Allgemein

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen (Teil 1)

James Krause hat nach wenigen Wochen in der UFC bereits 100.000$ an Bonuszahlungen verdient. (Foto: Zuffa LLC)

Es war ein langer Weg, der James Krause zum 15. Juni 2013 geführt hat, aber dieser Samstagabend war alle Mühen der vorherigen Jahre wert. Bei UFC 161, der Debüt-Show im kanadischen Winnipeg, gab es nicht allzu viele Höhepunkte, aber einige Momente haben nichtsdestotrotz herausgestochen. Neben Stipe Miocics Demolierung von Roy Nelson, Shawn Jordans schnellem K.o. gegen Pat Barry und Mitch Clarkes emotionalem, ersten UFC-Sieg war die wohl erinnerungswürdigste Leistung die des UFC-Debütanten Krause.

Der 27-Jährige war kurzfristig gegen Sam Stout eingesprungen und überraschte die MMA-Welt, indem er den 16-fachen UFC-Veteranen 14 Minuten lang auspunktete, bevor er ihn kurz vor Kampfende schließlich mit einem Guillotine Choke zum Abklopfen zwang.
Der spannende Kampf und vor allem der vorzeitige Sieg gegen Stout, der in der UFC zuvor erst ein Mal gestoppt wurde, brachten Krause sowohl den Bonus für den Kampf als auch den für den Aufgabegriff des Abends ein – um 100.000 Dollar wird sein Konto in den nächsten Tagen wachsen, plus eigentlichem Lohn, Sieg-Bonus, Sponsorengelder u.A. Wir haben uns mit Krause nach diesem einschneidenden Abend unterhalten.

Für einige Menschen war James Krause immer derjenige, der es irgendwann in der Zukunft einmal zu etwas bringen könnte. Mit zehn Siegen in seinen ersten zehn Kämpfen, jeder davon durch K.o. oder Aufgabe, zog der in der Nähe von Kansas City aufgewachsene Krause allmählich gespannte Blicke auf sich. Fans und Experten gleichermaßen waren sich einig, dass der schlaksige Kämpfer zu größerem bestimmt war. Wie so oft, holten diese Vorschusslorbeeren das junge Talent aber nach einiger Zeit ein. In den größeren Ligen schien Krause nicht bestehen zu können, wie Niederlagen gegen die mittlerweile in der UFC zu Stars gewordenen Top-Kämpfer Donald Cerrone und Ricardo Lamas gezeigt haben, die Krauses WEC-Karriere so schnell wieder beendeten, wie sie angefangen hatte.

Bei Bellator und Titan FC erkämpfte sich Krause später eine Bilanz von 2-2, bevor er die Chance bekam, an der 15. Staffel der „Ultimate Fighter“-Serie teilzunehmen und sich so einen Platz in der UFC zu erkämpfen. Weiter als in die Eröffnungsrunde sollte Krause es allerdings nicht bringen – gegen Justin Lawrence verlor er noch in der ersten Runde durch T.K.o.: „In meinem Kampf habe ich einen heftigen Kopfstoß direkt aufs Kinn kassiert, der mich glatt ausgeknockt hat“, so Krause über den enttäuschendsten Moment seiner Karriere, „und eine Menge Leute wissen das nicht. Es sieht so aus, als wäre ich im nationalen Fernsehen vorgeführt worden. Das war wahrscheinlich der Tiefunkt meines Lebens, es war extrem peinlich – ich hatte es so weit gebracht und wurde dann einfach so rausgekegelt. Das bricht einem das Herz.”

Da stand Krause also: 25 Jahre alt, die Universität hatte er kurz vor dem Abschluss sausen lassen, um all seine Kraft in eine MMA-Karriere zu stecken und doch schien ihn jedes Mal, wenn der ersehnte Durchbruch in greifbarer Nähe schien, das Glück zu verlassen. Woran lag es? Heute denkt Krause, dass es Zweifel waren. Zweifel an sich selbst und an der Hoffnung, irgendwann etwas Besonderes zu erreichen. „Das kommt zum Vorschein, wenn man kämpft“, weiß Krause heute über die Auswirkungen seiner mentalen Verfassung. „Wenn alles nach Plan lief, war ich schwer zu schlagen. Aber in der Sekunde, in der etwas schief ging, ging alles den Bach runter, und zwar schnell. So etwas passiert mir einfach nicht mehr. Ich wollte aufhören, als er (Sam Stout, d. Red.) mir einen Leberhaken verpasst hat – das hat dermaßen geschmerzt. Aber ich habe ein Pokerface aufgesetzt und mir gesagt ‚Ich bin verdammt noch mal nicht hier her gekommen, um zu verlieren. Komm her, und hol dir deine Packung ab.’ Ich glaube, diese Einstellung hebt Kämpfer, die großartig sein können, von denjenigen ab, die gut sein können.“

James Krause (l.) und Sam Stout nach ihrem gemeinsamen Kampf. (Foto: James Krause via Instagramm)

Was Krause heute den Biss, die Entschlossenheit und Zuversicht gibt, um seine Karriere mit aller Kraft zu verfolgen, konnte er damals noch nicht abrufen, vielleicht wusste er auch nicht einmal, dass diese Eigenschaften in ihm schlummerten. Der Verlauf seiner Karriere zeigt das mehr als deutlich: Alle Kämpfe in den großen Organisationen hatte Krause bis dato verloren und war kurz vor dem Einzug ins TUF-Haus aus dem Turnier geflogen. Heute glaubt Krause zwar, dass diese Widrigkeiten ihn stärker gemacht haben, damals brachten sie ihn für einen kurzen Moment aber dazu, seinen Traum zu begraben und sich einen normalen Lebensstil anzueignen: „Ich habe nur gedacht, ‚ich bin fertig hiermit. Wenn ich es nicht zu etwas bringe, bin ich dreißig, bevor ich es merke und kämpfe, um zuhause die Lichter brennen zu lassen - ich will nicht dieser Typ sein’. Ich habe MMA geschmissen, mir einen gewöhnlichen Job besorgt, mit Anzug und Krawatte, und es war schrecklich; ich habe es gehasst.“

Ganze zwei Wochen hat Krause sein Leben ohne MMA ausgehalten, dann war ihm klar, dass er nicht für ein Leben ohne den Kick, den Wettbewerb und die Herausforderung bestimmt war, die der MMA-Sport ihm geben konnte: „Das waren die schlimmsten zwei Wochen meines Lebens. Als ich jünger war, habe ich mir selbst ein Versprechen gegeben – ich habe jeden Tag gesehen, wie meine Mutter sich zu diesen Jobs quälte, die sie gehasst hat. Und ich habe mir gesagt, dass ich es später lieben würde, zur Arbeit zu gehen.“

Ohne MMA schien Krause in dieselbe Richtung zu steuern, in der seine Mutter früher festgefahren war, also legte er zum zweiten Mal in zwei Wochen eine 180°-Drehung hin und nahm seine neue und alte Karriere wieder auf. „Ich habe den Job geschmissen, und ab da haben die wirklichen Änderungen eingesetzt. Ich weiß den Sport deswegen nun besser zu schätzen; mir ist bewusst geworden, was ich hatte, was ich tat und wohin ich ging. Ich wusste das Leben allgemein besser zu schätzen.“

Diese neue Perspektive führte dazu, dass Krause sein Training umstellte, härter trainierte und entschlossen daran arbeitete, der beste Kämpfer zu werden, der er sein konnte: „Das ist etwas, das einem beigebracht werden muss, es kommt darauf an, wie du aufgezogen wurdest. Etwas, das ich gelernt habe und später meinen Kindern weitergeben will ist, dass, wenn du deinen Fokus ganz auf etwas richtest, dich harte Arbeit und Leidenschaft überall hinbringen können, wo du willst. Diese Dinge fallen Menschen nicht durch Glück zu, sie werden durch harte Arbeit verdient. Ich bin nicht irgendein unglaublicher Ringer, der ringt, seit er zwei Jahre alt ist. Ich bin kein Kickboxer, der Leute ausknockt, seit er geboren wurde. Ich habe als 20-Jähriger mit dem MMA angefangen, habe jeden Tag der letzten sieben Jahre hart gearbeitet, und das hier ist, wohin mich das gebracht hat.“

Gleichzeitig wurde Krause aber auch bewusst, dass das extrem harte Training allein ihn nicht zum Erfolg führen würde. Anstatt also Gym und Trainer zu wechseln oder nicht vorhandenes Geld in aufwendigere Camps zu pumpen, setzte Krause schwerpunktmäßig an einer anderen Stelle an, um sein Potential endlich vollends ausschöpfen zu können – in seinem Kopf: „Ich glaube fest daran, dass es keinen Plan B gibt. Wenn du einen Plan B hast, dann heißt das, dass du dich in deinen Gedanken mit der Möglichkeit des Scheiterns beschäftigst.“

Krause warf also alle negativen Gedanken von Bord und entschloss sich dazu, alles in eine Waagschale zu werfen und sich hundertprozentig auf seine Karriere als Profi-Kämpfer zu konzentrieren. „Ich hatte keinen Plan B. Wenn ich drei oder vier Kämpfe nacheinander verloren hätte, hätte ich einfach gesagt okay, ich bin durch hiermit, und hätte mir von da ausgehend einen Plan B zurechtgelegt. Ich habe das früher immer getan. Wenn ich vor zwei Jahren gegen Sam gekämpft hätte, hätte ich mich schon vorher damit abgefunden, diesen Kampf zu verlieren: ‚Ich kämpfe gegen Sam Stout, der Typ hat 15 mal in der UFC gekämpft (…), hat sechs mal den Kampf des Abends gewonnen – es ist okay, wenn ich diesen Kampf verliere. Jeder erwartet, dass ich verliere, aber wenn ich da raus gehe und mich einigermaßen gut schlage, ernte ich Respekt.’ So hätte ich vor einigen Jahren gedacht. Ich tue das nicht mehr. Wenn ich mir mein altes Ich anschaue, sehe ich ein Kind. Ich sehe jemanden, der noch nicht erwachsen war, und jemanden, der Angst hatte. Ich hatte Angst, zu verlieren, und jetzt weigere ich mich, auch nur einen Gedanken ans Scheitern zu verschwenden.”

Lest im zweiten Teil, wie Krause es geschafft hat, sich eine unschlagbare Mentalität anzueignen und was er mit seiner Karriere noch alles vorhat.