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„Das Feuer ist zurück“

Fast zwei Jahre ist es her, dass die UFC ihre Zelte in Kanadas kultureller Hauptstadt aufgeschlagen hat. Nachdem UFC 124 seinerzeit vorläufig einen neuen Zuschauerrekord gesetzt hatte, lief der Ticketverkauf für den kommenden Event zwar etwas schleppender an, trotzdem soll das bis zu 23.000 Zuschauer fassende Bell Centre am Samstag seine Kapazität annähernd auslasten, so UFC-Präsident Dana White. Falls er damit Recht haben sollte, werden die Kanadier die Spielstätte der Montreal Canadians erneut zu einem Hexenkessel machen – man darf sich getrost auf gute Stimmung und lautstarkes Anfeuern gefasst machen.

Die Kämpfe werden am Samstag um 0.20 Uhr deutscher Zeit auf Facebook beginnen, bevor es gegen 2 Uhr auf ufc.tv mit vier weiteren Vorkämpfen weitergeht, die ihrerseits das Hauptprogramm einleiten, das ab 4 Uhr ebenfalls auf ufc.tv kostenlos vefolgt werden kann.

Georges St-Pierre vs. Carlos Condit

Georges St. Pierre vs. Carlos Condit (Foto: Florian Sädler/GroundandPound)

Knappe 19 Monate ist es mittlerweile her, dass Georges St-Pierre (22-2) zum letzten Mal aktiv im Octagon stand. Einige Zeit nach seinem Sieg gegen Jake Shields vor einer Rekordkulisse von 55.000 Fans im Rogers Centre von Toronto schien der langjährige Weltergewichtschampion beinahe unantastbar, erlitt kurz darauf allerdings seine berühmt-berüchtigte Knieverletzung, die ihn für die Ausläufer des letzten und größere Teile dieses Jahres praktisch außer Gefecht setzte.

Seit August steht „Rush“ nun allerdings wieder im Training, und diese Zeit sollte er besser zur Gänze ausgenutzt haben, denn mit Carlos „The Natural Born Killer“ Condit (28-5) könnte ihm auf verschiedene Arten der härteste Test seiner Karriere bevorstehen. Zusätzlich zu der Tatsache, dass er hier gegen einen Kämpfer mit einer der beeindruckendsten Bilanzen überhaupt in der UFC (Siege gegen Martin Kampmann, Jake Ellenberger, Rory MacDonald, Dan Hardy, Dong Hyun Kim und Nick Diaz.) antreten wird, wird der kanadische Nationalheld gegen Condit auch mit der langen Abstinenz vom Octagon zu kämpfen haben – niemand weiß, ob die schwere Knieverletzung vollständig ausgeheilt ist, ob er mental und generell körperlich für das Comeback bereit ist und ob ihm die immer stärker werdenden Gerüchte über einen Kampf gegen Mittelgewichtschampion Anderson Silva den Fokus geraubt haben. Er selbst behauptet zwar, sein Knie fühle sich so, „als wäre die Verletzung niemals passiert“, aber was soll er auch sonst sagen? Eine eindeutige Antwort wird man erst ganz am Ende des 13 Kämpfe starken Events bekommen, wenn entweder „GSP“ oder Condit von Dana White den unbestrittenen Weltergewichtsgürtel um die Hüfte geschnallt bekommt.

Für Condit wäre genau dieser Moment die Erfüllung eines Traums und das vorläufige Ende einer immer wieder in die Länge gezogenen Reise. Als ehemaliger WEC-Champion debütierte der „Natural Born Killer“ mit einer knappen Punktniederlage gegen Martin Kampmann in der UFC, nur um danach einen starken Gegner nach dem anderen aus dem Weg zu räumen. Nach dem spektakulären Knockout gegen Dong Hyun Kim im Sommer 2011 begann für Condit der Marathon in Richtung Titelkampf. Da St-Pierre durch seine Verletzung gleich zwei Events durcheinanderwürfelte, wurden auch Condit und so einige andere potentielle Herausforderer von einem Kampf in den nächsten umgeplant. Der Großteil dieser teils aus der Not enstandenen Ansetzungen kam nie zustande, und nachdem es Ende 2011 so aussah, als ob Condit seine Titelchance kampflos an Nick Diaz abgeben müsste, führten letztendlich einige Umstände dazu, dass er gegen eben jenen Diaz im Februar den Interimsgürtel der Weltergewichtsklasse gewann. Für seine Entscheidung, diesen Gürtel nicht zu verteidigen, musste sich Condit zwar einige Kritik gefallen lassen, steht letzten Endes aber genau deshalb zur Zeit vor der größten Chance seiner Karriere. Bald wird man wissen, ob Carlos Condit sich einmal mehr in der Rolle des vermeintlichen Underdogs bewährt haben wird.

Martin Kampmann vs. Johny Hendricks

Martin Kampmann vs. Johny Hendricks (Foto: Florian Sädler/GroundandPound)

Bevor St-Pierre und Condit den neuen und alten Weltmeister unter sich ausmachen, werden zwei weitere Top-Weltergewichtler im selben Käfig den nächsten Herausforderer auf den Titel bestimmen. Zumindest ist das der Plan, der im nächsten Jahr umgesetzt werden soll, falls es dann nicht doch noch zum lange geforderten Super-Kampf zwischen St-Pierre und Anderson Silva kommen sollte.

Über solche beinahe politischen Manöver brauchen die beiden ehemaligen, kurzzeitigen Trainingspartner, die sich vor Jahren in ihren jeweiligen Stärken ausgeholfen haben, nicht zu kümmern. Für Hendricks und Kampmann ist zunächst einmal nur das wichtig, was am Wochenende im Bell Centre von Montreal passiert.

Martin „The Hitman“ Kampmann (20-5) war in der UFC immer schon respektiert, musste zwischen 2010 und 2011 allerdings zwei Rückschläge hinnehmen. Sowohl Jake Shields als auch einige Monate später Diego Sanchez bekamen von den Punktrichtern mehr Runden zugesprochen als Kampmann, was zwar vom Großteil der Zuschauer mit einiger Skepsis wahrgenommen wurde, aber trotzdem für zwei rote „L“ für „Loss“ in seiner Bilanz sorgten.

Im November 2011 kam der Däne dann gegen Rick Story mit einem einstimmigen Punktsieg zurück, was ihm Anfang dieses Jahres eine Position im Main Event gegen Thiago Alves einbrachte. Nachdem der Brasilianer seinen Gegner für zweieinhalb Runden systematisch auseinandernahm, wurde er wenige Sekunden vor Kampfende etwas übermütig und versuchte sich an einem Takedown, der nach den misslungenen Anfängen dazu führte, dass Alves sich in Kampmanns Guillotine Choke wiederfand und frustriert wenige Sekunden vor dem scheinbar sicheren Sieg abklopfen musste – ein stark gezeichneter Kampmann wurde stattdessen als Sieger gefeiert. Ein ähnliches Szenario bot Kampmann in seinem darauffolgenden Kampf gegen Jake Ellenberger, nur noch etwas actionreicher: Dieses Mal dauerte alles weniger als zwei Runden – Ellenberger schlug den Dänen in Runde eins nieder, im zweiten Durchgang allerdings war es Kampmann, der seinen Gegner mit Kniestößen zu Boden schickte, dieses Mal aber endgültig.

Für Johny „Big Rigg“ Hendricks (13-1), vor allem für seinen ausufernden Bart bekannt, ist das Duell mit Comeback-König Kampmann der zehnte Kampf im Octagon. Mit Ausnahme einer Punktniederlage gegen Rick Story konnte der bärtige Ringer alle seine Gegner in die Schranken weisen – vier Mal gelang ihm das dabei vorzeitig. Richtig auf dem Schirm der großen Masse ist Hendricks erst zur letzten Jahreswende gelandet – bei UFC 141 schickte er den ehemaligen Titelherausforderer Jon Fitch nach nur 12 Sekunden der ersten Runde mit einer Linken auf die Bretter und ließ darauf einige Monate später einen knappen Punktsieg gegen Josh Koscheck folgen. Mit weiteren acht UFC- und WEC-Siegen in seinem Besitz kann man wohl ohne schlechtes Gewissen behaupten, dass Hendricks sich den Kampf gegen Kampmann verdient hat – ob er die Gelegenheit nutzen kann, wird man sehr bald erfahren.

Francis Carmont vs. Tom Lawlor

Francis „Limitless“ Carmont (19-7) wäre im Oktober 2011 ein “ganz normaler” weiterer Debütant im UFC-Octagon gewesen, hätte einer seiner Trainingspartner nicht öffentlich und engagiert seine Fähigkeiten gepriesen, sodass im Vorfeld des auf Facebook übertragenen Duells gegen Chris Camozzi einige Erwartungen auf dem Neuling lasteten. Dieser Trainingspartner ist Georges St-Pierre, und obwohl Carmont in seinem Debüt-Kampf letztendlich relativ unspektakulär nach Punkten gewann, zeigte er innerhalb der 15 Minuten großes Potential. Die Finishes ließen dann auch nicht mehr lange auf sich warten und ließen Carmont an die in ihn gesteckten Erwartungen anknüpfen – in diesem Jahr zwang der gebürtige Franzose sowohl Magnus Cedenblad als auch den ehemaligen Schwergewichtler Karlos Vemola per Rear Naked Choke zur Aufgabe. Sollte er auch am Samstag gegen Tom Lawlor (8-4-0(1)) gewinnen, könnte er sich damit eine sehr aussichtsreiche Position in der Mittelgewichtsklasse der UFC erarbeiten.

Lawlor ist einer der immer unterhaltsamen, aber nicht immer erfolgreichen Kämpfer innerhalb des UFC-Rosters. Zuletzt lief es für den 29-Jährigen TUF-Veteranen weniger gut – drei Niederlagen in vier Kämpfen brachten ihn Anfang dieses Jahres an den Rand einer Entlassung -  im vergangenen Mai allerdings sicherte sich Lawlor mit einem krachenden 50 Sekunden-Knockout gegen Jason MacDonald dann doch noch den Verbleib in der UFC. Ein knappes halbes Jahr später steht ihm nun ein weiterer harter Test bevor, der – unvorteilhaft für ihn – wohl in die Kategorie „High Risk – Low Reward“ einzustufen ist, also hohes Risiko für wenig Lohn. Falls Lawlor den aufstrebenden Carmont besiegen sollte, würde das die bisherigen Erfolge des noch recht unbekannten Franzosen scheinbar mindern und ihn schlechter beziehungsweise Lawlors möglichen Sieg als weniger wertvoll erscheinen lassen, als das tatsächlich der Fall wäre. Verliert „Filthy“ allerdings, würde ihn das, falls er nicht entlassen wird, wohl in die ungeliebte Position eines Gatekeepers manövrieren, dessen Hauptzweck darin besteht, aufstrebende Talente zu testen.

Nick Ring vs. Costa Philippou

Ring (13-1) hat offiziell drei Siege und eine Niederlage in der UFC – erkundigt man sich allerdings einmal bei den Fans, besteht seine Statistik dort stattdessen aus drei Niederlagen und einem Sieg. Neben einer Niederlage gegen Tim Boetsch und einem vorzeitigen Sieg gegen James Head ging Ring gegen Riki Fukuda und zuletzt gegen Court McGee über die Distanz. Beide Male wurde in der Arena und vor den Bildschirmen ein einstimmiger Punktentscheid zu Ungunsten Rings erwartet, stattdessen gaben die Punktrichter den Sieg jedoch an den Kanadier.

Philippou (11-2-0(1)) geriet über das Ultimate Fighter-Format zum ersten Mal in Kontakt mit der UFC, schaffte es dort aber nicht ins Haus. Erst als Nick Catone im Frühjahr 2011 einen neuen Gegner brauchte, nachdem sein ursprünglicher Kontrahent kurzfristig absagen musste, bekam Philippou seine zweite Chance. Mit etwa zwei Wochen Vorbereitung wusste der Zyprianer nach eigener Aussage, dass er diesen Kampf nicht gewinnen würde, spekulierte aber darauf, dass er wegen der Kurzfristigkeit danach noch eine weitere Chance bekommen würde. Die Rechnung ging auf, Philippou sah bei UFC 128 gegen Catone kaum Land, kehrte aber im Sommer desselben Jahres mit einem Sieg gegen den Veteranen Jorge Rivera zurück.

Da dieser Kampf auf dem Hauptprogramm stattfand, brachte der Überraschungserfolg Philippou einiges an Aufmerksamkeit ein. Eineinhalb Jahre später kann der mittlerweile 32-Jährige vier Siege in der UFC vorweisen, die zu einem nicht unerheblichen Teil durch eine effektive und unterhaltsame Mischung aus immenser Schlagkraft und einem guten Kinn resultierten. Falls dieser explosive Mix auch gegen Nick Ring das richtige Rezept sein solle, darf Philippou sich im nächsten Jahr wohl auf einen prestigeträchtigeren Gegner freuen.

Mark Hominick vs. Pablo Garza

Gleich zu Anfang des Hauptprogramms geht es für die beiden Federgewichtler Mark „The Machine“ Hominick (20-11) und Pablo „The Scarecrow“ Garza (11-3) um die Wurst: Fünf der letzten fünf Kämpfe der beiden endeten in Niederlagen, weshalb der Verlierer dieses Duells im Laufe der nächsten Woche höchstwahrscheinlich seine Entlassungspapiere im Briefkasten finden wird.

Besonders um Hominick, der im vergangenen Jahr noch gegen Jose Aldo um den Titelgürtel angetreten ist, steht es zur Zeit gar nicht gut.  Dabei waren es genauer betrachtet nur drei Schläge, die den Kanadier derartig abstürzen ließen: Bei UFC 140 im Dezember 2011, in seinem ersten Kampf seit der Titelchance gegen Aldo, ging Hominick etwas zu halsbrecherisch in den Kampf und wurde nach nur sieben Sekunden von Chan Sung Jung mit einer einzigen Rechten erwischt, die ihn K.o. gehen ließ. Etwa vier Monate später stand ihm mit Eddie Yagin dann ein vermeintlicher Aufbaugegner gegenüber, der sich mit zwei Niederschlägen in den ersten beiden Runden einen geteilten Punktentscheid sicherte.

Garza feierte seinen größten Sieg im Zuge der gleichen Veranstaltung, auf der Hominick seinen Titelkampf gegen Aldo verlor. Nach wenigen Minuten Kampfzeit sprang Garza wie aus dem Nichts an Yves Jabouin hoch, um ihn mit einem eingesprungenen Triangle Choke zur Aufgabe zu zwingen. Da diese Zurschaustellung auf einen im wahrsten Sinne des Wortes krachenden Flying-Knee-Knockout gegen Fredson Paixao folgte, verdiente Garza sich damit einen Kampf gegen den ebenfalls aufstrebenden Dustin Poirier. Der allerdings zwang Garza in ihrem Kampf in der zweiten Runde zur Aufgabe, und auch gegen Dennis Bermudez sah Garza im vergangenen Mai kaum Land. Gegen Hominick bekommt der 29-Jährige nun zwar einerseits die bisher größte Chance seiner Karriere, andererseits steht er hier auch gleichzeitg einem seiner bisher größten Tests gegenüber.

Anbei das gesamte Kampfprogramm:

UFC 154: St. Pierre vs. Condit
Sa., 17. November 2012
Centre Bell in Montreal, Quebec, Kanada

Hauptkämpfe (ufc.tv)
Georges St.-Pierre (c) vs. Carlos Condit (ic)
Martin Kampmann vs. Johny Hendricks
Francis Carmont vs. Tom Lawlor
Nick Ring vs. Costa Philippou
Mark Hominick vs. Pablo Garza

Vorkämpfe (ufc.tv)
Alessio Sakara vs. Patrick Coté
Cyrille Diabate vs. Chad Griggs
Mark Bocek vs. Rafael dos Anjos
Sam Stout vs. John Makdessi

Vorkämpfe (Facebook)
Antonio Carvalho vs. Rodrigo Damm
Matt Riddle vs. John Maguire
Ivan Menjivar vs. Azamat Gashimov
Steven Siler vs. Darren Elkins