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Cutmen: Helden im Hintergrund

Cutman aus Überzeugung: Roland "Rolandus" Aicher (Foto. GNP1).

Roland „Rolandus“ Aicher redet sich in Rage, wenn ihm etwas am Herzen liegt. Und seine Arbeit als Cutman, so viel ist nach wenigen Minuten im Gespräch offensichtlich, liegt ihm sehr am Herzen. Der Rest der MMA-Szene teilt diese Einstellung gegenüber seiner Arbeit allerdings oftmals nicht – zu wenig weiß man, oftmals vor allem von Veranstalterseite, über die Verantwortung, die von ihm und seinen Kollegen oftmals ehrenamtlich auf den Events übernommen wird.

„Viele Veranstalter sehen das gar nicht“, so Aicher über die Einstellung einiger Promoter gegenüber den Cutmen. Der 44-Jährige ist seit Jahren der bekannteste Cutman Österreichs und hat in dieser Zeit so einiges erlebt in der Szene. Im Ring, vor allem aber außerhalb. „Es gibt Veranstalter – ich will da jetzt keine Namen nennen –, aber denen sind die Kämpfer scheißegal, die sind für die nur Statisten. Denen geht es nur darum, dass die Kohle reinkommt und die Hallen gefüllt werden. Auch deswegen haben wir eine große Verantwortung.“

„Es wird am falschen Ende gespart, wenn schlechte oder gar keine Cutmen verpflichtet werden“, so Aicher weiter. „Das ist einer der Gründe, warum es so häufig vermeidbare Verletzungen wie Mittelhandbrüche gibt. Zum Teil sitzen da die größten Vollpfosten am Ring. Es sollte definitiv eine Verordnung für Veranstalter geben, dass jemand vor Ort ist, der ausgebildet ist oder die entsprechenden Zertifikate besitzt.“

Das Fehlen einer solchen Regelung hat Aicher schon mehrfach am eigenen Leib erlebt: „Die Leute kommen auch teilweise ohne Equipment. Bei einer Veranstaltung kam ein Arzt zu spät und ohne Ausrüstung. Als er mein Zeug gesehen hat meinte er nur ‚Man, Sie sind ja bestens ausgestattet, da kann ich nicht mithalten’ und ist gegangen. Ich musste dann notgedrungen die ganze Show alleine betreuen.“

Aicher ist ausgebildeter medizinischer Masseur mit mehreren Zusatzausbildungen und seit Jahren als Personal Trainer selbstständig. Die wichtigste Qualifikation allerdings hat „Rolandus“ im Ring erworben – bis vor einigen Jahren war er jahrelang selbst als Thaiboxer aktiv: „Ich mache immer noch Sparring und trainiere Kämpfer wie den Ruben Wolf, aber ich bin 44 Jahre alt, da kann ich nicht mehr kämpfen.“

Somit hat der Hobbyjob als Cutman gleich zwei Vorteile – auf der einen Seite profitieren die Kämpfer von Aichers Erfahrung im Ring, auf der anderen wird er durch seine Arbeit regelmäßig an seine eigene Zeit als Wettkämpfer erinnert: „Als Cutman bin ich noch voll mit im Geschehen. Ich kriege das ganze Adrenalin mit ab, das da in der Luft herumfliegt. Das ist ein ganz guter Ersatz dafür, dass ich nicht mehr im Ring stehen darf.“

Überhaupt ist Leidenschaft objektiv der einzige gute Grund, der Aicher und Kollegen bei der Stange hält: „Die Anerkennung ist natürlich schön. Man knüpft Kontakte in der Szene, die weit über Österreich hinausgehen.“ In Aichers Fall bis in die USA, wo er guten Kontakt zu Jacob „Stitch“ Duran aufgebaut hat, der durch seine langjährige Arbeit in der UFC und im Boxen für die Klitschko-Brüder bekannt geworden ist. Schon mehrfach flog Aicher seinen populären Kollegen gar auf eigene Kosten nach Österreich ein, wo die beiden bereits Veranstaltungen wie die Mix Fight Night gemeinsam betreuten. Für Aicher ein Einblick in eine andere Welt.

„In Amerika haben die Cutmen einen ganz anderen Stellenwert als hier“, findet er. „Hier muss man den Leuten immer wieder erklären, dass das alles Geld kostet. Wir, also die Internatinal Cutman Association, sind eine Non-Profit-Organisation. Wir bekommen nur die Kosten wieder rein, die uns durch Anfahrt, Equipment und Medikamente entstehen. Die Arbeit, die da im Vorfeld entsteht, die bezahlt dir ja kein Mensch. Das Adrenalin zum Beispiel ist vermutlich schwieriger zu bekommen als Heroin.“

Zwar hat sich die Situation im Laufe der letzten Jahre schon leicht verbessert, trotzdem ist noch einiges an Arbeit zu tun. Auch finanziell: „Früher bin ich teils mit hunderten Euro minus aus einer Show gegangen. Mittlerweile komme ich immer öfter bei Null raus, aber verdienen tun wir da nicht wirklich was dran. Ein Cutman kostet zwischen 250 und 300 Euro – für alles ist Geld da, aber für einen Cutman oft nicht. Immer wieder mal werden wir auch verarscht – es heißt, man kriegt was und hört dann nie wieder etwas. Da könnte ich dir so viele Leute nennen, die dir was dazu sagen könnten.“

Aichers Ansicht nach ist das ein nicht zu unterschätzendes Problem: „Das müsste sich allein aus dem Grund ändern, dass die Qualität der Veranstaltung durch uns auch besser wird. Für die Zuschauer und für die Kämpfer – alle haben das Gefühl, da ist wer da, der sich kümmert. Außerdem sind die Kämpfe auch länger. Bei der letzten Mix Fight Night gab es zwei Kämpfer, die fünf mal fünf Minuten kämpfen sollten und der Arzt wollte schon in der ersten abbrechen. Durch uns konnten sie dann über die volle Distanz gehen. Das ist der Sinn der Sache.“

Dieser Artikel erschien ursprünglich im GNP1-Magazin 6/2015