MMA

Die UFC am Scheideweg

FOX: Die neue Heimat der UFC. (Foto: MMAMania.com)

Das Jahr 2011 hielt viele Neuerungen für die UFC bereit. Durch den Aufkauf von Strikeforce begann ein Transfer hochklassiger neuer Talente, der bis heute anhält; die Verschmelzung mit der WEC am Ende des Vorjahres brachte außerdem zwei neue Gewichtsklassen mit sich. In finanzieller Hinsicht hingegen muss die Liga zum ersten Mal seit dem gewaltigen Aufschwung, der Mitte des letzten Jahrzehnts mit der ersten The Ultimate Fighter Staffel seinen Anfang nahm, die Stirn in Falten legen. Den auf das Jahresende hochgerechneten Rücklauf von etwa 30% in PPV-Verkäufen kann man nur als herbe Schlappe bezeichnen, und die Geschäftsführung wird ernsthaft darüber nachdenken müssen, was sie an ihrem Kurs für das Jahr 2012 verändern will.

Obwohl die UFC natürlich über zahlreiche Werbeverträge und Lizenzvereinbarungen verfügt und auch an den Ticketverkäufen nicht schlecht verdient, sind und bleiben die Pay-Per-View Events Herzstück ihres Geschäftsmodells. Dass diese sich zuletzt auf nicht gerade erfreuliche Weise entwickelt haben, veranschaulichen die folgenden Zahlen:

Jahr Anzahl der Events PPV Käufe insgesamt PPV Käufe pro Event
2006 10 5.270.000 527.000
2007 11 4.934.996 448.636
2008 12 6.324.996 527.083
2009 13 8.019.999 616.923
2010 15 9.255.000 617.000

2011

12

(bisher)

4.845.000

(bisher)

403.750

(derzeit)

2011

16

(geplant)

6.460.000

(hochgerechnet)

403.750

(unterstellt)

(Zahlenmaterial aus dem MMAPayout.com Blue Book; Berechnungen sind solche des Autors. UFC 137 wurde nicht berücksichtigt, da die Verkaufszahlen des Events noch nicht bekannt sind)

Wie sich zeigt, hat die UFC, abgesehen von einem marginalen Rückgang von 2006 auf 2007, ihre PPV Verkäufe bis 2010 von Jahr zu Jahr deutlich steigern können. Das liegt zum Teil an einer höheren Verkaufszahl jedes einzelnen PPVs im jeweiligen Jahr, zum größeren Teil aber an einer Steigerung der insgesamt angebotenen PPVs pro Jahr. So wurden im Jahr 2010 ausgestrahlte PPVs im Schnitt nur 17% häufiger gekauft als im Jahr 2006 Ausgetrahlte; insgesamt wurden aber gut 75% mehr an PPVs gekauft, da schlicht 50% mehr produziert worden waren als vier Jahre zuvor. Diese Zahlen hat die UFC sich augenscheinlich, frei nach dem Motto "viel bringt viel" zu Herzen genommen, und für 2011 sage und schreibe 16 PPVs angesetzt, von denen bisher zwölf zu sehen waren. Indes geht die Rechnung nicht auf: Wenn man unterstellt, dass die noch anstehenden vier PPVs (UFC 137, 139, 140, 141) sich in etwa genau so gut bzw. schlecht verkaufen wie die bisherigen zwölf, d.h. 403.750 Käufe pro Show erzielen, dann würde die UFC bei insgesamt 6.460.000 verkauften PPVs landen: Ein Rückgang von etwa 30% gegenüber den 9.255.000 im Vorjahr verkauften Shows.

Die Frage, die sich angesichts dieser Zahlen zwangsläufig stellt, lautet natürlich: Wie kommt's? Gesicherte Antworten gibt es darauf, wie so häufig, keine, aber folgende Faktoren tragen mit hoher Wahrscheinlichkeit zumindest eine gewisse Mitschuld an der Misere:

1. Ein Jahr ohne Brock Lesnar: Love him or hate him, der Mann verkauft Events. Von den insgesamt sechs PPVs in der Unternehmensgeschichte, die über eine Million Mal im PPV gekauft wurden, war Brock Lesnar bei Vieren im Main Event zu sehen. Er hat buchstäblich seit August 2008 keinen Kampf gehabt, der nicht mindestens eine Million Mal gekauft worden wäre. Man mag das bejubeln oder den Kopf darüber schütteln, aber Lesnar ist mit Abstand der größte Star, den die UFC jemals hatte, und sein krankheitsbedingtes Fehlen im Jahr 2011 macht sich in der Bilanz schmerzlich bemerkbar. Streicht man beispielsweise gedanklich die beiden Lesnar-Shows aus dem Jahr 2010 heraus und ersetzt die Verkaufszahlen dieser Events durch den Durchschnittswert der restlichen 13 Shows des Jahres, so gelangt man zu einer fiktiven Gesamtzahl von 8.128.846 PPV-Verkäufen; das sind 12% weniger als die tatsächlich erzielten 9.255.000 und würde den Rückstand der hochgerechneten 2011er Jahresbilanz von 30% auf 20,5% zusammenschmelzen lassen. Natürlich ist das alles ein wenig hypothetisch, da niemand sagen kann, wie genau die beiden Lesnar-Shows sich ohne Lesnar verkauft hätten; Grund zu der Annahme, dass sie auch dann solch gewaltige Werte erreicht hätten, besteht indes nicht - beide Events hatten eine im Übrigen bloß durchschnittliche Main Card.

2. Die Verletzung von Cain Velasquez: Schlimm genug, dass der größte Star der UFC bei seinem letzten Auftritt auf beschämende Art und Weise verloren hat; obendrein schied anschließend der Bezwinger des Giganten seinerseits verletzungsbedingt aus. Das Schwergewicht ist, trotz der vergleichsweise geringen Talentdichte, die Lieblingsdivision vieler (Teilzeit-)Fans, und über ein Jahr ohne einen Titelkampf der großen Jungs hat seine Spuren in den Verkaufszahlen hinterlassen. Velasquez verteidigt seinen Gurt 2011 zwar noch, doch sein Match gegen Junior Dos Santos ist für die erste UFC-Show auf dem Free TV Sender Fox vorgesehen, so dass auch dies keinen (unmittelbaren) Einfluss auf die Verkäufe haben wird.

3. Die Verletzungswelle: Brock Lesnar und Cain Velasquez sind vielleicht die zwei Einzelfälle, welche die Liga am schwersten getroffen haben, doch ganz allgemein gesprochen war 2011 das Jahr der Kampfabsagen. Ein Event nach dem nächsten entwickelte sich von absoluter Top-Show zu seichtem Mittelmaß, weil Kampf um Kampf umgestellt oder gestrichen werden musste. Dabei traf es auch keineswegs bloß Undercard oder wenigstens frühe Maincard Kämpfe: Nein, bei UFC 125, 128, 130, 131, 132, 133, 135 und 137 waren jeweils entweder der Co-Main oder der Main Event betroffen, wofür i.d.R. gar kein oder nur unzulänglicher Ersatz gefunden werden konnte. Die Konsequenz: Eine weniger attraktive Karte, weniger Faninteresse, weniger verkaufte PPVs und Tickets.

4. Fehlende Starpower in den leichten Gewichtsklassen: Wie schon erwähnt fühlen sich gerade die nicht-ganz-so-hardcore Fans von den höheren Gewichtsdivisionen angezogen: Sie reizt die rohe Brutalität, mit der 93+kg schwere Männer einander bisweilen durch einen einzigen Schlag ins Land der Träume befördern können; ihre Helden heißen Jon Jones, Shogun Rua, Rashad Evans, Brock Lesnar, Cain Velasquez und vielleicht bald Junior Dos Santos. Zwar werden Enthusiasten des Sports nicht müde zu erwähnen, dass es unterhalb von 70,3kg mindestens genau so viel, wenn nicht sogar noch mehr Action zu sehen gibt, doch leider kommt diese Botschaft nicht so recht bei der breiten Öffentlichkeit an. B.J. Penn war der einzige Leichtgewichtskämpfer, der konstant solide PPV-Zahlen gewährleisten konnte, und GSP ist wohl das einzige Weltergewicht mit dieser Gabe. Absolute Top-Athleten wie Frankie Edgar, Gray Maynard, Jose Aldo oder Kenny Florian hingegen interessieren, so traurig das ist, die Wenigsten. Beispiel gefällig? Wie wäre es mit UFC 136: Obwohl gleich zwei Titel auf dem Spiel standen, Edgar und Maynard sich im Hauptkampf das Rematch ihres sagenhaften zweiten Aufeinandertreffens bei UFC 125 lieferten und Kenny Florian sich anschickte, den unbezwingbar wirkenden Jose Aldo zu entthronen, verkaufte sich die Show sage und schreibe nur 250.000 Mal und wurde damit zum bisher schwächsten UFC PPV des Jahres(!).

5. Überangebot an Shows: Wie schon erwähnt, ging die UFC nach dem Prinzip "viel bringt viel" vor, und hatte damit bis einschließlich letztes Jahr auch Erfolg. Irgendwann jedoch ist ganz einfach der Sättigungspunkt erreicht, an dem die Fans nicht bereit sind, noch mehr Geld für das Programm auszugeben. Unterstellt, ein UFC-Fan aus Amerika würde die PPV-Kosten weder mit Freunden teilen noch die Shows in einer Sportbar sehen, so müsste er dieses Jahr 16 * 55 US$ = 880 US$ ausgeben, um das Programm in High Definition zu erhalten. Reicht ihm auch die normale Auflösung, zahlt er immerhin noch 16 * 45 US$ = 720 US$ im Jahr. Bedenkt man zusätzlich den Effekt der krankenden Weltwirtschaft und eine Arbeitslosigkeitsrate von über 9% in den USA, so ist es kaum verblüffend, dass weniger Leute die Bereitschaft oder schlicht die Möglichkeit haben, 16 teure Shows pro Jahr zu kaufen.

Nach so viel Negativem nun die gute Nachricht: Viele der genannten Probleme werden 2012 der Vergangenheit angehören. Cain Velasquez und Brock Lesnar kehren beide vor Jahresbeginn zurück und werden die Verkaufszahlen womöglich noch ein bisschen nach oben reißen; sofern sie sich nicht erneut verletzen, sollten sie auch für das nächste Jahr fit sein. Die Zahl an geplanten PPVs wurde von der UFC bereits auf 12 herabgesetzt, was die Geldbeutel der Fans etwas schonen und somit umgekehrt bei mehr Leuten die Bereitschaft erzeugen sollte, alle Shows zu kaufen. White & Co haben außerdem trotz derzeit schwacher Zahlen augenscheinlich den festen Vorsatz, die niedrigen Gewichtsklassen so lange zu promoten, bis diese die Begeisterung der Fans wecken - sind sich zugleich aber nicht zu schade, auch mal einen (Bantangewichts-)Titelkampf in eine Free-Tv Show zu packen, wenn für ihn im PPV kein Platz ist. Dass auch kleinere Männer im Kampfsport für Aufsehen sorgen können, stellen Pacquiao und Mayweather ohnehin unter Beweis. Schließlich darf man hoffen, dass sich im nächsten Jahr nicht ganz so viele (Haupt-)Kämpfer verletzen, und das Matchmaking dementsprechend weniger leidet.

Der wichtigste Faktor auf dem Weg in die Zukunft ist jedoch zweifellos der TV-Vertrag mit FOX. Der Sender bietet der UFC mehr Präsentationsfläche und auch mehr Seriosität als Spike TV dies zu tun vermochte. Zusätzlich zu zwei Staffeln von The Ultimate Fighter und dem bekannten Rahmenprogramm aus Vorkämpfen, Unleashed, Primetime, "Best Of" usw wird die Liga 2012 stolze 34 vollwertige Shows produzieren (zwölf nummerierte PPVs, vier UFC on Fox Shows, zwei TUF Finalshows sowie eine Reihe Fight Nights und ggf. Kostenlose nummerierte Events), von denen 22 umsonst sein werden. Damit jagt sie mehr hochwertiges und kostenfreies Programm als je zuvor über die Mattscheibe, und auch wenn es definitiv verfrüht wäre, von einem Ende der PPV-Ära zu sprechen, so ist damit doch ein wichtiger Schritt in Richtung der Eroberung des Free Tv Marktes getan.

Doch das ist Zukunftsmusik. Zunächst bleibt abzuwarten, wie viel Anklang die kostenlosen Shows der UFC auf Fox finden werden, und wie sich dies auf die Kaufraten der zwölf PPVs auswirken wird. Dieser Autor ist optimistisch und denkt, dass 2012 der UFC und dem MMA-Sport allgemein zu weiterem Wachstum und zahlreichen neuen Fans verhelfen wird, doch es gibt nicht Wenige, die bereits davon sprechen, dass die Promotion ihren Zenith erreicht hätte und allenfalls hoffen könne, das derzeitige Niveau zu halten. Wer Recht hat, wird die Zukunft zeigen - oder, wie Dana White es formulierte: "2012 will be a make or break year for the UFC".

5.270.000