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„Der Lehrer hat meinen Kopf auf den Tisch geschlagen, ich habe überall geblutet“

Mirsad Bektic (Fotto: Florian Sädler/GNP1.de)

An diesem Wochenende steht Mirsad Bektic vor dem größten Moment einer vielversprechenden Karriere. Bei UFC 204 in Manchester, England wird das Federgewicht das Hauptprogramm eröffnen, die bis dato prestigeträchtigste Position für den jungen Senkrechtstarter. So gut sah es nicht immer aus für den gebürtigen Bosnier.

Als Anfang der neunziger Jahre Krieg in seinem Heimatland ausbrach, musste die Familie fliehen, der dreijährige Mirsad im Schlepptau: „Wir sind nach Italien geflohen, meine Mutter und meine zwei Brüder. Wir haben knapp drei Jahre dort gelebt.“ Nächste Station: Deutschland. Eine Flüchtlingsunterkunft bei Frankfurt, um genau zu sein. Ankommen fiel dem Wildfang schwer.

„Ich war ein verrücktes Kind“, lacht Bektic. „Ich war wild. Ich habe mich andauernd geschlagen und Mist gemacht. Ich erinnere mich daran, wie ich in der Schule eine Tastatur mit einem Edding beschmiert habe. Der Lehrer hat meinen Kopf auf den Tisch geschlagen, ich habe überall geblutet.“

Konsequenzen für den Lehrer? „Für ihn keine“, sagt Bektic, noch immer lachend. „Für mich schon: Ich habe das danach nie wieder gemacht.“ Das Fazit seiner Zeit in der Bundesrepublik: „Die Deutschen spielen nicht rum.“

Das nächste Kapitel

Trotz allem, sagt Bektic, war seine Zeit in Deutschland eine positive Erfahrung: „Ich mag die Deutschen (…). Ich konnte ein paar Jahre in Deutschland leben, klar, das war gut. Und es ist ein Teil der Person, die ich heute bin. Diese ganzen Erfahrungen sind ein Teil von mir. Der Krieg, das Herumreisen mit meiner Mutter…“

Nach sechs Jahren ging es weiter zum nächsten Kapitel.

„Irgendwann haben wir die Möglichkeit bekommen, in die Vereinigten Staaten zu gehen. Unsere Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland war abgelaufen und Italien wollte uns nicht als Staatsbürger akzeptieren. Wir wollten nicht zurück nach Bosnien, also sind wir nach Amerika gegangen.“ Dort fand Bektic zum Kampfsport, heute gilt er als eines der vielversprechendsten Talente des Federgewichts.

Und in dieser viel stärkeren Position als früher würde er eigentlich gerne einmal wieder zurückkehren in seine Heimat auf Zeit, und zwar im Octagon: „Ja, auf jeden Fall. Ich hatte gehofft, bei der letzten Veranstaltung in Deutschland antreten zu können, auch, weil ich da noch Familie habe. Es hat aber nicht geklappt, aber ich bin mir sicher, dass es in Zukunft irgendwann einmal so weit sein wird.“

Diese Chance ist ihm bisher verwehrt geblieben. Die MMA-Karriere läuft dennoch gut: Zehn Siege ohne Niederlage kann der immer noch erst 25-Jährige vorweisen, trotz zuletzt eineinhalb Jahren verletzungsbedingter Pause. Der eigene Körper war bisher das einzige, was Bektic vom Durchbruch an die Spitze abgehalten hat.

Ab diesem Wochenende will er, endlich wieder fit, so richtig angreifen und für verlorene Zeit aufkommen: „Ich will Champion werden“, bringt er seine Pläne auf den Punkt. „Das ist mein Ziel, ich will der Beste werden. Ich will Champion werden und unbesiegt bleiben.“

„Ich will Anfang 2018 um den Titel kämpfen“

Russell Doane steht diesem Ziel in Manchester entgegen. Der Hawaiianer ist knapp eine Woche vor dem Kampfabend eingesprungen, nachdem sowohl Briten-Talent Arnold Allen, Bektics ursprünglich geplanter Gegner, als auch Ersatz Jeremy Kennedy absagten. Doane hat seine letzten drei Kämpfe verloren und wird in Manchester um seinen Job kämpfen. Bektic allerdings versucht, sich vom Chaos außerhalb des Käfigs abzuschotten und ganz auf sich selbst zu konzentrieren.

„Dieser Kampf wird das Beste in mir herausbringen. Ich werde zeigen, dass ich mich anpassen und Widerstände bezwingen kann: Die Verletzungen, die Gegnerwechsel. Die Leute können das Beste von mir erwarten, genau wie ich das von mir tue.“

Druck, als hoher Favorit das Pay-per-View-Programm zu eröffnen, eine Position, von der sich die UFC einen spannenden Kampf und jede Menge Leistung erwartet, spürt der 25-Jährige trotzdem nicht.

„Ich wusste, dass ich hier hingehöre, es hat einfach ein wenig gedauert. Jetzt bin ich hier. Ich spüre keinen Druck. Seht euch meinen letzten Kampf an, dann dürfte klar sein, warum sie die richtige Entscheidung getroffen haben.“

Dieser letzte Kampf war eine imposante Zerstörung von Lucas Martins. Seit diesem Auftritt im Mai 2015 stand Bektic nicht mehr im Käfig. Nicht optimal, für die kommenden Monate hat Bektic dafür umso ambitioniertere Pläne.

„2016 ist fast vorüber. Ich will nächstes Jahr in die Top Ten und dann Anfang 2018 um den Titel kämpfen.“ Eine Rocky-Story aus dem wahren Leben, falls er das schaffen sollte.