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Silva vs. Weidman steigt am Wochenende bei UFC 162

Ist Chris Weidman die größte Herausforderung in Anderson Silvas Karriere?

Kann er, oder kann er nicht? Seit Wochen dreht sich die gesamte MMA-Welt um die Frage, ob der 29-jährige Chris Weidman derjenige sein wird, der den wohl besten Kämpfer aller Zeiten, Anderson Silva, enttrohnt?

Ganze 14 Top-UFC-Kämpfer sind im Laufe der Jahre bereits an „The Spider“ gescheitert, doch Weidman könnte die Voraussetzungen mitbringen, um die Sensation zu schaffen. Ob er letztendlich wirklich der ‚Auserwählte’ sein wird, werden wir in der Nacht von Samstag auf Sonntag sehen.

Daneben werden weitere brennende Fragen beantwortet, beispielsweise die, ob Frankie Edgar nach drei haarscharf verlorenen Titelkämpfen im Duell gegen Charles Oliveira endlich wieder auf die Siegerstraße zurückkehren wird, oder ob Mark Munoz nach einem Jahr Pause, Frustfressen und Depressionen zu alter Form oder sogar zu einer besseren zurückfinden wird. Nicht zu vergessen ist natürlich auch Dennis Siver, der mit Cub Swanson einen ordentlichen Brocken vor den Fäusten hat, der ihn im Falle eines Sieges aber ganz nah an einen Titelkampf bringen könnte. 

Der gesamte Event kann in Deutschland, wie gewohnt, auf ufc.tv (Hauptprogramm und zweiter Teil des Vorprogramms) und der offiziellen Facebook-Präsenz der UFC (erste zwei Vorkämpfe) verfolgt werden.

Anderson Silva (c) vs. Chris Weidman
Auf diesen Kampf haben viele Menschen lange gewartet. Mit mittlerweile 38 Jahren scheint Anderson „The Spider“ Silva (33-4) keine Anstalten zu machen, Kraft, Reflexe oder Schnelligkeit einzubüßen und scheucht seine Gegner wie eh und je durch den Käfig. Irgendwann, so hoffen einige, wird auch ein Silva verlieren, und die öffentliche Meinung scheint dahin zu tendieren, dass dieser Zeitpunkt an diesem Wochenende gekommen ist, wenn der Brasilianer auf Chris „All American“ Weidman (9-0) treffen wird.

Andererseits hat man das gleiche über die meisten von Silvas bisherigen Gegnern auch gesagt. Egal, ob es großartige Standkämpfer, findige BJJ-Experten, zähe Ringer oder die besten Allrounder waren – beinahe jeder von ihnen ließ die Fähigkeiten vermissen, die ihn an diesen Punkt gebracht hatten, sobald sie mit Silva im Octagon standen. Liegt es daran, dass Silva einfach einige Level über allen anderen schwebt, oder schüchtert er seine Gegner derartig ein, dass sie ihr Potential nicht einmal ansatzweise ausschöpfen können?

Stellt man diese Frage Chris Weidman, wird er auf letztere These verweisen. Die herausragende Stärke des 29-Jährigen dagegen scheint gerade sein Kopf zu sein. Egal, ob er als kurzfristiger Ersatz mit nur zwei Wochen Vorbereitung sein UFC-Debüt gibt, in elf Tagen beinahe 14 Kilo Gewicht für einen kurzfristig angenommenen Kampf gegen Demian Maia verliert oder in seinem ersten Hauptkampf mit Mark Munoz gegen einen gefährlichen Veteranen antritt – Weidman bleibt stets ruhig, fokussiert und setzt alles daran, seine Ziele zu erreichen. Nach seinem desaströsen Sieg gegen Munoz im Juli 2012 musste Weidman darüber hinaus einiges durchmachen. Nachdem sein Haus im Oktober durch den Hurricane Sandy verwüstet wurde, musste er einige Wochen später wegen einer Schulterverletzung einen geplanten Kampf gegen Tim Boetsch absagen, der ihn einen wichtigen Schritt näher an einen Titelkampf hätte bringen können.

Letztendlich haben verschiedene Faktoren zusammengespielt, und Weidman hat den Titelkampf trotzdem bekommen. Ob es mit nur neun professionellen MMA-Kämpfen und einem Jahr Pause auf dem Buckel der richtige Zeitpunkt ist, darf bezweifelt werden. Weidman ist sich dennoch sicher, Silva nicht nur schlagen zu können, sondern es in der Nacht von Samstag auf Sonntag auch tatsächlich zu tun.

Schaut man sich den Kampf auf dem Papier an, könnte einen das sich bietende Rezept überzeugen. Silvas Stärken liegen im Stand und am Boden, das Ringen dagegen war immer seine schwächste Stelle (was allerdings nicht heißt, dass es schlecht ist). Weidman dagegen ist ein superber Ringer mit sehr guten Fähigkeiten am Boden, der Silva theoretisch auf die Matte bringen und dort kontrollieren oder sogar zur Aufgabe zwingen könnte. Was die Sache verkompliziert, ist allerdings Silvas Tendenz, sich über derart simple „Schere-Stein-Papier“-Prinzipien mit beängstigender Eleganz hinwegzusetzen und am Ende des Tages doch jeden auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen, der sich auch nur die geringsten Chancen ausgemalt hat.

Werden wir im Hauptkampf von UFC 162 also das Ende einer alten und den Beginn einer neuen Ära sehen, oder wird der 6.7. nur ein weiterer Arbeitstag für Silva? Die Auflösung sollte man nicht verpassen.

Frankie Edgar vs. Charles Oliveira
Der Co-Hauptkampf des Abends ist eine etwas überraschende Ansetzung, denn mit Frankie “The Answer” Edgar (15-4-1) trifft hier ein Ex-Champion, der seit beinahe vier Jahren nur in Fünf-Ründern gekämpft hat, einem Kämpfer gegenüber, der zwar jung und talentiert ist, von seinen letzten sechs Kämpfen aber nur zwei gewinnen konnte. 

Edgar bekam im April 2011, etwas überraschend, einen Titelkampf gegen den damals zerstörerisch guten BJ Penn, der gerade erst Kenny Florian und Diego Sanchez auseinandergenommen hatte und auf direktem Weg in die Hall of Fame der UFC zu sein schien. Edgar jedoch scherte sich nicht um Wettquoten und punktete „The Prodigy“ kurherhand aus. Weitere Siege im Rückkampf mit Penn und gegen Gray Maynard zementierten seinen Status als Weltmeister, bevor Ben Henderson ihm den Gürtel im Februar des vergangenen Jahres nach fünf knappen Runden abnahm. Den Rückkampf gewann Edgar in den Augen der meisten Fans, die Punktrichter sahen das jedoch anders. Frustriert wechselte Edgar eine Gewichtsklasse nach unten, um sich dort durch einen Kampf gegen José Aldo stattdessen den Federgewichtstitel zu sichern. Erneut lieferte Edgar fünf extrem knappe Runden ab, und wieder gaben die Punktrichter den Sieg an seinen Kontrahenten.
Daher stehen in Edgars Statistik nun drei Niederlagen hintereinander, tatsächlich hat „The Answer“ aber drei Kämpfe gegen die Elite des Sports abgeliefert, die andere Punktrichter möglicherweise an ihn gegeben hätten.

Hätte oder wäre interessiert Edgar zurzeit aber nur am Rande, denn mit Charles „Do Bronx“ Oliveira (16-3(1)) hat er bereits die nächste Herausforderung vor den Fäusten. Oliveira hat das Octagon nach seinen letzten sechs Kämpfen zwei Mal als Gewinner, drei Mal als Verlierer und ein Mal nach einem nichtgewerteten Kampf verlassen. Siegen gegen Eric Wisely und Jonathan Brookins stehen Niederlagen gegen Jim Miller, Donald Cerrone und zuletzt Cub Swanson gegenüber.

Gegen die großen Namen scheint Oliveira also nicht bestehen zu können, was gegen Edgar kein gutes Vorzeichen wäre, allerdings darf „Do Bronx“ nicht unterschätzt werden. Der junge Brasilianer hat aggressives und flüssiges BJJ und ein sich immer weiter verbesserndes Muay Thai. Kombiniert mit hohem Druck von Anfang an könnte Oliveira Edgar gefährlich werden. Falls er dem Ex-Champion, der in seinen Fünf-Ründern meist erst gegen Ende richtig aufdrehte, die ersten Runden abnehmen kann, könnte das das Rezept für einen Sieg sein.

Tim Kennedy vs. Roger Gracie
Bei UFC 162 wird es zu einem Duell zweier Strikeforce-Veteranen aus dem Mittelgewicht kommen. Tim Kennedy (15-4) hatte vor ziemlich genau einem Jahr die Chance, sich gegen Luke Rockhold den Gürtel der sich zu diesem Zeitpunkt bereits langsam auflösenden Organisation zu sichern, musste jedoch nach fünf Runden die Punktentscheidung abgeben. Im Januar kam Kennedy mit einem Aufgabe-Sieg in Runde drei gegen Trevor Smith zurück und erntete dadurch für sein UFC-Debüt einen Platz im Hauptprogramm. Den Kampf gegen Roger Gracie (6-1) sollte Kennedy allerdings lieber gewinnen, denn mit einigen kontroversen Aussagen bezüglich der Bezahlung der Kämpfer, die seinen Bossen bei der UFC nicht gefallen haben dürften, hat sich Kennedy auf sehr dünnes Eis bewegt.

Dort befindet sich Roger Gracie ebenfalls, allerdings aus anderen Gründen. In der Anfangszeit der UFC waren es die Mitglieder seiner Familie, die durch die Turniere fegten und das BJJ durch bahnbrechende Erfolge bekannt machten. In späteren Jahren verflogen diese Erfolge jedoch, und die Gracies sahen in der UFC kaum mehr Land. Rolles, Royce und Renzo Gracie haben seit dem Jahr 2006 je ein Mal im Octagon gestanden, und in jedem dieser Kämpfe wurden sie gnadenlos dominiert. Jetzt ist es an Roger Gracie, das zu ändern – seit seinem dritten Profi-Kampf ist der 31-Jährige bei Strikeforce unterwegs, wo er mit Ausnahme einer Niederlage gegen „Mo“ Lawal jeden seiner Kämpfe gewinnen konnte. Unter anderem Kevin Randleman, Travor Prangley und Keith Jardine mussten sich dem mittlerweile in London lebenden Gracie-Spross geschlagen geben, der nun die Chance bekommt, dem bereits legendären Namen seiner Familie weitere Erfolge im Octagon hinzuzufügen.

Mark Munoz vs. Tim Boetsch
Ein weiterer Kampf im Mittelgewicht zwischen zwei sehr fähigen Kämpfern: Mark „The Phillipino Wrecking Machine“ Munoz (12-3) und Tim „The Barbarian“ Boetsch (16-5) haben zwar beide ihren jeweils letzten Kampf verloren, konnten davor aber überzeugen und wollen sich am Wochenende mit einem Sieg zurück an die Spitze kämpfen .

Munoz kämpft seit 2009 in der UFC und meldete nach einem eher durchwachsenen Start Ansprüche auf einen Platz in den Top 10 an, indem er nacheinander Aaron Simpson, C.B. Dollaway und Damian Maia schlug. Diese Serie brachte ihm seinen ersten UFC-Hauptkampf ein – den ersten über fünf Runden in einem Nicht-Titelkampf. Munoz brauchte die 25 Minuten aber gar nicht, um bei Chris Leben bei UFC 138 im November 2011 zu besiegen, denn nach zwei Runden hatte der Ringarzt genug ausgeteilten Schaden gesehen und brach den Kampf zugunsten von Munoz ab, der sich damit in die Top 5 der Gewichtsklasse manövrierte.

Ausgerechnet, als Munoz an der Spitze angekommen zu sein schien und ein Titelkampf in greifbarer Nähe war, schlug allerdings das Schicksal zu. Einen Kampf gegen Chael Sonnen musste Munoz wegen eines durch jahrelanges Trainieren und Kämpfen völlig zerstörten Ellbogen absagen, um die Verletzung endgültig zu beseitigen. Entschlossen, seine bisherigen Erfolge nicht versacken zu lassen, stieg Munoz bereits im Juli 2012 wieder gegen Chris Weidman in den Käfig – etwas überhastet, wie er später zugab. Ein gebrochener Fuß, Gewichtsprobleme und der noch nicht ganz auskurierte Ellbogen sorgten neben Weidmans Klasse dafür, dass Munoz völlig dominiert und in der zweiten Runde ausgeknockt wurde.

Frustriert und wegen des gebrochenen Fußes einer langen Pause entgegenblickend, begann Munoz, in Selbstmitleid zu versinken und zu essen - viel zu essen. Knapp 120 Kilo wog der Mittelgewichtler schließlich, als ihm beim Blick in den Spiegel der Schreck in die Glieder fuhr. Sieben Monate ist das her, seitdem hat der 35-Jährige sich in die Form seines Lebens trainiert, um gegen Tim Boetsch wieder auf die Siegerstraße zurückzukehren.

Boetsch begann seine UFC-Karriere, wie Munoz, im Halbschwergewicht, bevor ihn eine Niederlage gegen Phil Davis ins Mittelgewicht abkochen ließ. Dort feierte er gegen Kendall Grove und Nick Ring direkt beachtliche Erfolge und schaffte im Jahr 2012 mit Siegen gegen Yushin Okami und Hector Lombard den Durchbruch, bevor seine überraschende Serie im Dezember von Costa Philippou gestoppt wurde.
Diese beiden Karriereverläufe haben nun zu einem interessanten und bedeutungsvollen Kampf geführt, in dem zwei gelernte Ringer mit Dampf in den Fäusten und kollidieren werden, die beide gerne im Vorwärtsgang kämpfen.

Cub Swanson vs. Dennis Siver
Aus deutscher Sicht sicherlich am interessantesten ist der Eröffnungskampf des Hauptprogramms, in dem der Mannheimer Dennis Siver (21-8) auf Cub Swanson (19-5) treffen wird. Für Siver könnte dies der wichtigste Kampf seiner Karriere sein, der ihm im Falle eines Sieges wohl den lang ersehnten Durchbruch in der UFC bescheren würde. Mit sieben Siegen in neun Kämpfen ist der Kickboxspezialist längst etabliert in der Königsklasse der MMA, zum Sprung an die Spitze fehlt aber immer noch ein beeindruckendes Statement gegen einen hochkarätigen Gegner. Hier bietet sich die perfekte Möglichkeit – Swanson ist durchaus populär und hat seine letzten vier Kämpfe überzeugend gewonnen, gleichzeitig könnte sein wilder Stil im Stand dem technisch agierenden Deutschen Chancen bieten, die er ausnutzen kann. Doch nicht nur auf den Beinen überzeugt Siver in seinen letzten Kämpfen; besonders sein beachtlicher Fortschritt im Ringen und BJJ ist es, der immer mehr Blicke auf sich zieht und seine Chancen gegen die Elite der Gewichtsklasse immer weiter erhöht. 

Cub Swanson hat seine Gegner in der UFC bisher mit Aggression und harten Fäusten in die Mangel genommen und hatte damit überraschenden Erfolg. Nach einer Niederlage gegen Ricardo Lamas, in seinem UFC-Debüt im November 2011, stellte Swanson einige Dinge in seinem Training und seinem persönlichen Leben um, konzentriert sich seitdem hundertprozentig auf den Sport und hat sich in eineinhalb Jahren vom Rauswurf- zum Titelkandidaten gemausert. Siege gegen George Roop, Ross Pearson, Charles Oliveira und Dustin Poirier, die ersten drei vorzeitig, haben ihn an die Spitze der Nahrungskette der Federgewichtler katapultiert. Siver könnte für ihn der letzte Schritt vor einem Titelkampf sein, und umgekehrt gilt das gleiche. Zusammen mit den Kampfstilen der beiden könnte diese Mischung für den „Kampf des Abends“ sorgen.

Anbei das gesamte Programm:

UFC 162: Silva vs. Weidman
Samstag, 6. Juli 2013
MGM Grand Garden Arena in Las Vegas, Nevada, USA

Mittelgewichtstitelkampf (ufc.tv):
Anderson Silva (c) vs. Chris Weidman

Hauptprogramm (ufc.tv):
Frankie Edgar vs. Charles Oliveira
Tim Kennedy vs. Roger Gracie
Mark Munoz vs. Tim Boetsch
Cub Swanson vs. Dennis Siver

Vorprogramm (ufc.tv):
Chris Leben vs. Andrew Craig
Norman Parke vs. Kazuki Tokudome
Gabriel Gonzaga vs. Dave Herman
Edson Barboza vs. Rafaello Oliveira

Vorprogramm (Facebook):
Seth Baczynski vs. Brian Melancon
Mike Pierce vs. David Mitchell