MMA Restliche Welt

Das sinkende Schiff

Wird das Strikeforce-Schiff untergehen? (Foto: HVolksdorf / www.piqs.de, Montage: Groundandpound)

Wie schnell doch die Zeit vergeht! Genau sechs Monate ist es her, als UFC-Präsident Dana White den Aufkauf der MMA-Organisation Strikeforce durch Zuffa, der Muttergesellschaft der UFC, verkündete. Ein Aufschrei ging durch die Welt der Mixed Martial Arts. Vielen Fans war sofort klar, dass es Strikeforce ähnlich ergehen würde, wie bereits vier Jahr zuvor der japanischen Organisation PRIDE FC. Dana White versuchte jedoch die Gemüter zu beruhigen und versprach, dass alles beim Alten bleiben würde. „Business as usual“ entwickelte sich schnell zu Whites Kernsatz, wenn es um das Thema Strikeforce ging. Doch wie macht sich Zuffa als Steuermann des Strikeforce-Schiffs und wohin geht die Fahrt?

Anfang des Jahres schien sich Strikeforce mit einer großartigen Idee auf dem aufsteigenden Ast zu befinden. Im Februar wurde mit Strikeforce: Fedor vs. Silva der Startschuss für den heiß erwarteten Strikeforce World Grand Prix gegeben. Die acht besten Schwergewichte des Kaders sollten in einem Turnier nach dem Ausscheidungsprinzip gegeneinander antreten. Alistair Overeem und Fedor Emelianenko wurden von Beginn an als klare Favoriten auf den Turniersieg gehandelt. Besonders auf Emelianenko war man gespannt. Wie würde der PRIDE-Veteran nach seiner ersten Niederlage nach fast zehn Jahren zurückkehren? Er verlor gegen Antonio Silva. Zwei Niederlagen in Folge für einen der größten Publikumsmagneten von Strikeforce ließen Zweifel am Status Emelianenkos aufkommen. Das Interesse am Grand Prix sank rapide. Doch es gab da ja noch einen weiteren großen Hoffnungsträger: Alistair Overeem.

Noch bevor Overeem seinen Achtelfinalkampf gegen Fabricio Werdum bestreiten konnte, war es soweit. Strikeforce wurde aufgekauft und alle künftigen Veranstaltungen würden unter dem Banner von Zuffa abgehalten werden. Im Juni konnte sich Overeem dann mit einer weniger beeindruckenden Leistung einen Punktsieg gegen Werdum holen. Aber die Hauptsache war ja, dass er als Top-Favorit und Zuschauerliebling im Turnier eine Runde weiter kommen würde.

Einen Monat später dann die Hiobsbotschaft: Alistair Overeem wurde von Strikeforce entlassen und würde im Turnier von Daniel Cormier ersetzt werden. Moment mal. Warum sollte man den wichtigsten und interessantesten Kämpfer des Turniers, der gleichzeitig noch den Strikeforce Schwergewichtstitel trägt, kurz vor dem Halbfinale entlassen? Der Schritt wurde mit der für Zuffa nicht akzeptablen Vertragspolitik von Alistair Overeems Team Golden Glory begründet. Sofort machten Gerüchte die Runde, Overeem sei nur entlassen worden, um direkt bei der UFC unterzeichnen zu können.

Tatsächlich unterzeichnete er einen Vertrag bei der UFC und soll im Dezember bei UFC 141 gegen Brock Lesnar antreten. Overeem ist damit nicht der einzige Kämpfer, der von Strikeforce „abgezogen“ wurde, um in der UFC zu kämpfen. Angefangen hat man mit Strikeforce Weltergewichtschampion Nick Diaz, der wegen unprofessionellem Verhalten bei UFC 137 auf BJ Penn, statt wie vorerst geplant im Titelkampf auf George St. Pierre, treffen wird. Nun wurde auch die Verpflichtung des früheren Strikeforce Mittelgewichtchampions Cung Le verkündet. Verhandlungen mit Halbschwergewichtschampion Dan Henderson sollen bereits im vollen Gange sein.

Doch sind es auch Entlassungen, die dem Strikeforce-Kader zu schaffen machen. Man machte sich zum Beispiel keinen Hehl daraus, Fedor Emelianenko, von vielen als großartigster MMA-Kämpfer der Geschichte angesehen, nach seiner dritten Niederlage in Folge vor die Tür zu setzen. Auch die Entlassungen von Ex-Championesse Marloes Coenen und Brett Rogers sorgten teils für fragende Gesichter unter den Fans.

Um Strikeforce auf dem einstigen Niveau halten zu können, müssten die Lücken zumindest halbwegs gefüllt werden. Neue Stars müssten aufgebaut beziehungsweise verpflichtet werden. Diese Tatsache wurde in den letzten sechs Monaten jedoch fast durchgehend ignoriert. Nur wenige Kämpfer könnten in Zukunft zu neuen Gesichtern der Organisation werden. Daniel Cormier, der am Samstag in das Finale des Grand Prix’ eingezogen ist, könnte sich beispielsweise bei bleibender Leistung zum Stern am immer dunkler werdenden Strikeforce-Himmel entwickeln. Auch ein Tyroon Woodley und Luke Rockhold könnten neue Repräsentanten von Strikeforce werden. Diese Kämpfer füllen jedoch zumindest noch nicht die Krater, die Alistair Overeem, Fedor Emelianenko und Nick Diaz bei ihrem Weggang von Strikeforce hinterlassen haben. Neuverpflichtete Talente, wie Jordan Mein, Bobby Green, Marcos Pezao und Bill Cooper werden definitiv noch einige Siege einfahren müssen, um einmal weiter oben mitspielen zu können.

Fassen wir kurz zusammen, was nach einem halben Jahr unter der Führung von Zuffa mit Strikeforce passiert ist. Es gibt keinen Schwergewichts- und keinen Weltergewichtschampion mehr. Der Schwergewichts Grand Prix, der so groß hätte werden können, wurde zum Teil durch Entscheidungen Seitens Zuffa in die Belanglosigkeit gedrängt. Mit Alistair Overeem, Fedor Emelianenko und Nick Diaz sind die größten Publikumslieblinge der Organisation entweder zur UFC gewechselt oder entlassen worden. Weitere werden folgen. Neue Talente wurden verpflichtet oder aufgebaut, sind allerdings meilenweit davon entfernt, die Lücken der großen Stars nur ansatzweise zu füllen.

Aber Strikeforce hat ja noch Zeit. „Der Vertrag mit Showtime läuft noch zwei Jahre lang.“, hieß es immer wieder. Oder doch nicht? Eine Sache wurde nämlich nur kurz während einer Pressekonferenz erwähnt. Man ist zwar zwei Jahre lang an den Fernsehsender Showtime gebunden, gleichzeitig beinhaltet der Vertrag jedoch nur noch die Übertragung von 16 Veranstaltungen. Bis zum Ende des Jahres wird Strikeforce unter der Führung von Zuffa bereits 10 Veranstaltungen auf Showtime gezeigt haben. Lediglich sechs Übertragungen bleiben also noch übrig für das nächste Jahr, sofern man sich mit Showtime nicht auf einen neuen Vertrag einigen kann oder einigen will.

Langsam scheint es zu sinken, das Strikeforce-Schiff. Die großen Namen werden von den Rettungsbooten der UFC in Sicherheit gebracht oder gezielt von der Reling geschubst. Ob Zuffa die Pumpen noch anschmeißt, um das immer mehr werdende Wasser aus den Maschinenräumen zu entfernen, ist fraglich. Spätestens im ersten Quartal 2012, wenn der Vertrag mit Showtime erfüllt wurde, werden wir es erfahren. Doch bis dahin werden sicher weitere Rettungsboote vorfahren, um auch die letzten Berühmtheiten vor dem Ertrinken zu bewahren.