MMA Restliche Welt

Auf der sicheren Seite

Dana White (l.) und Lorenzo Fertitta können sich selbst applaudieren - sie haben einen weiteren wichtigen Schritt zur Professionalisierung des Sports getan. Foto by Mark Bergmann/GroundandPound.

Als Eignerin der beiden größten MMA Ligen der Welt steht Zuffa ständig im Lichte der Öffentlichkeit. Dabei sieht sich der Konzern nicht selten mit harschen Vorwürfen konfrontiert: Die Gagen der Kämpfer seien zu niedrig, die Vertragsbedingungen zu einschränkend, die Vergabe von Titelkämpfen zu willkürlich. Vergangenen Montag jedoch traten Dana White, Lorenzo Fertitta und Syndikus Lawrence Epstein mit einer Ankündigung an die Öffentlichkeit, an der selbst die strengsten Kritiker wohl kaum etwas auszusetzen haben dürften: Ab dem 01.06.2011 genießen sämtliche bei Zuffa unter Vertrag stehenden Kämpfer einen umfassenden Versicherungsschutz für Verletzungen jeglicher Art.

Die Versicherung gilt sowohl für UFC, als auch für Strikeforce Kämpfer; sie greift weltweilt und umfasst Behandlungskosten von bis zu 50.000 US-Dollar jährlich. Es werden sämtliche Verletzungen erfasst, unabhängig davon, ob diese aus dem Training oder einer Alltagssituation (Autounfall, Sturz, etc) herrühren. Der betreffende Kämpfer muss nicht bereits für einen Kampf bei einem zukünftigen Event eingeplant sein, sondern lediglich bei Zuffa unter Vertrag stehen. Behandlungskosten für gewöhnliche Krankheiten werden hingegen nicht übernommen, und die Einordnung gewisser Grenzfälle, so etwa der häufig beim Training übertragenen Staphylokokkeninfektion, ist noch unklar. Die monatliche Summe, die Zuffa im Gegenzug an das Versicherungsunternehmen HCC aus Houston zahlt, wurde nicht bekannt gegeben, soll laut Offiziellen des Konzerns aber erheblich sein.

Schon bisher waren Kämpfer für ihre Auftritte im Octagon versichert: die Sportaufsichtsbehörden in den USA schreiben eine Deckungssumme von mindestens 50.000 US-Dollar pro Kämpfer vor, Zuffa gewährleistete sogar die doppelte Summe. Dieser Schutz bestand jedoch nur für Verletzungen, die die Kämpfer sich während einer offiziellen Show eingehandelt hatten; wer sich beim Training verletzte, der musste selbst für die Behandlungskosten aufkommen. Eine Verletzung wurde somit gleich in mehrfacher Hinsicht zur finanziellen Belastung: Zum einen entfiel die Kampfgage, wenn der betreffende Kämpfer seinen nächsten Auftritt nicht wahrnehmen konnte, zum anderen musste er die möglicherweise teure und aufwändige Behandlung aus eigener Tasche bezahlen.

Theoretisch stand es den Athleten frei, sich eine eigene Versicherung zu suchen, um gegen Trainingsverletzungen geschützt zu sein. Faktisch gestaltete sich dies jedoch als schwer bis unmöglich, denn die Versicherungsunternehmen verlangten horrende Prämien von MMA-Kämpfern. Die Situation wurde zusätzlich dadurch verschärft, dass es kein sonderlich verlässliches Datenmaterial zur Bestimmung der Verletzungswahrscheinlichkeit in Trainingssituationen gab, denn der MMA-Sport ist jung und hat eine relativ geringe Zahl professioneller Athleten. Anders als bei sonstigen Hochrisikogruppen wie z.B. Feuerwehrleuten wusste man zwar, dass die Verletzungsgefahr hoch war, aber nicht, wie hoch genau. Als Konsequenz dieser Planungsunsicherheit rangierten die von den Versicherungen geforderten Prämien an der Obergrenze des Kalkulationsrahmens und waren gerade für die weniger erfolgreichen Kämpfer schlicht unbezahlbar.

In ihrer Not griffen die Recken der MMA-Ligen zu verschiedenen Tricks und Kniffen: Joe „Daddy“ Stevenson etwa reiste letzten Juli nach Mexiko, da ihn die Röntgenaufnahmen seines lädierten Knies dort wesentlich günstiger zu stehen kamen als in den USA. Thiago Silva gab gar an, eine Rückenverletzung durch die Verwendung illegaler Steroide behandelt zu haben. Gerüchteweise kam es in anderen Fällen dazu, dass Kämpfer mit bereits bestehenden leichteren Verletzungen antraten, um im Nachhinein behaupten zu können, sich ebendiese Verletzungen erst bei ihrem offiziellen Auftritt zugezogen zu haben, und so in den Genuss einer bezahlten Behandlung zu kommen. Erst unlängst nährten UFC-Stars Cain Velasquez und Jon Jones Spekulationen in die umgekehrte Richtung: Beide forderten mehrere Wochen nach ihrem letzten Auftritt im Octagon die Versicherung zum Einspringen auf. Auch hier lag die Vermutung nahe, dass ihre Verletzungen gar nicht aus dem Auftritt bei der UFC rührten, sondern sich in der Folgezeit beim Training ereignet hatten.

Es ist selbstredend ein Unding, wenn die Stars der größten MMA-Promotion der Welt sich in Schwellenländer begeben oder Versicherungsbetrug begehen müssen, um eine Therapie ihrer - kaum vermeidbaren – berufsbedingten Trainingsverletzungen zu erhalten. Dieser Missstand spielte Gegnern des Sports in die Karten, und war einer der Gesichtspunkte, unter denen der Bundesstaat New York sich beständig weigerte, den MMA-Sport zu legalisieren. Auch die Forderung nach einer Gewerkschaft für Kämpfer, die seit der Übernahme von Strikeforce durch Zuffa an Fahrt aufnahm, wurde durch die unbefriedigende medizinische Absicherung der Athleten beflügelt.

Insofern dient die nun abgeschlossene Versicherung durchaus auch den Eigeninteressen des Konzerns aus Nevada: Das öffentliche Image wird aufgewertet und der Sport kann bei seinen nationalen und internationalen Expansionsbemühungen (nicht zuletzt in Deutschland) mit neuen Argumenten für sich werben. Zudem ist es natürlich vorteilhaft für Zuffa, wenn die bei ihnen unter Vertrag stehenden Kämpfer eine ordentliche Versorgung erhalten und somit möglichst lange auf möglichst hohem Niveau einsatzfähig bleiben. Das Risiko, dass manche Kämpfer nun eher geneigt sein könnten, einen Kampf wegen einer Verletzung abzusagen, dürfte mehr als kompensiert werden, wenn Kämpfer sich allgemein früher in Behandlung begeben und möglicherweise zunächst noch harmlose Verletzungen sich somit gar nicht erst auf ein Niveau auswachsen, auf dem sie einen Auftritt im Octagon unmöglich machen würden. Schließlich ist die Attraktivität eines Vertrages beim Marktführer noch einmal um ein Vielfaches gestiegen, und Pläne zur Formierung einer Gewerkschaft dürften, wenn nicht aufgehoben, so zumindest auf ungewisse Zeit aufgeschoben sein.

Doch dass Zuffa selbst von der Versicherung profitiert, sollte über deren positive Bedeutung für die Kämpfer und für den MMA-Sport als ganzes nicht hinwegtäuschen. Ja, natürlich wurde diese, wie überhaupt jede Geschäftsentscheidung, unter Kosten-/Nutzen-Gesichtspunkten getroffen. Aber immerhin: Sie wurde getroffen, ohne Druck und ohne Not. Zuffa bietet seinen Kämpfern damit nach eigener Aussage einen besseren Versicherungsschutz als jede andere Kampfsportorganisation der Welt, und schickt sich an, in dieser bedeutsamen Frage zu den großen amerikanischen Ligen wie der NBA, NHL oder NFL aufzuschließen. Auf dem Weg zur Akzeptanz als legitimer und fairer Sport ist damit für MMA ein bedeutsamer Schritt getan.