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Back to the Roots

Er ist zurück! Wanderlei Silva, einer der legendärsten Namen dieses Sports, hat es geschafft und ist wieder im Geschäft. Bei UFC 110 setzte er sich gegen den aufstrebenden Jungspund Michael Bisping durch und wirkte dabei agiler, aggressiver, irgendwie… „axtmörderischer“ als in jedem seiner letzten Fights. Phasenweise blitzte da der alte Wanderlei  durch. Man erinnerte sich an erbitterte Schlachten bei Pride, wilde Attacken, pure Aggression. Man dachte sofort wieder an die alte Chute Boxe-Zeit und an spektakuläre (T)KOs. Seit seiner Ankunft in der UFC sah man Wanderlei jedoch in einer völlig anderen Form. Zu langsam, zu nachlässig wirkte der ehemalige Pride-Champion. Von der Aggressivität, die ihn einst ausmachte, war nichts mehr zu spüren. Nun die Kehrtwende. Zwar ist der Wanderlei von UFC 110 noch weit von dem originalen „Axtmörder“ entfernt, doch ist erkennbar, dass der Mann Fehler analysiert und wichtige Entscheidungen getroffen hat. Dabei meine ich nicht den Wechsel ins Mittelgewicht, der ihm zweifellos nicht geschadet hat. Auch nicht die Nasen-OP, durch die er nach eigener Aussage weniger Probleme mit der Atmung hat. Nein, ein anderer Punkt ist viel wichtiger: Im Anschluss an den einstimmigen Punktsieg gegen Bisping verkündete er, dass er zu Chute Boxe-Urgestein Rafael Cordeiro zurückgekehrt sei. Der ehemalige IVC-Champion sei für ihn „der beste Trainer den es gibt“. Und genau damit hat er recht.

Den oben beschriebenen Effekt konnte man nicht nur bei Wanderlei Silva, sondern auch bei dessen ehemaligem Teamkollegen Mauricio „Shogun“ Rua beobachten. Dessen UFC-Debüt verlief, sagen wir: nicht ganz, wie er sich das vorgestellt hatte. Der Shogun, der von Forrest Griffin drei Runden lang dominiert und schließlich via Choke abgefertigt wurde, war nicht derselbe, der noch 2005 im Alter von nur  23 Jahren den Pride FC Mittelgewichts-Grand Prix gewann. Auch er wirkte zunächst behäbig, unbeweglich und einfach viel zu zahm. Hinzu kam eine desaströse Kondition, die sich auch in seinem zweiten UFC-Fight, einem Rückkampf gegen den überforderten Mark Coleman, nicht verbessert hatte. Erst gegen Chuck Liddel schien Shogun wieder wie der Alte zu sein, wirkte wie neu geboren. Es ist sicher kein Zufall, dass er für diesen Kampf sein eigens gegründetes Gym „Universidade de Luta“ verließ und zu seinen Wurzeln zurückkehrte, wo er mit seinen alten Trainingspartnern begann, für den Sieg zu schuften. Beiden Kämpfern hat die Entscheidung „Back to the Roots“ zu gehen gut getan, wahrscheinlich sogar ihre Karrieren gerettet.

Woran es liegt, dass diese ehemals so dominanten Sportler nach ihrem Wechsel in die Vereinigten Staaten einen derart spürbaren Leistungseinbruch erlitten, kann nur spekuliert werden. Ein Zusammenspiel vieler Faktoren ist wohl am wahrscheinlichsten. Groß ist die Verlockung, in einer Stadt wie Las Vegas lieber die Nächte in den Clubs zu verbringen, statt genügend Schlaf für den nächsten Trainingstag zu sammeln. Ebenso groß wie der innere Schweinehund, der immer schwerer zu überwinden ist, wenn man plötzlich sein eigener Chef ist und einem kein Headcoach mehr in den Allerwertesten tritt. Sowohl Wanderlei als auch Shogun gründeten eigene Gyms in den USA und in Brasilien. Sie waren es nun, die anderen die Anweisungen gaben – doch wer kümmerte sich um sie?

Ein Grund warum beispielsweise ein Fedor oder ein Lyoto Machida konstant so erfolgreich sein können, ist, dass sie dem „Sündenpfuhl“ der amerikanischen Metropolen fernbleiben und stattdessen weiter  in der Abgeschiedenheit trainieren, wie all die Jahre zuvor. Bleibt zu hoffen, dass beide ihre Lektion gelernt haben und wir auch in Zukunft diese neuen (alten) Kämpfer sehen werden, die uns so sehr unterhalten.