MMA

Die UFC vor dem großen Anti-Doping-Kreuzzug

Steht der UFC eine dunkle Zeit bevor, oder gibt es bereits Licht am Ende des Tunnels? (Foto: Florian Sädler)

Manchmal kann alles ganz schnell gehen. Entwicklungen wie sinkende Pay-per-View-Verkäufe oder steigende Verletzungszahlen brauchen üblicherweise viele Monate, um als allgemeingültiger Trend anerkannt werden. Die aktuelle Welle erwischter Doping-Sünder allerdings fühlte sich eher so an wie ein ungebremstes Vor-die-Wand-Fahren – innerhalb kürzester Zeit war die MMA-Gemeinde gezwungen zu realisieren, dass das lange unter der Oberfläche brodelnde Doping-Problem mit Vollgas ins Rampenlicht gebrettert war.

Natürlich war die UFC als Marktführer und Heimat der meisten erwischten Kämpfer gezwungen, irgendwie zu reagieren. In den weitestgehend unregulierten Zeiten des „Blutboxer“-Images hätte sich kaum jemand darum geschert, ob oder wie viele Kämpfer mit chemischer Unterstützung in den Käfig steigen. Diese Zeiten aber sind – vor allem in den USA – vorbei, mittlerweile zieren Unternehmen wie FOX oder Reebok sich mit dem Logo der UFC und wollen selbstverständlich nicht mit einem Sport in Verbindung gebracht werden, dessen Protagonisten vermeintlich zum großen Teil künstlich aufgeputscht wurden. Als Antwort auf die Testergebnisse von Stars wie Anderson Silva oder Hector Lombard hat die UFC am Mittwoch eilig eine Pressekonferenz angesetzt, während der in Form von Lorenzo Fertitta, Dana White und Laurence Epstein drei der wichtigsten Offiziellen der Organisation nur wenige klare Details nennen konnten, wie es denn weitergehen soll.

Seitdem die drei in Las Vegas ihren vagen Kurs bekanntmachten, schon sehr bald härter und mit viel mehr Aufwand als zuvor gegen Doping-Sünder vorzugehen, stehen Fans, Medien, Kämpfer und auch die Promoter selbst nun jedoch zunächst einmal vor mehr Fragen als zuvor – wofür man die UFC nicht einmal verantwortlich machen kann: Zwar musste eine Reaktion her, dieses Problem lässt sich aber nun einmal nicht innerhalb von ein paar Wochen präsentationsfertig lösen.

Lorenzo Fertitta selbst hat am Mittwoch vorausgesagt, dass es erst schlimmer werden wird, bevor man merkliche Besserungen erwarten kann, und so wird es vermutlich auch kommen. Auf kurzfristige Kampfabsagen – möglicherweise auch von sehnlich erwarteten Blockbuster-Duellen – und langfristig gesperrte Stars freut sich niemand, solche Dinge könnten aber der bittere Beigeschmack einer absolut notwendigen Strategie sein. Fertitta warf während der Pressekonferenz eine Zwei-Jahres-Sperre für Erst-Sünder in den Raum und ließ seine Zuhörer gleich im Anschluss daran wissen, dass möglicherweise auch die Vier-Jahres-Sperre der WADA (World Anti-Doping Association) eine Option wäre. Wer bisher positiv getestet wurde, wird üblicherweise neun Monate lang nicht kämpfen können, gerechnet ab dem Datum des verfehlten Tests. Das ist kein allzu langer Zeitraum, wenn man sich vor Augen hält, dass die meisten der momentan 559 Kämpfer im Kader der UFC mittlerweile ohnehin nicht öfter als zwei bis drei Mal pro Jahr antreten. Eine zwei- oder gar vierjährige Sperre dagegen kann und wird in vielen Fällen das Karriereende bedeuten.

Angesichts der 40 Prozent Profit-Rückgang im vergangenen Jahr, zum nicht unerheblichen Teil bedingt durch verletzungsbedingte Kampfausfälle, sollte klar sein, dass dieser neue Kurs für die UFC ein gewaltiger Schritt ist. Tatsächlich scheint es, als stünde die UFC gerade an einem Scheidepunkt – das riesige Problem lässt sich nicht (mehr) wegdiskutieren und die beiden möglichen Lösungsansätze sind mit gleichermaßen schmerzhaften Aussichten verbunden. Während es auf kurze Sicht weitaus komfortabler erscheint, einfach wie bisher weiterzumachen und darauf zu hoffen, dass sich die Situation irgendwann von selbst bessert oder schlicht hingenommen wird, würden der Sport an sich und die UFC im Speziellen so immer weiter an Glaubwürdigkeit verlieren und vermutlich irgendwann einfach wieder an dem Punkt ankommen, an dem wir momentan stehen.

Die weitsichtigere Alternative, die Doping-Seuche mit aller Kraft zu bekämpfen, birgt dabei allerdings auch jede Menge saure Äpfel und unvorhersehbare Risiken. Neben den erwähnten zu erwartenden Kampfausfällen und allen daraus hervorgehenden Konsequenzen ist es keineswegs sicher, dass die UFC mit ihrem neuen Programm ihr Gesicht wahren wird. Als der Radsport vor Jahren versuchte, das Doping-Problem am Schopf zu packen, ging die groß angelegte Säuberungsaktion zunächst in dem Sinne nach hinten los, als dass der Sport nach all den positiven Tests allgemein als unheilbar verseucht galt und ewig lange brauchte, um sich einigermaßen vom erlittenen Image-Schaden zu erholen. Wie ein ähnliches Szenario in einem im Bewusstsein der Öffentlichkeit weit weniger gefestigten Sport ausgehen würde, lässt sich kaum vorhersagen – vielleicht nähme außerhalb der Szene kaum jemand wirklich Notiz davon, vielleicht würde das immer noch recht zerbrechliche Image des Sports aber auch ein gutes Stück zurück in die unseriöse Schläger-Schiene abrutschen.

Darüber hinaus werden sich aber nicht nur Infrastruktur und Image des MMA ändern, sondern auch der sportliche Aspekt selbst. Schätzungen von Insidern zur Doping-Quote, wie die von UFC-Schwergewicht Brendan Schaub oder des ehemaligen UFC-Halbschwergewichts Krzysztof Soszynski, schwanken meist um Größenordnungen von 80 Prozent. Selbst, falls diese Zahlen übertrieben sein sollten, sollte man sich nichts vormachen und glauben, dass der allgemeine Leistungs-Standard im Käfig sein modernes Niveau ohne eine Menge aufgeputschter Protagonisten erreicht hätte. Steroide machen u.a. bessere Fitness, schnelleren Gewichtsverlust sowie dank besserer Regeneration mehr und härteres Training möglich, was sich im Endeffekt alles in einer besseren Leistung am Kampfabend bemerkbar macht. Nimmt man die Hilfsmittel vom einen Moment auf den anderen aus dem Spiel, werden sich einige der unsauberen Kämpfer ernsthafte Gedanken machen müssen, wie sie dieses plötzliche Defizit unter Zeitdruck ausgleichen wollen.

Die Motivationen, sich mittels chemischer Unterstützung einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz verschaffen zu wollen, sind dabei ebenso vielfältig wie die Gründe, auf die verbotenen Substanzen zu verzichten. Wer Steroide benutzt hat, um sich rechtzeitig von einer Verletzung zu erholen, wird seinen Kampf in Zukunft vermutlich absagen. Wer sich das ein oder andere eingeworfen hat, weil er einen mentalen Boost brauchte, wird ab Juli nicht mehr so befreit aufkämpfen können wie bisher. Und wer einfach mehr trainieren wollte als von der Natur vorgesehen, steht bald vor der Entscheidung, sein altes Pensum aufrechtzuerhalten (und sich damit einem höheren Verletzungsrisiko auszusetzen) oder schlicht weniger Zeit auf der Matte zu verbringen. In einem ohnehin recht unsteten Sport ein weiterer Faktor der Unberechenbarkeit – schon jetzt kann ein Blick auf das geplante Programm eines drei Monate entfernten Events nicht einmal ansatzweise zuverlässig verraten, ob die angesetzten Kämpfe überhaupt stattfinden werden oder ihrem Potential gerecht werden können, und zukünftig werden die Variablen in dieser Hinsicht noch größer ausfallen.

Zusammengefasst muss man sich also darauf einstellen, dass der UFC kurz- bis mittelfristig eine chaotische Zukunft bevorsteht. Dabei sieht es auf dem Papier momentan gar nicht mal übel aus: Gerade erst hatte man mit dem Januar einen der geschäftlich besten Monate seit langem hinter sich, konnte um 4 Uhr Nachts Ortszeit ein ganzes Fußballstadion in Europa ausverkaufen, expandiert weiter munter in der Weltgeschichte herum und hat eine lange Reihe Blockbuster-Kämpfe auf dem Terminkalender stehen. Trotzdem – wie es weiter geht, bleibt wohl einfach nur abzuwarten. Fest steht lediglich, dass die Ereignisse und Entscheidungen der nächsten Monate die UFC und womöglich den ganzen Sport nachhaltig prägen werden…