Thai/Kickboxen

Senaid Salkicevic: „Man muss mich erst einmal schlagen“

Senaid Salkicevic - Kampfsportler durch und durch. (Foto: Senaid Salkicevic/www.arena-aburg.de)

Er ist Kampfsportler, wie ganz viele andere es in Deutschland sind und doch unterscheidet sich Senaid Salkicevic ganz gewaltig von allen anderen. Denn der 29-Jährige aus der Arena in Aschaffenburg hat ein Handicap. Seit nunmehr 21 Jahren fehlt ihm unterhalb des rechten Knies der Rest des Beins. Doch Aufgeben kam für Salkicevic absolut nicht in Frage. Dass er ein richtiger Kämpfer ist und dabei auch mehr leisten muss als andere Kampfsportler, demonstriert er immer wieder. Daher wünscht er sich auch keine Sonderbehandlung, sondern möchte vielmehr als ganz normaler Kampfsportler behandelt werden.

GNP1.de: Senaid, für alle, die dich nicht kennen, stell dich unseren Lesern zu Beginn des Interviews mal kurz vor und erzähl uns von deinem Weg zum Kampfsport.
Senaid Salkiecevic: Zuerst einmal möchte ich mich bei dir und GNP1.de bedanken, dass ihr euch die Zeit für mich nehmt. Mein Name ist Senaid Salkicevic, ich bin 29 Jahre alt und komme gebürtig aus Bosnien. Ich trainiere und kämpfe für die Arena Aschaffenburg, wohne aber in Darmstadt. Im Alter von 7 Jahren hat mich mein Vater zum Karate gebracht, leider wurde das Ganze schnell durch den Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien unterbrochen. Dann - mit 16 Jahren - lernte ich meinen damaligen Nachbarn Harun Özdemir kennen, der damals im MMA recht erfolgreich war. Natürlich schaute ich mit 16 zu ihm auf und wollte ihm nacheifern. Er nahm mich mit zum Training, doch ich stellte schnell fest, dass MMA nicht wirklich was für mich ist. Ich wechselte ins K1 und Boxen und war von Anfang an dafür Feuer und Flamme, und bin inzwischen 15 Jahre dabei.

Du bist ja nicht ein typischer Kampfsportler wie man ihn kennt, sondern du hast ein Handicap. Um was genau handelt es sich dabei?
Ich habe im Alter von 8 Jahren im Krieg mein rechtes Bein unterhalb des Knies verloren.

Auch wenn man womöglich nicht gerne darüber spricht, aber wie ist es überhaupt zu der Amputation gekommen?
Am 24. Mai 1994, es war eigentlich ein schöner sonniger Tag. Ich spielte mit meinem Vater vor unserem Haus, es gab seit Wochen keine Schusswechsel. Unerwartet schlugen drei Granaten direkt vor unserer Haustür ein. Mein Vater war auf der Stelle tot und ich hatte mehrere schwere Verletzungen. Mein rechter Fuß war dermaßen zerstört, sodass nur eine Amputation in Frage kam.

Was hat dir den Mut gegeben, trotzdem weiterzumachen und nicht die Flinte ins Korn zu werfen?
Ich bin von Natur aus ein Kämpfer. Natürlich war es auch die Wut auf die ganze Situation und für mich persönlich war ich es auch meinem Vater schuldig, mein Leben fortzusetzen.

Achilleas Chalkidis & Senaid Salkicevic. (Foto: Senaid Salkicevic/arena-aburg.de)
Achilleas Chalkidis & Senaid Salkicevic. (Foto: Senaid Salkicevic/arena-aburg.de)

Warum ist es dir so wichtig, als ganz normaler Mensch & Sportler behandelt zu werden?
Ich arbeite täglich 9 Stunden, um den Lebensunterhalt für mich und meine Familie zu verdienen. Ich unterscheide mich im normalen Leben nicht von anderen. Jeder der mich kennt, der weiß, wie hart und wie viel ich trainiere. Ich empfinde es unfair mir gegenüber, wenn ich nicht wie ein normaler Sportler behandelt werden sollte. Ich leiste mehr als mancher, der ohne Handicap in den Ring steigt.

Was macht es in deinen Augen so schwierig, dass man überhaupt Kämpfe für dich organisieren kann?
Ich denke, viele Kämpfer sind im Zwiespalt. Würden sie gegen mich gewinnen, bekämen sie weniger Anerkennung und bei einer Niederlage würden sie sich blamieren. Aber ich sage nur eins dazu. Man muss mich erst einmal schlagen und viele wissen, wie schnell ich mich bewege.

Am 20. Juni wirst du bei It's Fight Time in Klein-Ostheim in den Ring steigen. Wie laufen die Vorbereitungen?
Ganz gut. Ich trainiere täglich mit meinem Trainer Dino Zmikic, der sich immer etwas neues für mich einfallen lässt. Viel Sparring mit Achilleas Chalkidis, Dirk Müller und dem ganzen Team.

Dein Gegner wird Massimo de Lorenzo sein. Was weißt du über ihn und wie schätzt du ihn ein?
Ich denke, Massimo de Lorenzo ist ein starker Gegner, der mir einiges abverlangen wird. Ich bin ihm dankbar, dass er den Kampf angenommen hat und ich freue mich schon darauf.

Kann man dein Training mit dem eines „normalen“ Sportlers vergleichen, oder gibt es hier grundlegende Unterschiede?
Es gibt keine Unterschiede. Ich trainiere wie jeder andere. Ob es die morgendliche Laufeinheit ist, oder das abendliche Pratzen-Training, alles läuft ganz normal.

Senaid Salkicevic teilt kräftig aus. (Foto: Senaid Salkicevic/arena-aburg.de)
Senaid Salkicevic teilt kräftig aus. (Foto: Senaid Salkicevic/arena-aburg.de)

Auf welchen Kampf wirst du dich einstellen müssen?
Ich weiß nicht, ich mache ungern Pläne. Meine Lebenserfahrung hat mich dies gelehrt. Ich hoffe es wird für die Zuschauer ein spannender Kampf.

Einmal war von einem Kampf nach K-1-Regel und dann wieder vom klassischen Boxen die Rede. Was wird es denn nun sein?
Es wird ein klassischer Box-Kampf werden. Ich habe einige K-1-Kämpfe nun bestritten. Viele haben mir nahegelegt, mal einen Box-Kampf zu machen, da es nahe liegend ist, da Boxen meine Stärke ist.

Machen wir es kurz: Senaid Salkicevic wird bei It's Fight Time den Ring als Sieger verlassen, weil …?
…..weil ich bereits mein ganzes Leben lang kämpfe, ob im Ring oder Außerhalb.

Sportartikelhersteller Nike hat dich als ersten Behindertensportler mit einem Sponsoring-Paket ausgestattet. Wie kam es überhaupt dazu?
Das Ganze habe ich meinem Orthopädie-Techniker Martin Brehm und dem Sanitätshaus Klein in Dieburg, die ebenso meine Sponsoren sind, zu verdanken. Sie stellten den Kontakt her. Das Sanitätshaus Klein betreut mich schon seit 21 Jahren. Ich bin wirklich sehr dankbar über diese tolle Betreuung.

Siehst du dich auch in einer Art Vorbildfunktion? Sprich, den anderen Sportlern mit Handicap zu zeigen, dass es geht, wenn man nur will?
Ja natürlich. Wie viele Menschen da draußen haben ein Handicap und trauen sich selbst nichts zu. Man darf sich selbst nie aufgeben, aber mir ist auch wichtig, dass normale Menschen sehen, dass man im Leben immer für seine Ziele kämpfen muss. Mut wird immer belohnt.

Welche drei Menschen haben dich in deiner Laufbahn am meisten geprägt und weshalb?
Es gibt viele Menschen, die mir im Leben viel gegeben haben. Es wäre nicht fair, dies auf drei Personen zu beschränken.

Nieky Holzken & Senaid Salkicevic beim Seminar. (Foto: Senaid Salkicevic/arena-aburg.de)
Nieky Holzken & Senaid Salkicevic beim Seminar. (Foto: Senaid Salkicevic/arena-aburg.de)

Wenn wir mal in die berühmte Kristallkugel schauen, welche Ziele verfolgst du mittel- bzw. langfristig?
Als erstes konzentriere ich mich auf meinen Kampf am 20. Juni 2015. Danach steht bereits für September ein K-1-Kampf in Darmstadt an. In meiner neuen Aufgabe als Trainer in der Arena Aschaffenburg fühle ich mich sehr wohl. Ich habe einige starke Jungs, mein Fokus wird langfristig darauf liegen, einige von ihnen nach vorne zu bringen. Das ist die Zukunft.

Zum Abschluss hast du natürlich die Möglichkeit, noch ein paar Worte an die Leser und deine Fans zu richten.
Ich möchte mich speziell bei Achilleas Chalkidis und Franco De Leonardis bedanken, die nie an mir gezweifelt haben und immer 100 Prozent hinter mir stehen, sowie bei dem It's Fight Time Team um Muhammed Gür und Dimi Kassapidis. Natürlich danke ich auch allen da draußen, die mich unterstützen und hinter mir stehen. Ich hoffe, ich kann einige von euch motivieren, an euch zu glauben und niemals aufzugeben.