MMA

Wahrheit oder Lüge?

Alistair Overeem bei der Anhörung. (Foto: mmajunkie.com)

Vergangenen Dienstag fiel die mit Spannung erwartete Entscheidung der Sportkommission von Nevada (Nevada State Athletic Commission  - NSAC) über Alistair Overeems Antrag auf eine Kampflizenz, nachdem dieser am 27. März eine positive Dopingprobe abgegeben hatte. Die Lizenz wurde einstimmig abgelehnt und das frühestmögliche Datum zur erneuten Beantragung auf den 27. Dezember 2012 festgelegt. Warum das viel zu milde ist, und das Ansehen der Komission und des Sports schädigen wird, erklärt dieser Beitrag.

Wer das Ergebnis der gestrigen Verhandlung betrachtet, der kann geneigt sein zu glauben, Alistair Overeem wäre dabei schlecht weggekommen - schließlich hatte er eine sofortige Lizenz beantragt und muss nun neun Monate aussitzen. Tatsächlich ist jedoch das Gegenteil der Fall: Die neunmonatige Sperre ist ein Triumph für Overeem, sie war unter den gegebenen Umständen das absolut beste Ergebnis, das er sich zu erträumen wagen durfte. Um dies zu verstehen, muss man zunächst mit der Vorgerschichte vertraut sein, und diese beginnt am 17. November 2011.

An jenem Datum wurde Overeem von der NSAC aufgefordert, im Vorlauf zu seinem Neujahrskampf gegen Brock Lesnar einen unangekündigten, zufälligen Dopingtest abzulegen. Am selben Tag flog "The Reem" von den USA nach Holland - eine verwertbare Probe reichte er nach viel Hin und Her erst über einen Monat später ein. Es folgte eine förmliche Anhörung, in der Alistair um keine Ausrede verlegen war: Das Ticket für den Flug nach Holland habe er selbstverständlich schon vor der Anforderung der Dopingprobe gekauft, und alle weiteren Verzögerungen hätten sich aus Missverständnissen bzw. aus Kommunikationsengpässen zwischen ihm und seinem Assistenten ergeben.

Diese Schilderung der Ereignisse war nicht vollkommen unplausibel - aber auch nicht plausibler als die gegenteilige Vorstellung, dass Overeem gezielt fluchtartig das Land verlassen und den Test so weit wie möglich herausgezögert hatte, damit sein Testosteronpegel auf ein akzeptables Maß fallen konnte. Die Aufgabe der NSAC wäre es bereits damals gewesen, der Sache auf den Grund zu gehen und sich beispielsweise durch die Vorlage einer Rechnung über die Flugtickets nach Holland nachweisen zu lassen, dass diese tatsächlich vor dem 17. November gekauft worden waren. Doch die Mitglieder der Sportkommission verlangten keinerlei Beweise, schenkten dem Delinquenten vielmehr in allen entscheidenden Fragen uneingeschränktes Vertrauen, und erteilten ihm seine Lizenz für den Kampf gegen Lesnar.

Allerdings stand die Lizenz unter der Bedingung, dass Overeem sich innerhalb der nächsten sechs Monate zwei weiteren, unangekündigten Tests würde unterziehen müssen. Mit Recht wurde damals kritisiert, dass unangekündigte Tests, von denen der Kämpfer weiß, dass und in welchem Zeitrahmen sie stattfinden werden, nicht mehr im engeren Wortsinn "unangekündigt" seien. Dass "The Reem" dennoch bereits beim ersten dieser beiden Tests, nach einer UFC 146 Pressekonferenz am 4. April 2012, mit deutlich erhöhten Testosteronwerten aufflog, kann man sich nur durch ein schier unglaubliches Ausmaß an Sorglosigkeit und/oder Dummheit erklären.

In Folge dieses positiven Dopingtests wurde die eingangs erwähnte Anhörung anberaumt, in deren Verlauf zusätzlich zu der ohnehin schon erdrückenden Beweislage folgende weitere  Umstände ans Licht kamen:

1. Nach der Pressekonferenz am 4. April 2012 hatte Alistair Overeem versucht, aus dem Gebäude zu fliehen, und ließ sich erst durch den Hinweis, dass eine solche Flucht als positives Testergebnis gewertet werden würde, aufhalten. Auf die Frage, wieso er versucht habe, das Gebäude zu verlassen, lieferte er der Reihe nach drei verschiedene, komplett widersprüchliche Ausreden.

2. Die erhöhten Testosteronwerte erklärte Overeem damit, dass er wegen einer Verletzung aus dem Lesnar-Kampf ein entzündungshemmendes Mittel injiziert habe, von dem er nicht wusste, dass es Testosteron enthält. Der extrem naheliegende Gedanke, sich hinsichtlich der Inhaltsstoffe des Mittels zu erkundigen, sei ihm nicht gekommen, auch habe sein Arzt ihn diesbezüglich entgegen seiner Aufklärungspflicht nicht instruiert.

3. Selbiger Arzt, Dr. Hector Oscar Molina mit Namen, wurde bereits in der Vergangenheit zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er verschreibungspflichtige Medikamente über einen illegalen Versandhandel im Internet vertrieb. Er betreibt zudem die sog. "Men's Performance Enhancement Clinic", die sich auf verschiedene Aspekte männlicher Leistungsförderung, u.a. die Behandlung eines zu niedrigen Testosteronpegel spezialisiert. Nebenbei arbeitet er auch als plastischer Chirurg und hat es in dieser Funktion unter dem Vorwurf der Kurpfuscherei in die amerikanischen Medien gebracht.

4. Dr. Molina war nicht in der Lage, die Wirkstoffe, die er Overeem angeblich verschrieben hat, konkret zu benennen, und widersprach sich wiederholt hinsichtlich mehrerer wichtiger Punkte.

Um dies alles zusammenzufassen: Ein Sportler, dessen Physis eher an einen Comichelden als an einen Menschen erinnert, sucht zunächst jede Möglichkeit, einem Dopingtest zu entgehen, wird letztlich aber doch durch selbigen überführt und zitiert zu seiner Verteidigung einen vorbestraften, hochgradig windigen Mediziner herbei, der nicht einmal gut lügen kann.

Spätestens nach der gestrigen Anhörung ist nicht nur Overeems Schuld bewiesen, sondern auch seine vollkommen fehlende Einsicht oder Reue. Im Gegenteil hat er deutlich unter Beweis gestellt, dass er bereit ist, bis zum letzten Atemzug zu lügen, wenn auch nur die geringste Chance bestehen sollte, den Kopf womöglich doch noch aus der Schlinge zu ziehen. Vor Gericht wird ein Geständnis als mildernder Umstände gewertet - eine so radikale Leugnungshaltung jedoch womöglich als das genaue Gegenteil.

Vor diesem Hintergrund kehre ich zu meiner These am Anfang des Artikels zurück: Dass nämlich die von der NSAC ausgesprochene, neunmonatige Sperre alles andere als eine angemessene Strafe ist, ja, dass sie in mindestens zwei entscheidenden Punkten viel zu kurz greift.

Der erste dieser beiden Punkte ist Overeems Sieg über Brock Lesnar. Der Leser erinnert sich, dass Overeem bereits damals nur eine bedingte Kampflizenz erhielt, welche an das Bestehen zweier weiterer Tests geknüpft war. Er ist beim ersten dieser Tests gescheitert, konsequenterweise hätte sein Sieg nachträglich in einen No-Contest umgewandelt und seine gesamte Siegprämie sowie ein Teil seiner Kampfgage - immerhin mehrere hunderttausend Dollar - als Strafzahlung einkassiert werden müssen. Beides ist nicht geschehen.

Der zweite Punkt ist die Dauer der Zeitspanne, bis Overeem sich erneut um eine Lizenz bewerben kann. Üblicherweise beträgt diese Zeitspanne bei der NSAC im Fall von nachgewiesenem Doping neun bis zwölf Monate. Thiago Silva etwa, der im März 2011 aufflog, aber seinen Fehler immerhin ehrlich zugab und sich entschuldigte, bekam das Höchstmaß. Overeem hingegen kommt, vor dem Hintergrund des oben Geschilderten, tatsächlich mit neun Monaten davon.

Nun könnte man einwenden, dass drei Monate mehr oder weniger doch im Ergebnis keinen sonderlich großen Unterschied machen werden. Doch weit gefehlt: Die NSAC war nämlich weiterhin so nett, den Startzeitpunkt von Overeems Sperre auf den 27. März rückzudatieren. Das hat zur Konsequenz, dass er sich am 27. Dezember um eine neue Lizenz bewerben kann - gerade noch rechtzeitig, um ihm einen Platz auf dem Neujahrs-Event, das die UFC traditionell in Las Vegas (und damit unter Aufsicht der NSAC) veranstaltet, zu sichern.

Es stellt sich natürlich die Frage, wie all das sein kann. Wie ist es möglich, dass eine Komission aus Menschen, deren Beruf es ist, Sportler und Veranstalter zu kontrollieren, eine Geschichte glaubt, die so offensichtliche Lücken und Widersprüche aufweist, sie gar als "hervorragende Präsentation" bezeichnen und ihrer Überzeugung Ausdruck verleihen, dass es sich nur um ein Versehen gehandelt und dass Overeem Testosteron nicht gezielt zur Leistungssteigerung eingesetzt habe?

Nun, das ist möglich. Eine andere Möglichkeit ist, dass ein Overeem-Kampf in Las Vegas zum Ende des Jahres ganz einfach viel Geld bedeutet, und dass die NSAC einem guten Geschäft nicht gern im Weg steht. Darüber mag der Leser sich seine eigene Meinung bilden.