Grappling

Mundials-Gewinner Johannes Wieth

Fotos via Johannes Wieth

GroundandPound.de sprach exklusiv mit Johannes Wieth aus München, dem deutschen Mundials-Gewinner 2010 und BJJ-Braungurt unter Xande und Saulo Ribeiro aus der Saulo's Academy in San Diego. Der ehemalige Wing-Tsun-Experte erklärt im Interview, wie er zum Grappling kam und hier schon auf internationaler Bühne große Erfolge feiern konnte. Neben den Mundials der Blaugurte und jetzt 2010 der Lilagurte, verbuchte Wieth auch die No-Gi Worlds und die Gracie Invitationals für sich. Grund genug, um mit dem Ausnahme-Grappler ein ausführliches Interview zu führen.

GroundandPound.de: Hi Johannes, zunächst erst einmal vielen Dank für das Interview! Johannes, stell dich doch zu Beginn unseres Interviews unseren Lesern einmal vor.

Johannes Wieth: Ich bin 32 Jahre alt, wohne in München und betreibe seit 2004 BJJ und seit nun ca. zwei Jahren trainiere ich zusätzlich MMA und Boxen.

Was war Dein bedeutsamster Sieg/Turniersieg?

Blaugurtklasse Mundials 2008. Zum einen da ich damit als erster Deutscher bei den Mundials in der „Adult“-Klasse (18-29 Jahre) auf dem Podium ganz oben stand und zum anderen da ich gesehen habe, dass alles möglich ist, auch von Deutschland aus, in meinem Alter und ohne Trainer vor Ort.

Wie war das Gefühl in diesem Jahr, als Du bei den Mundials ganz oben auf dem Treppchen warst?

Erleichterung pur. Ich habe 2009 in der Lilagurt-Klasse bei der EM und den Mundials jeweils im Finale verloren. Dementsprechend groß war mein Hunger nach Gold in diesem Jahr. Für ein Jahr habe ich mich jede Trainingseinheit damit motiviert, 2010 bei den Mundials meine Klasse zu gewinnen. Deshalb wäre es auch irgendwie blöd gewesen, wenn ich es nicht geschafft hätte.

Wie ist Deine Philosophie?

Alles muss so ideal wie möglich sein. Jede Trainingseinheit hat ein ganz besonderes Ziel, jede Technik hat ein besonderes Ziel, jede Mahlzeit hat ein besonders Ziel... Das geht so weit, dass ich auch mit meinen Gedanken und Gefühlen auf Dinge ziele.

Wie lange bist Du schon dabei?

Mit dem Grappling habe ich (im „Fernstudium“) am 04.02.2004 bei Björn Friedrich begonnen... Fragt mich aber bitte nicht nach dem Geburtstag meiner Freundin... Nach zwei Jahren hatte ich Xande Ribeiro für vier Wochen bei mir in München zu Besuch. Seitdem Trainiere ich unter Xande und Saulo Ribeiro BJJ (mit Kimono).

Was machst Du, wenn Du nicht trainierst?

Ich verbringe Zeit mit meiner Freundin und Freunden, versuche mein Schachspiel zu verbessern und lerne gerade Schwedisch. Meistens versuche ich aber vergeblich, nicht an BJJ zu denken...

Wie bist Du eigentlich zum Kampfsport gekommen und wann hast Du gemerkt, hey, da will ich etwas erreichen?

Ich habe mit ungefähr 18 Jahren mit Wing Tsun begonnen und das dann auch intensiv trainiert bis ich nach acht bis neun Jahren auf Björn Friedrich und das Grappling gestoßen bin.

Gab es einen besonderen Kämpfer, der Dich inspiriert hat, das Grappling/BJJ aufzunehmen?

Rickson Gracie natürlich. Nachdem ich die Doku „Choke“ gesehen hatte, war klar, wo meine Reise hin geht.

Welche Technik ist Deine Spezialität?

Schwer zu sagen. Ich mag alle Positionen und für jede Position hab ich eine „Spezialität“. Im Wettkampf ist es natürlich meist angenehmer, wenn man oben liegt, aber allgemein würde ich sagen, habe ich einen sehr guten Elbow-Knee-Escape aus der Mount und mein Brabo Choke hat jetzt schon einen Schwarzgurt mit mindestens zwei Streifen (nicht von mir selbst verliehen natürlich).

Was für große Turniersiege konntest Du schon für Dich entscheiden?

Mundials Blaugurt und Lilagurt, No-Gi Worlds Lilagurt, Europameisterschaft Lilagurt, Gracie Invitationals Blaugurt.

Was sind Deine Stärken, was Deine Schwächen?

Stärken: Meine Disziplin und die Fähigkeit mich zu motivieren. Dass ich gut auf meine Gedanken und Gefühle reagieren kann und so meistens in einem positiven und produktiven Zustand bin.

Schwächen: Dass ich manchmal für einen Augenblick vergesse, dass es Menschen gibt, für die BJJ einfach nur ein Hobby ist.

Wer trainiert Dich?

In erster Linie Saulo und Xande Ribeiro. Wenn ich in Saulo's Academy in San Diego trainiere ist es aber kaum zu vermeiden, dass ich auch von vielen anderen guten Leuten trainiert werde, wie: Kron Gracie, Rafael Lovato, Eduardo Rocha, Regis Lebre, Jorge Britto, Royler Gracie etc. Bei den meisten nehme ich auch zusätzlich Privatunterricht. Sie alle interpretieren Jiu-Jitsu etwas unterschiedlich, kommen aber alle aus derselben Schule (Gracie Humaita). Das heißt, die Basics machen sie alle sehr ähnlich, nur betonen sie die Details darin unterschiedlich. Das Gefühl bei den Techniken und die Prinzipien bleiben aber immer unverändert, das erleichtert es extrem, von verschiedenen Lehrern einer Schule zu lernen.

Wie gehst Du mit Niederlagen um?

Genauso wie mit Siegen. Ich analysiere immer, was besser sein könnte, egal ob ich gewinne oder verliere. Es ist nicht möglich, fehlerfrei zu kämpfen und es gibt immer etwas zu verbessern. Der Unterschied ist nur, dass es einfacher ist, die gemachten Fehler in einem verlorenen Kampf zu analysieren als in einem gewonnen. Ansonsten gibt es keinen Unterscheid zwischen gewinnen und verlieren. In beiden Fällen muss man sich fragen, was der nächste Schritt sein soll.

Mit welchem Teil Deines Repertoires bist Du am meisten zufrieden und woran arbeitest Du am härtesten, um noch besser zu werden?

Ich habe mir von Saulo und Eduardo sagen lassen, dass der Wettkampf bei den Schwarzgurten anders abläuft als z.B. bei den Lilagurten. In den unteren Gürtelklassen kann man durch viel Aktivität und Aggression auch etwas erreichen, das ändert sich auf dem Toplevel. Bis zum Braungurt kann man mit vielen Fehlern, die man in einem Match begeht, ungestraft davon kommen und sogar noch gewinnen. Ab dem Schwarzgurt mit zehn Minuten Wettkampfzeit bei den Mundials ändert sich das. Jeder wartet nur auf den ersten Fehler des Gegners, um diesen auszunützen. Es ist
also mehr ein Spiel von guter Positionierung und dem Abwarten von gegnerischen Fehlern als ein wildes Durchpowern.

Deshalb ist es für Zuschauer auch oft spektakulärer, ein Lilagurt-Match anzusehen als ein Schwarzgurt-Match. Die Lilagurte können viel mehr Fehler machen, ohne gleich dadurch den Kampf abzugeben, daher ist natürlich mehr Bewegung im Kampf. Daran arbeite ich derzeit. Keine Fehler machen und den ersten Fehler des Trainingspartners auszunutzen, auch wenn ein Guardpass dadurch zwei bis drei Minuten dauert und nicht die im Training gewohnten 10-35 Sekunden.

Was möchtest Du rein sportlich gesehen noch erreichen?

Innerhalb der nächsten zwei Jahre die Mundials bei den Braungurten zu gewinnen und in den Käfig zu steigen.

Was liegt Dir besser: Stand Up oder Grappling? Oder eher die Mischung aus beidem?

Klar Grappling. Obwohl mir mein Boxtraining auch sehr viel Spaß macht.

Das Thema MMA dürfte auch Dir nicht entgangen sein. Was hälst Du davon und den ganzen Diskussionen, die von den Politikern entfacht werden?

Na ja, ich finde es auf der einen Seite gut, wenn in Deutschland, von welcher Stelle auch immer, nicht alles einfach blind übernommen wird, was aus den USA rüberschwappt, sondern erstmal kritisch geprüft wird. Allerdings wird beim Thema MMA nicht im geringsten geprüft, sondern sich nur haltloser Klischees bedient. Ich finde diese Diskussionen so ermüdend, dass ich mich nicht mal mehr im privaten Kreise darauf einlasse. MMA wird sich sowieso durchsetzen, dauert halt hier etwas länger. Ist schade, aber halt leider so.

Welche Ziele hast Du Dir für dieses Jahr gesetzt?

EM- und WM-Gold. Ich habe beides erreicht, jetzt habe ich Zeit bis nächstes Jahr, mich gründlich vorzubereiten.

Wo siehst Du Dich in fünf, zehn und 20 Jahren?

In fünf Jahren hab ich ein neues Gym, den Schwarzgurt im BJJ und gegen Roger Gracie in der Absolute Class nicht vorzeitig aufgegeben. ;) In zehn Jahren haben wir hier eines der Stärksten Teams in Europa. In 20 Jahren trainier ich immer noch täglich BJJ... aber nur noch einmal am Tag.

Für welche Dinge kannst Du Dich abseits vom Kampfsport begeistern?

Musik, Filme, Schach, lustige Abende unter Freunden, Berge, Schlafen, Essen.

Was möchtest Du den Lesern sagen, um sie zum Grappling-Training zu motivieren?

Geht trainieren oder ich mach es!

Vielen Dank für das Interview, Johannes!

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