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Khalid Tahas Wunsch-Gegner im Rizin-Finale? Jackie Chan

Will hoch hinaus: Khalid Taha (Foto: FotoSeven Sport).

Zum ersten Mal überhaupt hat Khalid Taha es vergangenen Monat geschafft, ohne bösen Blick zum Ring zu laufen. Oben auf der Rampe stehend, vor ihm die Saitama Super Arena, der Ring in der Mitte und tausende Zuschauer drumherum. Der junge Dortmunder hat eigentlich allen Grund, nervös zu sein. Stattdessen nimmt er sich der größten Chance seiner jungen Karriere mit einem Lächeln im Gesicht an.

30. Juli, Rizin FF Bantamgewichts-Grand Prix, die Eröffnungsrunde. Keine fünf Minuten dauert der Kampf, bis Keita Ishibashi schwer atmend auf dem Rücken liegend wieder zu sich kommt, während Taha sich in der geschichtsträchtigen Arena am Rande Tokios auf den Ringseilen feiern lässt, die schon für Legenden wie Fedor Emelianenko, Wanderlei Silva oder Mirko Cro Cop hergehalten haben.

Acht Tage vorher. Zusammen mit Grappling-Coach Jonathan Brinkhaus ist Taha ins Land der aufgehenden Sonne geflogen, um Jetlag vorzubeugen und sich an die unbekannte Umgebung zu gewöhnen. Der Jetlag kam nie wirklich, sagt Taha, trotzdem ist er im Rückblick froh, sich im gemieteten Apartment auf Land und Leute eingestellt zu haben, anstatt erst kurz vor dem Kampf anzureisen und lediglich im Kämpfer-Hotel auf seinen Auftritt zu warten.

„Wir haben einen Direktflug gehabt, Gott sei Dank, allerdings war es trotzdem schon sehr, sehr lange“, erzählt Taha im Rückblick auf die mehr als 9000 Kilometer lange Reise nach Japan. „Zum Flughafen fahren, fliegen… Du warst mit Sicherheit 16, 17 Stunden unterwegs.“

Einmal angekommen, machten Taha, Brinkhaus und der später eingeflogene Lom-Ali Eskijew das Beste aus ihrer Zeit im fremden Land.

„Wir sind echt viel rumgelaufen, wir sind in den Zoo gegangen und alles Mögliche, weil wir halt nicht einfach nur im Hotel da rumliegen wollten und trainieren und fertig. Wir haben trainiert, sind unterwegs gewesen, haben uns alles angeschaut und die Kultur war genau wie erwartet. Alles total freundliche Menschen, total angenehm, sehr, sehr hilfsbereit. Und alles war sehr sauber und diszipliniert. Da läuft alles wirklich nach Plan.“

Organisiert und durchgeplant war nicht nur Tokio, sondern auch der Ablauf bei Rizin. Zwischen Presseterminen und Weight-Cut hatte Taha trotz immenser Bühne bis zum Kampf am Samstag kaum Zeit, nervöser zu werden als sonst. Sobald er in der Arena stand, die für Pride und die UFC Ort zahlloser historischer Schlachten war, fühlte Taha sich angekommen statt eingeschüchtert.

„Ehe ich mich versehen konnte, war ich auf einmal schon dran. Ich dachte nur: wow! Auf einmal steh ich hier. Die ganzen Monate, die ganze Vorbereitung, der Weight-Cut – jetzt musst du nur noch kämpfen und danach ist alles vorbei. Da habe ich mir gedacht ‚Alles klar: da reingehen, das tun, was du immer tust‘. Ja, und dann hat’s ja auch geklappt.“

Das kann man so sagen. Zwar gelang Keita Ishibashi gleich zu Beginn ein Takedown und konnte der Submission-Experte den Dortmunder in einige brenzlige Situationen bringen, Taha blieb jedoch ruhig und ließ zurück auf den Beinen die Hölle über seinen Gegner hereinbrechen.

„Gott sei Dank haben wir das sehr, sehr gut trainiert“, erzählt der 25-Jährige über die heikle Anfangsphase auf der Matte.  „Ich bin von links nach rechts geswitcht, habe da den Arm kontrolliert und da auf die Beine geachtet. Und ich habe halt gemerkt, er hat drei Mal den Rear Naked Choke angesetzt, ist aber nie richtig unter mein Kinn gekommen. Ich habe gemerkt, dem geht wirklich die Power aus. Ich dachte nur: Na warte, wenn ich hochkomme (lacht).“

„20 Sekunden vor Schluss ging es dann nochmal nach oben, dann aber schnell wieder nach unten (lacht). Ich habe gedacht, die letzten Sekunden lässt du nochmal alles raus.“

Mit einer knackigen Kombination schickte Taha seinen Gegner auf die Bretter, unten machte er schließlich mit mehreren harten Kniestößen und Folgeschlägen den Sack zu: Knockout nach 4:52 in Runde eins.

„Ich habe halt die Rizin-Regeln voll ausgenutzt und mit meinem Knie gearbeitet. Und das dritte hat ihn echt auf den Rücken gelegt.“

Der Japan-Trip war für Taha die erste Gelegenheit, die japanischen Regeln – Soccerkicks, Stomps und Knie am Boden sind erlaubt – im Kampf anzuwenden. Umfassend trainieren konnte er die gefährlichen Techniken nicht – „Wie viele Knie und Soccer Kicks kannst du deinen Trainingspartnern schon geben?“ –, instinktiv und nach einigen lockeren Sparrings-Probeläufen mit Kopfschutz und Schienbeinschonern ist Taha mit dem freien Regelwerk aber gut zurechtgekommen. Und kann es kaum abwarten, wieder unter Rizin-Regeln in die Schlacht zu ziehen.

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Der nächste Schritt für den „Warrior“: drei Kämpfe in drei Tagen, wenn alles glatt läuft. Am 29. Dezember steigt in Saitama die zweite Runde des Bantamgewichts-Grand-Prix, am 31. das Halbfinale und Finale. Und obwohl dank einer Neuauslosung bisher nichts als das Datum seines ersten Kampfes feststeht, hat der Dortmunder sehr konkrete Pläne für die letzten Tage des Jahres.

„Mein Wunsch wäre, ich würde [Kyoji Horiguchi] im Finale treffen“, so Taha über den ehemaligen UFC-Titelherausforderer, der auch zum Turnierfeld gehört und seinen Viertelfinal-Kampf im Juli ebenfalls durch K.o. gewinnen konnte. „Dann würde ich der ganzen Welt zeigen, dass ich ebenfalls zu den besten Kämpfern der Welt gehöre.“

Sollte der Kampf stattfinden, entweder am 29. Dezember oder zwei Tage später, muss Taha allerdings erst einmal sich selbst dazu zwingen, den Sieg mehr zu wollen als Horiguchis Autogramm.

„Ich glaube, ich wäre sein Fan, wenn er nicht eventuell mein Gegner wäre“, lacht Taha. „Ich mag ihn als Typen einfach sehr, der erinnert mich ein bisschen an Jackie Chan. Der ist total freundlich, total höflich, er lächelt ständig und ist bescheiden. Sobald es aber in den Käfig oder Ring geht, merkt man richtig, wie er in einen neuen Modus wechselt, sein Ding durchzieht, die Leute einfach total auseinandernimmt, und danach ist er wieder der Alte. Und das finde ich einfach total toll.“

Toll findet Taha auch das Resümee des schlagstarken, beweglichen Japaners, der mit seinem dynamisch-effektiven Kampfstil zwischen 2013 und 2016 in der UFC äußerst erfolgreich war. Lediglich Fliegengewichts-Champion Demetrious Johnson musste Horiguchi sich bei UFC 186 im April 2015 geschlagen geben.

„Der ist eine Hausnummer“, erkennt Taha an. „Ein weltbekannter Kämpfer, der selbst in der UFC die Leute ausgeknockt hat. Er hat eine Bomben-Bilanz und einen super Status. Ich bin mehr als gespannt zu sehen, wo ich auf der ganzen Welt dann auch wirklich stehe.“

Trotzdem und mit allem Spaß beiseite: Wenn er wieder in Saitama im Ring steht, zählt für Khalid Taha nur noch eins: „Im Endeffekt, mein Ziel ist es, den Gürtel mit nach Deutschland zu bringen.“
Falls er 2018 tatsächlich mit einem der prestigeträchtigsten Titel des Sports in seinem Besitz beginnt, dürften dem Dortmunder im kommenden Jahr viele Türen offenstehen.

„Ich stehe dann da mit einer 14-0-Bilanz, und da sind einige Finishes gegen sehr, sehr gute Leute dabei gewesen. Ich glaube, da haben wir schon eine ziemlich gute Verhandlungsposition.“
Wo es nach dem Japan-Grand Prix weitergeht? Soweit denkt Taha erst einmal nicht.

„Ich weiß es nicht, aber ich denke, dass wir dann wirklich mit Rizin und der UFC verhandeln würden, aber das ist eine Frage, die mein Manager beantworten müsste. Soweit plane ich aber erstmal nicht im Voraus. Wenn alles gut läuft, habe ich jetzt erstmal drei Kämpfe in drei Tagen, damit habe ich noch ein bisschen zu tun.“

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„Ich möchte mich vor allem auch gerne bei meinen Sponsoren bedanken: Cuidado Dortmund, Sascha Thebelt von der Gevas in Aschaffenburg für diesen Fight, Bad Boy und Dr. Katmer, mein Arzt, der vorher dafür sorgt, dass ich fit bin und danach meine Verletzungen behandelt.“