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Heavy-Duty

Andreas Kraniotakes

Eigentlich ist es unfair. Die großen Jungs bekommen immer mehr Aufmerksamkeit. Das fängt schon in der Schule an. Automatisch und unterbewusst sprechen Lehrer den größer gewachsenen ihrer Sprösslinge auch eher Reife, Vernunft und andere Kompetenzen zu. So werden die größeren Schüler häufiger mit verantwortungsvollen Aufgaben betreut, obwohl sie im gleichen Alter sind wie ihre Klassenkammeraden.

Im Kampfsport verhält sich das ähnlich. Bedenken wir alleine die Aufmerksamkeit, die der Schwergewichtsklasse im Boxen zuteil wird und immer schon wurde. Das kann jeder für sich selbst überprüfen. Schreibt die ersten zehn berühmten Boxer auf, die Euch in den Sinn kommen, dann zählt mal, wie viele auf dieser Liste nicht aus dem Schwergewicht kommen. Wenn Eure Zahl höher als drei ist, gehört ihr wohl schon zu den Box-Experten. Die Bezeichnung „Königsklasse“ unterstreicht diese Tatsache nochmals.

Dasselbe Phänomen findet sich auch im MMA-Sport. Unabhängig von der technischen Klasse oder dem Können der Athleten wird den „schweren Jungs“ (insbesondere vom Gelegenheitszuschauer) automatisch mehr Aufmerksamkeit zuteil. Die Schwergewichtspartien sind immer ein mit besonderer Spannung erwarteter Teil des Programms. Faszinieren können die Riesen aus den verschiedensten Gründen. Vielleicht ist es so besonders, ihnen zuzusehen, weil die meisten viel kleiner sind und die Ausmaße der Athleten für sie abstrakt und beeindruckend wirken. Der ein oder andere fühlt sich vielleicht sogar angesichts der menschlichen Berge an Comichelden erinnert. Ein großer Faktor dürfte dabei wohl auch sein, dass mit dem Gewicht der Kontrahenten auch die KO-Wahrscheinlichkeit erheblich steigt. Was es genau ist, das die Begeisterung im Einzelnen auslöst, dürfte wohl so unterschiedlich sein wie die Menschen selbst. Dennoch, die „Faszination Schwergewicht“ ist unbestreitbar vorhanden und liefert so die Grundlage meiner Kolumne, in der es um allerlei Dinge rund um unseren wunderbaren Sport gehen soll, jedoch immer mit einem Bezug zu der Welt der Heavyweights.

Die Frage, die ich mir heute stellen möchte, ist, ob es nun ein Vorteil ist, ein Schwergewicht zu sein, wobei ich auch einige Nachteile nicht verschweigen will. Zunächst einmal liegt auf der Hand, dass die beschriebene Faszination vielen leichteren Athleten gegenüber ungerecht ist. Vielleicht sind sie technisch versierter oder haben einen einzigartigen Kampfstil und dennoch bekommen sie am Kampfabend weniger Aufmerksamkeit als die beiden behäbig wirkenden Kolosse, die sich mit viel Kraft und wenig Technik in die Herzen der Zuschauer prügeln.

Zu dieser ohnehin schon begünstigten Ausgangslage für Schwergewichte kommt noch ein weiterer Faktor – Demographie. Der deutsche Mann ist durchschnittlich 1,77 Meter groß. Die Bevölkerung ist, was Größe, Gewicht usw. angeht normalverteilt. Was soviel bedeutet wie: Es gibt viele Menschen, die nah am Durchschnitt liegen und umso weniger Menschen, je weiter wir uns vom Durchschnittswert wegbewegen. Auf unseren Sport übertragen könnte man also sagen, dass es (verglichen mit dem Rest der Gewichtsklassen) weniger Konkurrenz gibt innerhalb des Schwergewichts. Die Statistik beweist also: Schwergewichte haben es leichter in unserem Sport! Sie haben weniger Konkurrenz aus Mangel an Gegnern und werden dazu noch bevorzugt wahrgenommen.

Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Denn wie immer im Leben, ist auch hier nicht alles Gold was glänzt und jeder Vorteil birgt auch seine Nachteile. Ich beneide z.B. oft die Athleten der leichteren Gewichtsklassen. Wenn ich  mir ansehe, wie sie sich über drei Runden in offenen Schlagabtäuschen bekriegen und keiner der beiden auch nur eine Schramme zu haben scheint. Wenn manche dann mit heruntergelassener Deckung kämpfen, frage ich mich sogar ab und an, ob das überhaupt derselbe Sport ist, den ich betreibe. Wenn hinter der Faust in den 4-Unzen-Handschuhen 120 Kilogramm stehen, dann werde ich den Teufel tun und leicht tänzelnd meinen Gegner abtasten, denn auch ein technisch schlecht platzierter Schlag rüttelt mich evtl. schon kampfentscheidend durch. Kurz: Im Schwergewicht darf man sich keine Nachlässigkeiten erlauben, während sie in den leichteren Gewichtsklassen schon eher mal verziehen werden.

Zudem sind die großen Kräfte, die während eines Kampfes so mitreißend auf das Publikum wirken, auch dafür verantwortlich, dass die Körper im Nachhinein stärker gezeichnet sind. Letztlich ist der Knochen- und Bänderapparat eines Heavyweights auch nicht anders strukturiert als der eines 70-Kilo-Mannes. So kommen wir also zu einem der Hauptprobleme der Gewichtsklasse – dem Verschleiß. Wer Big Nog mal ins Gesicht gesehen hat, weiß was ich meine.

So gleicht sich die Geschwindigkeit, mit der ein Schwergewicht an die Spitze des MMA-Sports gelangen kann, wieder aus, denn der Verschleiß wird ihn in der Regel früher in den Ruhestand zwingen als seine leichteren Kollegen. Nun könnte man einwenden, dass Randy Couture sogar mit 45 noch UFC-Schwergewichtschamp war. Was man jedoch bei dieser Argumentation nicht vergessen darf, ist, dass er bis heute auch „erst“ 27 Kämpfe absolviert hat. Meiner Meinung nach kann das durchschnittliche MMA-Schwergewicht irgendetwas zwischen 25 und 35 Kämpfen absolvieren, bevor es sich aus gesundheitlichen Gründen vom aktiven Geschen zurückziehen muss.

Was bleibt uns also als Fazit? Sicherlich birgt es einige Vorteile zu den großen Jungs zu gehören, aber der Preis, den wir dafür bezahlen, ist auch dementsprechend höher. Das 28-jährige Bantamgewicht Miguel Torres kann beispielsweise auf knapp 40 Kämpfe zurückblicken und ist noch weiter von einem Karriereende entfernt als Don Frye von einem UFC-Titel.