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"Es war ganz anders und doch genau dasselbe"

Körperlich und mental hundertprozentig bereit: Nicholas Musoke. (Foto: Valentino Kerkhof/Groundandpound.de)

Am 26. Oktober 2013 sollte der langjährige UFC-Veteran und ehemalige Profi-Boxer Alessio Sakara bei der UFC Fight Night 30 in der Phones 4u Arena im englischen Manchester auf den Lokalmatadoren Tom Watson treffen. Watson verletzte sich allerdings und wurde vom Schweden Magnus Cedenblad ersetzt. Kurze Zeit später jedoch musste auch der den Kampf wegen einer Verletzung absagen. Als schließlich drei Wochen vor dem Event Cedenblads Trainingspartner Nicholas Musoke als Sakaras neuer Gegner vorgestellt wurde, kratzten die meisten Fans sich verwundert am Kopf – wer war dieser Schwede, von dem kaum jemand jemals gehört hatte?

„Nein, überhaupt nicht“, antwortet Musoke wie aus der Pistole geschossen auf die Frage, ob er wenigstens kurz gezögert hat, als Anfang Oktober das Telefon klingelte und die UFC ihm den Kampf anbot. Immerhin war Sakara schon Teil der UFC, als Musoke seinen ersten Amateur-Kampf hinter sich brachte und hatte schon das halbe Trainingscamp für Manchester absolviert, als Musoke angerufen wurde. „Ich erinnere mich nur noch an einzelne Teile des Gespräches. Ich weiß noch, dass ‚Manchester’ und ‚Sakara’ erwähnt wurde, und ab da gab es von meiner Seite kein Zögern mehr (…). Ich würde vor hunderttausenden Leuten auf der ganzen Welt kämpfen – ich hätte mir keinen besseren Einstieg wünschen können.“

Ganz nebenbei durfte der 27-jährige Schwede sich mit diesem Kampf noch einen Kindheitstraum erfüllen. Als kleiner Junge existierten in seiner Phantasie noch keine 4-Unzen-Handschuhe und Stahl-Käfige – damals war es Musokes größtes Ziel, einmal als Fußballspieler bei Manchester United unter Vertrag zu stehen. Mit der Zeit jedoch verlor der junge Nico langsam aber sicher die Lust am Bolzen: „Ich wurde älter, Freunde wechselten das Team und ein Teil meiner Freude daran verschwand.“ Im Oktober 2013 sollte der junge Schwede dann tatsächlich als Profi-Sportler in der englischen Industrie-Metropole auflaufen, allerdings nicht auf dem Rasen, sondern in einem Käfig aus Maschendrahtzaun. Wie kam es zu diesem doch ziemlich drastischen Wechsel? „Ich war nach der Schule bei einem Freund zu Besuch, und er stellte mir den Sport als etwas Ähnliches wie K-1 vor. K-1 lag damals in Schweden im Trend, wir hatten großartige Kämpfer wie Martin Holm und Jörgen Kruth. So etwas habe ich auch erwartet, als ich mit ihm in ein Gym gegangen bin, und dort habe ich die Leute dann Ringen gesehen. Da war es irgendwie um mich geschehen. Ich wusste auch gleich von Anfang an, dass ich kämpfen wollte.“

Damit begann Musoke als Amateur im April 2005 und war nach einem mit zwei Niederlagen etwas holprigen Start sehr erfolgreich. Der Amateur-Karriere folgte Ende 2007 dann der Sprung ins Profi-Geschäft, und mit vier vorzeitigen Siegen gelang dem Schweden ein respektabler Einstieg in die europäische Szene. Auf zehn Siege bei nur zwei Niederlagen wuchs Musokes Bilanz über die Jahre an, was UFC-Matchmaker Joe Silva wenige Wochen vor der UFC Fight Night in Manchester überzeugte, Musoke die Chance auf einen Platz im Kader des Marktführers zu gewähren. Für den Schweden war klar, dass dies der größte Kampf seiner bisherigen Karriere werden würde. Zwar hatte er zuvor bereits für den etablierten schwedischen Veranstalter Superior FC in der 16.000 Zuschauer fassenden Ericsson Globe Arena in Stockholm gekämpft, wo auch das Octagon bereits zwei Mal zu Gast war, aber die UFC ist doch noch einmal etwas anderes, oder? „Es war ganz anders und doch genau das gleiche“, beschreibt der UFC-Neuling die Erfahrung. „Alles um den Event herum ist so viel größer. Das wichtigste ist es, das nicht an sich heranzulassen, sondern sich davon motivieren zu lassen.“

Das ist schon dann einfacher gesagt als getan, wenn man für das langerwartete Debüt volle zwei Monate Vorbereitungszeit hat und zunächst “nur“ auf dem lediglich online gezeigten Vorprogramm antritt. Für Musoke aber war es nicht nur sein erster Auftritt in der UFC, der Druck wurde obendrein noch dadurch erhöht, dass der Kampf auf dem im TV übertragenen Hauptprogramm stattfand, gegen einen langjährigen Veteranen der Liga und mit nur wenigen Wochen Vorbereitungszeit. Kurz gesagt: beinahe jeder in der Halle ging davon aus, dass Sakara einen imposanten Sieg einfahren würde. Hinter den Kulissen war eine handvoll entschlossener Schweden allerdings anderer Meinung: „Ich versuche immer, mich auf mich selbst zu fokussieren und sicherzustellen, dass ich bereit bin, wenn ich bereit sein muss“, beschreibt Musoke seine mentale Verfassung im Vorfeld eines Kampfes. „Ich habe einen riesigen Unterstützungs-Apparat Zuhause in Schweden – meine Freundin, mein Team, meine Trainer, sie alle glauben an mich. Sie halten zu mir und ich bin so dankbar, dass ich sie haben darf. Natürlich, wenn mir Leute nette Dinge schreiben, ist das schön und sehr motivierend, aber wenn dein Selbstbild gänzlich davon abhängig ist, was online so geschrieben wird, kann dich das fertig machen.“

Musoke dagegen zieht sein Selbstbewusstsein nicht aus Online-Foren und Webseiten, sondern aus harter Arbeit und der Fähigkeit, mit der richtigen mentalen Einstellung in den Käfig zu steigen: „Man legt einen Schalter um. Aber die Wochen und Monate vor dem eigentlichen Kampf sind ebenso wichtig, die Intensität erhöht sich einfach in allem, was man tut. Kurz vor dem Kampf versuche ich, den Moment zu spüren und den ganzen Prozess zu genießen. Und wenn du dann deine Shorts anziehst und deine Hände getaped werden, dann geschieht etwas mit dir und du bist einfach nur noch bereit. Dann gibt es keine Vergangenheit, keine Gegenwart, sondern nur dich, in diesem Moment.“

Genau dieses Gefühl überkam Musoke Ende Oktober in den Katakomben der Phones 4u Arena, kurz vor der größten Chance seines Lebens: „Die Leute haben viele Namen dafür, aber es ist schon ein absolut besonderes Gefühl, wenn du ganz kurz vor einem Kampf stehst. Als ich mich warmgemacht habe, habe ich mich wirklich gut gefühlt, bereit und locker; ich war sehr selbstbewusst. Ich erinnere mich daran, wie ich kurz vor meinem Einlauf hinter dem Vorhang stand und dahinter immer wieder die Ränge aufblitzen sah; ich konnte die Zuschauer hören. Ich habe es einfach in mich aufgenommen und es auf eine bestimmte Art genossen. Als ich in die Arena eingelaufen bin, habe ich nur noch gespürt, wie mein Selbstvertrauen wuchs. Dann stand ich im Käfig, habe auf ihn (Sakara) gewartet, und war absolut bereit, als der Ringrichter den Kampf freigegeben hat.“

Musoke fährt den wichtigsten Sieg seiner Karriere ein. (Foto: Valentino Kerkhof/ Groundandpound.de)

Der frühere Profi-Boxer Sakara allerdings, der nach drei aufeinanderfolgenden Niederlagen wusste, dass er um jeden Preis einen Sieg brauchte, ließ den jungen Schweden schon nach wenigen Sekunden die noch ungewohnten UFC-Handschuhe schmecken und rüttelte ihn mit einigen Haken ordentlich durch. Für einen Moment sah es ganz danach aus, als wenn der offensichtlichste Kampfausgang Realität werden und der Veteran den Debütanten problemlos in Runde eins abfertigen würde. Musoke allerdings hatte die Situation besser unter Kontrolle, als es von Außen den Anschein hatte: „Wir wussten, dass er von Anfang an hart kämpfen und sich auf seine Fäuste verlassen würde. Es war natürlich nicht Teil des Plans, sich so früh so hart treffen zu lassen, aber ich erinnere mich daran, wie er mich getroffen hat und ich einen Sekundenbruchteil später bereits dachte ‚Okay, jetzt muss ich zurück in diesen Kampf kommen’. Ich war dann auch direkt zurück im Spiel und habe den Spieß umgedreht.“
Eine ziemlich treffende Beschreibung der nachfolgenden Minuten – Sakara ließ Musoke kurze Zeit nach einem Takedown wieder aufstehen und schien den Knockout gegen seinen angeschlagenen Kontrahenten zu suchen. Stattdessen war es dann aber Musoke, dessen Fäuste während des nächsten Schlagabtausches einschlugen und die Sakara auf äußerst wacklige Beine stellten. Unter dem Jubel des von der Action verzückten Publikums brachte Musoke einen Takedown durch und arbeitete aus der Oberlage, bevor Sakara explodierte, ausbrach und selbst auf Musoke landete. Von dort aus ließ er harte Schläge auf seinen Gegner los, der allerdings ein weiteres Mal kühlen Kopf bewahrte, eine Unachtsamkeit Sakaras ausnutzte und vom Boden aus einen blitzschnellen Armbar anbrachte.

„Ich habe direkt gespürt, dass der Griff saß“, beschreibt Musoke den Moment, in dem er Sakaras Arm erwischte, bevor Sekunden später die Aufgabe folgte. „Ich habe seine Hand auf meiner Hüfte gespürt, aber als ich mich in den Griff rollte, konnte ich den Ringrichter nicht sehen. Ich habe mich nach ihm umgeschaut und wollte ihm nur noch klar machen, dass (Sakara) aufgab, physisch und verbal.“

Dieser Moment setzte den wichtigsten drei Wochen in Musokes Leben ein überaus gelungenes Ende. Nicht nur ziert seitdem der Name eines bekannten und respektierten UFC-Veteranen sein Resümee, die kesse Aktion auf der Matte brachte Musoke darüber hinaus den Bonus für den Aufgabegriff des Abends und den damit einhergehenden Scheck über 50.000 Dollar ein. Ist es überhaupt möglich, ein paar derart verrückte Stunden direkt im Anschluss zu realisieren? „Es hat tatsächlich ein paar Tage gedauert, ich habe den Kampf auch ein paar Tage später erst wieder gesehen. Ich war die Woche darauf schon wieder im Gym, das müsste der Dienstag gewesen sein. In der Woche habe ich nur ein paar leichte Einheiten gemacht. Es braucht Zeit, bis du es in der Gänze verarbeiten kannst, aber – versteh mich nicht falsch, ich bin extrem glücklich über den Sieg und den Bonus – aber ich bin jetzt wieder zurück im Gym, um für das besser zu werden, was vor mir liegt.“

Keine wilden Partys und hemmungsloses Verprassen also? „Natürlich, da gibt es ein paar Dinge, die ich mir und anderen gönnen werde, aber das wichtigste ist, dass es mir ein bisschen Raum zum Atmen gibt. Es wird mir mehr Zeit geben, um das zu tun, was nötig ist, um als Kämpfer zu wachsen. Finanziell ist es sehr hilfreich, um mich auf zukünftige Kämpfe vorzubereiten, zu reisen, Trainingspartner einzufliegen und ähnliches.“

Obwohl es Musoke finanziell bisher einigermaßen über die Runden geschafft hat, ist es für einen Kämpfer aus der regionalen Szene selbstverständlich äußerst schwierig, mit den Schecks, die von den europäischen Promotionen ausgestellt werden können, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Waschechter Vollzeit-Profi ist Musoke daher immer noch nicht, denn obwohl sein Fokus auf der Karriere im Käfig liegt, müssen die Brötchen irgendwie auf dem Tisch landen: „Ich arbeite nebenbei als Trainer und außerdem in einem Laden, in Teilzeit. Das Kämpfen ist mein Hauptjob, aber wir alle wissen, dass da Rechnungen und Gebühren sind, für die man nur schwer aufkommen kann, bevor man es auf der großen Bühne zu etwas gebracht hat.“

Jemand, der es auf der großen Bühne zu etwas gebracht hat, gab im November 2007 auf dem gleichen Event sein professionelles Debüt, auf dem auch Musoke zum ersten Mal unter Profi-Regeln in den Käfig stieg. Zwei Kämpfe, nachdem Musoke seinen Kampf gegen Tomi Hietanen in der ersten Runde per Rear Naked Choke beenden konnte, brachte der damals 21-jährige Alexander Gustafsson seinen Gegner auf die gleiche Weise zum Abklopfen. Im November 2009 debütierte Gustafsson dann bereits in der UFC. Im selben Gebäude, in dem Nico Musoke vier Jahre später Alessio Sakara zur Aufgabe zwingen sollte, fuhr der „Mauler“ per K.o. einen ebenso spektakulären Erstrundensieg gegen Jared Hamman ein, der den Startschuss einer illustren Karriere im Octagon markierte. Diese Parallelen in den Karrieren der beiden, die mittlerweile im Stockholmer Allstar Training Center täglich zusammen auf der Matte stehen, fallen ins Auge und lassen für Musoke, der sich vom immensen Erfolg Gustafssons inspirieren lässt, auf eine ebenso große Zukunft hoffen: „Was Alex erreicht hat, ist auf viele Arten einzigartig. Ich fühle mit ihm, weil die Punktentscheidung nach seinem Kampf gegen Jon Jones nicht zu seinen Gunsten ausgefallen ist. Dieser Kampf war episch und historisch, sowohl für uns hier in Schweden als auch für ihn persönlich und für das MMA in Europa allgemein. Er hat bewiesen, dass das, woran wir hier arbeiten, auf dem höchsten Level funktioniert. Alles, was du tun musst, ist hart zu arbeiten und daran zu glauben, dann werden gute Dinge geschehen.“

Für Musoke hat sich dieses Kredo bewahrheitet. In den Ringen und Käfigen der europäischen Szene ebenso wie in seinem bisher einzigen, aber dafür umso beeindruckenderen Kampf im Octagon der UFC. Und obwohl die Tatsache, dass der Kampf in England stattfand, ihm im Hinblick auf die kurze und unkomplizierte Reise sicher nicht geschadet hat, würde der junge Schwede auch gerne einmal raus in die Welt und in den großen Arenen auf der anderen Seite des Atlantiks kämpfen, oder auch anderswo innerhalb des immer größer werdenden Expansionsgebietes der UFC: „Es hat natürlich so seine Vorteile, in der Nähe von Zuhause zu kämpfen. In Schweden für die UFC anzutreten, wäre ein weiterer Traum, den ich wahrmachen möchte. Aber Las Vegas hat etwas Magisches an sich – dort zu kämpfen, wäre der Hammer. Wo auch immer auf der Welt. Das wäre cool.“

Nachdem wir das Interview mit Nico Musoke geführt hatten, wurde sein nächster Kampf bereits angekündigt: schon früh im neuen Jahr wird sein Wunsch nach einem internationalen Kampf wahr werden – am 15. Januar trifft der Schwede im brasilianischen Jaragua do Sul auf den Lokalmatadoren Viscardi Andrade: „Ich freue mich wirklich auf den nächsten Kampf. Er ist ein harter, wilder Gegner, aber ich bin bereit. Es wird außerdem ein Bonus sein, in Brasilien kämpfen zu dürfen.“