MMA Restliche Welt

GSPs Verletzung und das Weltergewicht

Was die Auszeit des Champions für die UFC und die Fans bedeutet. (Bild: Sodahead.com)

Die Nachricht schlug in der MMA-Welt ein wie eine Bombe: George St. Pierre, der seit über drei Jahren ungeschlagene Weltergewichtschampion der UFC, muss seinen Kampf gegen Herausforderer Nick Diaz absagen und scheidet auf Grund einer Knieverletzung für beinahe das ganze Jahr 2012 aus. Für die UFC ist das eine mittlere Katastrophe, für die Fans hingegen ein versteckter Segen.

Zunächst zu den geschäftlichen Implikationen des Vorfalls: Die unglaubliche Serie von verletzungsbedingten Kampfabsagen setzt sich damit fort und die finanziell zuletzt eher bescheidenen Ergebnisse der UFC drohen sich ins kommende Jahr zu verlängern, nachdem einer der hochkarätigsten und die PPV-Verkaufszahlen traditionell am stärksten treibenden Athleten der Liga ausgefallen ist.

Immerhin haben Dana White & Co die richtige Entscheidung getroffen, für die Zwischenzeit einen Interimstitel im Weltergewicht zu vergeben. Dies bedeutet zum einen für die Eventwerbung, dass das nun ersatzweise angesetzte Duell von Nick Diaz und Carlos Condit bei UFC 143 weiterhin als Titelkampf vermarktet werden kann. Zum anderen und vor allem bedeutet es aber, dass das Geschehen an der Spitze des Weltergewichts nicht droht, schal oder uninteressant zu werden.

Bis zu GSPs Rückkehr Ende 2012 dürfte Zeit für insgesamt zwei Interimstitelkämpfe sein, und auch wenn GSP als Champion zurückkehrt, so wird sein Gegner ihm mindestens auf Augenhöhe gegenübertreten können, denn der Interimschampion – mag er nun Carlos Condit, Nick Diaz, Jon Fitch, Jake Ellenberger oder wie auch immer sonst heißen – wird eine Reihe von Siegen gegen hochklassige Gegner im Rücken haben und bei den Fans als Champion sicherlich nicht weniger Legitimität genießen als GSP, dessen letzter Auftritt dann mindestens eineinhalb Jahre her sein wird.

Und, so bedauerlich die Verletzung eines großartigen Sportlers wie GSP in persönlicher Hinsicht auch ist: Für die Zuschauer könnte sie sich als heimliche Wohltat erweisen. Der kanadische Vorzeigeathlet hatte seinen Titel sechs Mal in Folge verteidigt und machte keinerlei Anstalten, damit aufzuhören.

Hätte Diaz ihn im Februar entthront? Nun, möglich ist alles, aber sehr viel wahrscheinlicher scheint doch, dass GSP seinen Gegner fünf Runden in Folge auf den Boden gebracht und sich dort jeweils eine reichlich konservativ erkämpfte 10-9 Führung herausgearbeitet hätte.

Überhaupt war St. Pierre in der Vergangenheit wegen seines mangelnden Killerinstinkts und seiner zwar perfekt durchdachten und ausgeführten, aber oftmals einfach nicht besonders spannenden Kämpfe in die Kritik geraten – hätte aber aller Voraussicht nach genau so weitergemacht.

Nun hingegen ist die bisweilen geradezu erdrückende Dominanz des Champions im Spannungsgefüge des Weltergewicht vorerst kein Faktor mehr. Natürlich, er wird wiederkommen, aber erst in relativ weiter Ferne, und in der Zwischenzeit sind nicht bloß Geplänkel und Däumchendrehen angesagt. Es wird nicht darum gekämpft, wer die Nummer zwei ist, sondern um die seit Jahren unerreichbar wirkende (Interims)krone im Weltergewicht.

Ein würdigeres Aufeinandertreffen als das von Diaz und Condit könnte es schließlich kaum geben, um deren ersten Träger zu ermitteln, und die Vorstellung, dass wir mit durchaus hoher Wahrscheinlichkeit in etwa zwei Monaten Nick Diaz als (quasi) UFC-Champion sehen werden, entbehrt nicht eines gewissen, perversen Reizes.

Doch auch andere Duelle, die zuvor keinen Sinn ergaben oder von der UFC nicht gewollt waren, erscheinen nun für die (mutmaßlich Mitte 2012 stattfindende) Interimstitelverteidigung als reale Möglichkeiten: So könnte etwa Jon Fitch endlich zu seinem hochverdienten und längst überfälligen zweiten Titelkampf gelangen, und Koscheck, dem man wohl kaum eine dritte Chance gegen GSP zugebilligt hätte, kommt ebenfalls als Herausforderer in Frage, sollte er bei UFC 143 Jake Ellenberger besiegen – genauso, wie im umgekehrten Fall sein Kontrahent.

Die (Titel)Kampfpaarungen, die man mit diesen fünf Namen gedanklich durchspielen kann, sind in den Auge dieses Autors sowohl hinsichtlich ihres Ausgangs, als auch hinsichtlich ihres mutmaßlichen Verlaufs, deutlich weniger vorhersagbar und daher spannender, als dies bei einem Duell zwischen GSP und einem der Genannten der Fall gewesen wäre.

Und wenn es schließlich zum Titelvereiningungskampf zwischen dem Interimschampion und dem rückkehrenden alten Champion kommt, dann wird der würdigste und gefährlichste Gegner seit Jahren auf St. Pierre warten.