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Wenn aus Gegnern Freunde werden

Leipold und Backhaus kämpften in verschiedenen Systemen - bis zur Wende.

von Mark Bergmann 21.10.2010

Mehr als 20 Jahre ist es nun her, dass aus einst zwei getrennten Staaten wieder eins wurde. Natürlich war von der Wiedervereinigung Deutschlands auch der Sport und das zugehörige Verbandswesen betroffen. Wir befragten zwei Jahrzehnte nach der deutschen Einheit zwei Athleten, die in den vergangenen 20 Jahren ein großes Stück Sportgeschichte mitgeschrieben haben und aus beiden Teilen Deutschlands stammen. Die Ringer Andre Backhaus und Alexander Leipold schrieben Sportgeschichte – erst gegeneinander, seit dem Herbst '89 miteinander. Backhaus stammt aus dem kleinen Ort Lübtheen bei Schwerin und ging den in der damaligen DDR üblichen Weg über die Kinder- und Jugendsportschule Leipzig. Danach errang er große Erfolge für die DDR und später für die Bundesrepublik Deutschland. Auf der anderen Seite: Alexander Leipold, der das gesamte sportliche und politische Geschehen von Beginn an aus Sicht der BRD erlebte und mittlerweile die Freistilmannschaft der DRB-Herren als Trainer betreut.

Mit uns sprachen sie über ihre Erfahrungen vor der Wende, die Zeit der Wiedervereinigung, und wie sie in zwei verschiedenen Systemen diese Phase des Umbruchs erlebt haben.

Wie hast du vor 20 Jahren die Wende erlebt ? Welche Erinnerung hast du an den 9. November 1989, als sich die Grenzen öffneten?
Alexander Leipold: Ich habe die Vorzeichen wie die Ausreise aus Prag oder die friedlichen Demonstrationen wie zum Beispiel in Leipzig beobachtet, doch als die Grenzen sich öffneten konnte ich es kaum fassen. Es waren Bilder an der Berliner Mauer, die ich sicher nie vergessen werde.
Andre Backhaus: Ich habe mich riesig gefreut über die Grenzöffnung. Ein Traum ist in Erfüllung gegangen, endlich wieder ein vereintes Deutschland. Ich war damals gerade mit der Junioren-Nationalmannschaft im Palast der Republik in Berlin. Ich bin mit Markus Keller dann nachts nach Westberlin, wo wir uns am nächsten Morgen unser Begrüßungsgeld abgeholt haben.

Gab es vor der Vereinigung der beiden deutschen Verbände Kontakte zu Athleten aus dem anderen Staatenblock ?
Alexander Leipold: Nach der Junioren-WM in der Mongolei haben sich Teile der beiden deutschen Mannschaften in meinem Zimmer heimlich getroffen. Wir haben uns einen schönen Abend mit meinem Reiseproviant gemacht und uns viel unterhalten.
Andre Backhaus: Es gab kaum Kontakt zu den Sportlern aus dem Westen. Den ersten Kontakt gab es erst als sich die Wende abzeichnete. Das war dann bei den Junioren-WM in der Mongolei 1989!

Was denkst du, wäre passiert, wenn die Grenzen damals nicht gefallen wären?
Alexander Leipold: Das kann man sich gar nicht mehr vorstellen, aber sicher gäbe es noch den „Kalten Krieg“.
Andre Backhaus: Ich denke es wäre so oder so zur Wende gekommen, weil die DDR-Bürger immer unzufriedener wurden. Selbst wenn es den Schießbefehl von ganz oben gegeben hätte, dann wäre es zum Bürgerkrieg gekommen. Glücklicherweise ist es mit den Bemühungen von Altkanzler Kohl und auch von Gorbatschow zu einer unblutigen Wende gekommen.

Die Menschen im Osten kämpften damals für ihre Freiheit, wollten nicht mehr hinter dem eisernen Vorhang leben. Wie definierst du das Wort 'Freiheit'?
Alexander Leipold: Freiheit bedeutet für mich, in einem gesetzlich festgelegten Rahmen, tun und lassen zu können was ich will. Hier sind mir Grundfreiheiten wie das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, die Religionsfreiheit, die Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und das Recht auf Reisefreiheit besonders wichtig.
Andre Backhaus: Freiheit ist für mich das zu machen was mir gefällt, natürlich im Rahmen des Erlaubten. Aber damals war es natürlich gerade die Reisefreiheit, wir durften ja ohne eine Einladung nicht mal ins sozialistische Ausland. Das war schon ein harter Tobak.

Wie hast du das andere deutsche Land vor der Wende gesehen?
Alexander Leipold: Die DDR war ein Teil Deutschlands, in das man nur sehr schwer einreisen und noch schwerer ausreisen kann. Ich war vor der Wende in Ostberlin und auch in Halle zum Internationalen Ringerturnier.
Andre Backhaus: Uns wurde ja immer eingehämmert wie schlecht alles im Westen ist. Ich wunderte mich nur immer wenn Westbesuch kam, warum Sie die schöneren Autos hatten und auch die Kleidung besser war als unsere. Eigentlich bewunderte ich das westdeutsche Volk.

Waren die Gegner aus dem anderen deutschen Staat eine besondere Herausforderung für Dich?
Alexander Leipold: Wenn ich auf der Matte stand, wollte ich nur gewinnen, egal wer der Gegner war. Mit Andre Backhaus hatte ich hier einen besonders starken Gegner aus der absoluten Weltspitze.
Andre Backhaus: Zur damaligen Zeit war das so, man durfte ja eigentlich gegen einen westdeutschen Sportler nicht verlieren. Russe, Bulgare kein Thema aber eine Niederlage gegen einen westdeutschen Ringer, das hieß Rapport beim Verband. Da waren einige Kämpfe gegen Alexander Leipold dabei, die vor den 'Tribunal' endeten.

Gibt es ein Erlebnis, dass dir damals vor der Wende mit Athleten aus dem anderen Staatenblock besonders in Erinnerung geblieben ist?
Alexander Leipold: Das private, gesamtdeutsche Abschlussessen in der Mongolei. Hier waren wir der Wiedervereinigung einen Schritt voraus (lacht).
Andre Backhaus: Ja, mit den Schweizern haben wir mal in Griechenland nach einem Wettkampf die ganze Nacht durchgemacht, sind dann für 10 Minuten ins Hotel, Koffer packen und ab auf den Flughafen. Ich habe sehr schöne Erinnerungen an diese Zeit, vor allem an den jetzigen Trainer der Schweizer Mannschaft Ludwig Küng, mit dem ich immer guten Kontakt pflegte.

Wie sah dein Weg nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten und damit natürlich auch der beiden deutschen Verbände aus?
Alexander Leipold: 1990, als noch zwei deutsche Freistil-Mannschaften gemeinsam bei der WM gerungen haben, war ich verletzt. Wenige Wochen später, bei der Greco-WM in Rom 1990, war ich dabei und bejubelte deutsche Medaillen, wie die von meinen heutigen Bundestrainerkollegen Maik Bullmann und Jannis Zamanduridis. 1991 gewann ich die Deutsche Meisterschaft und konnte danach in Stuttgart den Europameistertitel gewinnen. Die Sportler der früheren Nationalmannschaften hatten sich schnell angefreundet und wir waren jahrelang ein motiviertes und erfolgreiche Team - oder, wie Wolfgang Nitschke manchmal scherzhaft sagte, „Ein super Kollektiv“ (lacht).
Andre Backhaus: Ich bin damals nach Mömbris-Königshofen gegangen, wo ich fünf Jahre wohnte und kämpfte. Dann war ich drei Jahre in Schifferstadt und nun schon 12 Jahre in Markneukirchen. Klar es war sehr hart nach der Wende als 'Nummer 1 der ehemaligen DDR'. Plötzlich waren noch mehr Spitzenleute da, allen voran Alexander Leipold. Wir beide haben uns große Kämpfe geliefert. Zu DDR-Zeiten stand der Sport an oberster Stelle, damals trainierten wir unter professionellen Bedingungen. Nach der Wende mussten wir uns erst einmal einen Job suchen.

Es gibt noch viele Diskussionen, was hätte anders laufen können – bist du mit der Entwicklung der letzten 20 Jahre zufrieden?
Alexander Leipold: Meine Zeit als Nationalmannschaftsringer war einfach genial - hier bin ich glücklich, dass alles so gelaufen ist.
Andre Backhaus: Im Großen und Ganzen bin ich, mit dem wie es kam, zufrieden. Die Löhne könnten sich 20 Jahre nach der Wende doch so langsam mal angleichen, doch es ist im Osten seither schon sehr viel bewegt worden, Leipzig ist kaum wiederzuerkennen und schöne Straßen, ohne metertiefe Schlaglöcher haben wir inzwischen auch (lacht).

Bist du zufrieden, wie alles gekommen ist?
Alexander Leipold: Wer hier unzufrieden ist, der jammert auf hohem Niveau.
Andre Backhaus: Ja, ich bin zufrieden, nur ein Traum ging nicht in Erfüllung: eine Olympiateilnahme.

Würdest du heute etwas anders machen, wenn Du die Möglichkeit dazu hättest?
Alexander Leipold: Sicher sind mir viele Entscheidungen schwer gefallen und vielleicht in der späteren Betrachtung nicht immer richtig. Aber mit dem damaligen Wissensstand sind sie für mich heute dennoch nachvollziehbar.
Andre Backhaus: Ich wäre eher zur Bundeswehr gegangen um dort in der Sportfördergruppe unter günstigen leistungssportlichen Bedingungen weiter trainieren zu können. Das ich das nicht gemacht habe, hat mir einige Jahre meiner sportlichen Karriere gekostet.

Würdest du auch noch einmal Ringer werden?
Alexander Leipold: Ein klares Ja! In der Presse konnte ich schon lesen, dass ich ein "Vollblutringer" bin. Wenn es dort heißt, dass ich das Ringen liebe, dann stimmt das sicher. Die Zeiten als Teil der Nationalmannschaft und der Goldbacher Mannschaft sind für mich wunderschöne Erinnerungen. Und heute habe ich die Möglichkeit, mein Wissen und meine Erfahrungen als Trainer an junge Athleten weiterzugeben und freue mich über jeden Sieg meiner Jungs.
Andre Backhaus: Auf jeden Fall würde ich noch mal Ringer werden! Noch besser wäre es allerdings mit dem Verdienst eines Fußballers... (lacht).

Wenn du einen Wunsch frei hättest, was wäre das für einer?
Alexander Leipold: Das bleibt mein Geheimnis, sonst geht es ja nicht in Erfüllung.
Andre Backhaus: Ein eigenes Haus, in das ich nach meiner Heirat mit meiner Frau und unseren Kindern einziehen kann.

Das Gespräch führte Jörg Richter. Richter ist freier Journalist aus Leipzig und unterstützt mit seinen Berichten regelmäßig den Deutschen Ringerbund und die Grapplingsektion von GroundandPound.de.

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