MMA

„Ihr macht auf keinen Fall Fotos mit GSP!“

Auch Georges St-Pierre leitet Trainingseinheiten. (Foto: Florian Sädler/Groundandpound.de)

Ich habe mich eingelebt im Gym – ein bis zwei Trainingseinheiten pro Tag, Thai- und Kickboxen sowie BJJ, bestimmen meinen Zeitplan. Dazu kommen das Training der Kämpfer, bei dem ich oft zuschaue und Fotos mache, sowie der Alltag in den Dorms. Eine Top-Gelegenheit, um das Leben der Profis aus erster Hand kennenzulernen.

Und eine ebenso gute Gelegenheit, um selbst Hand an Boxsäcke, Pratzen u.ä. zu legen. Das Gym ist unter der Woche von 8 bis 22 Uhr und auch am Wochenende jeweils einige Stunden geöffnet, entsprechend umfangreich ist auch das Kursangebot. Von Kindertraining über Anfänger- und Fortgeschrittenenkurse in sämtlichen gängigen Disziplinen bis hin zum Profitraining, Privatstunden und von externen Trainern angebotenen Einheiten in diversen traditionellen Kampfsport/-kunstarten ist zwischen Boxring, Octagon, Hantelbereich, Laufbändern und diversen Kraftgeräten alles möglich. Ständig ist etwas los – wenn gerade kein offizieller Kurs ansteht, geben stets mehrere Kämpfer Privatstunden, während daneben von anderen Mitgliedern Gewichte gestemmt oder Boxsäcke bearbeitet werden. „Keine Zeit gehabt“ ist für mich also keine Ausrede, um das Training ausfallen zu lassen, und so lande ich trotz Ausflügen in die Innenstadt oder ähnlichen Ablenkungen so ziemlich jeden Tag früher oder später im Gym – irgendeine Einheit findet immer zur passenden Zeit statt, und so fangen die obligatorischen kleinen Kratzer und blauen Flecken an, sich anzuhäufen.

Samstags dagegen kann ich mir etwas Ruhe gönnen, denn dann steht das Profi-Sparring an – zumindest heißt es so, denn auch ambitionierte Amateur-Kämpfer können auf Einladung mitmischen. Das Niveau jedoch rechtfertigt die Bezeichnung allemal. Und auch die Härte, denn die Jungs hier schenken sich nichts – die meisten aktiven Kämpfer sparren auch unter der Woche, die Samstagseinheit soll jedoch einen Kampf simulieren und besteht daher aus fünf Runden á fünf Minuten. Aus unmittelbarer Nähe eine intensive und ziemlich unterhaltsame Erfahrung, während der ich meine Kamera mehrmals nur knapp aus der sich ständig verschiebenden Gefahrenzone retten kann. Nach zwei Minuten ist die erste blutige Nase zu vermelden und mir scheint klar zu werden, warum es in der UFC momentan so viele verletzungsbedingte Kampfabsagen zu vermelden gibt. Glaube ich zumindest, denn die restliche Zeit bis zum Ende der fünften Runde kommt bis auf eine ganze Reihe Gehirnzellen bei allen Trainierenden niemand zu Schaden – hier weiß man definitiv, was man tut...

Ein paar Tage später hat sich hoher Besuch im Gym angekündigt – Georges St-Pierre, gerade erst selbst wieder mit dem Training angefangen, will am Abend eine Grappling- und Standup-Einheit coachen. St-Pierre bekommt man schwer zu fassen, selbst dann, wenn man nebenan lebt und jeden Tag im Gym ist. Die Coaching-Einheit ist meine erste Chance, ein paar Bilder des Ex-Champions einzufangen, obwohl ich ihn die vorherige Woche über mehrmals beim Training beobachten konnte. Einfach auf den Auslöser drücken geht jedoch nicht – St-Pierres diverse Sponsoringverträge lassen es nicht zu, dass er mit den falschen Handschuhen oder dem falschen Shirt im Internet auftaucht. Für diesen Abend habe ich aber eine Erlaubnis bekommen – Headcoach Firas Zahabi stellt mich GSP vor dem Training kurz vor, denn Kameras im Gym entdeckt der Ex-Champion sofort und geht der Sache anschließend selbst auf den Grund. Für heute bin ich also offiziell zugelassen, was allerdings mitnichten einem Freifahrtsschein gleichkommt. So wird ein ebenfalls genehmigtes und bereits fertig geschnittenes Video der Trainingseinheit im letzten Moment zurückgerufen, weil es damit wohl rechtliche Probleme gegeben hätte. Das erste, was Zahabi während einer kurzen Ansprache vor Trainingsbeginn an die versammelte Mannschaft weitergibt, ist die strikte Anweisung, keine Fotos mit GSP zu machen.

Knapp zwei Stunden lang zeigt ein sichtlich gut gelaunter GSP anschließend Techniken und Drills und konzentriert sich dabei eher auf Simples, da viele Anfänger in der Gruppe sind. Eine kleine Enttäuschung für die Profis, die sich diese Einheit ebenfalls nicht entgehen lassen wollten und nun einen Armbar-Drill herunterleiern, den sie schon zur Genüge kennen. Allzu weit sinkt die Stimmung jedoch nicht, denn ab sofort werden sie wieder häufiger die Gelegenheit bekommen, mit St-Pierre auf der Matte zu stehen...

 

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Zum ersten Teil des Erlebnisberichts: „Du bist jetzt mein neuer Multimedia-Assistent“
Zum zweiten Teil des Erlebnisberichts: „Er war absolut geschockt, als er mich hier besucht hat“