Thai/Kickboxen

Detlef Türnau: „Man sollte auch mal über den Tellerrand blicken“

Still und klammheimlich, so dass es wohl nur die wenigsten mitbekommen haben, feierte der MTBD (Muay Thai Bund Deuschland) 2014 sein 30-jähriges Bestehen. Eine Zahl, die ein Novum darstellt, den bisher hat es in Deutschland mit Ausnahme der WAKO keinen anderen Verband gegeben, der schon so lange existiert. Gerade im Bereich des traditionellen Muay Thai kam in den Folgejahren niemand auch nur annähernd heran. Grund genug, sich mit dem Präsidenten Detlef Türnau einmal ausführlich zu unterhalten.

Groundandpound.de: Detlef, die erste Saison der European Muaythai League (EML) ist mittlerweile Geschichte. Wie fällt dein Fazit aus?
Detlef Türnau: Nach vielen schlaflosen Nächten, endlosen Gesprächen im In – und Ausland und knüppelharten Verhandlungen sehr positiv. Mit der EML haben wir international auch Akzente setzen können, welche wir noch weiter ausbauen werden.

Wie wichtig war es, dass nach jahrelanger Diskussion die EML endlich gestartet werden konnte?
Sehr wichtig für Europa. Wenn man einmal sieht, wie weit die asiatischen Muaythai Länder der I.F.M.A. und des W.M.C. sind, kann man davor wirklich nur den Hut ziehen. Fast alle asiatischen I.F.M.A. und W.M.C. Länder arbeiten mit Fernsehsendern, haben keine Probleme, Sponsoren zu finden und können Veranstaltungen auf die Beine stellen, von welchen wir hier nur träumen. Das liegt aber auch zum Teil daran, dass die Königlich Thailändischen Botschaften außerhalb Thailands I.F.M.A. und W.M.C. unterstützen und dass diese Länder bessere Strukturen im Muay Thai aufweisen, als es bei uns der Fall ist. Dort gibt es nicht diese inflationäre Vielfalt von sogenannten Muay-Thai- oder Thaibox-Verbänden. Nicht nur für Deutschland, sondern auch für Europa, war es ein gewagter Schritt, die EML ins Leben zu rufen. Nicht nur aus finanzieller Sicht, sondern auch vom Arbeitsaufkommen, welches bewältigt werden musste, um solch ein Projekt auf die Beine zu stellen.

Detlef Türnau - auch als Trainer aktiv. (Foto: Detlef Türnau/mtbd.de)Detlef Türnau - auch als Trainer aktiv. (Foto: Detlef Türnau/mtbd.de)

Was verlief in deinen Augen positiv und wo sagst du selbstkritisch, ist noch Verbesserungspotential vorhanden?
Versuch Du mal, acht europäische Länder unter einen Hut zu bekommen. Ständige Reisen ins Ausland, Verhandlungen mit den Promotern, aber auch Gespräche mit den Sports Authorities in den einzelnen Ländern, sollen ein Garant für die E.M.L. werden. Gerade mit der Türkei hatten wir da unsere Probleme. Die Türken können tolle Veranstaltungen auf die Beine stellen und werden dabei auch vom Staat unterstützt. Doch wenn dann irgendein wichtiger Beamter beschließt, die Veranstaltung zwei oder dreimal zu verschieben, kommst Du mit Deiner Terminplanung in arge Schwierigkeiten. Geplant war eigentlich, dass zum Ende der 1. EML-Saison die Sieger in Phnom Penh gegen die Asiaten antreten. Auch in Asien haben die klare Terminplanungen in Bezug auf das Fernsehen, was die Verschiebung von Terminen in Europa natürlich zu einem Problem macht. Wir mussten dann dieses Aufeinandertreffen vorziehen und konnten nicht die Sieger der EML schicken. Harnafi und Sakotic hatten wirklich alles gegeben, aber ihre Kämpfe verloren. Hier müssen künftig auch klare Absprachen mit den zuständigen Sport Authorities in den einzelnen Ländern getroffen werden, was aber schon im Gange ist.

Heiko Reinhardt (bekam vom Arbeitgeber nicht frei) und Sebastian Harms-Mendez (kämpfte auf einer nicht genehmigten Veranstaltung) konnten leider nicht beim Europa-Finale in Istanbul antreten. Wie ärgerlich war die Situation?
War wirklich schade, dass Heiko nicht mit zum Europa Finale der EML nach Istanbul reisen konnte. Er hatte tatsächlich seinen gesamten Urlaub schon verbraten, da er ja auch im Nationalteam des MTBDs an den internationalen Meisterschaften teilgenommen hatte. Mensch, was war das für eine Schlacht, welche er sich in Recklinghausen mit Daniel Köhler und auch im EML-Finale in Bottrop geliefert hatte. Solche Topkämpfer brauchen wir in der EML. Bei Sebastian Harms-Mendez war das schon anders gelagert. Die EML läuft unter der Schirmherrschaft des World Muaythai Council`s  - W.M.C., was den Vorteil hat, dass Topkämpfer der EML auch in andere Muaythai Serien und Veranstaltungen des W.M.C. kommen können. Sebastian hatte zwischendurch an einer verbandsoffenen "Thaibox"-Veranstaltung teilgenommen und sich dadurch selbst ins Aus geschossen. Wir versuchen mit der EML auch die Türen zur Vermarktung der Sportler zu öffnen, damit diese später auch etwas davon haben. Hier gibt es klare Strukturen und Absprachen und man verlangt Loyalität von den EML-Teilnehmern, da wir hierfür auch eine Menge Geld investiert haben.

Klein fing die Geschichte des MTBD an. (Foto: Detlef Türnau/mtbd.de)
Klein fing die Geschichte des MTBD an. (Foto: Detlef Türnau/mtbd.de)

Wichtig ist ja, dass ein Anfang gemacht wurde. Die Frage ist, wird es auch 2015 eine EML-Serie geben?
Ja, die EML geht in diesem Jahr in die 2. Saison. Derzeit verhandeln wir noch mit Promotern in Deutschland über die Austragungsorte der Qualifikationen und des Finales. Wir wollen es in jeder neuen Saison besser machen und möchten die Fehler ausgrenzen, welche wir in der 1. Saison gemacht hatten. Aber nicht nur national, sondern auch international wird es weitergehen. Ich komme gerade aus Indien und Thailand zurück, wo ich Gespräche über die Gründung der Asian Muaythai League – A.M.L. – geführt habe. Das W.M.C. unterstützt uns total in diesem Vorhaben und in Planung ist, dass die Sieger des europäischen E.M.L.-Finales der 2. Saison auf die Sieger der A.M.L. treffen sollen.

Kannst du uns vielleicht schon konkret sagen welche Termine festgelegt sind und ob man dabei nach dem gleichen Modus wie im vergangenen Jahr verfahren wird?
Wenn alle Termine, national, wie auch international, stehen, geben wir das bekannt.

Eigentlich hätte ich das Interview ja mit "Herzlichen Glückwunsch" und zwar zu 30 Jahre MTBD beginnen müssen. Eine äußerst stolze Zahl, oder?
Ehrlich, bei dem Gegenwind, welchen wir in den Anfangsjahren bekamen, hatte ich selbst nicht daran geglaubt, dass der M.T.B.D. auch nur 10 Jahre übersteht. Aber das muss wohl jede neue Vollkontakt-Kampfsportart durchmachen und ich kann mich wirklich darüber freuen, wenn immer neue Entwicklungen oder Kampfsportarten den Kampfsportmarkt bereichern, sofern sie gute Strukturen aufweisen und seriöse Sportler diese neuen Verbände leiten. Was hatte man uns nicht alles in den Anfangsjahren vorgeworfen. Brutal, Kämpfe ohne Regeln, können die überhaupt lesen und schreiben? Ich denke, die meisten dieser Vorwürfe sind vom Konkurrenzgedanken bereits etablierter Kampfsportfunktionäre getragen. Der Sport entwickelt sich ständig weiter. Was ist falsch daran, auch mal über den Tellerrand zu blicken und auch Anderen eine Chance zu geben.

Say no to Drugs - eine wichtige Kampagne. (Foto: Detlef Türnau/mtbd.de)Say no to Drugs - eine wichtige Kampagne. (Foto: Detlef Türnau/mtbd.de)

Was waren in deinen Augen die hauptsächlichen Gründe dafür, dass der MTBD auf so eine lange und erfolgreiche Zeit zurückblicken kann?
Harte Arbeit, viel Aufklärung und Eigeninitiative, die Wahl des richtigen Europa (E.M.F.) - und Weltverbandes (IFMA/WMC) und ein Team von Mitarbeitern, bei welchen nicht der Kommerz im Vordergrund stand, sondern das Ziel, den Sport (Muaythai) zu fördern, um irgendwann die Anerkennung durch die Landessportbünde, den DOSB und das I.O.C. zu erreichen. Ich kann froh sein, dass Leute wie Rene Müller, Jürgen Lebbing, Youssef Yaqoub oder Jens Wilke mir viele Jahre loyal zur Seite standen. Oder die jetzigen Muaythai Landespräsidenten Roland Steinle, Michael Damboer und Alex Dibaba, die wirklich gute Arbeit in ihren Landesverbänden leisten und Muaythai vorwärts bringen.

Gab es da in den letzten Jahren einen Moment, der für dich eine besondere Bedeutung hat?
Mit Sicherheit die Anerkennung der I.F.M.A. durch SportAccord, Tafisa, WADA und die IWGA (Worldgames). IFMA Muaythai wird 2017 erstmals an den World Games teilnehmen und der MTBD wird mit einem Nationalteam dabei sein. Aber  auf jeden Fall auch die Schirmherrschaft des thailändischen Königs über das World Muaythai Council`s im vergangenen Jahr, was die höchste Auszeichnung für einen Sport in Thailand bedeutet. Das war für uns sehr wichtig, da andere „Thaibox Verbände“, die kaum einen Bezug zum Muaythai in Thailand haben, in der Bedeutungslosigkeit verschwinden werden.

Was waren dabei die sogenannten „Funny Moments“, an die man sich gerne zurück erinnert?
Oh, da gibt es viele. Frag mal im Sauerland nach, wie ein Gym zu dem Namen Catoey Gym kam. Die hatten echt geglaubt, Catoey heißt "harter Kämpfer". Als die erstmals ihre Kampfpässe bei der Jury vorlegten, lag die gesamte Jury flach und hielt sich den Bauch vor Lachen. Irgendein Idiot hatte denen diesen Namen vorgeschlagen. Oder gerade erst passiert – Auf dem offiziellen Muaythai Day im Februar in Bangkok läuft ein ehemaliger WMF Repräsentant und Chef der Kru Muaythai Association im Großmeisterkostüm auf. Jetzt muss man verstehen, dass an diesem Tag alle Ministerien Thailands zusammenarbeiten, die Muaythai und Muay Boran Großmeister namentlich aufrufen werden und diese müssen dann auf dem Podium Platz nehmen. Nur der ehemalige WMF Repräsentant und Kru Muaythai Association Chef wurde nicht aufs Podium gebeten, weil niemand seine Khangraduierungen und Trainerlizenzen anerkannte. Der tat mir schon fast leid. Eine klare Absage an Privatorganisationen, denen jegliche Anerkennung im Muaythai in Thailand und weltweit fehlt.

Detlef Türnau ist auch in Indien unterwegs. (Foto: Detlef Türnau/mtbd.de)
Detlef Türnau ist auch in Indien unterwegs. (Foto: Detlef Türnau/mtbd.de)

Wo und wie siehst du den MTBD in den nächsten Jahren aufgestellt?
Wir haben noch sehr viel Arbeit vor uns. Ich bin ständig in sämtlichen Bundesländern unterwegs, um den Muaythai Landesverbänden bei der Neustrukturierung zu helfen. Unser Ziel ist die Aufnahme in die Landessportbünde, damit Muaythai endlich die Anerkennung erhält und Talente auch finanziell unterstützt werden können. Viele Randgruppen und sogenannte „Thaibox Verbände“ verstehen einfach noch nicht, welche Kriterien dazu erfüllt werden müssen. Erst kürzlich wurde mit gesagt, beim MTBD gibt es zu viele Vorschriften, an welche man sich halten muss. Das ist richtig, denn wir wollen Muaythai von einer Randsportart zu einer anerkannten Sportart in Deutschland machen. Dazu müssen wir uns klar an Vorschriften der Landessportbünde, des DOSB und des Muaythai Weltverbandes halten. Oder glaubst Du, dass Sportarten wie Ringen, Judo oder Boxen ohne die Einhaltung gewisser Regeln vom I.O.C. jemals anerkannt worden wären.

Ein Thema was nicht neu ist, aber doch immer wieder heiß diskutiert – Muay Thai und olympisch. Wie siehst du derzeit die Chancen bzw. wie ist der aktuelle Stand?
Es gibt immer noch Personen, welche aus Eigeninteresse handeln, die uns den Erfolg wegreden möchten. Egal auf welche Website Du gehst, sei es Tafisa, WADA, SportAccord oder IWGA, Du findest immer nur den Namen IFMA. Wenn Du dich mit der olympischen Bewegung befasst, weißt Du selbst, was das bedeutet. Wir sind stolz darauf, was wir bisher hinsichtlich unserer Anti-Doping Projekte für Jugendliche, unser Muaythai against drugs Sozialprojekt, der Zusammenarbeit unserer IFMA Frauen mit UNITE, dem Ausbildungsprogramm für Sportler und Trainer und anderer Sozialprojekte, für welche wir den Spirit of Sport Award vom SportAccord erhielten. erreicht hatten. Wir sind jetzt im Prozess der Anerkennung durch das I.O.C. und hoffen, dass dies bald geschehen wird.

Wie zu hören war, wurde der 6. Februar als ein neuer Tag für das Muay Thai durch das Königshaus in Thailand ausgerufen. Was genau hat es damit auf sich?
Muaythai ist wahrscheinlich der einzige Sport, welche mit einem offiziellen Feiertag geehrt wird. Der 6. Februar ist der Tag des Tigerkönigs Phrachao Sanpetch XII und wird jedes Jahr von der thailändischen Regierung, dem WMC und unseren 130 Mitgliedsländern gefeiert. Zu diesen Festlichkeiten werden in Thailand aber nur die wirklich anerkannten Größen des Muaythai eingeladen. Ich war schon mehrfach dort und muss sagen, dass es beeindruckend ist, was dort zu sehen ist.

Auch als Referendar ein gefragter Mann. (Foto: Detlef Türnau/mtbd.de)
Auch als Referendar ein gefragter Mann. (Foto: Detlef Türnau/mtbd.de)

Den Kings Birthday Cup gibt es ja leider nicht mehr, oder es war davon nichts mehr zu hören. Schade oder vielleicht auch die Chance auf etwas ganz neues?
Der Kings Cup findet nach wie vor am 5. Dezember statt, jetzt aber unter der direkten Schirmherrschaft des thailändischen Königs und das WMC ist federführend bei der Organisation. Wir werden unser Bestes geben, damit vielleicht einer der E.M.L. Champions aus Deutschland beim nächsten Kings Cup dabei ist.

Wenn wir schon in Thailand sind und auch über Olympia reden, ist uns eine nicht gerade erfreuliche Sache zu Ohren gekommen. Dabei soll es sich um das unerlaubte verwenden das olympischen Logos handeln. Kennst du den genauen Sachverhalt?
Thailand ist das Mutterland des Muaythai und langsam zeichnen sich auch klare Strukturen in Thailand selbst ab. Alle staatlichen Stellen, welche irgendetwas mit Sport zu tun haben, unterstützen seit der Antragstellung der IFMA, durch das I.O.C. anerkannt zu werden, die IFMA. In Thailand gibt es nur einen nationalen Verband, die Muaythai Association of Thailand, deren Vorsitzender auch unser Weltpräsident, Dr. Sakchye Tapuswan ist. Nur die Muaythai Association of Thailand erhielt die Anerkennung durch das Nationale Olympische Komitee Thailands und die asiatischen IFMA Länder wurden ebenfalls schon vom Olympic Comittee of Asia anerkannt. Was da einem Verband, welcher das gleiche Kürzel wie eine Firma trägt, welche Kaffeemaschinen und Kochtöpfe herstellt, mit der illegalen Nutzung des olympischen Logos eingefallen ist, um eine Pseudo-Amateur Muaythai Weltmeisterschaft im neuen Lumpini Stadion auszutragen, entzieht sich meiner Kenntnis. Das hat natürlich in Thailand selbst und beim Olympischen Komitee für einen Riesenskandal gesorgt. Dir liegen ja auch schon die offiziellen Schreiben des Nationalen Olympischen Komitees Thailands vor, in welchen dieser Vereinigung ohne jegliche Anerkennung, die Nutzung des olympischen Logos untersagt wurde. Ich denke mal, mit solch einem unseriösen Vorgehen hat sich der Kochtopfverband ein Eigentor geschossen. Die haben sich bis auf die Knochen blamiert und niemand nimmt die mehr ernst. Lass die doch einfach eine Pro-Am oder Profi Meisterschaft ausrichten und gut ist es.

Wie bewertest du generell die aktuelle Situation des Muay Thai in Thailand?
Wie gerade schon erwähnt, im Muaythai richtet man sich in Thailand nach den Richtlinien des I.O.C. aus und alle ziehen an einem Strick. Da hilft es auch nicht, wenn der jetzige WMF Chef sich darüber beschwert, dass alle staatlichen Stellen nur noch die IFMA unterstützen. Was kann daran falsch sein? Und mit der Schirmherrschaft des thailändischen Königs über das World Muaythai Council sind alle Weichen gestellt, damit Muaythai international auch an Wert und Ansehen gewinnt. Diesem Beispiel sollten wir auch in Deutschland folgen. Mir ist es egal, wer mit wem früher Probleme hatte. Man kann sich an einen Tisch setzen und über alles reden. Nur zusammen können wir in Deutschland Probleme lösen und etwas für die Anerkennung unseres Sports tun. Unseren Sportlern tun wir damit mit Sicherheit einen Gefallen.