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Was lange währt wird gut

Haben 14 Monate Auszeit einen Rashad Evans 2.0 geschaffen? Fotos by Josh Hedges/Zuffa LLC.

70.000 Dollar für den besten Kampf des Abends verliehen Dana White und seine Zuffa-Kollegen den beiden UFC 133-Hauptkämpfern Rashad Evans und Tito Ortiz. Es war in der Tat ein sehenswerter Kampf und vor allem ein spektakulärer Auftritt von Evans, der zum ersten Mal seit vierzehn Monaten im Octagon stand. Ringrost? Keine Spur. Eher die Geburt von Rashad Evans 2.0.

“Die 14-monatige Auszeit hat mir sowohl mental als auch körperlich enorm geholfen”, erklärte der neue Pflichtherausforderer auf Jone Jones‘ UFC-Halbschwergewichtstitel auf der UFC 133-Abschlusspressekonferenz. „Ich hatte durch das ganze Durcheinander im Vorfeld des Kampfes und die lange Pause zwei Trainings-Camps hintereinander. Das hat sich heute ausgezahlt.“

Tatsächlich wirkte Evans Samstagnacht besser denn je, paarte seine gewohnt komplexe Beinarbeit und akkuraten Schläge mit dominantem Ringen, gnadenloser Bodenkontrolle und methodischer Aggression. „Viele haben Rashad früher dafür kritisiert, immer nur dasselbe zu machen“, so UFC-Präsident Dana White. „Die Gegner immer an den Käfig zu drücken und dort zu kontrollieren. Das war heute definitiv nicht der Fall. Was wir heute gesehen haben, war ein toller MMA-Fight auf allen Ebenen.“

White, einer der größten Kritiker von Evans’ zum Teil selbst verschuldeter langer Auszeit, zeigte sich hocherfreut über die Fortschritte des The Ultimate Fighter 2-Gewinners. „Ich warne ständig vor den Gefahren von Ringrost, aber Rashad hat meine Theorie heute ziemlich über den Haufen geworfen“, scherzte er. „Wenn das ein eingerosteter Rashad war, dann möchte ich ihn nicht sehen, wenn er den Rost abgeschüttelt hat. […] Er sah heute fantastisch aus.“

Nachdem Evans im Mai vergangenen Jahres einen Punktsieg über seinen TUF 10-Erzrivalen Quinton Jackson eingefahren hatte, stand er kurz davor, erneut um den UFC-Gürtel zu kämpfen, den ihm Lyoto Machida ein Jahr zuvor abgenommen hatte. Doch eine Knieverletzung des Champions Mauricio Rua machte einen baldigen Titelkampf unmöglich. Evans stand vor der Entscheidung: aktiv bleiben, kämpfen – und eventuell den Status als Pflichtherausforderer verlieren oder abwarten. Er entschied sich zu warten und erntete die Kritik von Fans, Medien und nicht zuletzt von Dana White.

Es war eine folgenschwere Entscheidung für Evans, der sich während der Warterei auf Rua selbst eine Knieverletzung zuzog und so seinen sicher geglaubten Titelkampf durch die Hände rinnen sah. Ausgerechnet Teamkollege Jon Jones sicherte sich seinen Platz und schnappte sich den Gürtel im März dieses Jahres in dominanter Manier. Zwei Freunde und Trainingspartner waren nun urplötzlich Gegner: Champion Jones und Herausforderer Evans.

„Manchmal stellen sich Rückschläge im Nachhinein als Segen heraus“, so Evans, der nach der Bekanntgabe des Duells gegen Jones sein angestammtes Team Jackson's Submission Fighting im Groll verließ und sich eine neue Heimat suchte. Er fand sie in Florida, bei Team Imperial Athletics um Cheftrainer Mike van Arsdale.

„Wir haben dieses Team nicht nur zum Trainieren gegründet“, so Evans. „Wir sind Freunde, wir kommen fast alle aus anderen Teams in denen wir unzufrieden waren – das verbindet uns.“

Der Wechsel scheint Evans nicht geschadet zu haben. Schon im Vorfeld des Kampfes gegen Ortiz wurden Stimmen laut, die über enorme Physis des „neuen“ Rashad nur staunen konnten.

Neu und verbessert? Rashad Evans wirkte dominant gegen Tito Ortiz.„Das neue Team hat (für meine Entwicklung) eine sehr große Rolle gespielt“, so Evans, der offenbar auch persönlich gereift ist: „Ich habe früher nicht das Leben eines Kämpfers geführt. Heute tue ich das und das macht sich bemerkbar.“

Aufgund einer Handverletzung von Jones musste sich Evans noch länger bis zu seinem Titelkampf gedulden. Er stellte sich stattdessen Ersatzmann Ortiz und ist nun wieder dort, wo er im Mai letzten Jahres aufgehört hatte: einen Schritt davon entfernt, sich zum zweiten Mal den Halbschwergewichtstitel der UFC zu sichern. Der wird im September bei UFC 135 zwischen Champion Jones und Herausforderer Quinton Jackson ausgekämpft. Jones gilt als großer Favorit, doch sollte laut Evans nicht zu selbstsicher in den Kampf gehen.

„Rampage mag sich mittlerweile vielleicht wie Frankenstein bewegen, aber wenn er Jones erwischt, gehen die Lichter aus“, prophezeite Evans und fügte scherzhaft hinzu: „Rampage kann sich gerne bei unserem Team auf den Kampf vorbereiten.“

Ein Rückkampf gegen Jackson um den Titel würde Evans weniger reizen als der lang aufgeschobene Kampf gegen seinen früheren Teamkollegen Jones. Ein Kampf, der so viel in seinem Leben verändert hat, noch bevor er überhaupt ausgetragen wurde.

“Ich wäre gerne der Erste, der Jones besiegt und ihm eine gehörige Lektion erteilt“, so Evans. „Ihr haltet mich für eingebildet? Er ist es wirklich. Ich kenne seine Schwächen und er kennt meine – es wird spannend zu sehen, wer sie am besten ausmerzen kann.“

Der Rashad Evans von heute scheint definitiv einige seiner alten Schwächen ausgemerzt zu haben. Es ist ein Rashad 2.0, der in vierzehn Monaten nicht stehengeblieben sondern gereift ist. Eine erneute derartige Pause käme für ihn dennoch nicht in Frage:

„Sollte sich der Champion verletzen würde ich nicht noch einmal ausharren und auf meine Chance warten“, erklärte der Pflichtherausforderer. „Ich bin jetzt 31 Jahre alt und will noch einiges erreichen. […] Dana (White) hat immer zu mir gesagt: ‚Wenn du der Beste werden sein willst, musst du sowieso jeden schlagen können‘ und damit hat er recht. Es ist egal, in welcher Reihenfolge man mir die Gegner vorsetzt, ich hau‘ sie alle um.“

Vielleicht war Rashad Evans aufgrund von Aussagen wie dieser noch nie der große Publikumsliebling, doch der Erfolg gibt ihm Recht. Die Buhrufe der Zuschauer mögen die Suppe da nicht so recht zu versalzen.

„Ich habe mir schon überlegt, eine T-Shirt anzuziehen, mit dem Aufdruck: ‚Buht, wenn ihr mich gut findet‘. Ich schätze dann würden die Buhrufe abrupt aufhören“, scherzte Evans, der sich seiner Rolle als Bösewicht durchaus bewusst ist. „Irgendwer muss ja den Schurken spielen. Mir ist das egal, solange die Leute Eintritt bezahlen um mich zu sehen.“

UFC-Präsident Dana White brachte es folgendermaßen auf den Punkt: “Man muss Rashad Evans nicht mögen, aber wir sind langsam an einem Punkt angekommen, an dem man ihn definitiv respektieren muss.”

Gib Obacht, Jonny Bones, Rashad 2.0 ist dir auf den Fersen.