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Joanne Calderwood: „Ich will zeigen, dass ich hier hin gehöre“

Nach einem Jahr Pause kehrt Joanne Calderwood am Wochenende ins Octagon zurück (Foto: Florian Sädler).

Wer Joanne Calderwood schon vorher einmal kämpfen gesehen hatte, den beschlich bereits bei ihrem Einlauf in die Krakauer Tauron Arena ein ungutes Gefühl: Mit ausdruckslosem Gesicht und dunklen Rändern unter den Augen trat das populäre schottische Strohgewicht im April letzten Jahres ins Scheinwerferlicht des Octagons, wo Debütantin und Außenseiterin Maryna Moroz sie innerhalb von 90 Sekunden ausboxte und per Armbar zum Abklopfen zwang.

In Calderwoods Privatleben war es vor UFC Krakau drunter und drüber gegangen, stellte sich später heraus – unter anderem hatte sie das Gym wechseln müssen, nachdem sie sich von ihrem Freund getrennt hatte, der gleichzeitig als ihr Trainer fungierte. Die Niederlage gegen Moroz und das Drama im Vorfeld bildeten den vorläufigen Tiefpunkt einer ansonsten fast blütenreinen Karriere.

Mit einem soliden Punktsieg gegen Cortney Casey, vor heimischer Kulisse bei UFC Glasgow, kehrte Calderwood wenige Monate später zurück. Aufbauen konnte sie auf den dringend benötigten Erfolg allerdings nicht – den Hauptkampf von UFC Vegas gegen Paige VanZant musste sie im Dezember verletzt absagen, das Heimspiel im letzten Juli in Schottland ist noch immer ihr aktuellster Auftritt.

Zeit für einen Neustart, entschied Calderwood Anfang des Jahres und verlagerte ihr Training ins Tristar Gym in Montreal, Kanada. Zwei Kontinente und ein Weltmeer entfernt von den Ablenkungen Zuhause startete die ehemalige Thaiboxerin neu durch.

„Ich liebe es hier“, erzählt uns Calderwood wenige Tage vor UFC Ottawa, ihrem ersten Octagon-Einsatz ihrer neuen Heimat.

Untergekommen ist die junge Schottin seit Januar in den Tristar Dorms, einer spartanischen Sportler-WG direkt neben dem renommierten Gym. Knarzende Möbel, brüchige Wände und wenig Privatsphäre: Nicht unbedingt das, was man sich unter den Lebensverhältnissen eines Profi-Sportlers vorstellt. Bereut man so eine Atlantiküberquerung da nicht schnell? „Nicht wirklich, weil ich bisher bei meiner Mutter auf der Couch gelebt habe. Hier habe ich zumindest ein Bett“, lacht Calderwood.

Vierzehn Monate nach UFC Krakau und sechs nach nach ihrer Ankunft in 'La Belle Province‘ hat “Jo Jo” den Spaß am Sport wiedergefunden.

„Ich liebe es hier. Ich habe neue Freunde gefunden und lebe zwei Sekunden vom Gym entfernt. Alle waren sehr einladend, hier in Kanada ist jeder so nett. Es ist toll hier, vor allem jetzt, wo der Sommer kommt. Ich bin wirklich glücklich hier und fühle mich sehr wohl.“

Von Erkundungstouren durch die Restaurantszene der Stadt bis hin zu Treetbootfahrten über den St-Lorenz-Strom hat die das wilde schottische Hochland gewöhnte 29-Jährige in den letzten Monaten die ganze Spaß- und Freizeit-Palette Montreals genossen – an diesem Wochenende allerdings wird es einen Steinwurf entfernt in der Hauptstadt Ottawa wieder ernst: Bei der UFC Fight Night Nummer 89 wird „Jo Jo“ all die Eindrücke und Erfahrungen ihrer neuen Trainingsheimat im Octagon verarbeiten müssen, fast ein Jahr, nachdem wir sie zum letzten Mal dort gesehen haben.

Im ersten Kampf des Hauptprogramms wird sie auf Valérie Letourneau treffen, ebenfalls eine versierte Standkämpferin, die erst im November Championess Joanna Jedrzejczyk fünf Runden lang Paroli geboten hat, bevor sie eine hart umkämpfte Punktentscheidung abgab.

“Ich sehe (Létourneau) als harte und spannende Gegnerin für mich“, so Calderwood. „Ich freue mich auf den Kampf, sie hat ihre Stärken auch im Standkampf und wir versuchen beide, spektakuläre Kämpfe für die Fans und für uns selber abzuliefern.“

Ein kaum beachtetes Detail dieses Duells: Létourneau ist mittlerweile Teil des American Top Team in Florida, wurde aber in Montreal geboren und war ihrerseits jahrelang regelmäßiger Gast in eben jenem Tristar Gym, in dem Calderwood sich jetzt auf diesen Kampf vorbereitet hat.

„Das war ein etwas komisches Gefühl“, gibt Calderwood zu, „aber Valérie war seit zwei oder drei Jahren nicht mehr hier und hat in der Zwischenzeit sicherlich ihren Kampfstil weiterentwickelt. Sie hat noch immer viele Freunde im Tristar – immerhin kommt sie von hier – aber am Ende des Tages respektieren sich alle Parteien, jeder unterstützt jeden und will nur einen guten Kampf sehen.“

„Vor allem in diesem Sport reisen die Leute herum und versuchen, das beste Training zu finden. Irgendwann wirst du also wahrscheinlich den Weg von irgendjemandem kreuzen oder (gegen jemanden kämpfen), mit dem du trainiert hast.“

Mit der Hilfe von Namen wie Georges St-Pierre, Rory MacDonald und Headcoach Firas Zahabi will Calderwood die ehemalige Titelherausforderin am Samstag schlagen und sich selbst in die Nähe des Gürtels manövrieren. Die Frage dabei ist lediglich, in welcher Gewichtsklasse das passieren wird, denn das Damen-Duell in Ottawa wird der erste UFC-Kampf im Fliegengewicht der Frauen sein.

Wie fühlt es sich an, ein kleines Stückchen UFC-Geschichte zu schreiben?

„Ja, das ist super, aber niemand wird sich daran erinnern, dass der erste (Kampf in der) Fliegengewichtsklasse der zwischen Valérie und Joanne war, wenn wir nicht beide alles geben und eine Leistung abliefern, die in den Köpfen der Leute hängen bleibt. Das bedeutet mir mehr.“

Besonders vor dem Hintergrund der neuen Richtlinien für das Einwiegen – statt geschlossen um 16 Uhr können sich die Kämpfer jetzt schon unter Ausschluss der Öffentlichkeit am frühen Morgen des Kampf-Vortags offiziell auf die Waage stellen – schließt Calderwood es auch nicht aus, im Strohgewicht zu bleiben. Ob sich das Fliegengewicht dauerhaft in der UFC etabliert, kann sowieso noch niemand sagen.

Was auch immer in ihrer Zukunft liegt: Bevor sie sich um Gewichtsklassen und Titelgürtel Gedanken macht, muss „Jo Jo“ ohnehin erst einmal an Létourneau vorbei. Im Hier und Jetzt zählt nichts anderes als der nächste Samstagabend.

“Ich will wieder da rein und jedem zeigen, dass… Nicht jedem, ich will mir zeigen, dass ich hier hin gehöre. Ich nehme einfach alles so, wie es kommt, genieße jede Minute und gebe mein Bestes. Und dann werden wir sehen, was passiert.“

„Ich denke, dass jeder einschalten sollte, weil ich seit einem Jahr nicht mehr gekämpft hab. Ich bin mir sicher, dass die Leute neugierig sind, wie viel besser ich geworden bin, seit ich meine Trainingscamps hier im Tristar Gym absolviere. Ich denke, dass ich eine unterhaltsame Kämpferin bin und ich hoffe, dass jeder einschaltet. Meine Vorhersage: Ich liefere eine gute Leistung ab und gewinne den Kampf.“


Joanne Calderwoods Kampf wird am Sonntag, 19. Juni ab 4:30 Uhr auf dem UFC Fight Pass übertragen.