Warum die UFC einen unerfahrenen WWE-Star aufnimmt
Wie zu erwarten, sind die Gemüter in Fankreisen stark erhitzt, seit die UFC ankündigte, den ehemaligen Profi-Wrestler und WWE-Star CM Punk alias Phil Brooks für mehrere Kämpfe verpflichtet zu haben – einen 36 Jahre alten Mann mit überschaubarer Kampfsporterfahrung. Groundandpound.de beleuchtet diesen Deal aus unterschiedlichen Perspektiven.
Warum hat die UFC diesen Neuling verpflichtet?
CM Punk ist einer der größten Stars der Profi-Wrestling-Szene und hat eine große, sehr loyale Anhängerschaft, die ihm überall hin folgen wird – auch in die UFC. Eine Zahl zum Vergleich, auch wenn die Präsenz in den sozialen Netzwerken natürlich nicht der einzige Gradmesser für Popularität ist: CM Punk hat 2,2 Millionen Follower auf Twitter. In der UFC übertreffen ihn nur Dana White und Anderson Silva. Die UFC erreicht über ihn also viele neue Zuschauer – und die sind zahlungswillig. CM Punk hat beispielsweise mehr Umsatz mit Fanartikeln gemacht als John Cena, seit Jahren der größte WWE-Superstar.
Die Verkaufszahlen für UFC-PPVs gingen 2014 stark zurück. Das liegt einerseits daran, dass viele spannende Hauptkämpfe aufgrund von Verletzungen abgesagt oder verschoben werden mussten. Andererseits fehlt es der UFC an Stars, die die Zuschauer dazu bewegen, 60 US-Dollar für einen PPV zu zahlen.
Demetrious Johnson ist beispielsweise einer der Gewichtsklassen übergreifend besten Kämpfer der Welt, aber sein Titelduell gegen Ali Bagautinov wollten gerade mal 100.000 zahlende Zuschauer sehen. Zum Vergleich: Ex-WWE-Star Brock Lesnar war an vier der zehn meistverkauften UFC-PPVs beteiligt, dreimal knackte er die magische Marke von einer Million Käufen.
Solche Zahlen wird CM Punk vermutlich nicht erreichen, aber man muss kein Prophet sein, um zu behaupten, dass er mehr Anziehungskraft haben wird als jemand wie Johnson – so traurig man das als MMA-Fan auch finden mag.
Warum kämpft CM Punk nicht erst mal probeweise außerhalb der UFC?
Der erste Profikampf von CM Punk ist ein Teil der Spannung. Alle wollen wissen, ob er wirklich kämpfen kann oder ob er eine Tracht Prügel kassiert. Egal ob sie ihn lieben oder hassen, sie werden sein Debüt mit Sicherheit verfolgen – genauso wie es bei Brock Lesnar der Fall war. Die UFC wäre töricht, wenn sie sich diese Aufmerksamkeit entgehen lassen würde.
CM Punk hat es nicht verdient, in der UFC zu sein! Lächerlich!
Aus sportlicher Sicht ist das korrekt. CM Punk ist ein Weißgurt im brasilianischen Jiu-Jitsu mit ein bisschen Erfahrung im Kempo Karate. Durch sein jahrzehntelanges Training als Profi-Wrestler ist er zwar sportlich und abgehärtet, aber ein MMA-Kampf ist mit einem Profi-Wrestling-Match unmöglich zu vergleichen. CM Punk hat keinerlei Erfahrung im MMA-Sport, er hat noch nicht einmal einen Amateurkampf bestritten.
Manche meinen daher, diese Verpflichtung würde dem Ansehen der UFC schaden. Allerdings ist zu bedenken, dass der Begriff „UFC-Niveau“ aufgrund der weltweiten Expansion der UFC in den vergangenen Jahren nicht mehr haltbar ist. Die Zeiten, in denen in der UFC ausschließlich die Besten der Besten kämpfen, sind seit längerem vorbei. Bei „TUF China“ nahm ein Yoga-Lehrer mit einer Bilanz von 0-0 teil, bei „TUF 20“ eine Frau mit einer Bilanz von 1-0. In Anbetracht dessen kann man auch einen CM Punk verkraften, der seine Unerfahrenheit zumindest durch Popularität ausgleicht.
Die UFC ist kein gemeinnütziger Verein, sondern ein Wirtschaftsunternehmen, das einen Gewinn erzielen möchte. Sicherlich haben MMA-Kämpfer, die seit Jahren alles opfern, um in die UFC zu kommen und sich gute Bilanzen gegen gute Gegner erkämpft haben, es aus sportlicher oder moralischer Sicht „mehr verdient“ als CM Punk, aber diese aufstrebenden Sportler erzeugen bei weitem nicht so viel Umsatz wie er. Das kann man schlecht finden, aber keine Kampfsportorganisation der Welt veranstaltet ihre Events aus reiner Gutmütigkeit.
Wird CM Punk der neue Brock Lesnar?
Diesen Vergleich kann man nicht ziehen, denn Brock Lesnar war ein ausgezeichneter Amateurringer. Auf dem College gewann er 2000 im Schwergewicht die Landesmeisterschaft in der höchsten Leistungsklasse, der Division I der NCAA. Ein Jahr zuvor hatte er den zweiten Platz erreicht. Bobby Lashley, ein anderer ehemaliger Profi-Wrestler und WWE-Star, der zum MMA-Sport wechselte und dort mittlerweile eine Bilanz von 12-2 hat, war ebenfalls ein erfolgreicher Amateurringer, unter anderem drei Jahre in Folge Landesmeister in der NAIA.
Bei CM Punk bietet sich ein Vergleich mit Batista alias Dave Bautista an. Der WWE-Star bestritt im Oktober 2012 im Alter von 43 Jahren erfolgreich sein MMA-Debüt – allerdings nur bei einer kleinen Veranstaltung an der Ostküste der USA. Wie CM Punk trainierte Bautista brasilianisches Jiu-Jitsu als Hobby und wollte „einfach mal kämpfen“. Im Januar 2014 wurde Bautista von Cesar Gracie zum Lilagurt graduiert.
Von CM Punk ist mit Sicherheit nicht zu erwarten, dass er in seinem zweiten UFC-Kampf um den Titel antreten wird, ebenso wird er nicht wie Lesnar direkt gegen einen Ex-Champion ins kalte Wasser geworfen, sondern gegen einen anderen Neuling antreten. Die UFC wird mit seinem Octagon-Debüt viel Geld verdienen – wie es danach weitergeht, ist noch völlig offen. Vielleicht kassiert CM Punk eine so große Tracht Prügel, dass er nie wieder kämpfen will, vielleicht stellt er sich aber so gut an, dass weitere Kämpfe folgen werden.
Was ist sonst noch zu beachten?
Die Gesundheit von CM Punk. Er arbeitete fünfzehn Jahre lang als Profi-Wrestler, das setzt dem Körper in der Regel schwerer zu als Kampfsport. Die Profi-Wrestler beherrschen zwar die Fallschule perfekt, aber wenn man mit aller Wucht auf einen Ringboden geworfen wird, spürt man das dennoch. CM Punk zog sich im Laufe seiner Karriere unzählige Verletzungen zu, an beiden Knien, dem Ellenbogen, den Rippen usw.
Besorgniserregend ist jedoch, dass er schon mehr als zehn Gehirnerschütterungen hatte. Zweifelsohne wird er sich intensiven medizinischen Untersuchungen unterziehen, um sicherzustellen, dass er vor seinem UFC-Debüt vollkommen gesund ist. Nichtsdestotrotz sollte man sich fragen, ob es einem Menschen, dessen Gehirn schon so viel Schaden genommen hat, gut tut, einen Vollkontakt-Kampfsport auf Wettkampfebene zu betreiben, bei dem es durch Schläge und Tritte zu schweren Kopftreffern kommen kann.
