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Das Vermächtnis des Brock Lesnar

Brock Lesnar bei einem WWE-Auftritt. (Foto: Megan Elice Meadows)

Vom Showkämpfer zum echten Champion – das ist die beispiellose Erfolgsgeschichte von Brock Lesnar. Als er im Octagon der UFC kämpfte, war der Wrestling-Star genauso geliebt wie verhasst. Jeder wollte ihn sehen, und sei es nur, um live dabei zu sein, wie er regungslos auf dem Rücken liegt und die Lichter an der Hallendecke anstarrt. Am 30. Dezember 2011 trat der 37 Jahre alte US-Amerikaner nach einer Niederlage gegen Alistair Overeem zurück; am 24. März 2015 gab er bekannt, dass es endgültig dabei bleiben wird. Was ist von seinem Vermächtnis geblieben?

Mit dem Rücktritt von Brock Lesnar verlor die UFC ihr zweitmächtigstes Zugpferd. Nur der Kanadier Georges St-Pierre, ehemaliger Champion im Weltergewicht und mittlerweile ebenfalls zurückgetreten, brachte mehr Fans dazu, sich die Großveranstaltungen der UFC im Bezahlfernsehen (PPV) zu kaufen. Fünf Mal stand Lesnar im Hauptkampf, vier Mal knackte die Veranstaltung die Marke von einer Million PPV-Käufen. Man mag von ihm halten, was man will – die Zahlen lügen nicht. Der „Eindringling aus dem Profi-Wrestling" spülte der UFC Geld in die Kassen. Viel Geld. Die Besitzer hatten das vorausgesagt. Wieso sonst würden sie einen ehemaligen Showkämpfer von World Wrestling Entertainment nach nur einem Profikampf unter Vertrag nehmen? Die UFC hatte Lesnars Marktwert richtig eingeschätzt und enorm profitiert. Aber nicht nur sie.

Auch Lesnar verdiente ordentlich mit, dabei war er bei seinem MMA-Debüt bereits Multimillionär. Seine Karriere im Profi-Wrestling hatte ihn reich und berühmt gemacht. Warum also der Einstieg in den MMA-Sport? Weil ihm irgendjemand gesagt hat, er könne es dort zu nichts bringen. Seine größte Motivation schöpfte Lesnar stets aus Menschen, die ihm vorhalten, er könne etwas nicht erreichen. In seinem Leben musste er immer wieder gegen den Strom schwimmen. Doch Lesnar lernte früh, dass sich harte Arbeit irgendwann auszahlt.

Der Ringer wird ein Wrestler

Auf dem elterlichen Milchbauernhof in Webster, South Dakota entwickelte der junge Lesnar eine große Arbeitsmoral, die sich auf den Sport übertrug und ihn bis zum Ende seiner Karriere auszeichnete. Früh fing er mit dem Krafttraining an, stemmte aber nicht nur Hanteln, sondern auch Heuballen, Milchkübel und kleine Kälber. Im Ringertraining warf Lesnar seine Teamkameraden in hohem Bogen über die Matten. Obwohl er in seinem letzten Jahr auf der High School eine makellose Bilanz von 33-0 erkämpfte, wurde er von keiner der großen Ringer-Universitäten für ein Stipendium angeworben. Erst mit dem kleinen Bismarck State College in North Dakota fand sich eine Hochschule, die das 1,91 Meter große Kraftpaket aufnehmen wollte. Und es sollte sich bezahlt machen: Lesnar wurde NJCAA Champion.

Erst nach seinen dortigen Erfolgen bekam er ein Stipendium von der University of Minnesota, die für ihr starkes Ringerteam bekannt ist. 1999 holte Lesnar den zweiten Platz bei der NCAA-Meisterschaft, ein Jahr später wurde er sogar der NCAA-Landesmeister im Schwergewicht. Insgesamt errang er in vier Jahren eine Bilanz von 106-5. Nach seinem Abschluss im Jahr 2000 lockte ihn die World Wrestling Federation (WWF) mit einem lukrativen Vertrag.

Ein neuer Superstar

Ein charismatisches Auftreten und seine – trotz riesiger Muskelmasse – beeindruckende Athletik sorgten für einen raschen Aufstieg Lesnars in der WWF. In nur drei Jahren gewann er den „Royal Rumble", wurde „King Of The Ring" und dreimaliger WWF-Champion. Der Farmjunge aus der ländlichen Kleinstadt wurde reich und berühmt. Er kaufte sich mehrere Häuser, teure Autos, einen Privatjet und lebte das Leben eines Rockstars. Aber das Wrestling-Geschäft hatte auch seine dunklen Seiten.

Die Verletzungen häuften sich. Um seinen Platz an der Spitze nicht zu verlieren, verzichtete Lesnar auf Operationen und stieg jeden Abend unter großen Schmerzen in den Ring. Von Tabletten und Alkohol betäubt, verbrachte er jede Nacht in einem anderen Hotelzimmer in einer anderen Stadt, weit weg von zu Hause. Eines Tages entschied er sich dazu, die Notbremse zu ziehen. Er wollte nicht wie einige andere Profi-Wrestler mit 40 Jahren an einer Überdosis sterben. Die Scheinwelt des Wrestlings wurde ihm zunehmend zuwider. Der Familienmensch hatte auch die Reisestrapazen satt und wollte mehr Zeit mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter verbringen.

Also lehnte er im März 2004 ein millionenschweres Angebot ab und kündigte. Heute lebt er mit Frau und Kind zurückgezogen auf einer abgelegenen Ranch in Minneapolis, Minnesota und fährt einen alten Ford. In einer Scheune hat er sich ein Fitnessstudio eingerichtet, in dem er fast täglich Gewichte stemmt. Das Rockstarleben ist vorbei – hartes Training und seine Familie sind alles, was für ihn noch zählt.

Die ersten Schritte im MMA-Sport

Nach einem misslungenen Einstieg in die NFL und einem kurzen Abstecher zu New Japan Pro Wrestling gab Lesnar 2006 seine Pläne bekannt, künftig im MMA-Sport antreten zu wollen. Er möchte endlich das machen, was er am Besten kann: Kämpfen. Ein Camp war schnell gefunden: die nahe gelegene Minnesota Martial Arts Academy bereitete das 120-Kilo-Monster auf seinen ersten Kampf vor, der am 2. Juni 2007 bei K-1 Dynamite!! USA stattfand. Lesnar benötigte 68 Sekunden, um den koreanischen Judo-Olympioniken Min Soo Kim mit seinem Ground and Pound zur Aufgabe zu bringen.

Nächster Halt: die UFC. Lesnar wollte keine Zeit in kleineren Organisationen verschwenden, sondern gleich hoch hinaus. UFC-Präsident Dana White erkannte den enormen Marktwert Lesnars und nahm ihn bereitwillig auf – mit der Warnung, dass er ihn nicht mit Fallobst abspeisen werde. Am 2. Februar 2008 debütierte Lesnar gegen den ehemaligen Schwergewichtschampion Frank Mir. Nach einem Anfängerfehler fand er sich schnell in einem Kniestreckhebel wieder. Lesnar musste aufgeben und verlor den Kampf.

Das Potential, das Lesnar bei UFC 81 gezeigt hatte, genügte, um ihn ein halbes Jahr später am 7. August in ein Duell mit Heath Herring zu stecken. Nach der Niederlage gegen Mir glaubten nicht viele an einen Sieg von Lesnar. Doch schon seine erste Aktion im Kampf gab die Richtung vor: Lesnar täuschte ein Takedown an und feuerte Herring seine XXXL-Faust ins Gesicht. Der PRIDE-Veteran schlug einen Purzelbaum rückwärts durch das halbe Octagon. Die restlichen 14 Minuten kassierte Herring eine Tracht Prügel. Dieser klare Punktsieg bei UFC 87 brachte Lesnar dennoch kaum neuen Respekt bei den alteingesessenen Beobachtern ein.

Der Weg zum Titel

Im September schlug Lesnars große Stunde. Randy Couture, Mitglied der UFC Hall of Fame und fünffacher Champion, kehrte nach monatelangen Vertragsstreitigkeiten wieder zurück. Antonio Rodrigo Nogueira und Frank Mir hatten gerade erst „The Ultimate Fighter 8" abgedreht und sollten kurz vor Silvester um Nogueiras Interimstitel kämpfen. Diese Begegnung wollte die UFC nicht einfach platzen lassen, aber Couture wollte auch nicht bis Frühjahr 2009 warten, um seinen Schwergewichtstitel mit dem Sieger dieses Kampfes zu vereinigen. Aus der Not heraus wurde Lesnar zum neuen Herausforderer gemacht. Eine Entscheidung, die den eingefleischten MMA-Fans sauer aufstieß, da sich Lesnar diese Chance aus sportlicher Sicht noch nicht verdient hatte. Geschäftlich war es ein sinnvoller Entschluss, denn Lesnar brachte aus seinen Wrestlingtagen viele neue Zuschauer mit und würde den Titelkampf gut vermarkten können.

Am 15. November 2008 standen sie sich bei UFC 91 gegenüber: die beliebte UFC-Legende Randy Couture und der verhasste Eindringling aus dem Profi-Wrestling. Wer würde sich durchsetzen? Coutures Erfahrung und intelligente Kampfweise oder Lesnars Urgewalt? In der ersten Runde hielt Couture noch gut mit dem jüngeren Herausforderer mit, aber im zweiten Durchgang erwischte ihn Lesnar mit seiner monströsen Rechten. Couture faltete in sich zusammen und wusste sich auf dem Boden nicht mehr gegen die nachfolgenden Hammerschläge Lesnars zu verteidigen. Die Schwergewichtsklasse hatte einen neuen Champion.

Bei der geschichtsträchtigen UFC 100 kam es am 11. Juli 2009 zum Rückkampf gegen Frank Mir. Diesmal nagelte Lesnar seinen Erzrivalen auf der Matte fest und erzwang in der zweiten Runde mit einer Serie von kurzen Schlägen den technischen Knock-out.

Kampf gegen Divertikulitis

Als nächstes sollte Lesnar seinen Titel gegen den damals unbesiegten Shane Carwin verteidigen. Dazu sollte es erst ein Jahr später kommen. Lesnar litt an einer schweren Erkrankung, die erst sehr spät diagnostiziert wurde: Er hatte schätzungsweise ein Jahr lang Divertikulitis, ohne es gemerkt zu haben. Die Ärzte meinten, dass Lesnar aufgrund der Krankheit nur 60% seiner tatsächlichen Leistungsfähigkeit abrufen konnte. Divertikulitis ist eine unter Umständen sogar lebensgefährliche Krankheit, die den Dickdarm befällt und dafür sorgt, dass Darminhalte in den Bauchraum fließen, was zu immens großen Schmerzen führt und zudem das Immunsystem schwächt. Am 16. November 2009 wurde Lesnar erfolgreich operiert.

Rückkehr und Rückfall

Ein Jahr nach seinem Sieg über Frank Mir kehrte Lesnar zurück, um den Kampf gegen Carwin nachzuholen. Es war die denkwürdigste Leistung seiner Karriere. Carwin schlug ihn am 3. Juli 2010 bei UFC 116 schnell nieder und setzte mit heftigem Ground and Pound nach. Lesnar schützte sich so gut es ging und Carwin schlug sich müde. Zu Beginn der zweiten Runde konnte sich Carwin kaum noch auf den Beinen halten. Nun war es Lesnar ein Leichtes, ihn zu Boden zu bringen und kurz darauf mit einem Arm Triangle Choke zur Aufgabe zu zwingen. Der Champion hatte sich eindrucksvoll zurückgemeldet. Drei Monate später verlor er seinen Titel jedoch an den aufstrebenden Cain Velasquez, welcher ihm in der ersten Runde so sehr zusetzte, dass der Ringrichter den Kampf beenden musste.

Als nächstes trainierte Lesnar bei der dreizehnten Staffel von „The Ultimate Fighter" ein Team hoffnungsvoller Talente, das den Sprung in die UFC schaffen wollte. Sein Gegenüber war Junior Dos Santos. Am Ende der Staffel sollten sie gegeneinander kämpfen, doch Lesnar erlitt im Mai 2011 einen Rückfall. In einer Operation entfernten ihm die Ärzte ein 30 Zentimeter langes Stück seines Darms. Wenige Wochen später sprach Lesnar von einem „medizinischen Wunder", als er seine vollständige Genesung verkündete. Die Ärzte fanden keinerlei Anzeichen der Krankheit mehr im Körper des massiven Ringers. Während seiner Krankheit verlor Lesnar 18 Kilogramm.

Am 30. Dezember 2012 feierte Lesnar sein zweites Comeback, nachdem er seine Krankheit erneut besiegt hatte. Gegen den Niederländer Alistair Overeem war Lesnar genauso chancenlos wie gegen Velasquez. Ein Tritt in die Bauchgegend, Lesnars neue Achillesferse, läutete das Ende ein. Lesnar unterlag zum zweiten Mal in Folge durch technischen Knock-out.

Der Abschied

Der Mann, der gegen Overeem kämpfte, war nicht der Güterzug von einst, sondern eine Bummelbahn. Auch als er direkt nach dem Kampf interviewt wurde, wirkte er nicht wie der „echte" Lesnar – mit breiter Brust und einem selbstgefälligen Grinsen im Gesicht. Aber vielleicht war ja dieser bescheiden auftretende Mensch der „echte" Lesnar, und nicht die arrogante und großmäulige Persönlichkeit, die er aus Vermarktungszwecken erschaffen hat – die von den Fans sowohl geliebt als auch gehasst wurde.

„Die letzten Jahre waren sehr hart, vor allem wegen der Krankheit", sagte Lesnar mit zittriger Stimme. „Ich mache es offiziell: Heute habt ihr mich zum letzten Mal im Octagon gesehen."

Bereits vier Monate später gab Lesnar sein Comeback. Allerdings nicht im Octagon der UFC, sondern im Ring von WWE. Seitdem tritt er in unregelmäßigen Abständen bei TV- und PPV-Veranstaltungen auf. Lesnar präsentierte sich körperlich wieder in Topform. Dies rief UFC-Präsident Dana White auf den Plan und er fädelte mehrere Geheimtreffen mit Lesnar ein, um ihn zu einer Rückkehr in die UFC zu bewegen. Zuletzt zeigten sich die beiden sogar öffentlich im Rahmen von UFC 184.

Lesnar begab sich im vergangenen Jahr sogar ins Trainingslager, um zu sehen, ob er für eine Rückkehr in die UFC bereit ist. Anscheinend war er es nicht, denn er fühlte sich zwar körperlich topfit, aber mental habe ihm etwas gefehlt. Kurz darauf machte WWE ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte. Am 24. März 2015 verriet er in einer amerikanischen Sportsendung, dass er seinen Vertrag bei WWE verlängern und nicht in die UFC zurückkehren werde – nie mehr. Denn wenn dieser Vertrag ausgelaufen ist, ist er zu alt, um sich ernsthaft mit dem MMA-Sport zu beschäftigen. Damit verliert die UFC endgültig eines der größten Zugpferde in ihrer Geschichte.