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Anderson Silva über Rassismus, Homosexualität und Ballett

Anderson Silva (Foto: Tobias Bunnnenberg/Groundandpound.de)

Das brasilianische Lifestyle-Magazin Trip hatte vor einigen Monaten die Gelegenheit, MMA-Superstar Anderson Silva zu interviewen. Dabei wurden nicht wie so häufig frühere oder anstehende Kämpfe thematisiert. Viel mehr lag der Fokus auf Silvas Vergangenheit und seinen Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung.

Anderson Silva wuchs in Curitiba bei seiner Tante und seinem Onkel auf. In der größtenteils von Weißen bevölkerten Stadt hatte es der heute 39-Jährige nicht immer leicht. Silva, der sich damals seine Brötchen in einem McDonald’s Restaurant verdiente, erinnerte sich in dem Interview unter anderem an einen Kunden, der von Silva wegen dessen Hautfarbe nicht bedient werden wollte. Auch hatte er damals eine weiße Freundin, deren Vater ihm den Zutritt ins Haus verweigerte und die Beziehung sabotierte.

Die Website Fightland hat Teile des Interviews aus dem Portugiesischen übersetzt, die wir euch nicht vorenthalten wollen:

Auf die Frage, ob Rassismus in den USA oder in Brasilien schlimmer sei:
„Rassismus ist überall auf dem Planeten schlecht. Es ist in den USA noch etwas stärker ausgeprägt als in Brasilien. Ich hatte in Los Angeles noch nie ein Problem mit Rassismus. Ich denke, dass sich die Dinge ändern. Die Leute lernen, dass vor Gott jeder gleich ist, unabhängig von ihrer Farbe, ihrer Rasse. Ich würde sagen, dass Kämpfen in der Natur des Menschen liegt und die Hautfarbe nur ein Vorwand ist, um diesen Irrsinn freizusetzen. Diese Rassismus-Sache interessiert mich sehr. Wir leben in einer Zeit, in der Rassismus nicht in die Welt passt.“

Über den Anfang seiner Kampfsportkarriere als junger, armer, schwarzer Mann:
„Meine Tante und mein Onkel haben mir beigebracht, stets mit erhobenem Haupt zu kommen und zu gehen. In jeder Schule, die ich besucht habe, wurde ich wegen der Zuhause gelernten Disziplin und Bildung gerne gesehen. Als ich mit dem Taekwondo angefangen habe, gab es viele Koreaner und Weiße im Gym. Ich war wohl der einzige Schwarze. Ich habe das Gym geputzt und durfte kostenlos trainieren. Ich habe nie Vorurteile in der Akademie zu spüren bekommen. Ich war immer gerne gesehen. Ich wurde immer respektiert. Ich habe noch heute gute Freunde aus dem Gym damals. Im Sport musst du lernen, mit verschiedenen Meinungen, Rassen und Bevölkerungsschichten klarzukommen. Jeder ist gleich.“

Über Begegnungen mit der Polizei als junger Mann in Curitiba:
„Es gab ein paar. Ich kam gerade mit Freunden vom Training, habe noch eine Runde im Einkaufscenter gemacht und war dann an der Bushaltestelle, in Shorts, Sandalen und mit einem Rucksack. Ein Polizeiauto hielt an. Ein Militärpolizist stieg aus, kam zu mir und fragte mich, wo ich her käme. Ich sagte, dass ich im Einkaufscenter war. „Was meinst du mit Einkaufscenter“, fragte er mich. Er hätte auch die anderen Jungs fragen können, aber er hat nur mich gefragt. Ich war der einzige Schwarze.[…] Er war etwas unhöflich, aber ich habe da nicht so drauf geachtet.“

Über Demonstrationen gegen Polizeigewalt:
„Es macht keinen Sinn zu protestieren, wenn man dann für die Weltmeisterschaft eine Auszeit nimmt und danach alles wieder gut ist. Wir befinden uns in einem Zeitalter, in der wir Dinge verändern können. Es ist wichtig, dass die Leute das Bewusstsein haben, ihre Rechte anwenden zu können, ohne Gewalt und Aggression zu demonstrieren, Ziele zu haben. Es erscheint schwach, wenn Leute zu Opfern werden, dann ein Rummel in den Medien entsteht und es danach keinen mehr interessiert. Andere Fälle von Gewalt und Rassismus werden einfach übersehen. Ich denke es ist für die Menschen wichtiger, einen Schritt zurückzugehen und zu beobachten, wie sehr man das Land, die Gesetze verändern kann - in was für einem besseren Land wir leben könnten.“

Über eine eigene Tanzgruppe:
„Meine Brüder hatten eine Jackson 5 (Cover-)Gruppe. Meine Freunde und ich haben ihnen immer beim Training zugeschaut. Dann haben wir uns entschieden, unsere eigene Tanzgruppe zu gründen. Wir haben uns in der Garage zu Hause getroffen und Choreographien einstudiert. Dann sind wir auf Partys gegangen und haben abgetanzt.“

Über seine Zeit als Ballett-Tänzer:
„Ich war ein Ballett-Tänzer. Jetzt nicht mehr. Was das nur für eine Phase war… Anfangs habe ich es nicht gemocht. Es war eine Strafe. Keiner meiner Freunde hat es gemacht. Ich als Ballett-Tänzer? Hallo? Das war nicht wirklich cool. Meine Freunde sagten Dinge wie „Ah, kleines Mädchen, kleine Lady“.
Dazu dann noch meine hohe Stimme – ich wurde häufig schikaniert deswegen.
Aber ich habe angefangen, Ballett zu mögen. Meine Tante hat mich obendrein in einer Stepptanzgruppe angemeldet. Ich bin ihr sehr dankbar dafür, weil mir das beim Kämpfen sehr geholfen hat. Evander Holyfield hat auch Ballett gemacht.
Wenn du Ballett machen willst, mach Ballett. Wenn du fechten willst, dann fechte. Wenn du schwul sein willst, sei schwul. Das ist alles okay. Wenn du die Angelegenheiten anderer respektierst, respektieren sie deine.“

Über Vorurteile gegenüber Homosexuellen im MMA:
„Ich denke nicht, dass es Vorurteile gibt. Es gibt aber sicher viele Homosexuelle im MMA. Es gibt viele, die sich noch nicht geoutet haben. Heutzutage ist es so unsinnig, seine Gefühle nicht zum Ausdruck zu bringen. 
Du musst dein Leben in Frieden leben und das geht niemanden etwas an.
Ich würde mit einem schwulen Mann trainieren. Solange er mich respektiert, ist alles gut. Ich mache mir da nichts draus. Der Fakt, dass der Kerl schwul ist, heißt ja nicht, dass er dich belästigen wird. Er kann schwul sein, eine Beziehung haben und trotzdem unter heterosexuellen Männern leben. Er kann in seinem Privatleben machen was er will.“

Über Eitelkeit und Schikane im Gym:
„Sie ziehen mich auf. Manchmal denken Leute, dass ich schwul bin. Viele haben mich bereits gefragt, ob ich schwul bin. Ich antworte: „Meines Wissens nach nicht. Aber ich bin noch jung. Vielleicht finde ich in der Zukunft ja heraus, dass ich schwul bin.“
Ich passe gut auf meine Dinge auf, packe alles in eine Tasche, benutze Seife, creme mich nach dem Training ein. Die Leute finden das komisch. Jedem das seine. Das bedeutet ja nicht, dass man mehr oder weniger Mann, mehr oder weniger schwul ist.“