MMA

Verletzungswelle in der UFC

Man kann schon ein wenig Mitleid mit Joe Silva haben. Der Mann macht sich Gedanken. In mühsamer und detailverliebter Planungsarbeit trägt er dafür Sorge, dass die UFC alle paar Wochen elf hochkarätige Kämpfe abhalten kann. Kämpfe mit gleichwertigen Gegnern, mit Relevanz für das Titelgeschehen, mit technischer Finesse und mit Entertainment für die Zuschauer. Doch kaum ist das Kartenhaus schließlich errichtet, beginnt es auch auch schon an allen Ecken und Enden einzustürzen. Vor allem während der letzten Monate wurden sämtliche Negativrekorde in puncto Kampfabsagen gebrochen.

Kurzfristige Absagen sind immer ärgerlich, doch die Menge, in der sie 2011 bei den Matchmakern der UFC eintrudeln, sucht ihresgleichen. Sagenhafte 55 Kämpfe mussten laut Fightlinker in der ersten Jahreshälfte verletzungsbedingt gestrichen werden - viele hochkarätige Duelle wurden entweder verschoben (Edgar vs. Maynard III, Dos Santos vs. Velasquez) oder fanden gleich gar nicht statt (Dos Santos vs. Lesnar, Silva vs. Sonnen II). Besonders schwer getroffen hat es UFC 131, wo sage und schreibe 9 von 11 Kämpfen auf Grund von Verletzungen umgestellt werden mussten. Doch auch UFC Live: Sanchez vs. Kampmann und UFC Fight Night: Noguiera vs. Davis wurden mit 8 bzw 6 Ausfällen hart gebeutelt.

Die Absagewelle stellt in dieser extremen Form ein echtes Problem für die UFC dar. Einzelne Ausfälle wird es immer zu beklagen geben, doch wenn der Punkt erreicht ist, an dem Fans künftige Kampfansetzungen mit einem lapidaren "Ich glaub' dran, wenn sie im Octagon stehen" kommentieren, dann sind nicht bloß die Verkaufszahlen einzelner Pay-Per-Views, sondern die Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit des Sports an sich in Gefahr. Erst Recht verbietet sich unter solch wackligen Voraussetzungen die Veranstaltung von Tournaments, deren Sinnhaftigkeit vollständig verloren ginge, wenn zwischen Achtel-, Viertel-, Halb- und schließlich Finale die halbe Belegschaft gewechselt werden müsste. Während Strikeforce die Unwägbarkeiten solcher Planungsfragen derzeit schmerzlich zu spüren bekommt, mag es gut sein, dass die UFC sich aus genau diesem Grund gegen das von Melvin Guillard und gefühlten 99,9% aller Fans geforderte Tournament im Leichtgewicht sträubt.

Die Frage, die sich jedermann angesichts der derzeitigen Lage stellt, lautet natürlich: Warum? Im Gegensatz zu Grippe und Masern sind gebrochene Knochen und gezerrte Muskeln nicht ansteckend - woher also rührt die plötzliche Epidemie? Was die Leitung der UFC grübeln lässt, das vermag auch dieser Autor nicht zu beantworten - aber mutmaßen kann er, und fünf mögliche Ursachen präsentieren.

1. Die im Juni eingeführte Krankenversicherung:

Der naheliegendste Grund dafür, dass sich auf einmal mehr Kämpfer krank melden, ist sicher der Umstand, dass sie dadurch nicht mehr ihre finanzielle Existenz aufs Spiel setzen. Bekanntlich haben Kämpfer gerade bei leichteren Verletzungen früher dazu geneigt, dennoch in den Käfig zu steigen - die Gage diente dann u.a. zum Auskurieren eben jener physischen Leiden. Seit die Athleten sich jedoch ohne Weiteres für bis zu 50.000$ pro Jahr auf Rechnung der UFC in die Hände geübter Mediziner begeben können, ist die Hemmschwelle, einen Zahltag zu verpassen, erheblich gesunken.

2. Die Wiederaufnahme von spontanen Dopingtests durch die Sportkommission von Nevada:

Chael Sonnen und Nate Marquardt haben vorgeführt, wie unschön die Konsequenzen eines nicht bestandenen Dopingtests sein können - zugleich lässt die wichtige Sportkommission des US-Bundesstaats Nevada verlauten, in Zukunft wieder unangekündigte Proben während der Trainingscamps nehmen zu wollen. Durchaus denkbar, dass dies den einen oder anderen (Ex)-Sünder dazu bewegt hat, seinen Konsum einzustellen. Das Problem dabei: Diverse Dopingmittel fördern zugleich auch die Regeneration und Heilung des menschlichen Körpers. Fallen diese positiven Wirkungen auf einmal weg, so kann manche Blessur, die vormals unter dem Einfluss von Testosteron & Co rechtzeitig ausgeheilt wäre, zum ernsten Problem und letztlich zum Absagegrund werden. Ein populäres Beispiel für den gezielten Einsatz von leistungssteigernden Substanzen zur Behandlung einer Trainingsverletzung ist Thiago Silva, der sich vor seinem Kampf mit Brandon Vera Steroide in den Rücken injizierte, um am Abend von UFC 125 einsatzbereit zu sein.

3. Härteres & komplexeres Training:

Keine Frage: Das Niveau des Sports wächst, und mit ihm die Anforderungen an die Athleten. Wer vorne mitmischen will, der muss sich in der Vorbereitung immer näher an die eigenen Grenzen treiben und darf von seinen Sparringspartnern keine Gnade erwarten  - auf einen harten Kampf bereitet eben nur ein harter Kampf vor. Natürlich geht mit dieser gesteigerten Intensität auch eine gesteigerte Verletzungswahrscheinlichkeit einher, die sich in häufigeren Absagen niederschlägt. Im Gegensatz zu den beiden vorgenannten Punkten ist der Anstieg des Trainingsniveaus über die letzten Jahre hinweg jedoch graduell verlaufen und lässt sich zeitlich nicht auf ein bestimmtes, einige Monate in der Vergangenheit liegendes Ereignis fixieren.

4. Der steigende Konkurrenzdruck in den einzelnen Gewichtsklassen:

Es gab mal eine Zeit, da war die UFC eine kleine Show, in der unbekannte Kämpfer am Vorabend gebucht wurden, um sich nach einem bestenfalls rudimentär bekannten Regelwerk mit 40kg leichteren oder schwereren Kontrahenten zu prügeln. Diese Zeit ist vorbei. Mit der  Professionalisierung und dem kometenhaften Aufstieg in den Mainstream ist nicht nur das öffentliche Interesse am Sport gewachsen, sondern auch der Konkurrenzdruck in den Gewichtsklassen. Dies gilt umso mehr, seit sich die verfügbaren Kämpfe auch noch auf das Feder- und Bantamgewicht aufteilen und der Transfer von hochwertigen Athleten aus Strikeforce droht bzw. stattfindet. Wo zwei Niederlagen in Folge bereits das Aus bedeuten können, da will niemand in den Käfig steigen, der sich nicht in absoluter Topform befindet. Lieber ein paar Monate später mit ausgeheilten Verletzungen antreten, als heute und danach nie wieder - so die durchaus einleuchtende Ratio mancher vorsichtiger Kämpfer.

5. Faule Ausreden:

Eher ein Einzelfall dürfte die Absage von Jon Jones sein. Dieser gab bekannt, bei UFC 133 nicht gegen Rashad Evans antreten zu können, da er Zeit brauche, um eine Verletzung in seiner rechten Hand zu kurieren. Eine Verletzung, wohlgemerkt, die ihn schon seit Jahren plagt, relativ harmlos ist, und deren operative Behandlung er letzten Endes doch abgesagt hat. Man muss kein erklärter Gegner von Jones (der nur wenige Wochen nach UFC 133 gegen Quinton Rampage Jackson antreten wird) sein, um in diesem Fall den Eindruck zu gewinnen, dass die Verletzung eher ein vorgeschützter Grund war, um nicht gegen Rashad in den Käfig steigen zu müssen.

Zugegeben: Jeder der genannten Gesichtspunkte mag für sich wohl kaum den Verletzungsfluch zu erklären, der die UFC im Jahr 2011 heimsucht. In der Summe jedoch, und gewürzt mit einer Prise unglücklichen Zufalls, dürften dies die vier bis fünf wesentlichen Ursachen sein. Damit allerdings sieht der Befund für die Zukunft eher düster aus: Der Konkurrenzdruck wird nicht geringer werden, und das Training dementsprechend nicht zaghafter. Testosteron & Co bleiben selbstverständlich illegal, und auch die Krankenversicherung - eine fundamentale arbeitsrechtliche Errungenschaft der Liga - ist gekommen um zu bleiben. So kann man nur hoffen, dass der Zufall in der aktuellen Verletzungswelle womöglich doch die größte Rolle spielt, und das Glück in Zukunft wieder auf Seiten der UFC stehen wird.