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Weidman vs. Silva II am Samstag

Weidman, Silva, Rousey, Tate: diese vier treten am Samstag in den beiden größten Rückkämpfen des Jahres an.

2631 Tage lang war Anderson Silva der unangefochtene Mittelgewichtchampion der UFC. Am 6. Juli 2013 fand diese Ära ein jähes Ende, als in Form von Chris Weidman ein recht unbeschriebenes Blatt der MMA-Szene in seinem zehnten professionellen Kampf einen linken Haken am Kinn der Legende anbrachte und „The Spider“ bewusstlos auf die Matte stürzen ließ. Nun muss der neu gekrönte Champion das Wunder zum zweiten Mal schaffen.

Aber nicht nur im laut UFC-Präsident Dana White größten Rückkampf der UFC-Geschichte steht Gold auf dem Spiel: im Co-Hauptkampf werden mit Ronda Rousey und Miesha Tate zwei Erzrivalinnen – ebenfalls zum zweiten Mal – aufeinandertreffen und unter sich ausmachen, wer als UFC-Championesse im Bantamgewicht ins neue Jahr starten darf.
Außerdem sind bekannte Gesichter wie Josh Barnett, Travis Browne, Jim Miller oder Dustin Poirier am Samstag in Vegas zu sehen, nachdem auf dem Vorprogramm bereits Kämpfer wie Chris Leben oder Deutschlands Dennis Siver in den Käfig steigen werden.

Der Event kann in Deutschland, wie gewohnt, kostenlos über ufc.tv (Hauptprogramm und zweiter Teil Vorprogramm) beziehungsweise Facebook (erste zwei Vorkämpfe) verfolgt werden.

Chris Weidman vs. Anderson Silva
Chris Weidman (10-0) hat in den vergangenen eineinhalb Jahren einiges erlebt. Im Juli 2012 stand er zum ersten Mal im Hauptkampf eines UFC-Events und nahm den favorisierten Mark Munoz eine Runde lang völlig auseinander, bevor er ihn im zweiten Durchgang mit einem perfekt getimten Ellbogenschlag außer Gefecht setzte. Die damalige Situation der Mittelgewichtsklasse ließ allerdings keinen passenden Gegner für Weidman übrig, der also wartete und schließlich für UFC 155 im Dezember 2012 gegen Tim Boetsch angesetzt wurde. Im Oktober kam diesem Kampf allerdings Hurrikane Sandy in die Quere, der Weidmans Haus von Grund auf unter Wasser setzte und nach wochenlangen Schadensbegrenzungsversuchen monatelange Wiederaufbauarbeiten nötig machte. Hinzu kam später eine Schulterverletzung, sodass Weidman Ende 2012 einen prall gefüllten Kopf hatte – MMA allerdings hatte dort keinen Platz. 

Für Anderson „The Spider“ Silva (33-5) gab es zu jenem Zeitpunkt mehrere Möglichkeiten, in die er seine illustre und vermutlich nicht mehr allzu lange andauernde Karriere lenken könnte. Der Brasilianer hatte gerade erst in einem kurzfristig angesetzten Halbschwergewichtskampf Stephan Bonnar mit einem Knie zum Solarplexus gestoppt und wartete die Ausgänge verschiedener Kämpfe ab, um seinen nächsten Schritt festzulegen – Weidman allerdings, so hatte das Management Silvas bereits mehrfach erklärt, sei keine potentielle nächste Ansetzung für den Champion. Georges St-Pierre jedoch zeigte nach seinem erfolgreichen Comeback von einer schweren Knieverletzung keinerlei Verlangen nach einem Super-Kampf gegen Silva und auch Rashad Evans potentieller Wechsel ins Mittelgewicht, wo er einen direkten Titelkampf bekommen hätte, fiel ins Wasser, als Evans gegen Rogerio Nogueira verlor. Im Mittelgewicht selbst konnte außerdem niemand die nötigen Erfolge vorweisen, um einen Titelkampf zu rechtfertigen, sodass sich im Frühjahr 2013 Weidman als einzig sinnvolle Möglichkeit für die nächste Titelverteidigung Silvas herauskristallisierte.

Der Kampf wurde trotz der Widerstände aus Silvas Umfeld also für den traditionellen Event zum Independence Day am Wochenende des 4. Juli in Las Vegas angesetzt. Einzig über seine hochklassigen Ringer-Fähigkeiten oder mit seinem soliden Jiu-Jitsu könne der 29-Jährige die Legende vom Thron stoßen, war die allgemeine Ansicht in den Wochen und Monaten vor dem großen Kampf. So richtig geglaubt hat allerdings kaum jemand an einen Titelwechsel, denn Silva war in all den Jahren zuvor schlicht zu dominant gewesen. Nate Marquardt, Dan Henderson, Chael Sonnen, Vitor Belfort, Yushin Okami: sie alle und noch mehr sind spektakulär gescheitert am womöglich besten Kämpfer aller Zeiten, warum sollte ein 29-Jähriger mit der Erfahrung aus nur neun Profi-Kämpfen nun also derjenige sein, der das Unmögliche möglich macht?

Letztlich schaffte Weidman es tatsächlich, der langjährigen Dominanz ein Ende zu setzen, als er Silva mit einem linken Haken am Kinn erwischte, nachdem dieser ihn zuvor eineinhalb Runden lang verhöhnt und mit ihm gespielt hatte. Ein Zeichen dafür, dass Silva alt wird, seine Nehmerfähigkeiten schwinden oder Timing und Reaktionszeit schwächer werden? Reines Glück des Herausforderers? Oder ist Weidman Vorbote einer neuen Generation, die schlicht besser ist als die Legenden der Gegenwart? Fragen über Fragen sind nach dem Schockmoment im Juli aufgekommen, und sie alle werden in der Nacht von Samstag auf Sonntag beantwortet werden. Silva hat in den letzten Tagen außerdem angekündigt, möglicherweise nach diesem Kampf in Rente zu gehen; wer eine wahre Legende des Sports also möglicherweise zum letzten Mal in Aktion sehen will, sollte diesen Kampf nicht verpassen.

Ronda Rousey vs. Miesha Tate
Eigentlich hätte dieser Kampf um die Bantamgewichtskrone der Frauen den Jahresabschluss-Event am Samstag anführen sollen, der unerwartete Ausgang des ersten Silva/Weidman-Kampfes degradierte die beiden Bantamgewichtlerinnen allerdings in den Co-Hauptkampf. Die Erzfeindinnen Ronda „Rowdy“ Rousey (7-0) und Miesha „Cupcake“ Tate (13-4) spielen somit nur noch die zweite Geige, der Intensität ihrer Rivalität wird das aber wohl kaum Abbruch tun.

Rousey wurde vor einem knappen Jahr offiziell zum ersten weiblichen Champion der UFC ernannt und verteidigte ihren Gürtel im Hauptkampf von UFC 157 gegen Liz Carmouche. Nachdem die Herausforderin sie mit einem Rear Naked Choke kurzzeitig in Bedrängnis bringen konnte, endete der Kampf letztlich trotzdem genauso wie jeder von Rouseys vorherigen sechs, und zwar mit einem Armbar in Runde eins. Seitdem stand „Rowdy“ allerdings nicht mehr im Käfig, sondern spielte in zwei Filmen mit und war neben Tate als Trainerin der letzten „Ultimate Fighter“-Staffel (TUF) zu sehen.  

Tate hat ebenfalls erst ein Mal in diesem Jahr gekämpft und ihren Kampf gegen Cat Zingano im April auch noch verloren, die sich damit eine Titelchance gegen Rousey verdiente. Diese sollte sie nach der 18. TUF-Staffel bekommen, für die sie und Rousey als Trainerinnen geplant waren. Eine Knieverletzung machte diese Pläne allerdings zunichte und schaufelte den Weg frei für Tate, die trotz ihrer Niederlage den Posten als konkurrierende Trainerin im TUF-Haus bekam und nun die Chance hat, sich für ihre Niederlage Anfang 2012 zu rächen. Damals sicherte Rousey sich mit einem Armbar in Runde eins Tates Strikeforce-Gürtel, der später in das UFC-Gold umgewandelt werden sollte.

Harmlose Meinungsverschiedenheiten im Vorfeld des ersten Kampfes haben sich seitdem zu einer wahren Hass-Beziehung hochgeschaukelt. Die Rivalität der beiden kumulierte in den letzten Monaten öffentlich während der 18. TUF-Staffel, während der die beiden Kontrahentinnen immer wieder aneinandergerieten. Besonders Rousey sparte während der Episoden nicht mit Mittelfingern und Beleidigungen, die ihr Image in der MMA-Gemeinde nachhaltig geschädigt haben könnte. Am Samstag allerdings ist alle Abneigung bedeutungslos, denn im Octagon zählt für beide nur das Ergebnis. Ob Rousey ihren siebten Kampf in Folge per Armbar gewinnt, Tate sich für die Niederlage von vor zwei Jahren rächen kann oder etwas ganz anderes passiert, werden wir am frühen Sonntagmorgen sehen können…

Josh Barnett vs. Travis Browne
Abgerundet werden die beiden Titelkämpfe durch einen mit ziemlicher Sicherheit unterhaltsam werdenden Schwergewichtskampf zwischen Josh „The Warmaster“ Barnett (33-6) und Travis „Hapa“ Browne (15-1-1). Barnett, der seit 1997 professionell kämpft und 2002 bereits den UFC-Schwergewichtstitel gewann, ist ein langjähriger Veteran des Sports, der im August nach elf Jahren Abstinenz und erfolgreichen Karrieren u.a. bei Pride FC, Affliction und Strikeforce in die UFC zurückkehrte. Mit einem T.K.o.-Sieg in Runde eins gegen Frank Mir sicherte er sich den zehnten Sieg in elf Kämpfen, eine vielversprechende Position in den UFC-Ranglisten und einen Platz auf dem Hauptprogramm des wohl wichtigsten Events dieses Jahres.

Browne dagegen ist bei den Fans noch recht unbekannt, wenn man bedenkt, dass er seit mittlerweile vier Jahren Teil der UFC ist und in der Schwergewichtsklasse für ordentlich Furore gesorgt hat. Vier (T.)K.o.-Siege, u.a. gegen Stefan Struve, Gabriel Gonzaga und zuletzt Alistair Overeem, brachten dem Zwei-Meter-Mann aus Hawaii diese Chance gegen einen populären Veteranen des Sports ein, der hier seinen dritten Sieg in Folge jagt.

Der Sieger dieses Kampfes könnte sich mit einem weiteren Erfolg im kommenden Jahr in eine gute Position für einen Titelkampf bringen. Gerüchte, wonach der Sieger dieses Kampfes nächstes Jahr in einem Titel-Eliminator auf Fabricio Werdum treffen soll, sind zwar nicht bestätigt, machen angesichts der aktuellen Situation der Gewichtsklasse allerdings Sinn. Viel mehr Kämpfer mit entsprechenden Erfolgen gibt es momentan nicht, und Champion Cain Velasquez ist mit einer Schulterverletzung sowieso noch für weite Teile des kommenden Jahres außer Gefecht gesetzt, sodass jeder der aktuellen Kandidaten für einen Titelkampf noch mindestens einen weiteren Kampf gewinnen muss.

Jim Miller vs. Fabrício Camoes
Dieser Leichtgewichtskampf fliegt zwar angesichts der Hochkaräter am oberen Ende des Programms etwas unter dem Radar, könnte aber ebenfalls unterhaltsam werden. Theoretisch dürfte es hier nur zwei mögliche Abläufe geben – entweder, Jim Miller (22-4-0(1)) macht Fabrício „Morangó“ Camoes (14-7-1) im Stand für maximal drei Runden die Hölle heiß, oder Camoes sichert sich mit seinen hochklassigen BJJ-Fähigkeiten einen beeindruckenden Sieg. Bekanntlich aber kommt ja immer alles anders als man denkt, besonders in diesem Sport…

Miller kratzte im Laufe der vergangenen Jahre immer wieder an einem Titelkampf, scheiterte dann aber immer kurz vor dem Ziel. Siege u.a. gegen Gleison Tibau, Charles Oliveira, Melvin Guillard und Joe Lauzon stehen in den letzten Jahren Niederlagen gegen Ben Henderson, Nate Diaz und Pat Healy gegenüber (wobei letztere wegen nachgewiesener Marijuana-Spuren im Blut Healys offiziell nicht existiert). Sein angriffslustiger, kraftvoller Kampfstil hat ihm dabei ganze sechs Bonuszahlungen und eine Menge dominanter Siege eingebracht.

Camoes, der 1997 bereits 25 Minuten lang gegen Anderson Silva kämpfte, war bereits 2009 und 2010 in der UFC zu sehen, musste nach einem Unentschieden gegen Caol Uno und einer Niederlage gegen Kurt Pellegrino aber die Organisation verlassen. Einige Siege in der regionalen Szene brachten ihm Anfang 2012 die Chance ein, kurzfristig als Ersatz für den verletzten Reza Madadi gegen Tommy Hayden einzuspringen. Camoes bezwang Hayden per Rear Naked Choke, verlor einige Monate später jedoch einstimmig nach Punkten gegen Melvin Guillard. Nun wird er gegen Miller versuchen, seinen zweiten Sieg im Octagon einzufahren.

Dustin Poirier vs. Diego Brandao
Kaum ein Kampf ist auf dem Papier besser geeignet, um das Hauptprogramm spektakulär einzuleiten als dieses Federgewichts-Duell. Mit Dustin „The Diamond“ Poirier (14-3) und Diego „DB“ Brandao (18-8) hat Matchmaker Sean Shelby zwei wilde und schlagstarke, aber trotzdem technisch versierte Kämpfer mit Stärken sowohl im Stand als auch am Boden aufeinander angesetzt, die den nächsten Schritt in Richtung Titelkampf hinter sich bringen wollen.

Poirier tauchte als WEC-Import Anfang 2011 zum ersten Mal in der UFC auf – bei UFC 125 bezwang er Josh Grispi dominant nach Punkten, der an diesem Abend eigentlich auf José Aldo hätte treffen sollen, wenn dieser sich nicht im Vorfeld verletzt hätte. Dieser Überraschungserfolg sorgte für einen perfekten Start in der UFC. Siege gegen Jason Young, Pablo Garza und Max Holloway brachten Poirier in den Folgemonaten seinen ersten Hauptkampf ein, den er im Mai 2012 nach vier actiongeladenen Runden jedoch per D’Arce Choke gegen den „Korean Zombie“, Chan Sung Jung verlor. Seitdem konnte Poirier Jonathan Brookins und Erik Koch besiegen und musste sich lediglich Cub Swanson nach Punkten geschlagen geben.

Diego Brandao machte in der 14. TUF-Staffel auf sich aufmerksam. Ähnlich wie Uriah Hall in der 17. Ausgabe des Reality-TV-Formats, schnitt Brandao durch das Turnierfeld wie ein heißes Messer durch die Butter – drei aufeinanderfolgende K.o.-Siege, u.a. gegen Bryan Caraway und Steven Siler, brachten ihm einen Platz im Finale ein, dass er durch Aufgabe gegen Dennis Bermudez gewann. Zwar strauchelte er in seinem ersten Kampf nach dem Gewinn der TUF-Trophäe mit einer Punktniederlage gegen Darren Elkins, konnte seitdem aber Joey Gambino, Pablo Garza und zuletzt Daniel Pineda überzeugend besiegen.


Anbei das gesamte Programm:

UFC 168: Weidman vs. Silva II
Samstag, 28. Dezember 2013
MGM Grand Garden Arena in Las Vegas, Nevada, USA

Mittelgewichtstitelkampf (ufc.tv)
Chris Weidman (c) vs. Anderson Silva

Bantamgewichtstitelkampf der Frauen (ufc.tv)
Ronda Rousey (c) vs. Miesha Tate

Hauptprogramm (ufc.tv)
Josh Barnett vs. Travis Browne
Jim Miller vs. Fabrício Camoes
Dustin Poirier vs. Diego Brandao

Vorprogramm (ufc.tv)
Chris Leben vs. Uriah Hall
Gleison Tibau vs. Michael Johnson
Dennis Siver vs. Manvel Gamburyan
John Howard vs. Siyar Bahadurzada

Vorprogramm (Facebook)
William Macario vs. Bobby Voelker
Robbie Peralta vs. Estevan Payan