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UFC News

Josh Samman: 28 Jahre lang ein Stehaufmännchen

Josh Samman hat seine 28 Jahre mit jeder Menge Leben gefüllt - im Guten wie im Schlechten (Foto: Florian Sädler).

Am 5. Oktober dieses Jahres starb im Alter von 28 Jahren Josh Samman. Das UFC-Mittelgewicht war vielen Fans schon seit 2013 ein Begriff, als Samman es in der starken 17. Staffel der "The Ultimate Fighter"-Serie bis ins Halbfinale schaffte. Was erst in den Folgejahren Stück für Stück bekannt wurde: Sammans Lebensgeschichte war durchweg von Schicksalsschlägen durchzogen; von tragischen Toden, von Drogenabhängigkeit, schwersten Verletzungen und anderen Widerständen, an denen er beinahe zerbrochen wäre.

Dank Sammans sechs Monate vor seinem Tod veröffentlichten Memoiren wird diese Geschichte in Erinnerung bleiben. Nicht nur die Niederschläge, sondern auch die triumphalen Momente, allen voran der Headkick-K.o. gegen Eddie Gordon bei UFC 181, der Awards für den Knockout des Jahres gewann. Der 6. Dezember 2014 war ein Wendepunkt im Leben Sammans: Nicht nur kehrte er nach 612 Tagen wieder ins Octagon zurück, jener 6. Dezember wäre auch der Geburtstag seiner Freundin Hailey gewesen, die 2013 bei einem Autounfall ums Leben kam.

Anlässlich des zweiten Jahrestages dieses Triumphes veröffentlichen wir hier noch einmal ein Interview mit Samman, das ursprünglich 2015 im GNP1-Magazin erschienen ist.

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Zwei Zentimeter nach links, drei nach rechts. Einmal kurz aufstehen und auf der anderen Pobacke wieder hinsetzen: Josh Samman braucht nicht lange, um zu merken, dass er heute lieber Zuhause geblieben wäre. Vor einer Woche wurde er am Hüftknochen operiert, jetzt sitzt er mit schmerzendem Hinterteil auf einem Orthopädie-Kissen im Amway Center von Orlando und schaut hinunter in den Käfig, in dem er eigentlich selbst stehen sollte.

Was sich nach einer unfreiwillig komischen Situation anhört, war tatsächlich wenig lustig: Samman brauchte den Kampf gegen Caio Magalhaes, der gerade vor seinen Augen einen Ersatzmann ausgeknockt hatte. Er brauchte ihn nicht des Geldes wegen und auch nicht, weil das Duell eine Pay-per-View-Veranstaltung tragen musste. Der 19. April 2014 war Sammans Fixpunkt, der ihn aus einer Spirale aus Trauer, Schmerz und Schuld herausziehen sollte.

„Stattdessen wurde die Ziellinie meilenweit außer Sicht gezogen“, beschrieb Samman den Abriss seines Oberschenkelmuskels vom Knochen, lediglich der letzte in einer langen Reihe von Rückschlägen. Was war passiert?

Rückblick – ein Jahr zuvor. Gerade hatte Samman sich mit einem Knockout gegen Cast-Kollege Kevin Casey vom „The Ultimate Fighter“-Teilnehmer zum UFC-Kämpfer befördert. Im Käfig lief es gut und außerhalb noch besser. Samman war mit seiner Jugendliebe Hailey zusammengezogen, deren Familie ihn abgewiesen hatte, als er nicht mehr als ein 16-jähriger Schulabbrecher war.

Nicht zuletzt ihretwegen hatte Samman sich seitdem vom unkontrollierten Teenager-Gör zu einem fokussierten jungen Mann entwickelt, im Sport und im Leben. Jetzt genoss er die Früchte seiner Arbeit.

„Das war die schönste Zeit meines Lebens“, erinnerte sich Samman. „Wenn ich jetzt auf mein Leben zurückblicke, dann waren das die hellsten, wärmsten Momente. Das war meine größte Leistung, mein wichtigster Sieg – das beste, was ich je getan habe: Zu lieben und geliebt zu werden.“ Auf das hier hatte er hingearbeitet, seit er auf dem Höhepunkt seiner pubertären Chaosphase zum ersten Mal auf den Matten eines Gyms stand.

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Seine neue, schöne, heile Welt hielt kein halbes Jahr. Eine, wie Samman sagte, „schlechte Angewohnheit“ des jungen Paares war es, sich auch beim Autofahren Nachrichten zu schicken. Haileys letzte SMS trudelte am 30. August 2013 um 20:36 Uhr auf Sammans Handy ein. Fünf Minuten später war sie tot.

Ein paar Kilometer vor ihrer Wohnung hatte sich ihr Auto neben der Interstate 75 um einen Baum gewickelt. Kein anderer Wagen war an dem Unfall beteiligt, und obwohl an jenem Freitagabend ein Sturm durch Florida wütete, zog Samman sofort seine eigenen Schlüsse aus der Tragödie.

„Ich war der letzte, mit dem sie geschrieben hatte. Die Zeit zwischen ihrer letzten Nachricht und dem ersten Polizisten am Unfallort war bemerkenswert kurz (...), also habe ich immer vermutet, dass es da einen Zusammenhang gab, obwohl es nie bestätigt wurde. Das verfolgt mich bis heute an jedem Tag und ich bin mir nicht sicher, dass es jemals verschwinden wird.“

Samman, der sich bis dahin für einen ziemlich taffen Kerl gehalten und sich nicht gescheut hatte, das auch in jede anwesende Kamera zu sagen, fiel unweigerlich in ein Loch aus Schuld, Trauer und Schmerz. Eine völlig neue Situation, mit der das Gewohnheits-Alphatier hoffnungslos überfordert war.

„Es nimmt dir die Luft zum Atmen. Mir wurde bewusst, dass ich überhaupt keine Ahnung hatte, wie sich echter, lähmender Schmerz anfühlt“, erinnerte er sich. „Denk an das liebste, das du im Leben hast und dann stell dir vor, dass es dir genommen wird und du es nie mehr haben kannst.“

Samman ertränkte seine Trauer den Rest des Jahres über in Alkohol. Ins Gym konnte er nicht, weil eine Knieverletzung, die einen Kampf gegen TUF-Kollege Uriah Hall verhindert hatte, ihn monatelang von zwei Krücken abhängig machte. Überhaupt: „Ich musste mich selbst hinterfragen; wer ich sein wollte und was ich der Welt nach einer derartigen Tragödie noch zu bieten hatte.“

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Das ziellose Vegetieren war vielleicht nötig, aber es entsprach nicht Sammans Naturell. „Ich hatte immer eine besondere Verbindung zu denen, die mich antreiben oder zumindest mein Tempo mitgehen konnten“, sagte Samman. Im Normalzustand war er ein Arbeitstier – neben seinen UFC-Kämpfen betrieb er seine eigene MMA-Organisation und schrieb Texte für diverse MMA-Webseiten; Ablenkung fand er vor allem während möglichst herausfordernder Hiking-Trips.

Hailey war so ein Mensch, der mithalten konnte. Und obwohl sie nicht mehr da war, wusste Samman, dass er sein Tempo früher oder später wieder aufnehmen musste: „Mein Umfeld wollte sehen, dass ich etwas tat, das gut für mich war. Und Kämpfen hat mir immer gut getan.“

Wenn er noch einen letzten Anstoß benötigte, dann war das die Ankündigung von UFC Orlando am 19. April 2014. Wenige hundert Kilometer von Zuhause ins Octagon zurückzukehren war genau das, was Samman brauchte. Er klingelte bei UFC-Matchmaker Joe Silva durch und bettelte nach einem Kampf in seinem Heimatstaat.

Silva textete ihm zurück: „Caio Magalhaes“. Ein Name war alles, was Samman brauchte. Am nächsten Tag war er zurück im Gym.

Zwei Wochen vor dem Kampf riss er sich seinen Oberschenkelmuskel vom Knochen ab. Ans Kämpfen ist nicht zu denken, wenn man nicht einmal selbstständig laufen kann. „Das war so verdammt schmerzhaft“, erinnerte er sich. „Die Operation und die Reha danach.“ Von der Enttäuschung ganz zu schweigen.

Als wenn die Verletzung nicht genug gewesen wäre, starben in den folgenden Monaten nacheinander Sammans Stiefvater, der Sohn seines Trainers und Haileys Mutter. Dieses Mal aber kämpfte Samman sich durch: „Ich hatte für mich selbst bereits die Entscheidung getroffen, dass ich wieder kämpfen würde. Egal, was passieren würde – ich würde zumindest noch ein einziges Mal in den Käfig steigen.“

Zurück im Gym realisierte er, dass die vergangenen Monate seine Einstellung gegenüber seinem Training verändert hatten – die Verletzungen hatten ihn paranoid gemacht: „Ich habe mich immer nur beim Ringen oder Rollen verletzt und ich wollte nicht, dass das wieder passiert.“ Seine Konsequenz daraus: „Ich habe nur meine Kardio-Sessions gemacht, habe Gewichte gehoben, Pratzen geschlagen und hin und wieder ein paar Sparrings-Einheiten eingeschoben.“

Samman musste an jenem 6. Dezember im Octagon stehen, der Haileys 24. Geburtstag gewesen wäre – für Außenstehende mag die Symbolik dahinter kitschig erscheinen, aber wenn man sich alleine aus der Trauer herauskämpfen muss, kann etwas so banales wie ein Datum zur wichtigsten Sache der Welt werden.

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Feel-Good-Stories finden aber nicht immer ihren Platz im MMA, und Eddie Gordon hatte offensichtlich nicht vor, Statist in einer solchen zu werden.

Die gesamte erste Runde ihres Kampfes bei UFC 181 in Las Vegas über war er mit seinen Takedowns beinahe nach Belieben erfolgreich und kontrollierte Samman am Boden, dessen fehlendes Grapplingtraining nun allzu offensichtlich wurde. In Runde zwei das gleiche Spiel – Samman steuerte mit Vollgas auf eine langweilige Punktniederlage zu. Ein kleines Detail des Kampfverlaufes aber sollte letztendlich den Unterschied machen – in den kurzen Momenten auf zwei Beinen hatte Samman seinem Gegner wiederholt das linke Schienbein in die Rippen gejagt.

Gordon hatte sich vielleicht auf den Punktrichterzetteln abgesetzt, auf den stechenden Schmerz eines jeden Kicks aber würde er instinktiv immer auf dieselbe Weise reagieren, war sich Samman sicher.

Als der Ringrichter die beiden in der zweiten Runde zurück auf die Beine holte, witterte er seine Chance – jetzt oder nie. Wie so oft zuvor zielte er sein Bein auf Gordons Rippen, korrigierte den Kurs im letzten Moment nach oben und versenkte die scharfe Seite seines Schienbeinknochens im Nacken seines Kontrahenten, als der sich dem vermeintlichen Körpertreffer entgegenlehnte. Die überraschten Aufschreie von den Rängen bekam Gordon schon nicht mehr mit.  

Samman sank auf die Matte – vor Freude schreiend und mit Tränen in den Augen – bevor er eine anonyme Zuschauermasse im Interview mit Joe Rogan dazu aufrief, niemals aufzugeben und zwischen immer noch geschockten Fans hindurch zurück in die Umkleide geführt wurde.

Denselben Raum, in dem er zweieinhalb Jahre zuvor schon auf seinen großen Moment im Scheinwerferlicht gewartet hatte und in den er einen Knockout später mit der gleichen Mischung aus Adrenalin und Endorphinen zurückgekehrt war, die auch jetzt durch seinen Körper schoss. „In einem anderen Leben“, sagte er im Rückblick.

Samman wollte UFC 181 nicht als Abschluss eines Kapitels bezeichnen, „weil die Zeit davor immer ein Teil von mir bleiben wird“, aber man kommt nicht umhin, den 6. Dezember 2014 als Wendepunkt zu sehen: „Hätte ich diesen Kampf verloren oder mich vorher verletzt, hätte mein Leben definitiv eine andere Richtung genommen.“

So aber hat Samman es geschafft, dem Leben noch eine Rückkehr aus der Hölle abzugewinnen. Zumindest zwei Jahre lang.

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