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Nick Hein rechnet mit deutscher MMA-Szene ab: „undankbar und hinterlistig“

Nick Hein (Foto: Dorian Szücs)

Wenige Tage nach seiner Niederlage bei UFC 224 war klar, dass Deutschlands UFC-Star Nick Hein sich nach seiner Rückkehr aus Brasilien direkt wieder in die Wettkampfvorbereitung stürzen würde, um bei der UFC Fight Night in Hamburg am 22. Juli ins Octagon zu steigen. In der Hansestadt bekommt es der „Sergeant“ mit dem schlagstarken Bosnier Damir Hadzovic zu tun. Wir haben mit Hein über seinen letzten und seinen anstehenden Kampf, die deutsche MMA-Szene und mehr gesprochen.

GNP1.de: Was bedeutet es dir, in Deutschland zu kämpfen? Du kennst das Gefühl ja bereits.
Nick Hein: Das hat immer was von einem Titelkampf. Als ich nach dem letzten Kampf gemerkt habe, dass es mit gut geht, ich unverletzt bin, habe ich deshalb noch in Brasilien so schnell wie möglich versucht, auf die Fight Card zu kommen.

Was bedeutet es, dass die UFC nach zwei Jahren wieder nach Deutschland zurückkommt?
Ich finde es schön, dass die UFC Deutschland regelmäßig besucht. Das zeigt, dass Deutschland im Fokus ist und keine Eintagsfliege. Ich finde aber, dass andere Länder da einiges besser machen, gerade was die Verkaufszahlen, aber auch die Stimmung angeht. In Irland zum Beispiel verkaufen sich selbst weniger stark besetzte Veranstaltungen aus. Da würde ich mir manchmal wünschen, dass Deutschland nicht so versnobt wäre. Hier erwartet man quasi immer, dass Conor McGregor gegen Brock Lesnar auf Leben und Tod mit Laserschwertern kämpfen. Und wenn das nicht der Fall ist, sind alle enttäuscht und es heißt, hier gibt es nur zweitklassige Fight Cards. Da haben die Leute einfach falsche Vorstellungen. Das ist vermutlich das gefährliche Halbwissen aus dem Videospiel. Wenn die fünf Leute, die sie von dort kennen, nicht auf dem Programm stehen, dann finden die den Event scheiße. Das ist natürlich Blödsinn.

Wie siehst du persönlich die Entwicklung der UFC und des MMA-Sports in Deutschland?
Ich glaube, dass MMA nicht mehr so viele Augenbrauen anhebt. Es ist jetzt nicht mehr so umstritten, das ist gut. Ansonsten hängen wir aber ordentlich hinterher. Das liegt zum einen daran, dass es Platzhirsche in der deutschen Sportlandschaft gibt und Deutschland ohnehin nur selten Bock auf Neues hat. Das sieht man ja auch im Fernsehen, dort werden bis zum Erbrechen immer wieder die gleichen Formate aufgerollt. Ich muss auch sagen: Wir machen uns da viel durch Missgunst kaputt, auch in der Fanbase, die teils sehr kritisch mit den Kämpfern ist. Da entsteht kein wirklicher Patriotismus. Auch bei den Kämpfern untereinander gönnt hier der eine dem anderen nichts. Wie sagt man so schön: Jeder kriegt was er verdient und auf einem so faulen Boden kann nichts gedeihen. Und deshalb ist MMA in Deutschland immer noch eine Randsportart.

Du hast nach 2016 mehr als 1,5 Jahre nicht gekämpft. Warum?
Ich bin nach Los Angeles umgezogen und habe anschließend versucht, in der International Fight Week in Las Vegas zu kämpfen. Da war aber alles schon voll. Dann sollte es Rotterdam werden, aber da hatte ich mich verletzt. So ist es dann Brasilien geworden. So ein Jahr kann schnell rumgehen.

Dein Comeback hast du recht zügig verloren, wenige Tage darauf aber sofort für UFC Hamburg zugesagt. Man sagt, ein Springpferd, das im Training eine Hürde reißt, muss die gleiche Hürde sofort nochmal nehmen, um Selbstvertrauen zu tanken. Hattest du einen ähnlichen Gedanken – oder war der Reiz in Deutschland zu kämpfen einfach zu groß?
Ich sag es wie’s is: Wenn es eine Fight Card in Deutschland gibt, werde ich mich immer darum bemühen, dort zu kämpfen. Da sehe ich mich auch in der Pflicht, will den Fans immer etwas liefern und hadere auch mit mir, wenn die Leistung dann nicht so ist, wie ich mir das vorgestellt habe. Für mich war klar, dass ich in Deutschland kämpfe, wenn ich unverletzt bin – es gibt nichts, was mich davon abhalten kann. Die deutschen Fans wollen eine Party – und ich bin der Veranstalter.

Real Talk: Was lief in Brasilien schief. War Ringrost ein Thema?
Ich hatte eine super Vorbereitung, einen super Weight Cut – er hat mich erwischt, das ist alles. Ich habe aus dem letzten Kampf Schlüsse gezogen und in meine jetzige Vorbereitung eingebaut. Ich bereite mich in den USA an verschiedenen Standorten und in Holland vor und überlasse nichts dem Zufall.

Wer ist dein Gegner für Hamburg und was erwartest du für einen Kampf?
Der Bosnian Bomber Damir Hadzovic. Einer, der schon ein paar Kämpfe hinter sich und paar gute Jungs gekämpft hat. Ist für seine Hartnäckigkeit bekannt und kann viel einstecken. Ist’n guter, wie alle anderen auch.

Neben den Amis sind vor allem die Russen, Brasilianer und Briten sehr stark in der UFC. Können wir deutschen da (schon) mithalten?
Ich finde, dass Kämpfer wie (Peter Sobotta) und ich schon auf demselben Level sind. Der Sport hat in diesen Ländern einfach nur einen viel größeren Stellenwert. Dadurch gibt es viel mehr Talente, die ihr Glück versuchen.

In deinen letzten Interviews hast du ein wenig verbittert gewirkt, enttäuscht von der deutschen Szene. Über Social Media hast du einen längeren, vieldeutigen Kommentar abgelassen, über Leute, die am Computer sitzen und immer nur meckern, ohne selbst etwas zu schaffen. Fehlt in Deutschland der Support? Woran liegt das?
Das ist meine Lieblingsfrage, denn ich sag dir ganz im Ernst: Mir geht diese negative Seite der deutschen Szene tierisch auf den Sack! Es gibt Spackos – und ich meine jetzt Kämpfer – die selbst nichts geleistet, aber die große Fresse haben und bei der ersten Gelegenheit sang- und klanglos untergehen. Dann diese ganzen Bauernfans; wenn ich mir auf GNP1.de manchmal die Kommentare unter Artikeln durchlese, dann habe ich das Gefühl, der Durchschnitts-IQ ist unter 50. Die sind unglaublich dämlich. Früher hat man die Vollidioten immer schon daran erkannt, dass sie als Nachnamen Tyson gewählt haben. Heute nennen die sich McGregor (lacht). Das ist für mich ein rotes Tuch. Mir gehen diese Leute auf den Sack und mir gehen die anderen Kämpfer auf den Sack, die ihren Scheiß nicht auf die Reihe kriegen, aber andere kritisieren. Erstens kommen wir so nicht weiter und zweitens interessiert eure Spacko-Meinung niemanden! Dazu kommt – und dass muss man GNP1 auch anlasten – dass sie solche Bauernfans mit gewissen Schlagworten auch noch fördern und solchen Hartz-IV-Kämpfern eine Lobby geben. Ich habe ein Buch geschrieben. Das war sicher keine kämpferische Leistung, aber bekam auch keinerlei Öffentlichkeit. Aber wenn dann so eine Halb-Alternative wie dieser Vollpfosten aus Düsseldorf, Nordin Asrih, mich in einem verzweifelten Versuch, in die UFC zu kommen, herausfordert, weil ihm irgendein anderer Klebstoffschnüffler empfohlen hat, dass das klappt, dann gibt GNP1 dem Spacko zwei Beiträge. Hinzu kommt, dass ich seit 2014 bei jeder Gelegenheit und durch Dinge, die ich mir erarbeitet habe, die nichts mit MMA zu haben, versuche, diesen Sport in einem positiven Licht darzustellen. Und wenn dann mal die Leistung nicht ganz so stimmt, oder man eben nicht McGregor ist, dann sind die Leute undankbar und hinterlistig. Deshalb habe ich irgendwann auch aufgehört, was für die deutsche Szene zu tun.

Ich bin 2014 in die UFC gekommen und habe mir zur Aufgabe gemacht, MMA salonfähig zu machen. Danach sind so viele Dinge passiert, die Comedy-Serie, die Fernsehauftritte, die Sache mit der Polizei, das Buch. Das sind alles Sachen, die nicht durch MMA entstanden sind, sondern die ich anderweitig gemacht habe. Und trotzdem habe ich MMA wie einen alten Freund überall mit hingenommen. Wie einer, den du noch von früher aus deinem kleinen Dorf kennst, den du aber überall mit hinnimmst, sobald es bei dir gut läuft. Dieser Freund hat mich dann aber ständig angemeckert, jedes Mal wenn ich in einer Talk-Show war: „Alter, was war denn das für’n Auftritt?“. Irgendwann geht dir der Kumpel dann halt auf den Sack und du willst ihn nicht mehr mitnehmen.

Du hast eine tolle Karriere als Judoka hinter dir, hattest einen sicheren Job als Beamter bei der Bundespolizei, bist ein erfolgreicher Buchautor und gelegentlich sogar Schauspieler. Warum haust du dir in einem Käfig mit anderen Leuten vor die Fresse?
All die Dinge, die ich tue, machen mir Spaß, man sollte im Leben nichts auslassen. Ich lasse mich eben nicht nur auf eine Sache beschränken. Trotzdem: Seit ich denken kann, wollte ich immer der stärkste Junge der Welt sein. Kämpfen ist für mich immer noch das Geilste. Ich will kämpfen, mit allen positiven und negativen Seiten die dazu gehören. So lange ich das kann, will ich das machen und das hat vor all diesen Projekten immer noch Vorrang. Viele Leute denken, dass man kein echter Kämpfer ist, wenn man nicht ständig Fotos mit freiem Oberkörper postet, zweimal am Tag trainiert und sonst nix anderes macht. Aber das stimmt nicht. Nur weil ich auch andere Dinge mache, an denen ich Spaß habe und vor allem darin gut bin, heißt das nicht, dass ich nicht trotzdem ein guter Kämpfer bin. Wenn andere in ihrer Freizeit Videospiele gespielt haben, habe ich für mein Buch geschrieben. Wenn andere nach einem Kampf drei Wochen lang Party gemacht haben, habe ich gedreht. Trotzdem bin ich immer noch in erster Linie Kämpfer und das werde ich auch bleiben, bis ich irgendwann mal die Augen zumache.

Warum sollten in Deutschland mehr Leute MMA machen, statt Fußball oder Tennis zu spielen?
Das kann ich dir nicht sagen. Fußball, Tennis oder Motocross fahren, hat sicher alles seinen Reiz. Ich kann dir sagen, warum ich MMA machen wollte: Weil ich die beste Kampfsportart draufhaben wollte. Ich wollte mich immer behaupten können, vielleicht auch weil ich Polizist war, und dafür ist MMA ja prädestiniert. Aber ich weiß gar nicht ob das so geil wäre, wenn alle MMA machen würden – dann wäre ich ja nichts Besonderes mehr. Deshalb sollen die lieber alle weiter Fußball spielen (lacht).

Auf was freust du dich in Hamburg am meisten?
Vor meinen Fans zu kämpfen, in die Halle einzumarschieren, das wird sicher toll. Ich freue mich darauf, alles zu zeigen, was ich seit meinem letzten Kampf in Deutschland gelernt habe. In Brasilien war mir das nicht ganz möglich. Ich weiß, dass ich einige Leute überraschen werde. Darauf freue mich.

Bei dem Interview handelt es sich um Auszüge aus der ausführlichen Story zu UFC Hamburg mit Abu Azaitar und Nick Hein in der aktuellen Print-Ausgabe der Men's Fitness. Das Interview führte Mark Bergmann.