MMA

Fünf Hochkaräter zum Jahresabschluss

Cain Velasquez wird am Samstag seine langerwartete zweite Chance bekommen.

Das Jahr 2012 war für die UFC vielleicht das Jahr der Verletzungen, der dezimierten Events und generell nicht gerade das der Fanzufriedenheit. Für den Jahresabschluss hat sich die Organisation aber nicht lumpen lassen und buchstäblich die ganz schweren Geschütze aufgefahren.

Mit dem langerwarteten Rückkampf zwischen Ex-Schwergewichtschampion Cain Velasquez und dem Mann, der ihm den Gürtel vor über einem Jahr abgenommen hat, Junior dos Santos, wird UFC 155 von einem wahren Blockbuster angeführt. Doch nicht nur im Schwergewicht wird es am Samstag zur Sache gehen - drei der fünf Hauptkämpfe finden im Mittelgewicht statt, und mit wichtigen Duellen zwischen Tim Boetsch und Costa Philippou sowie Yushin Okami und Alan Belcher dürfte die zur Zeit chaotische Ordnung im oberen Viertel der Gewichtsklasse ein gutes Stück gerader gerückt werden. Neben der Bedeutung der Kämpfe kann man von allen fünf Duellen außerdem einen spannenden Verlauf erwarten, für einen gelungenen Jahresausklang sollte also zumindest in der Theorie gesorgt sein.

Wie üblich, kann das Hauptprogramm auf ufc.tv kostenlos angeschaut werden. Außerdem werden auf der Website in der Nacht von Samstag auf Sonntag fünf Vorkämpfe übertragen, nachdem weitere drei Begegnungen via Facebook gezeigt wurden.

Junior dos Santos vs. Cain Velasquez
Mehr als ein Jahr nach ihrem ersten Aufeinandertreffen werden sich Junior „Cigano“ dos Santos (15-1) und Cain Velasquez (10-1) am Samstag erneut im Octagon gegenüberstehen. Der erste Kampf, der im November 2011 die erste UFC on Fox-Show anführte, endete spektakulär in nur 64 Sekunden, nachdem dos Santos den damaligen Champion Velasquez mit einer harten Rechten erwischen und mit weiteren Schlägen am Boden den Sack zu machen konnte.
Seitdem hat sich einiges getan – nicht nur konnte dos Santos seinen Titel zum ersten Mal verteidigen, auf der gleichen Veranstaltung startete ein sichtlich entschlossener Velasquez eine Großoffensive, um den Titel zurückzugewinnen: Kaum jemandem gelang es bisher, jemanden wie Antonio „Big Foot“ Silva in nur dreieinhalb Minuten derart zuzurichten und den Ringrichter zum Kampfabbruch zu zwingen.

Nicht wirklich weniger imposant war allerdings die Leistung von dos Santos, der nur wenige Minuten nach Velasquez T.K.o.-Sieg nachlegte und Frank Mir in der zweiten Runde ihres Kampfes auf die gleiche Art besiegte – innerhalb einer Stunde wurden an diesem Tag die Weichen für den Rückkampf gestellt, der für beide Kämpfer eine hohe Bedeutung hat. Dos Santos kann mit einem Sieg zum unangefochtenen König der Gewichtsklasse werden, indem er zeigt, dass der schnelle K.o. im ersten Aufeinandertreffen kein Zufall war, während Velasquez das Gegenteil beweisen will und damit zeigen kann, dass er immer noch ganz nach oben gehört. Am Samstag werden die beiden Speerspitzen der Schwergewichtsklasse also erneut aufeinandertreffen und innerhalb von 25 Minuten nach Monaten wieder Klarheit in die Kräfteverhältnisse der Schwergewichtsklasse bringen.

Joe Lauzon vs. Jim Miller
Da nacheinander sowohl Chael Sonnen als auch Forrest Griffin und Phil Davis vom Programm genommen wurden, wird nun letztendlich dieser Leichtgewichtskampf die zweite Geige hinter den beiden Schwergewichtlern spielen. Mit Joe „J-Lau“ Lauzon (22-7) und Jim Miller (21-4) hatte die UFC dabei allerdings großes Glück im Unglück, denn als Co-Hauptkampf einer derartigen Veranstaltung sind die beiden Veteranen allemal angemessen.

Joe Lauzon kann ganze 22 Siege sein eigen nennen. Das ist an sich schon beeindruckend, beinahe noch respektabler ist allerdings die Tatsache, dass jeder einzelne dieser 22 Erfolge vorzeitig zustande gekommen ist. Wenn man dann noch bedenkt, dass Lauzon elf Mal eine der drei verschiedenen Bonuszahlungen der UFC eingesackt hat, wird schnell klar, warum dieser Kampf so vielversprechend ist.

Zu einem guten Kampf gehören aber bekanntlich immer Zwei, und mit Jim Miller hat Matchmaker Joe Silva einen guten Tanzpartner für „J-Lau“ Lauzon gefunden. Miller hat zwar zwei seiner letzten drei Kämpfe verloren und diesen Kampf kurzfristig angenommen, genau das zeigt allerdings, warum man sich hier ohne schlechtes Gewissen auf eine Schlacht freuen kann. Miller geht immer nach vorne, hat vor niemandem Angst und wird garantiert solange kämpfen, bis er entweder gewonnen hat oder nicht mehr weitermachen kann. Welches der beiden Szenarien schlussendlich eintrifft, wird sich am frühen Sonntagmorgen zeigen. 

Tim Boetsch vs. Costa Philippou
Ursprünglich sollte Tim „The Barbarian“ Boetsch (16-4) hier auf den ebenfalls zuletzt sehr erfolgreichen Chris Weidman treffen und damit möglicherweise den nächsten Herausforderer für Anderson Silvas Mittelgewichtstitel bestimmen. Weidman verletzte sich allerdings und wurde kurze Zeit später von seinem Trainingspartner Costanstinos „Costa“ Philippou (11-2-0(1)) ersetzt.

Boetsch hatte lange Zeit niemand wirklich auf der Rechnung, bis er vom Halbschwer- ins Mittelgewicht abkochte und dort nacheinander Kendall Grove und Nick Ring bezwang, was ihm ein Duell mit dem gerade von einem Titelkampf kommenden Yushin Okami einbrachte. Okami dominierte Boetsch für zwei volle Runden, in Runde drei setzte der „Barbarian“ dann aber alles auf eine Karte und schaffte es tatsächlich, den Japaner in dessen Heimatland während einer von dessen besten Leistungen auszuknocken. Ein paar chaotische und hauptsächlich verletzungsbedingte Umstrukturierungen später bekam Boetsch eine weitere goldene Chance, als er im Sommer in Calgary gegen den ehemaligen Bellator-Champion Hector Lombard ins Octagon steigen durfte. Der Kampf war zwar nicht sonderlich spektakulär und endete in einer umstrittenen Punktentscheidung für Boetsch, am Ende des Tages verließ dieser Kanada aber mit einem weiteren Sieg in der Tasche.

Costa Philippou debütierte Anfang 2011 in der UFC, wusste nach eigenen Angaben aber bereits im Vorfeld, dass die wenigen Tage Vorbereitungszeit, die er als kurzfristiger Ersatz für einen verletzungsbedingten Ausfall hatte, gegen Nick Catone nicht ausreichen würden. Die Punktentscheidung nach drei Runden war dann auch recht eindeutig,

Zu seinem nächsten Kampf, bei UFC 133 gegen den Veteranen Jorge Rivera, erschien Philippou dann auch in einer weitaus besseren Verfassung. Einen zweiten Kampf kurzfristig anzunehmen, war zwar ein immenses Risiko für die Karriere Philippous, der Einsatz zahlte sich jedoch aus, da er Rivera nach Punkten besiegen und damit ein erstes Signal an den Rest der Gewichtsklasse senden konnte. Einem K.o.-Sieg gegen den für seine Nehmerfähigkeiten bekannten Jared Hamman im Dezember 2011 folgten zwei weitere Punktsiege, gegen Court McGee und Riki Fukuda, die Philippou noch ein Stück weit ins Rampenlicht gebracht haben. Sollte Philippou am Samstag auch gegen Tim Boetsch gewinnen können, könnte ihm das einen Platz in der sehr dichten Spitze der Mittelgewichtsklasse bescheren, und ein weiterer kurzfristiger Einsatz hätte sich mehr als ausgezahlt.

Yushin Okami vs. Alan Belcher
Yushin „Thunder“ Okami (27-7) und Alan „The Talent“ Belcher (18-6) werden sich am Samstag zum zweiten Mal im Käfig der UFC gegenüberstehen, allerdings unter völlig anderen Umständen. Bei UFC 62, nur wenige hundert Meter von der MGM Grand Garden Arena entfernt im Mandalay Bay, gewann Okami im Jahr 2006 eine Punktentscheidung gegen Belcher. Für beide war dieser Kampf ihr UFC-Debüt und die Ansetzung war kurzfristig zustande gekommen, der Hintergrund des aktuellen Kampfes kann man also mit dem von vor sechs Jahren kaum noch vergleichen, denn mittlerweile haben beide einige hochkarätige Gegner besiegt und sich einen Namen in der Gewichtsklasse gemacht. Mit dem nun höheren Status und den besseren Fähigkeiten der beiden hat sich allerdings auch der Einsatz vervielfacht – mit der zurzeit recht chaotischen Situation in der Mittelgewichtsklasse im Hinterkopf wäre ein Sieg daher für beide Gold wert. Okami würde mit einem zweiten Erfolg langsam die ihm immer noch anhängende Schmach des erwähnten Boetsch-Kampfes abstreifen, während Belcher im Erfolgsfall das Jahr 2012 mit zwei Siegen gegen zwei hochkarätige Gegner abschließen würde und sich damit für das kommende Jahr direkt sehr weit vorne in der Nahrungskette platzieren könnte.

Chris Leben vs. Derek Brunson
Eröffnet wird der in Amerika über Pay-per-View und in Deutschland auf ufc.tv übertragene Teil des Events mit der Rückkehr einer Ikone und dem Debüt des ersten Strikeforce-Kämpfers, der im Zuge der Schließung der Promotion in die UFC wechselt.

Für Chris „The Crippler“ Leben (22-8) wird der Kampf gegen Derek Brunson (9-2) der erste seit über einem Jahr sein. Zum letzten Mal war der Hawaiianer im November 2011 bei UFC 138 in Aktion zu sehen, wo er im Hauptkampf der Veranstaltung gegen Mark Munoz verlor.        . Wenige Tage später kam außerdem heraus, dass Leben positiv auf Schmerzmittel getestet wurde – zum zweiten Mal in wenigen Jahren. Leben selbst hat seitdem zugegeben, dass er zu diesem Zeitpunkt immense Suchtprobleme hatte – mit dafür verantwortlich, dass Leben im Anschluss an diese harten Rückschläge nicht vollständig abstürzte, ist dabei die Chefetage der UFC, die nicht nur entschied, Leben trotz eines weiteren nicht bestandenen Tests weiter in der Organisation zu behalten, sondern ihn darüber hinaus auf eigene Kosten in eine intensive Therapie schickte. Nachdem er dort den Tiefpunkt überstanden hatte, ging es für Leben in den folgenden Monaten schrittweise wieder bergauf. Anfang 2012 heiratete er seine Freundin, arbeitete an sozialen Projekten, stellte sein Training um und hat seitdem weder Alkohol noch Tabletten geschluckt. Für diesen Kampf ist Leben sogar erst am Mittwoch in Las Vegas angekommen, um möglichst wenig von der feiertrunkenen Stimmung Sin Citys mitzubekommen und wird, nachdem der Kampf über die Bühne gegangen ist, so schnell wie möglich wieder zurück nach Hawaii fliegen.

Lebens Comeback hätte eigentlich gegen den ehemaligen Schwergewichtler Karlos Vemola stattfinden sollen, dieser verletzte sich allerdings, sodass Strikeforce-Veteran Derek Brunson nun kurzfristig und nach diversen vertraglichen Schwierigkeiten doch noch ins UFC-Octagon steigen darf. Für Brunson ist es die Chance seines Lebens, denn wenn er Leben besiegen sollte, hätte er, trotz all dessen Problemen und Eskapaden, einen der populärsten Mittelgewichtler des gesamten Rosters geschlagen und könnte damit ein ebenfalls sehr schwieriges Jahr 2012 zufriedenstellend abschließen – eine K.o.-Niederlage, Verletzungen und eine im letzten Moment abgeblasene Teilnahme am „The Ultimate Fighter“-Format hatten Brunson die letzten Monate über das Leben schwer gemacht. Auch, wenn es in diesem Kampf kaum um Titelambitionen gehen wird, steht also einiges auf dem Spiel.


Anbei das gesamte Programm der Veranstaltung:

UFC 155: dos Santos vs. Velasquez 2
Samstag, 29.12.2012
MGM Grand Garden Arena in Las Vegas, Nevada, USA

Hauptprogramm (ufc.tv)
Junior dos Santos (c) vs. Cain Velasquez
Joe Lauzon vs. Jim Miller
Tim Boetsch vs. Costa Philippou
Yushin Okami vs. Alan Belcher
Chris Leben vs. Derek Brunson

Vorprogramm (ufc.tv)
Brad Pickett vs. Eddie Wineland
Erik Perez vs. Byron Bloodworth
Melvin Guillard vs. Jamie Varner
Michael Johnson vs. Miles Jury

Vorprogramm (Facebook)
Phil De Fries vs. Todd Duffee
Leonard Garcia vs. Max Holloway
Chris Cariaso vs. John Moraga