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„Wir haben nur versucht, in diesem Dreckloch zu überleben“

Heute einer der gefährlichsten Kämpfer der Welt: Mark Hunt (Foto: Zuffa LLC).

Den Geruch von Desinfektionsmitteln kann Mark Hunt bis zum heutigen Tag nicht ausstehen. Lange, bevor er seine Gegner auf der ganzen Welt als 120-Kilo-Kampfmaschine in Angst und Schrecken versetzte, versteckte sich der kleine Mark unter der Bettdecke, als er seinen Vater im Zimmer seiner Schwester verschwinden sah. Jeden Abend ging das so, jeden Abend vergewaltigte Hunt Senior seine Tochter Victoria und versuchte anschließend, die Spuren des Terrors mit Chemie zu beseitigen.

Heute ist Mark Hunt einer der gefährlichsten Kämpfer der UFC – als „Super Samoan“ lebt das Schwergewicht aus Neuseeland den Traum tausender Heranwachsender in seiner Heimat und weit darüber hinaus. Seine eigene Kindheit allerdings glich eher einem Albtraum, wie Hunt in einem Interview mit dem australischen Journalisten Stephen Lacey anlässlich seiner neu erschienenen Autobiographie (Bei Amazon als E-Book erhältlich) preisgab.

Die Wurzel allen Übels war sein Vater. Der 2005 an Krebs verstorbene alte Herr war zeitlebens cholerisch, gewalttätig und machthaberisch – ein Terror für seine Familie, die jederzeit die Ausmaße seiner eigenen Probleme zu spüren bekam: Mark, seine Brüder John und Steve und vor allem seine Schwester Victoria. Die Vergewaltigungen musste sie zum ersten Mal als Sechsjährige und zum letzten Mal mit Achtzehn über sich ergehen lassen. Wenn sie jemals jemandem davon erzählte, drohte der Vater ihr, würde er sie umbringen. Ihr Bruder Mark dagegen konnte zumindest einen einzigen positiven Aspekt aus seinem Martyrium mitnehmen.

„Ein Teil meiner Begabung als Kämpfer ist es, als menschlicher Boxsack herhalten zu können“, sagt Hunt heute. „Ich fühle keinen Schmerz, so wie die meisten anderen Menschen es tun.“ Diese Immunität ist ein Resultat der ständigen Prügelattacken seines Vaters, die Hunt die Angst vor Schlägen mit der Zeit genommen haben. „Einmal hat er mich mit den Händen über dem Kopf in der Garage gefesselt und mich mit einem verdammten Besenstiel geschlagen.“ Hunt konnte sich befreien und lief weg, weit kam er jedoch nicht. „Meine Brüder haben mich eingeholt. Sie meinten ‚geh verdammt nochmal zurück oder wir werden alle dafür büßen.‘“

Ein andermal schlug sein Vater so lange mit einem Ast auf ihn ein, bis sich die Haut von seinem Rücken abschälte. „Wir haben alle nur versucht, in diesem Dreckloch irgendwie zu überleben“, sagt Hunt.
Weil er sich „auf der Straße sicherer als Zuhause“ fühlte, ließ Hunt seine Wut bald dort aus. Autodiebstähle, kleinere Überfälle, Diebstähle und Schlägereien waren die Folge, die ihn gleich zwei Mal ins Gefängnis brachten. „Ich war ein Kleinkrimineller; ich habe viele, viele falsche Dinge getan, das gebe ich zu“, so Hunt. „Wenn ich jeder Person (, der ich geschadet habe) sagen könnte, dass es mir leidtut – natürlich würde ich das tun.“

Eine gute Seite allerdings hatten zumindest die Schlägereien – bei einer Keilerei, während der Hunt vor einem Nachtclub drei Männer ausknockte, wurde er von Sam Marsters beobachtet, einem lokalen Kampfsportler. Marsters zog Hunt von seinen ausgeknockten Opfern weg und bot ihm an, einen Kickboxkampf zu bestreiten. Eine Woche später gewann er im Ring ein Sixpack Bier.
 
Der Kampfsport war Hunts Rettungsanker – Fans braucht man kaum erzählen, welche Höhen der „Super Samoan“ später im Ring und im Käfig erreichen sollte. Als vor Jahren jedoch die ersten Gehaltsschecks eintrafen, wusste Hunt nicht so recht damit umzugehen – lange Jahre, so seine jetzige Ehefrau Julie, wusste Hunt nicht, wie man lebt, sondern nur, wie man überlebt.

Exzessives Rauchen und Trinken sowie unzählige mit Glück- und Videospielen verbrachte Stunden waren Hunts Art, mit seiner Vergangenheit umzugehen. Erst Julie gelang es, ihn Stück für Stück aus seinen destruktiven Verhaltensweisen herauszuziehen, sie war eine der ersten, der Hunt seine Vergangenheit anvertraute und die er dafür heute als seinen „Engel“ beschreibt. „Mark hat immer noch ein paar Probleme“, sagt sie über ihn. „Aber er hat einen starken Willen und hat es einziger einigermaßen normal aus dieser Familie herausgeschafft. Ich bin stolz darauf, wie Mark geworden ist. Er ist nicht wie sein Vater.“

Kontakt zu seiner Familie hat Hunt heute kaum noch. Sein Vater ist mittlerweile tot und auch einer seiner Brüder, der Anfang dieses Jahres Suizid beging. Der andere Bruder lebt mit diagnostizierter Schizophrenie bei seiner Schwester. Julie jedenfalls ist froh darüber, dass der Kontakt zu Hunts Familie abgebrochen ist, seitdem die erste Begegnung mit ihnen ihr einen Schauer über den Rücken fahren ließ: „Ich habe sie gehasst“, sagt sie. „Sein Vater war der unheimlichste Mensch auf Erden. Er hat einen mit den Augen ausgezogen. Und ich werde nie vergessen, wie die Mutter gelacht hat, als sie uns erzählte, wie sie Vicky geschlagen hat und ihr Vater mit ihr Sex in der Toilette hatte. Ich war absolut schockiert. Mark hat Jahre gebraucht, um zu realisieren, dass seine Mutter genauso schlimm war wie sein Vater.“

Trotz allem, sagt Hunt, spürt er heute keinen Hass gegenüber seinen Eltern, auch nicht gegen seinen Vater: „An einem Tag war er ein guter Mensch, am nächsten der Teufel. Ich glaube aber nicht, dass ich ihn hasse. Ich danke ihm dafür, dass er so war, denn sonst wäre ich nicht dort, wo ich heute bin. Er hat mir eine Sache beigebracht: Dass ich niemals so sein will wie er.“