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Heavy Duty: Heavy Hitters

Unser Sport ist komplex. Sicher ist es der komplexeste Kampfsport und auch allgemein eine der Sportarten, die am schwersten zu erlernen ist. Dennoch gibt es ein paar Wahrheiten, die ihm zugrunde liegen, die kaum einfacher sein könnten. Eine von diesen Wahrheiten ist, dass ein einziger Schlag den Kampf beenden kann. So zahlreich auch die möglichen Techniken sind, die im MMA-Sport eingesetzt werden können: ein gut platzierter Treffer und der Kampf  ist entschieden. Der Wahrheitsgehalt dieser Tatsache steigt noch mal zusätzlich mit dem Gewicht der Kontrahenten.

Vor diesem Hintergrund lässt sich sehr gut erklären, wieso einige Boxer, insbesondere aus dem Schwergewicht, den Versuch unternehmen, auch im MMA-Sport eine Karriere zu starten. Da der Kampf bekanntlich im Stand beginnt, sind sie zunächst in „ihrer Komfortzone“. Sie bringen aus ihrem Sport eine überdurchschnittliche Hand-Augen-Koordination, ausgefeilte Schrittarbeit und natürlich perfektionierte Schlagtechniken mit sich. Überraschenderweise ergeht es Boxern jedoch anders als Athleten aus dem Ringen oder dem Jiu-Jitsu. Die Kenner der MMA-Szene gehen gemeinhin davon aus, dass es für sie schwerer ist, die übrigen Techniken zu erlernen, die nötig sind, um in unserem Sport zu bestehen. Es wird unterstellt, dass es für sie schwer ist, mit neuen Techniken wie z.B. Lowkicks umzugehen. Aber insbesondere wird davon ausgegangen, dass sie den Bodenkampf nur schwer erlernen bzw. diesen nicht gut genug vermeiden können. Doch dazu später mehr.

Das Thema Boxer im MMA ist dabei gar nicht so neu. Es war niemand geringeres als Muhammad Ali, der bereits 1967 in einem Kampf gegen Antonio Inoki, als erster aus der Riege etablierter Boxprofis, die Luft der gemischten Kampfkünste schnupperte. Was jedoch neu zu sein scheint, ist die Ernsthaftigkeit, mit der sie sich dem Sport zuwenden. Während vor einigen Jahren noch Diskussionen und Streits an der Tagesordnung waren, in denen Anhänger des Boxsports behaupteten, dass ein Boxer jedem MMA-Kämpfer überlegen sei, hat sich der Ton mittlerweile stark verändert. Ray Mercer, der kürzlich den früheren UFC Schwergewichtschampion Tim Sylvia ausgeknockt hat und so eigentlich allen Grund zum Übermut hätte, spricht mit größtem Respekt insbesondere vom Trainingsaspekt im MMA. Er beschreibt, dass beide Sportarten hart seien. Den größten Unterschied sehe er darin, dass beim Boxen die Kämpfe und beim MMA das Training härter sei. Durch besagten KO, den Mercer Sylvia zugefügt hat, wurde wieder einmal eindrucksvoll bewiesen, dass die Neuzugänge aus dem Boxlager nicht auf die leichte Schulter genommen werden dürfen.

Natürlich fällt es einem passionierten MMA-Fan schwer, den mehrmaligen IBF Weltmeister James Toney vollkommen ernst zunehmen, wenn er noch vor seinem Debüt in unserem Sport Leute wie Brock Lessnar oder Randy Couture herausfordert. Seine große Klappe hat ihn jedoch schon weit gebracht. Viel weiter als die meisten professionellen Kämpfer aus unserem Sport es je bringen werden: in die UFC. Dana White hat sich nach langem Hin und Her dafür entschieden, mit ihm einen Vertrag über fünf Kämpfe abzuschließen. Was besonders interessant an dieser Situation sein dürfte, ist die Frage, wie White den Neuzugang vermarkten wird. Auf der einen Seite könnte er nun endlich allen Zweiflern beweisen, wie verheerend der Unterschied zwischen MMA-Kämpfern und klassischen Boxern ist. Stellt er James Toney jetzt allerdings sofort gegen einen Haudegen, ist der Vertrag anschließend weitestgehend wertlos. Bekommt er einen schaffbaren Gegner, dann steht damit der Ruf des Sports auf dem Spiel. Es bleibt spannend zu sehen, wie der UFC-Präsident mit dieser Zwickmühle umgehen wird.

Jetzt jedoch zum technischen Teil. Ich möchte einen Umstand beschreiben, der von vielen Diskussionsteilnehmern beim Thema „Eliteboxer im MMA“ nicht ganz verstanden wird. Der Vorteil den diese Athleten haben, liegt nicht primär darin dass sie härter schlagen könnten als die meisten Nicht-Boxer. Es ist viel mehr die Koordination und das Timing der Schläge, die ihnen im Standkampf einen großen Vorteil verschaffen.

Kurz könnte man es so beschreiben: Wahrscheinlich kann Brock Lessnar mindestens genauso hart zuschlagen wie Toney. Der frühere Weltmeister wird aber voraussichtlich seine Schläge genauer platzieren können. Und ein harter Schlag auf die Schulter ist bei weitem nicht so schlimm wie ein halb so starker Treffer am Kinn (glaubt mir, ich weiß es aus eigener Erfahrung).

Der beste Beweis dafür, dass man mit herausragendem Boxen großartige Leistungen im Käfig abliefern kann, ist Blackhouse-Nachwuchsstar Junior Dos Santos. Der ehemalige Gärtner Minotauro Nogueiras lässt verlauten, dass er sich beim Training und im Octagon im Standkampf ausschließlich auf Boxtechniken konzentriert. Ihr werdet wohl kaum Kicks von ihm zu sehen bekommen und dennoch hat er versierte Thai- und Kickboxer wie Cro Cop, Gilbert Yvel und Fabricio Werdum bereits eindrucksvoll besiegen können. Letzterem knipste er die Lichter in 81 Sekunden aus. Das war nicht nur der Aufgang eines neuen Sterns in der UFC. Auch mir und einigen weiteren Beobachtern ging ein Licht auf bei diesem Kampf.

Die Technik, die das schnelle Aus für Werdum brachte, war ein Uppercut. Wirklich schwer ist der eigentliche Bewegungsablauf nicht. Die Technik jedoch in einem MMA-Kampf angemessen einzusetzen, bedarf einiger Übung. Als hätte er die verheerende Wirkung für den Gegner nochmals beweisen wollen, bezwang Shane Carwin mit kurzen und schnellen Uppercuts aus dem Clinch erst kürzlich einen chancenlosen Frank Mir.

Vielleicht ist die Beherrschung dieser Technik der größte Vorteil, den Profiboxer mit in den Käfig bringen. Gut platziert, kann er den einen oder anderen MMA-Kämpfer im Standkampf sicherlich aus der Bahn werfen. Doch nicht nur das, er kann auch da greifen, wo die vermeintliche Achillesferse der Boxer ist. Mit dem richtigen Timing und der entsprechenden Fußarbeit kann der Uppercut als Takedowndefense fungieren. An der Stelle, an der ein Thai-Boxer sein Knie ausfährt oder ein Ringer sprawled, kann ein Boxer vielleicht mit dieser Technik den Unterschied machen. Der Vorteil ist, dass bei gelungener Schrittarbeit die Beine außerhalb der  Reichweite des Angreifers sind. So kann der Kampf im Stand gehalten und vielleicht sogar ein finaler Schlag gesetzt werden. Denn die Kraft des zum Takedown ansetzenden Gegners potenziert sich mit der Wucht des Schlags. Aber Vorsicht, all Ihr Boxer da draußen. Nur damit Ihr nicht leichtsinnig werdet, sei erwähnt: Wenn Ihr diesen Moment verpasst und die Distanz geschlossen ist, dann solltet Ihr das Einmaleins des MMA-Sports beherrschen, denn sonst könnte es ungemütlich werden!