Thai/Kickboxen

Zu Besuch in Mike's Gym

Ein gut gelaunter Mike Passenier empfängt uns in seinem Gym. (Foto: Mark Bergmann/Groundandpound.de)

Es regnet in Amsterdam. Die romantischen Grachten und das pulsierende Red Light-Viertel verlieren bei diesem Wetter deutlich an Attraktivität. Wer allerdings in die holländische Hauptstadt reist, um dem Gym von Mike Passenier einen Besuch abzustatten, für den spielt das Wetter keine Rolle.

Mitten in einem kleinen Gewerbegebiet befindet sich das weltberühmte Trainingscenter im Erdgeschoss eines modernen Baus aus Glas und Backsteinen. Hier trainieren die Top-Stars der Kickbox-Szene, Namen wie Badr Hari, Artur Kyshenko, Melvin Manhoef oder die derzeitige Nummer eins der Welt, Gökhan Saki, bereiten sich in diesen heiligen Hallen auf ihre Schlachten vor.

Durchschreitet man die von außen verspiegelte Glastür, befindet man sich direkt in familiärem Ambiente. Hinter der kleinen Theke steht ein gut gelaunter Mike Passenier, begrüßt uns herzlich und bittet zu Tisch. Eine ältere Dame – vermutlich Mikes Mutter – serviert uns einen Espresso und dem Hausherren zwei mit Käse gefüllte Toasts. Mike beginnt zu Essen und plaudert aus dem Nähkästchen.

Als wir Mike bei KSW 23 in Danzig das letzte Mal gesehen hatten, betreute er gerade Melvin Manhoef, der im Hauptkampf Mamed Khalidov unterlag. Im Groundandpound-TV-Interview nach dem Kampf deutete der an, mit dem Gedanken an Rücktritt zu spielen. Nun, wenige Wochen später, wiegelt seiner Trainer ab:

„Melvin wird weitermachen“, erklärt Passenier. „Im Herbst wird er wahrscheinlich an einem Mittelgewichtsturnier bei Legends MMA in Moskau teilnehmen.“

Während er das sagt, schaut er betrübt aus dem Fenster und hängt kurz seinen Gedanken nach. Manhoef hat mittlerweile ein eigenes Gym in Amsterdam, lässt sich nur noch selten bei seinem alten Coach blicken.

Plötzlich erhellt sich die Miene Passeniers, er blickt auf, hebt den Arm zum Gruß und ruft laut: „Arturo!“ Ein unscheinbarer Blondschopf im grauen Baumwolltrainingsanzug betritt gerade mit seiner Sporttasche das Studio. Der unscheinbare Blondschopf ist K-1-Max-Veteran Artur Kyschenko. Freundlich geht er durch die Runde, schüttelt ein paar Hände und wechselt mit seinem Coach ein paar Worte auf Holländisch. Wenige Minuten später sieht man „Arturo“ auf einem der vier Monitore über dem Merchandising-Regal den Sandsack malträtieren.

„Artur ist ein guter Junger“, sagt Passenier zufrieden und lehnt sich zurück. Der gemütliche Hüne hat so einige gute Jungs in seinem Stall. Wie er zu einem der erfolgreichsten Trainer im Kickbox-Geschäft geworden ist, wollen wir wissen. Und Passenier erzählt eine filmreife Anekdote:

„Ich war früher Türsteher in einer Spielothek“, beginnt er. „Und drei meiner neuen Kollegen waren holländische und europäische Amateurmeister im Kickboxen. Beim wöchentlichen Training stand ich allen dreien im Sparring gegenüber und habe alle drei K.o. geschlagen“, lacht Passenier. Wir staunen.

„Das war gar nicht so schwer, der erste hatte die Angewohnheit, vor dem Schlag immer die Fäuste zusammenzuklatschen. Sobald er das getan hat, bin ich ausgewichen und habe gekontert. Der zweite tänzelte immer herum, bevor er gekickt hat. Also machte ich einen Schritt zurück und feuerte eine Rechte ab. Der dritte hatte Polio (Poliomyelitis, d. Red.) und sein rechter Arm und sein rechtes Bein waren dünner als links. Also bin ich immer zur dünnen Seite gezirkelt und habe ihn umgehauen. Von da ab war ich deren Trainer.“

Eine unglaubliche Geschichte. Seitdem ist viel passiert, während er bis 2005 noch nebenbei als Barkeeper arbeitete, betreibt Passenier sein Gym mittlerweile in Vollzeit. Heute ist er der erfolgreichste Kickboxtrainer der Welt und lebt praktisch in seinem Gym: „Ich bin an sieben Tagen die Woche hier, von morgens um sieben bis Abends 23 Uhr.“ Kein Wunder, dass es im Empfangsbereich von Mike’s Gym anmutet, wie in einem Wohnzimmer.



Mike erhebt sich von seinem Stuhl und beginnt einen Rundgang durch sein Reich. Wir laufen vorbei an Fitnessgeräten, einer Mattenfläche, auf der Kinder trainieren, einem Konditionsbereich, in dem junge Kämpfer Treppenläufe absolvieren, und dem Box-Bereich, mit Sandsäcken und dem Ring.

In diesen Räumen werden Champions geboren. Seine besten Pferde sind momentan nicht im Haus. Badr Hari lässt es sich auf Ibiza gut gehen, Gökhan Saki befindet sich für ein Seminar in Abu Dhabi, inklusiver lukrativer, anschließender Privatstunden. Doch zu tun gibt es für Passenier immer genug.

Also trinken wir, zurück im „Wohnzimmer“, unseren zweiten Espresso aus, verabschieden uns herzlich und trollen uns zurück in den Regen. Von seinem Platz aus winkt der Star-Coach noch einmal freundlich: „See you soon guys!“

Bei der nächsten großen Veranstaltung auf jeden Fall, Mike.