Romero, Weidman, Souza: sie alle verdienen den Titelkampf Bispings öffentlicher Ansicht nach nicht.

Das zunächst unverbindlich generelle Bekunden von Interesse an einem Rückkampf gegen Henderson, nach entsprechender öffentlicher Reaktion die schrittweise vehementer werdende Bewerbung dieser Ansetzung: solche Taktiken war man vom Briten bisher nicht gewohnt.

Die – zumindest zeitweise – Abkehr von alten Prinzipien aber ist der Preis dafür, sich nach zehn Jahren auf dem höchsten Level die Belohnung für eine Dekade harter Arbeit abholen zu dürfen: seine erste Titelverteidigung, vor heimischem, in sechs Minuten ausverkauftem Publikum gegen den Mann, der ihm den schwärzesten Abend seiner Karriere beschert hat.

Das mag man mit Blick auf die Ranglisten und übergangene Top-Kämpfer durchaus zu Recht kritisieren. Trotzdem fällt es schwer, Bisping diesen persönlichen Abschluss nicht zu gönnen. UFC 204 als vorläufiger Höhepunkt einer filmreifen Geschichte ist einfach zu gut, um dafür nicht die Bühne zu bieten. Und genau das hat die UFC bereitwillig getan.

Bei allem Risiko, das Hendersons H-Bomb noch immer birgt: sich dieses eine Mal gegen die härtest mögliche Herausforderung zu entscheiden, hat Michael Bisping sich verdient. Ob die neue Rechnung aufgeht, das ist eine andere Frage.

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