Thai/Kickboxen

Der dritte Mann - Teil 4

Im vorletzten Teil unserer Interview-Serie "Der dritte Mann" haben wir uns mit MTBD-Referee Jürgen Lebbing getroffen und der Fachmann für Muaythai hat einiges zu berichten. Doch lest selbst.

GroundandPound: Warum sehen die Zuschauer in der Person des Referees oftmals den Buhmann ?

Jürgen Lebbing: Es liegt ja auf der Hand, dass die Zuschauer oft in 2 Lager aufgeteilt sind und somit „ihren“ Kämpfer siegen sehen wollen. Wenn man dann eine unpopuläre Entscheidung trifft, kommt es schon mal vor, dass man kurzfristig der Buhmann ist.

GnP: Was zeichnet einen guten Ringrichter eurer Meinung nach aus ?

JL: Ein guter Ringrichter hat vor allen Dingen fair zu bewerten und hat als oberstes Gebot die Gesundheit der Kämpfer im Blick. Des weiteren ist NICHT der Kampfrichter der Hauptakteur, sondern die Kämpfer. Der Kampfrichter hat quasi unsichtbar zu sein, muss aber in den entscheidenden Momenten zur Stelle sein und wenn es nötig ist, eingreifen.

GnP: Es gab in der Vergangenheit auch schon Momente, wo sich ein Kämpfer schwerer verletzt hatte, als  es hätte sein müssen, wenn der Ringrichter besser reagiert hätte. Wäre es daher nicht mehr als richtig, wenn der Ringrichter dafür auch haftbar gemacht werden könnte ?

JL: Nach meinem subjektiven Verständnis ist der Kampfrichter der Verantwortliche im Ring und für die Gesundheit der Kämpfer verantwortlich. Sicherlich ist die Haftungsfrage gesetzlich anders geregelt, aber wir haben die Pflicht, den Kämpfer vor schweren körperlichen Schäden zu schützen.

GnP: Es wäre sehr töricht zu glauben, dass ihr den Job allein wegen des Geldes macht. Was ist für euch dennoch der Reiz, die ganzen Strapazen auf sich zu nehmen und über das Jahr gesehen, tausende von Kilometern durch Deutschland zu fahren ?

JL: Da hast du Recht, die Gage, wenn man sie denn überhaupt so nennen darf, ist sicherlich nicht der Grund. Bei mir war es einfach so, dass ich, nachdem ich aus beruflichen Gründen nicht mehr kämpfen konnte, weiterhin dem tollen Sport verbunden bleiben wollte. Was also liegt da näher, als immer noch im Ring zu stehen, und einfach nur die Seiten zu wechseln ?. Egal ob als Kämpfer oder als Ringrichter- es ist purer Idealismus, was uns antreibt!

GnP: Wenn man euch mit den Ringrichtern im Boxen vergleicht, ist eure Bezahlung überhaupt noch gerechtfertigt ?

JL: Ich kenne die Gagen im Boxen nicht so explizit, glaube aber kaum, dass dort jemand für 25 € Gage (Nachwuchsveranstaltung) einen ganzen Tag unterwegs ist.

GnP: Bleiben wir mal noch kurz beim Boxen. Dort dauert es teilweise recht lange, bis ein Boxer für verbotene Aktionen entsprechend verwarnt wird. Sind daher die Ringrichter im Thai- und Kickboxen die besseren Referees?

JL: Ich glaube, dass es im Boxen, wie auch im Thai/Kickboxen gute und weniger gute Referees gibt, von daher ist es schwer zu entscheiden. Wenn man sich allerdings eingie Leistungen der Kampfrichter vom Boxen im Fernsehen anguckt, wundert man sich schon, warum die Ringrichter einen Welttitelkampf richten. Allerdings geht es dort auch tlw. um enorm hohe Summen und manche Entscheidungen im Boxen sind, sagen wir mal, fragwürdig.

GnP: In anderen Sportarten wie z.B. dem Fußball gibt es eine Altersbeschränkung für Referees. Wäre das auch im Kick- und Thaiboxen sinnvoll ?

JL: In unserem Verband gibt es zwar keine Altersbeschränkung, aber wir achten schon darauf, dass unsere Kampfrichter schnell genug reagieren, denn es geht schließlich um die Gesundheit der Kämpfer. Ist dieses nicht mehr der Fall, ist es für den jeweiligen Kampfrichter nicht weiter schlimm, denn er wird dann nur noch als Punktrichter eingesetzt. Des weiteren haben wir nach jeder Veranstaltung eine kurze Besprechung, um die Leistungen eines jeden Kampf und Punktrichters kritisch zu hinterfragen. Hier unterhält man sich über alles, was einem aufgefallen ist. Diese Gespräche sind sehr konstruktiv und bringen uns weiter nach vorn.

GnP: Verschiedene Verbände bedeuten meist auch andere Regeln. Wäre es nicht besser, auch für den Zuschauer, wenn es ein einheitliches Regelwerk geben würde ?

JL: Da gebe ich dir Recht, aber bedauerlicherweise wird dieses wohl nie zu Stande kommen. Im Muay Thai kämpfen wir halt nach Originalregeln, was in anderen Verbänden anders gehandhabt wird. Beim K-1 ist es ähnlich. Im Muay Thai glaube ich, wird es nie zu einem einheitlichen Regelwerk kommen. Im K-1 sind wir schon alle nahe beianander. Hinzu kommt natürlich auch, dass einige Kampfrichter die Regeln anders auslegen, wie man das beim Regelwerk des K-1 beobachten kann. Hier sollte tlw. etwas mehr auf die Ausbildung der Kampfrichter wert gelegt werden.
Schluss mit lustig. MTBD-Referee Jürgen Lebbing in Action.
GnP: Als Referees habt ihr mit Sicherheit einiges erlebt. Welche Ereignisse oder Momente sind euch dabei in positiver und welche in weniger guter Erinnerung geblieben ?

JL: Positive Ereignisse? Mhm, da gibt es viele… aber es ist schon ein gutes Gefühl, wenn ein Andre Maanart  die Kampfrichterarbeit, welche man auf einer Gala, wo seine Kämpfer gekämpft haben, als sehr professionell lobt, oder mit einem Artem Levin, Kyshenko, Kulebin, Sakalauskas, Cosmo Alexander, Madsua, im Ring zu stehen ist schon was besonders. Die WM in Thailand ist auch ein besonderes Highlight… 900 Kämpfer aus über 80 Ländern treten jedes Jahr auf der IFMA WM an und es ist schon toll, wenn man als Kampfrichter sein Land vertreten darf und Teil der WM ist.
Negative Ereignisse? Da gibt es zum Glück nicht so viele, aber es gab mal einen Kampf, wo ich Kampfrichter war, und ein Kämpfer einen Tritt zum Kopf bekam und aufgrund dessen spinale Lähmungserscheinungen hatte. Ich habe zwar richtig reagiert, aber das macht einen schon betroffen.

GnP: Welche 3 Personen haben euch in eurer bisherigen Laufbahn am meisten geprägt ?

JL: Zum einen natürlich Detlef Türnau, der mich am Anfang gefördert hat und dem ich sehr viel zu verdanken habe. Zum anderen mein ehemaliger Trainingskollege und mittlerweile guter Freund Rene Müller, mit dem ich oft kontrovers über den Kampfsport diskutiere.
Zu guter Letzt habe ich allen anderen Kampfrichter zu danken, mit welchen ich nach jeder Gala die Fehler analysiere, um uns weiterhin zu verbessern.

GnP: Gibt es eigentlich auch einen Traum-Kampf den ihr gerne mal leiten würdet ?

JL: Sicherlich gibt es Kämpfer, die einen reizen.. aber einen definitiven Traumkampf gibt es eigentlich nicht. Jedes mal, wenn ich im Ring stehe ist es so, das ich besonders aufmerksam sein muss. Egal ob Anfänger oder Profi, jeder hat unsere volle Aufmerksamkeit verdient.

GnP: Ihr habt zum Abschluss noch die Möglichkeit ein paar Worte in eurer Funktion als Ringrichter an unsere Leser zu richten.

JL: Ich möchte mich bei all denen bedanken, welche die Ringrichter in ihrer Arbeit unterstützen und möchte all die jenigen, welche immer Kritik an die Kampfrichter üben, gerne mal zu einem Kampfrichterseminar einladen, damit man mal sieht, wie schwer die Arbeit im Ring ist!