MMA

„Er war absolut geschockt, als er mich hier besucht hat“

Das "Wohnzimmer" der Tristar Dorms (Foto: Florian Sädler/Groundandpound.de).

Nach fünf verschiedenen Unterkünften in vier Städten innerhalb von knapp drei Wochen steht der etwas stationärere Hauptteil meiner Reise an – knapp zwei Monate im Tristar Gym mitten in Montreal. Als ich, beladen mit diversen Gepäckstücken, aus dem U-Bahnhof zurück ans Tageslicht komme, werde ich leicht nervös: Mit was für Leuten würde ich zu tun haben, wie würde der Alltag aussehen und wie leicht würde es mir fallen, in der doch recht ungewöhnlichen Ansammlung verschiedenster Charaktere zurechtzukommen?

Bevor ich mir allzu viele verschiedene Szenarien ausmalen kann, erreiche ich jedoch nach wenigen hundert Meter Fußweg bereits mein Ziel. Zwei Treppenabsätze später klopfe ich an der mit Code-Vorrichtung gesicherten Tür, die sich ein paar Sekunden später öffnet. Von der anderen Seite aus werde ich etwas verdutzt vom Klischee-Prototypen eines Profi-Kämpfers angeschaut: Muskulöse Statur, Undercut und am Oberarm ragt ein Tattoo unter dem Ärmel hervor. Wie so oft, stellen sich diese Klischees aber schnell als abgedroschen heraus. Meine neue Bekanntschaft heißt Eric, lebt eigentlich in Gatineau bei Ottawa, arbeitet unter der Woche als Lehrer an einer Sonderschule und verbringt die Wochenenden zum Trainieren im zwei Autostunden entfernten Montreal. Ein durch und durch sympathischer Typ und, wie sich glücklicherweise herausstellen sollte – eher der Prototyp des typischen „Tristar Dormitory“-Bewohners. 

Ich kannte die Dorms zum Glück schon von Bildern und wusste daher, was mich erwarten würde – wer ohne jede Vorahnung hierherkommt, gerät beim Gang durch die Eingangstür jedoch üblicherweise erst einmal gehörig ins Stocken. Das ganze Bauwerk ist im Prinzip ein alterndes Gewerbegebäude der gammeligsten Art und die Dorms dessen baulicher Tiefpunkt – die Decke ist zum Teil offen, die dünnen Wände verschmiert, der Putz bröckelig. Als Bewohner passt man sich dieser Umgebung schnell an – von Mülltrennung wird nicht allzu viel gehalten und da man ordnungstechnisch ohnehin nicht mehr allzu viel falsch machen kann, fliegt von Kleidungsstücken bis hin zu BMX-Rädern die halbe Einrichtung lose in der Gegend herum. 

„Mich hat hier mal einer meiner Freunde besucht, der jahrelang beim Militär war, in Wäldern übernachtet hat und so weiter“, lacht Will, einer der wenigen dauerhaften Bewohner der Dorms und Bellator- sowie WSOF-Veteran, der sich wenig später zu uns gesellt. „Er war absolut geschockt, hat mich aufrichtig bemitleidet und meinte, ich würde in einer Höhle leben.“ Auf der einen Seite des Gebäudes – diejenige, auf der sich das Tristar Gym selbst befindet – verläuft eine von Restaurants und Einrichtungshäusern umgebene Stadtautobahn, hundert Meter weiter auf der Seite der Dorms beginnt ein sozialer Brennpunkt. Die Dorms bilden gewissermaßen die Grenze – markiert durch ein stark frequentiertes Bordell auf der anderen Seite des Hausflurs und der bei den Anwohnern noch frischen Erinnerung an eine Schießerei vor wenigen Wochen. 

Und doch funktioniert das Prinzip für Gym und Sportler prächtig – Headcoach und Eigentümer Firas Zahabi und sein Partner Robbie Stein haben die Dorms als Unterkunft für aufstrebende Kämpfer eingeführt, die sich mit dem hier gebotenen Weltklassetraining auf das nächste Level hieven wollen, aber nicht die Mittel für eine eigene Wohnung oder einen längeren Hotelaufenthalt haben. Und dafür ist das spartanische Umfeld perfekt, denn „es hält dich fokussiert“, so Nate, ein Amerikaner aus Boston mit kubanischen Wurzeln, der die letzten drei Jahre hier verbracht hat. „Das ist ein guter Ort, ich habe hier eine Familie gefunden.“

Meinen Raum teile ich mir mit Sam, einem ambitionierten Amateurkämpfer, der alle paar Wochen im MMA oder Kickboxen antritt und gerade einen Job sucht, um sich das Training hier im Gym zumindest abends und am Wochenende sowie die dazugehörige Unterkunft auch weiterhin leisten zu können. Wir räumen eines der beiden Regale frei und ziehen das bisher unbenutzte zweite Bett über den Betonboden neben einen riesigen, ausrangierten Fernseher, sodass das Zimmer möglichst praktikabel zwei Leuten Platz bietet. Meinem Bett fehlt momentan ein Kissen, fürs Erste wird also meine Jacke herhalten müssen…

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Zum ersten Teil des Erlebnisberichts: "Du bist jetzt mein neuer Multimedia-Assistent"