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Josh Samman: MMAs Renaissance Man

Wurde nur 28 Jahre alt, die er aber voll ausgeschöpft hat: Josh Samman (Foto: Florian Sädler).

„Wir sehen uns dann bei der nächsten Venator-Show“, ruft Josh Samman mir an einem heißen Frühsommertag neben dem Mailänder Dom hinterher. Vor einem maßlos überteuerten Schokoladengeschäft bin ich Samman über den Weg gelaufen, der auf dem Boden hockend auf TUF-Kollege und Trainingspartner Luke Barnatt wartet, der sich drinnen für seinen gestrigen Sieg bei der dritten Ausgabe von Venator FC belohnt. „Ich bin nicht der Süßigkeiten-Typ“, erklärt sich Samman. Wir unterhalten uns knapp zehn Minuten über Gott, die Welt und Mixed Martial Arts – die Schlange drinnen ist lang – bevor wir beide unsere Stadtbesichtigungen fortführen. Bis zum nächsten Mal also. Bloß, dass es dazu nicht mehr kommen wird – am Mittwoch verstarb Josh Samman in einem Krankenhaus in Florida, mit nur 28 Jahren. 

Josh Samman war einer dieser Menschen, denen ein Raum gehörte, sobald sie ihn betraten. Die unwillkürlich die Aufmerksamkeit aller anderen Anwesenden auf sich zogen. So abgedroschen das klingen mag – bei Josh Samman war es so.

Nicht nur, eigentlich als allerletztes wegen seiner imposanten körperlichen Erscheinung. Die lange Mähne und der Bart, die dem UFC-Mittelgewicht den Spitznamen „MMA-Jesus“ eingebracht haben, die fast verdächtig muskulöse Figur und der vor Selbstbewusstsein strotzende Gang.

Seine Aura zog Samman aus seinem Leben – aus Erfahrungen, von denen die meisten Menschen einige aus gutem Grund nicht machen wollen und andere nicht zu machen in der Lage sind. Samman hat sie erlebt, im Guten wie im Schlechten. Nicht nur deshalb hat der MMA-Sport am 5. Oktober 2016 ein Mitglied seiner Community verloren, das an allen Ecken und Enden fehlen wird.

Samman war Kämpfer, Musiker, MMA-Promoter, Autor. Am fähigsten vielleicht in letzterer Kategorie. Anders hätte es kaum geschafft, sein Leben bis ins kleinste, intimste Detail in seinen Memoiren zu sezieren, die Samman im Frühjahr herausbrachte – am 20. April, dem inoffiziellen internationalen Tag des Marijuana. Das Datum war kein Zufall. Die Klasse des Buches ebenfalls nicht.

Noch vor dem 30. Geburtstag auf sein Leben zurückzublicken, das mag anmaßend wirken, bei Samman reichten die ersten 28 Jahre für durchweg inhaltsvolle 100 Kapitel. Im Nachhinein ist es morbid geglücktes Timing, dass er das Buch so früh geschrieben hat.

Freud und Leid - immer nah beieinander

Sammans Leben, das war ein 28 Jahre anhaltendes Dauerfeuer aus Euphorie und Trauer, aus Erfolg und Schmerz, das für die dreifache Lebensdauer gereicht hätte. Auch das: vermeintlich ein Klischee, die Wahrheiten dahinter aber hätten seinem Leben schon vor Jahren beinahe ein Ende gesetzt. 

Denn Freud und Leid lagen bei Joshua Kaleb Samman schon immer nah beieinander. Die erste Hälfte 2013 war die glücklichste Zeit seines Lebens. Frisch zusammengezogen mit seiner Jugendliebe Hailey, nachdem der erste Teil ihrer Beziehung an ihren Brüdern gescheitert war, die den jungen Wilden Samman nicht im Leben ihrer Schwester sehen wollten.

Vor drei Jahren allerdings war aus dem Highschool-Abbrecher und Institutions-Flüchtling ein gestandener Mann geworden.

„Sie zurückzugewinnen war der größte Sieg meines Lebens“, sagte Samman gegenüber UFC.com. „Wir waren die zwei Hälften eines Ganzen.“ Zur gleichen Zeit erkämpfte er sich einen Vertrag mit der UFC. Das Leben war gut.

Am 31. August 2013 wickelte sich Haileys Auto um einen Baum an der Interstate 75 in Florida, die 22-Jährige verstarb in dem Wrack, noch bevor Polizei und Rettungskräfte eintrafen. Minuten vor ihrem Tod hatte Hailey noch aus dem Auto mit ihrem Freund Textnachrichten geschrieben.

„Da war diese gigantische Schuld neben all der Trauer und Einsamkeit, wegen der Art, wie es passiert ist“, so Samman, zum Zeitpunkt des Interviews, zwei Jahre nach dem Unfall, noch immer mit brüchiger Stimme. „Das ist etwas, mit dem ich noch immer zu kämpfen habe. Und ich bin mir nicht sicher, dass das jemals aufhören wird.“

Zuhause verletzt ans Bett gefesselt ging er in einer dunklen Wolke aus Drogen und Halluzinationen unter, mit der Pistole auf dem Kissen neben ihm. „Das Gefühl, sterben zu wollen, verschwand nicht“, schreibt Samman in seinen Memoiren. „Es wurde stärker“, und die Waffe neben ihm immer verlockender: „Das wird kein bisschen wehtun.“

„Du hast getötet, was du am meisten geliebt hast“, schoss es ihm durch den Kopf.

Samman schaffte es raus aus dem Tiefpunkt seines Lebens, gerade so, aber nicht ohne Spuren. UFC on FOX 11 im April 2014 hätte sein Comeback nicht nur im Käfig sein sollen, ein vollständiger Muskelabriss im Oberschenkel legte ihn abermals über Monate lahm. Innerhalb eines Jahres nach Haileys Tod verstarben sein Stiefvater, der Sohn seines Trainers und Haileys Mutter.

Erlösung fand Samman erst 15 Monate nach Haileys Tod. UFC 181 fand am 6. Dezember 2014 statt, es wäre ihr 24. Geburtstag gewesen. Samman, als er den Termin einige Monate vorher im UFC-Eventkalender fand, wusste, dass er an jenem Abend in Las Vegas im Octagon stehen musste. Ohne Grapplingtraining – „Wenn ich mich verletzt hatte, dann immer dabei“ – trainierte Samman auf den Abend hin.

Das fehlende Boden-Training kostete ihn beinahe den Kampf. TUF-Sieger Eddie Gordon kontrollierte Samman auf der Matte, bis in die zweite Runde. Zurück auf den Beinen versenkte Samman sein Schienbein in Gordons Schläfe und versetzte die Arena mit dem furiosen Knockout in pure Euphorie. „Meine größte Stunde“, sagte Samman später über diesen Sieg. Einer, der ihn zurück ins Leben holte und ihn seine kämpferische Zukunft in Frage stellen ließ, denn einen größeren Moment als diesen, das wusste er, würde er im Octagon nicht erleben.

Auch Sammans dominanter Erstrunden-Aufgabe-Sieg gegen BJJ-Schwarzgurt Caio Magalhaes, ein besserer Kämpfer als Gordon, vermochte das nicht. Die „Performance of the Night“ im Sommer 2015 indes sollte Sammans letzter Sieg sein. Im vergangenen Dezember musste er nach zweieinhalb harten Runden in Tamdan McCrorys Triangle Choke abklopfen, im Juli schlug ihn Tim Boetsch technisch K.o.

Das gibt es in keinem Profi-Sport

„Das ist der frustrierende Teil“, schrieb mir Samman nach dem Kampf. „Besser zu sein und trotzdem nicht zu gewinnen.“ Die Vorbereitung auf den Boetsch-Kampf lief nicht optimal, wenn er das auch nie als Ausrede für die Niederlage genutzt hätte. Neben dem Trip nach Spanien und Italien, um Barnatt auf dessen Kampf vorzubereiten und ihn in der Ecke zu betreuen, reiste Samman wenige Wochen vor seinem eigenen Kampf die US-Ostküste hoch nach New York, um Kindern mit Behinderung Ringertraining zu geben.

Eine Erfahrung, die den Kindern mit einiger Sicherheit in Erinnerung geblieben ist: Mit Samman brauchte man keine zehn Minuten zu sprechen, um das Gefühl zu haben, ihn seit Jahren zu kennen. Fragte man ihn formal per eMail nach einem Interview, ohne vorher je mit ihm in Kontakt gestanden zu haben, poppte zehn Minuten später eine Freundschaftsanfrage bei Facebook auf mit der Nachricht: „Klar machen wir das, Buddy. Wann hast du Zeit?“

Auch nach der darauffolgenden, zweistündigen Skype-Session im Herbst 2015 blieb Samman in Kontakt, meldete sich von sich aus, wollte wissen, wie es so läuft. Mit keinem anderen Kämpfer habe ich so oft gesprochen oder hin- und hergeschrieben, über MMA oder die restliche Welt. Derartigen Kontakt hatte Samman mit weiten Teilen der MMA-Medienlandschaft, und nicht nur da: „Ich habe wahrscheinlich fast jeden Kampfsport-Fan in Florida schon einmal getroffen“, erzählte mir Samman, der seine eigene MMA-Liga führte, einmal in einem Interview

So etwas gibt es nicht, in keinem Profi-Sport. Bei Josh Samman schon. Das erste, was er nach einer herzlichen Umarmung bei unserem ersten Treffen während eines öffentlichen Trainings in einem MMA-Gym am Rande Mailands tat? Ehe ich mich versah, war ich Teil eines vom einen zum anderen Ohr grinsenden Selfies, das prompt an sämtliche gemeinsamen Bekannten verschickt wurde.

Samman, bei allem kaum zu bändigendem Tatendrang, drängte sich nie auf, sondern wollte die Meinung seiner Gesprächspartner wissen, unabhängig davon, um was es ging oder mit wem er sprach. Egal, ob er Verbesserungsvorschläge zum Manuskript seiner Memoiren einholte oder gerade mit ein paar Bier auf der Aftershow-Party den Sieg eines Freundes feierte. Die nächste gemeinsame Venator-Show wäre wieder grandios geworden. Es wird sie nicht geben.

Dafür, und das wird ihm mit Sicherheit um einiges lieber sein, ist Samman jetzt, drei Jahre und fünfunddreißig Tage später, wieder mit der Liebe seines Lebens vereint. Hoffentlich zumindest, ich gönne es ihm von Herzen.