MMA Deutschland

UFC sponsert Amateursport in England

Am 12. Juli 2015 finden in der Londoner Wembley Arena die britischen Judo-Meisterschaften statt. Zum ersten Mal wird der Event von der UFC gesponsert. Davon hat nicht nur der finanziell gebeutelte Amateurverband Vorteile. Kann das Beispiel auch in Deutschland Schule machen? Wir haben das interessante Pilotprojekt mit dem früheren deutschen Meister im Judo und aktuellen UFC-Kämpfer Nick Hein diskutiert.

Der Amateur-Kampfsport in Westeuropa hat ein Problem. Eigentlich sogar zwei. Egal ob in England, Frankreich oder Deutschland, klassische Kampfsportarten wie Judo oder Ringen leiden an sinkenden Mitglieder- und Zuschauerzahlen. Das ist das Popularitätsproblem. Weil immer weniger Leute sich für die traditionellen olympischen Disziplinen interessieren, weniger erstklassige Sportler ausgebildet und somit kaum noch große sportliche Erfolge gefeiert werden können, sinken die Einnahmen durch Sponsoren. Das ist das finanzielle Problem. 

Und ein Teufelskreis, denn ohne den nötigen finanziellen Background wird der Sport noch unattraktiver für den talentierten Nachwuchs, der sich deshalb lieber woanders austobt, wie jüngst das Beispiel des Frankfurter Ringers Saba Bolaghi gezeigt hat. Bolaghi gewann 2011 EM-Silber im Freistilringen. Weil er es aber satt hatte, für ein Taschengeld in leeren Hallen zu kämpfen, steht er nun im MMA-Ring. Die sinkende Popularität des Amateursports führte sogar so weit, dass Ringen – eine der ersten olympischen Disziplinen überhaupt – im vergangenen Jahr aus dem Olympiaprogramm gestrichen werden sollte. Nur eine groß angelegte Protestaktion einflussreicher Befürworter des Ring-Sports, u. a. Russlands Präsident Wladimir Putin, konnte das Olympia-Aus abwenden.

Anreize schaffen: Das Beispiel Osteuropa

In großen Turnieren gehen Medaillen im Judo oder Ringen heute oft nach Osteuropa und Asien, weil den Sportlern dort für ihre Erfolge lukrative Prämien winken. Ganz anders ist das in Westeuropa. Hier sind die einzigen Motivatoren für Kämpfer der sportliche Gedanke und ihre persönlichen Ziele, so UFC-Kämpfer Nick Hein. Geld könne man als Spitzenjudoka nicht verdienen. Der Kölner war zweifacher Deutscher Meister im Judo und scheiterte 2008 in der Olympiaqualifikation nur knapp am späteren Goldmedaillengewinner Ole Bischof. Zwar hätte er mit der Unterstützung der Sportförderung und seines Arbeitgeber, der Bundespolizei in der Zeit vom Sport leben können, wäre im Fall eines Olympiasieges aber mit gerade einmal 15.000 Euro nach Hause gegangen. Der griechische Judo-Olympiasieger Ilias Iliadis bekam dafür 2004 eine Million Euro. „In Russland bekommst du eine Eigentumswohnung und acht Kilo Gold“, scherzt Hein. „Das ist doch eine ganz andere Motivation, da hängen dann Existenzen dran.“

Ähnliche Verhältnisse soll es nun vielleicht auch bald in England geben. Zumindest will die UFC dort versuchen, das Popularitäts- und Finanzproblem gleichzeitig zu lösen. Das Sponsoring der Judo-Meisterschaften ist ein erster Schritt. “Judo ist eine wichtige Komponente des MMA-Sports“, kommentierte UFC Global Brand Officer Gary Cook die neue Partnerschaft. „Wir freuen uns, UFC-Fans, Judo-Anhänger und Sportler beider Sportarten zusammenzubringen.“

Andrew Scoular, Vorsitzender des britischen Judo-Verbandes will gemeinsam mit der UFC künftig weitere Möglichkeit des Sponsorings und der Vermarktung ausloten und hofft, dass das Judo durch die Zusammenarbeit mit dem erfolgreichen MMA-Marktführer an Popularität gewinnt und so vor allem mehr junge Sportler angezogen werden können. „Das ist auf jeden Fall der richtige Weg!“, erklärt Hein. „Ich habe das Dilemma des Amateursports ja miterlebt: hochklassige Athleten kämpfen in leeren Hallen. Die Zuschauerzahlen sind rückläufig. Da ist es natürlich ein großer Benefit fürs Judo, wenn die größte Kampfsportorganisation der Welt sich der Sache annimmt.“

Win-Win: Auch die UFC profitiert vom Sponsoring

Das grenze beinahe an Wohltätigkeit, meint Hein. Doch ganz so uneigennützig wie es scheint, ist das Engagement der UFC nicht. „Diese Partnerschaft wird Vorteile für beide Organisationen und Sportarten mit sich bringen“, weiß auch Scoular. Sich in einem etablierten Sport wie Judo zu engagieren, kann im Kampf gegen Kritiker, verbotswütige Politiker und skeptische Werbepartner und TV-Sender neue Verbündete schaffen. Ein Imageplus, das auch in Deutschland, wo die UFC nach wie vor nicht im TV ausgestrahlt werden darf, nicht schaden könnte. Das Sponsoring ist also eine Win-Win-Situation für beide Partner. Auch Hein kann das nachvollziehen. „Der Benefit für den Amateursport ist meiner Meinung aber immer noch größer“, erklärt er.

Hein sieht die Vorteile ganz klar beim Judo-Verband und hofft, dass vor allem die Athleten davon profitieren werden. „Es ist ja zu erwarten, dass aus solchen gesponserten Events finanziell etwas für die Verbände herauszuholen ist und das kommt dann natürlich auch den Sportlern zugute.“

Und: Mehr Geld bedeutet auch eine bessere Vermarktung und ansprechendere Präsentation. Schluss mit miefigen Schulturnhallen, in denen nur „Mama, Pape und Oma“ zugucken, freut sich Hein. „Judo und Ringen, das sind Sportarten die ich sehr schätze, die sich aber werbe- und vermarktungstechnisch in den vergangenen Jahren keinen Schritt nach vorne getraut haben.“ Das kann sich mit der UFC im Rücken nun ändern. Die MMA-Champions-League ist eine wahre Vermarktungsmaschine, mit einer Werbepower die ihresgleichen sucht.

Ein weiterer Vorteil für die UFC: Wenn in Europa Amateur-Kämpfer mehr verdienen und sich irgendwann vielleicht ganz auf ihren Sport konzentrieren können, wächst der Pool potentieller UFC-Profis im noch lange nicht voll erschlossenen europäischen Markt. In den USA profitiert die Liga seit Jahren von der starken Amateur-Szene der Ringer, die unzählige spätere UFC-Champions und Superstars wie Tito Ortiz, Randy Couture oder Bock Lesnar hervorgebracht hat. Mit Ronda Rousey steht aktuell eine olympische Judo-Bronzemedaillengewinnerin an der Spitze der Frauengewichtsklasse. Sie ist der vielleicht größte Star den die Organisation derzeit in ihrer Reihen hat. Ihre Fundament ist Judo, mit Würfen und Armhebeln beendete sie bislang fast jeden ihrer Kämpfe.

„Ich bin froh, dass ich von so einer Sportart komme“, verrät Hein, der auch über Judo zum MMA und schlussendlich in die UFC gefunden hat. „Alle ringerischen Kampfsportarten, ob nun Judo, klassisches oder Freistilringen, haben den Vorteil, dass man bestimmen kann wo der Kampf hingeht.“

Am 22. November wird Hein seinen zweiten Kampf in der UFC bestreiten. In Austin, Texas trifft er auf den Amerikaner James Vick. Sein Werdegang ist erstaunlich, aber in Europa eine Ausnahme. Eine starke Amateurszene könnte das ändern. 

Der erste Schritt in die richtige Richtung ist getan.