MMA

"Du bist jetzt mein neuer Multimedia-Assistent"

Das Tristar Gym im kanadischen Montreal. (Foto: Florian Sädler/Groundandpound.de)

Keine drei Wochen ist es her, seitdem der Frankfurter Flughafen unter mir in den grauen Wolken eines durchschnittlichen deutschen September-Tages verschwunden ist – knapp 15.000 Kilometer habe ich seitdem zurückgelegt, drei grundverschiedene nordamerikanische Städte kennengelernt, zwei UFC-Veranstaltungen mitgenommen und so langsam fangen Schlafmangel, Zeitverschiebungen in unterschiedliche Richtungen und eine hauptsächlich aus Fastfood, Cola und Bier bestehende Ernährung an, ihre Spuren zu hinterlassen.

Gut also, dass ich jetzt am Ziel angekommen bin – die nächsten zwei Monate werde ich in Montreal verbringen, genauer gesagt in den Tristar Dorms, einer heruntergekommenen WG direkt neben dem berühmt-berüchtigten Tristar Gym, in dem Headcoach Firas Zahabi Kämpfer aus aller Welt einquartiert. Ich bin zwar kein Kämpfer, irgendwie aber habe ich es geschafft, Zahabi davon zu überzeugen, auch mich dort unterzubringen. Bevor ich allerdings in die Fußstapfen von in der Szene bekannten Namen wie Kenny Florian, Jonathan Brookins oder Mark Bocek trete, die neben vielen anderen dort untergekommen sind, heißt es für mich erst einmal, via Couchsurfing eine Woche lang die Stadt zu erkunden. 

Als erstes komme ich in einer WG aus vier Studentinnen unter (!), die – wie überraschend – kurz vor einer großen House-Party steht. Da die vier unter der Woche jedoch auch noch mit der Uni beschäftigt sind, entscheide ich mich dazu, schon einmal einen kurzen Ausflug ins nur eine U-Bahnstation entfernte Tristar Gym zu unternehmen.

Einmal angekommen, finde ich mich gleich zurecht: Die blauen Matten, das Octagon im originalen UFC-Maßstab und vor allem die roten Stern-Aufkleber in den Fenstern sind wohl jedem einigermaßen regelmäßigen UFC-Zuschauer bekannt. Seit einem viertel Jahrhundert werden hier Kämpfer geschmiedet und Hobby-Sportler in Form gebracht: Von Rory MacDonald über David Loiseau bis hin zu Georges St-Pierre hat das Gym eine ganze Reihe Weltklasse-Athleten produziert, die ihre Kunst genau hier in jeder Menge legendärer Trainingseinheiten perfektioniert haben – allerdings nicht an diesem Dienstagnachmittag. Leer ist es trotz der ungewöhnlichen Zeit nicht, in sämtlichen Bereichen finden sich Hobby-Sportler, die mit Personal-Trainern an ihrer Fitness, oder Kämpfer, die an den letzten Ecken und Kanten ihrer Techniken arbeiten.

Viel Zeit, das Ganze wirken zu lassen, habe ich allerdings nicht, denn nach wenigen Sekunden des Umherschauens werde ich schon von einer bulligen Gestalt bemerkt, die direkt etwas ungelenk aus ihrem Stuhl aufsteht. Als ich nach einer gehumpelten Drehung das Gesicht sehe, erklärt sich die Situation – Alex Garcia, UFC-Weltergewicht mit frisch gerissenem Kreuzband, kommt mit neugierigem Blick auf mich zu und erkundigt sich freundlich, wer ich denn sei.

Ich habe selten einen offenherzigeren Menschen gesehen – schon knapp fünf Minuten später sitze ich mit ihm an seinem MacBook und helfe ihm, seinen Browser einzurichten, bevor ich ihm erkläre, wie er mit seiner neuen Kamera Videos drehen kann. „Du bist jetzt mein neuer Multimedia-Assistent“, lacht Garcia beherzt, bevor er mich auf eine Tour durch das Gym mitnimmt. Währenddessen stellt sich heraus, dass „The Dominican Nightmare“ tatsächlich einige ganze Sätze Deutsch beherrscht, was scheinbar von Bekannten in Berlin herrührt. Als wir wieder vorne ankommen, taucht der eigentliche Grund meines Besuchs auf: Jesse Bell.

Der sympathische Mittzwanziger ist so etwas wie mein inoffizieller Vorgänger in den Tristar Dorms – zwei Jahre lang hat er hier gelebt und als freier Journalist (und Geist) Fotostrecken und Blogartikel u.a. für Vice und Fighters Only publiziert, während er nebenbei seine BJJ-Fertigkeiten um ein paar Level nach oben geschraubt hat.

Was ich allerdings nicht geahnt habe: Ich erwische Jesse in seinen letzten Momenten im Gym, denn er und sein Bruder Mike sind drauf und dran, eine „Jiu-Jitsu-Pilgerreise“ zu beginnen, die sie von Montrael über die Grenze in die USA und durch das ganze Land bis nach Kalifornien führen soll. Auf dem Weg – von welchem übrigens gerade einmal die ersten zehn Kilometer konkret feststehen – sollen sämtliche Gyms in Reichweite abgeklappert werden, sodass die beiden als die bestmöglichen Grappler-Versionen ihrer selbst in Los Angeles ankommen (Wer die Reise der beiden verfolgen will, sollte sich einmal Jesses ‚Chilldog Blog’ anschauen).

Das Ganze ist zweifellos eine coole Story, für mich allerdings bedeutet sie einen schwereren Start als erwartet, denn zum einen hatte ich mir den einen oder anderen Tipp erhofft, zum anderen werde ich mir als sein scheinbarer „Nachfolger“ nun erst einmal den Respekt der Truppe erarbeiten müssen. Zunächst geht es aber erst einmal zurück ins Apartment, wo langsam die Vorbereitungen für die große House-Party anlaufen. Ich sollte mir den Spaß am Samstag gönnen, denn ausschweifende Parties werden in kurzer Zeit erst einmal aus meinem Leben verschwinden…

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Zum zweiten Teil des Erlebnisberichts: „Er war absolut geschockt, als er mich hier besucht hat“