UFC News

Der Kanadische Psycho?

Rory MacDonald: Kanadas beste Hoffnung auf einen UFC-Titelgürtel? (Foto: Florian Sädler).

Die Frage hat sich eigentlich von Anfang an gestellt: Schon als Rory MacDonald vor sechs Jahren als ein Talent von vielen seine Zelte im Montrealer Tristar Gym aufschlug, wunderten sich die ersten, wie das Team um Georges St-Pierre, MacDonald und Headcoach Firas Zahabi die Möglichkeit eines Kampfes zwischen den beiden Top-Weltergewichten handhaben würde? Nun ist es ganz anders gekommen: St-Pierre ist abgetreten – anstatt ihn zu enttrohnen, gilt MacDonald als Kanadas größte Hoffnung darauf, den Titel zurück in den Norden zu holen.  

Gefährlich nahe kamen sich die Wege der beiden zum ersten Mal Ende 2013 bei UFC 167. Mit St-Pierre im Hauptkampf gegen Johny Hendricks und MacDonalds eigenem Duell gegen Robbie Lawler auf dem Programm hätten sie sich an jenem Abend in eine Position manövrieren können, die wenig Spielraum neben einem direkten Duell der beiden gelassen hätte.

Mit einem Sieg hätte MacDonald den sechsten Kampf in Folge gewonnen und wenige sinnige Gegner neben „GSP“ übrig gelassen. Die Spekulationen endeten schließlich im Octagon: Bevor St-Pierre haarscharf und übel gezeichnet gegen Hendricks gewann und sich schließlich in den Semi-Ruhestand verabschiedete, verlor MacDonald eine knappe Punktentscheidung gegen Lawler.

„Ich war für diesen Kampf nicht fokussiert genug“, gibt der heute 26-Jährige im Rückblick auf seine zweite Karriereniederlage zu. „Dafür kann ich ausschließlich mich selbst verantwortlich machen. Ich habe aus diesem Kampf aber eine Menge gelernt (…).“

Über drei Jahre nach seiner ersten Niederlage, einem Thriller gegen Carlos Condit, ging MacDonald mit diesem Rückschlag anders um – erwachsener, trifft es wahrscheinlich am besten. Während er Jahre brauchte, um den technischen Knockout kurz Ende des ultraknappen Kampfes gegen Condit – zu allem Überfluss vor heimischem Publikum in Vancouver – hinter sich zu lassen, konnte er den Lawler-Kampf recht schnell abhaken, und das aus einem einfachen Grund: Er war bei UFC 167 nicht mit dem üblichen Herzblut bei der Sache.

Hat er Lawler, der nach unsteten Zeiten bei Strikeforce und Co. gerade erst in die UFC zurückgekehrt war, vielleicht sogar unterschätzt? „Nein, ich wusste, dass es ein harter Kampf werden würde", erzählt er uns. "Ich hatte schlicht und einfach nicht die richtige mentale Einstellung. Er war der bessere Mann an diesem Abend – so läuft das eben.“

***

Einige wenige verlorene Schlagwechsel haben ihn an jenem Abend seine Chance auf einen Titelkampf gekostet – statt ihm war es später Lawler, der sich mit einem Sieg gegen Johny Hendricks zum Champion im Weltergewicht krönte.

Mit Hätte, Könnte, Wäre hält sich MacDonald aber nicht mehr auf, seit er den Flug von Vegas nach Montreal mit einer Niederlage im Gepäck antreten musste. Motivation war keine Frage mehr: „Dieser Abend war definitiv ein Wendepunkt – mein Fokus wurde dadurch wieder auf die richtigen Dinge gerückt und ich hatte wieder diesen inneren Antrieb, den ich irgendwie verloren hatte.“

„Für mich geht es seit diesem Kampf mehr um den Martial Arts-Aspekt des Sports als um das pure Kämpfen. Das war eine wichtige Lehre für mich und ich habe seitdem in jedem meiner Kämpfe davon profitiert.“

Der Erfolg zumindest gibt ihm Recht – Demian Maia, Tyron Woodley und Tarec Saffiedine unterlagen dem Kanadier, einer nach dem anderen, seit UFC 167. Bei UFC 189 schließlich, im Juli 2015, bekam der „Red King“ die Chance, seinem alten Bekannten Robbie Lawler den Weltergewichtsgürtel abzunehmen – und ihn zurück nach Montreal zu holen, wo er zwischen 2008 und 2013 im festen Griff von Georges St-Pierre verharrte.

An jenem Abend scheiterte MacDonald kurz vor Ende der fünften Runde am eigenen Körper, der ihm am Ende einer Schlacht gegen Lawler schlicht nicht mehr gehorchen wollte.

MacDonald mag die MGM Grand Garden Arena in Las Vegas nach UFC 189 zwar nicht mit dem Gürtel, sondern mit einer grotesk gebrochenen Nase verlassen haben, sein Kämpferherz und die Tatsache, dass er bis zum bitteren Ende auf den Punktrichterzetteln vorne gelegen hatte, lassen ihn aber auch weiterhin in Titelnähe verweilen.

Das und die nicht enden wollenden Gerüchte um eine Rückkehr St-Pierres halten auch die Frage am Leben, die MacDonald nach sechs Jahren im Tristar Gym schon längst nicht mehr hören kann – natürlich die nach einem Duell der beiden kanadischen Top-Kämpfer: „Das ist wirklich ein wenig nervig und meiner Meinung nach ist die Frage nach einem Kampf zwischen uns beiden so oder so einfach unnötig […]“, gibt MacDonald zu Protokoll.

„Georges hat aufgehört – wenn er zurückkommen und wieder kämpfen will, dann ist das sein gutes Recht. Ich glaube aber, dass jetzt meine Zeit gekommen ist, um diesen Titel zu halten [...]. Für mich ist das eine völlig sinnlose Diskussion.“

***

Viele andere Figuren der MMA-Szene, allen voran UFC-Präsident Dana White, halten nicht viel von der Einstellung, nicht gegen Trainingspartner kämpfen zu wollen.

Diesen Kritikern fehlt allerdings auch die Sicht aus MacDonalds Perspektive, für den St-Pierre als Mensch Teil seiner eigenen Geschichte ist – viel mehr als einfach ein weiterer Trainingspartner: „Als ich nach Montreal gezogen bin, hat Georges mich unter seine Fittiche genommen. Das ist etwas, was viele Leute nicht wissen. Ich habe aber nicht vergessen, was er für mich getan hat und ich werde ihm nicht in den Rücken fallen.“

Eine Einstellung, die so gar nicht zu MacDonalds Image des 'Kanadischen Psychos' passen will. Obwohl er sich hin und wieder an den Kommentaren und teils humorösen, teils schlicht gehässigen Seitenhieben stört – ändern wird er nichts, um sich bei den Fans ein anderes Image zu erarbeiten.

Warum aber ist in der Öffentlichkeit überhaupt dieses Bild von ihm entstanden? Wer sich mit MacDonald unterhält, dem steht ein etwas zurückhaltender, aber gleichzeitig freundlicher und subtil selbstbewusster junger Mann gegenüber. Im Internet dagegen werden Vermutungen angestellt, wann die ersten Leichen im Keller des Kanadiers gefunden werden.

„Ich verstehe schon, wo das herkommt“, wirft MacDonald in leicht angenervtem Ton ein. „Ich finde, es wäre schön, wenn die Leute einen einfach so akzeptieren würden, wie man ist. Für manche Leute komme ich vor meinen Kämpfen komisch rüber, wenn ich fokussiert bin. Und meine Kämpfe sind nun einmal für die meisten Fans die einzige Gelegenheit, mich zu sehen.

„Ich bin nicht wirklich extrovertiert in diesen Situationen oder versuche, für irgendjemanden eine Show abzuziehen. Ich lebe einfach den Moment und bin vollkommen ich selbst. Ich bin da wohl etwas anders gestrickt als viele andere Kämpfer.“

Sein Image lebt neben der meist zugegebenermaßen beunruhigend emotions- und bewegungslosen Körperhaltung in den Minuten vor seinen Kämpfen auch von Geschichten um seine Pläne für das Leben nach der MMA-Karriere.

„Wenn ich mit dem Kämpfen fertig bin, werde ich irgendwo in den Wald ziehen“, verrät uns der 26-Jährige, der in der kanadischen Provinz British Columbia in einer landschaftlichen Idylle zwischen Rocky Mountains, ausgedehnten Wäldern und den Weiten des Pazifiks aufgewachsen ist.

Der Umzug über mehr als dreieinhalbtausend Kilometer, von der kanadischen Westküste bis fast an den Atlantik im Osten des riesigen Landes war zugegebenermaßen eine harte Umstellung für MacDonald, als er mit 20 Jahren des Sports wegen nach Montreal zog.

Von der ruhigen Provinz in eine für ihr ausschweifendes Nachtleben bekannte Millionenmetropole zu ziehen, ist sicherlich nicht einfach – MacDonald fühlt sich noch immer nicht so richtig wohl in seinem neuen urbanen Umfeld und erwartet auch nicht, dass sich das jemals ändern wird: „Das Stadtleben ist einfach nichts für mich. Ich bin gerne draußen in der Natur, gehe Jagen und solche Sachen. Ich möchte nach meiner Karriere einfach weiter Spaß an meinem Leben haben, viel reisen und ein paar Orte für mich haben.“

Das alles passt natürlich perfekt in das krude Image des „Canadian Psycho“. Trotzdem: Was auch immer man von ihm halten mag, im Käfig ist aus dem „Waterboy“ zunächst „Ares“ und nun der „Red King“ geworden – aus dem wütenden Teenager ein erwachsener Mann mit laserscharfem Fokus, dessen Erfolge für sich sprechen.

„Ich will einfach als Kämpfer weiter wachsen, gute Kämpfe abliefern und ein Champion sein“ fasst er seine ganz und gar nicht merkwürdigen Pläne zusammen.

„Ich will die Gewichtsklasse auf jeden Fall dominieren, so wie Georges es vor mir getan hat. Das ist sicherlich nicht einfach – an die Erfolge von Leuten wie Georges oder Anderson (Silva) anzuschließen. Ich hoffe aber natürlich, dass ich irgendwann mit ihnen gleichziehen kann.“


Dieser Artikel erschien ursprünglich im GNP1-Magazin 3/15.