MMA - CH/AT

Wuppertal feiert Respect.8

Respect.8 (Fotos: GroundandPound)

Mit der gestrigen Veranstaltung vom 22. September hat Deutschlands Vorzeige-Veranstaltung Respect.FC für ein weiteres Ausrufezeichen gesorgt. Eine bis auf den letzten Mann gefüllte Bayer-Halle in Wuppertal, ein Titelkampf, Deutschlands beste Kämpfer im internationalen Vergleich und last but not least eine kleine, aber feine Prise Show rundeten die achte Veranstaltung von Ben Helm und Sebastian Tlatlik ab.    

Systemabsturz auf dem Höhepunkt

Dass der Kölner Abu Azaitar den Vorwärtsgang einprogrammiert hat, ist kein Geheimnis. Ebenso wenig, dass sein Gegner Marcin Naruszczka unmenschlich viele Schläge einstecken kann, aber immer noch weiter kämpft. Im Hauptkampf kam es also zum Duell zwischen unaufhaltsamer Kraft und unbeweglichem Objekt. Hört sich nach Theorie an, war aber ein Spektakel von Kampf, der der Action eines Videospiels glich. Azaitar legte früh mit harten und wilden Schlägen los, die Naruszczka nach kurzer Zeit schon fällten.

Wie ein Zombie stand der Pole aber auf und suchte seinerseits das Heil in der Offensive, was für spektakuläre Schlagwechsel sorgte. Endgültig den Charakter eines Videospiels bekam der Kampf, als Azaitar Naruszczka in der folgenden Keilerei – unter frenetischen Jubelstürmen der brechend gefüllten Halle – nicht weniger als viermal zu Boden schlug. Naruszczkas Kampfgeist war aber nicht zu brechen, und obwohl er mittlerweile aussah, als wäre er von einem Dreizehntonner überrollt worden, teilte auch er mit letzter Kraft weiter aus.

Azaitar (o.) gegen Naruszczka.

Dann folgte das Unfassbare: Fünf Knockdowns hatte Azaitar verteilt und wie der sichere Sieger ausgesehen – die Punktrichter wollten schon die 10-7 in die Zettel eintragen –, als es Naruszczka gegen Ende der Runde gelang, Azaitar zu Boden zu schlagen und sich die Full Mount zu erkämpfen. Für Azaitar muss es ein schrecklicher Anblick gewesen sein. Plötzlich hagelte es treffsicheres Ground and Pound des Polen, dessen darauf folgender Rear-Naked Choke nur durch den Ringgong unterbrochen wurde.

Die Halle war außer sich. Überall waren nur staunende Blicke zu sehen und gellende Anfeuerungsschreie zu hören, als sich beide Kämpfer mit stark gezeichneten Gesichtern in die Ringecken schleppten. Azaitar wurde nach Untersuchung der Ringärztin leider nicht wieder zum Kampf freigegeben und Naruszczka zum Sieger gekrönt. Ein bitteres Ende für eine denkwürdige Schlacht. Wie ein Systemabsturz auf dem Höhepunkt eines Videospiels. Also: bitte neu laden!

Eisen wird heiß geschmiedet

„Das Bein lag da so 'rum. Das hab' ich mir dann einfach geschnappt“, gab Lokalmatador und Respect-Schwergewichtskrösus Björn Schmiedeberg nach seinem Titelkampf zu Protokoll. Da wir hier aber nicht bei den lustigen Kannibalen, sondern bei den Mixed Martial Arts sind, steckt hinter dem lapidaren Kommentar eine ganze Menge Arbeit. Das Bein war nämlich keine dürre Stelze wie die von Tito Ortiz, sondern das des polnischen Herausforderers Szymon Bajor.

Und der war nicht gekommen, um zu verlieren. Eine gezielte Faust aufs Auge im Rahmen einer schönen Boxkombination Bajors war der Beweis dafür – und wohl auch Rache für Schmiedebergs  sehenswerte minutenlange Einmarschzeremonie, inkl. Gevatter Tod und Undertaker-Mucke. Sebastian Baron, Schmiedebergs ehemaliger Trainer, stand pikanterweise in Bajors Ecke und sah, wie der bewegliche Pole sich im ersten Durchgang leichte Vorteil erkämpfte, aber auch vom Spätstarter Schmiedeberg den ein oder anderen Denkzettel zurück bekam.

Schmiedeberg (l.) gegen Bajor.

Gegen Ende der Runde unterlief dem Jungspund Bajor aber ein Lapsus, der dem Ringfuchs aus Wuppertal den Weg zum Bein-Schnappen – und damit auch Sieg – ebnete. Bajor versuchte zu sehr, Schmiedeberg zu slammen, so dass die nicht gerade schmale Gazelle auf ihn fiel und direkt vor sich ein muskulöses Bein sah. Wie auf dem Präsentierteller. Womit wir wieder bei Zeile eins wären. Schmiedeberg siegt sechs Sekunden vor Ende der ersten Runde mit einem schönen Kneebar und verteidigt seinen Titel.    

Deutschland-Rückkehr für Daniel Weichel

Deutschlands Elite-Leichtgewicht Daniel Weichel konnte ich bei seinem ersten Kampf auf deutschem Boden nach über zwei Jahren, die er exklusiv beim europäischen Power-Player M-1 verbrachte, überzeugen. Der Weißrusse Semen Tyrlya war für ihn zu Beginn wegen dessen Beweglichkeit schwer auszurechnen. Ein hartes Knie im Stand sollte aber der Anfang vom Ende für Tyrlya sein, den Weichel mit seinen exzellenten Bodenkampfkünsten kurz danach in einem Rear-Naked Choke zum Abklopfen brachte.

Weichel (r.) gegen Tyrlya.

Wenn die Maschine lächelt

Dass der Belgier Djamil Chan wie ein junger Paul-Daley-Klon aussah, war kein Problem für den Essener Spartaner Michael Erdinc. Dass Chan aber ebenso dynamisch und gefährlich kämpfte wie Daley, aber umso mehr, und es sorgte für einen sehenswerten Standkampf auf Augenhöhe. Chan gelang es im Kampfverlauf sogar, Erdinc, der nach über einem Jahr Verletzungspause wieder zurückkam, zu Boden zu schlagen. Der Treffer war für den Essener Boxer aber eher ein Weckruf denn ein ernstes Problem.

Erdinc (l.) gegen Chan.

Erdinc hielt die Doppeldeckung eng hoch und setze Chan seinerseits unter Druck. Nach einem blitzschnellen Schlagwechsel war plötzlich ein Rinnsal Blut auf Erdincs Stirn zu sehen. Doch die Maschine begann diabolisch zu lächeln und verharrte mit Tunnelblick auf seinen Gegner. Chans dunkle Hautfarbe verhinderte, dass die meisten Zuschauer den tiefen Cut am Auge des Belgiers sahen, doch war er so tief, dass der Ringarzt den Kampf abbrach und Erdinc zum Sieger krönte.

Flatternde Hose, wehende Fahnen

Ein gewaltiger Gewichts-Cut ermöglichte dem Kölner Jungspund Ruben Crawford den Weg ins Leichtgewicht. Ziemlich dürr für seine Verhältnisse, aber dafür mit großen körperlichen Vorteilen, stand für ihn sofort eine Feuerprobe in Form des Niederländers Duane van Helvoirt auf dem Programm. Der geschulte Grappler aus Nord-Brabant setzte Crawford von Beginn an unter Druck und punktete mit unorthodoxem Striking.

Crawford (r.) gegen van Helvoirt.

Crawford kam nur langsam in Gang, dafür aber mit umso vernichtenderem Ausmaß. Kein einziger Takedown oder Guardpull van Helvoirts war von Erfolg gekrönt. Der junge Kölner schüttelte die Bodenkampfattacken mit einer spielenden Leichtigkeit ab, die an – positive – Arroganz grenzte und deutlich zeigte: Ich will's im Stand wissen! Und er wusste es. Allein in Runde zwei donnerte Crawfords präzise rechte Gerade derart oft in van Helvoirts Gesicht, dass man zum Mitzählen schon drei Hände benötigte.

Van Helvoirt war dem Untergang geweiht, doch schaffte er es, nie aufzugeben und sich so teuer wie möglich zu verkaufen. Gegen Ende der dritten Runde ließen beide sogar fürs Publikum noch ordentlich die Fetzen fliegen und duellierten sich offen im Stand, was Crawfords Punktsieg krönte. Lediglich in der B-Note gibt es Abzüge für den neu-dürren Kölner: Die hautenge Phantom-Vale-Tudo-Short war nach dem Cut zwei Größen zu groß. Das weibliche Publikum kam wahrlich nicht auf seine Kosten.

Unbekannt war gestern

Kraftpaket Manuel Masuch ist für eins sicher nicht bekannt: seine Faustkampfkünste. Das hinderte ihn aber nicht daran, dem jungen Saarbrückener Alexander Neufang genau davon eine knüppelharte Kostprobe einzuschenken. Direkt mit dem ersten Schlag schickte die ehemalige „Alte Dame“ und Neu-Punisher Masuch seinen Gegner zu Boden. Beim Nachsetzen erstickte seine Offensive aber genau so schnell wie der gewaltige Schlag gekommen war.

Neufang (u.) gegen Masuch.

Neufang verteidigte sich geschickt gegen Ground and Pound und zeigte dabei sehenswerte Bodenkampfbewegungen. Masuch schaffte es nicht mehr, Neufang unter Druck zu setzen und musste sich zusehends gegen die Submissions des jungen Schlakses wehren. Ein blitzschneller Armbar von Neufang erwischte Masuch dann kalt und beendete den Kampf für den bislang weitestgehend Unbekannten.

Barjamaj schockt die Halle

Österreichs Schwergewichts-Bad-Boy Dritan Barjamaj hatte mit dem Karlsruher Janosch Stefan einen ganz harten Brocken vor sich. Einen deutlich größeren und muskulöseren noch dazu. Zu Beginn des Kampfes setzte Stefan Barjamaj am Boden unter Druck, konnte wegen der beherzten Gegenwehr des gebürtigen Albaners aber nie zum finalen Streich ansetzen. Barjamaj machte seinem Spitznamen „The Furious“ alle Ehre und drosch Stefan als Warnschuss den Mundschutz mit einer Uppercut-Haken-Kombo heraus.

Barjamaj (l.) gegen Stefan.

Am Ende der Runde kam es zu einer filmreifen Szene: Stefan klingelte Barjamaj mit einem wuchtigen Kniestoß an. Beim Zurück-Taumeln in die Ringmitte besann der sich, hatte für den heranstürmenden Koloss aus Karlsruhe aber nur noch ein letztes Argument in petto: einen Volltreffer mit der Faust in bester „Scott Smith“-Manier. Der Ringgong beendete eine sehenswerte erste Runde. Im zweiten Durchgang drehte Barjamaj gegen den sichtlich erschöpften Stefan voll auf, traktierte ihn mit Kniestößen, und Ellenbogen aus dem Clinch und schlug ihn K.o..

Wild West in Wuppertal

Zum Duell traten Hendrik „Fast Hands“ Nitzsche und Maurice „Johnny Beton“ van Waeyenberghe an. Im Gegensatz zum Wilden Westen war aber nicht nach drei Sekunden alles entschieden. Im Gegenteil: Beide begannen zögerlich. van Waeyenberghe war es dann, der dem Kampf seinen Stempel aufrückte. Mit geschickten Schlägen und gut abgepassten Takedowns vermied er es, dem Boxer mit den flotten Händen in die Karten zu spielen. In der zweiten Runde krönte van Waeyenberghe seinen Abend mit einem Kimura, der Nitzsche zur Aufgabe zwang. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Maurice!

Die Vorkämpfe im Schnelldurchlauf

Bielefelds Schwergewichts-Behemoth Jarjis Danho lieferte sich ein spektakuläres Standgefecht mit dem Niederländer Jermain van Rooy. Während die Zuschauer fürchteten, dass der Ring dabei zu Bruch ginge, flogen zwischen den beiden ordentlich die Fetzen. In Runde zwei gewann Danho dann, nachdem er Van Rooy einige Uppercuts aus seiner Ziegelstein-großen Faust eingeschenkt hatte.   

Nicht viel zu berichten gibt es vom Kampf des US-Amerikaners Hayward Charles gegen Daniel Talmon. Nach 55 Sekunden wurde Charles zum Sieger durch Armbar gekrönt.

Neufang-Teamkollege Roman Kapranov zeigte in seinem Kampf gegen den Wuppertaler Petros Petropoulos ebenfalls sehr gute Kenntnisse am Boden und gewann mit einem Armhebel.

Im einzigen Frauenkampf des Abends zeigte Anke Müller einen beherzte Leistung gegen die Niederländerin Jessy Schwarz. Trotz fast haushoher Unterlegenheit in Runde eins wendete sie das Blatt am Boden und gewann schlussendlich nicht unumstritten mehrheitlich nach Punkten.

„Cybork“ Patrick Bork zeigte im Eröffnungskampf eine starke Leistung. Er dominierte den Wuppertaler Alex Royzen und gewann ungefährdet nach Punkten.

Zu den Interviews von GnP-TV gelangt ihr über diesen Link.