Grappling

„Ich bin trotzdem vor jedem Kampf nervös“

Foto: Anke Müller

Alle guten Dinge sind sechs! Doch für die Powerfrau und BJJ-As Anke Müller ist dies nur eine Momentaufnahme. Sie liefert schon seit Jahren Spitzenleistungen ab und steht zurecht auf Rang eins der IBJJF-Weltrangliste der Lilagurte. Die Munich Open wurden am vergangenen Wochenende auch wieder doppelt gewonnen.

Groundandpound.de: Hallo Anke, kein Wochenende ohne großen Erfolg im Hause Anke Müller!
Anke Müller: Herzlichen Dank. Ich habe mich natürlich total gefreut. Die Munich Open ist damit das sechste IBJJF-Turnier in Folge, dass ich in den letzten zehn Monaten für mich entscheiden konnte.

Du hast die offene Klasse und die Leichtgewichtsklasse für dich entscheiden können. Wie ist dein Resümee?
Leider war in meiner Gewichtsklasse nur noch eine weitere Gegnerin gemeldet und die ist dann auch nach mehrfachem Aufrufen nicht zum Kampf erschienen. Sehr ärgerlich, da ich mich gewissenhaft für diesen Kampf vorbereitet und hart trainiert habe. Hätte ich das vorher gewusst, wäre ich in einer anderen Gewichts- oder Altersklasse gestartet. Eine Medaille zu bekommen, weil ich pünktlich zu Beginn meiner Klasse an der Matte war und meinen „Kampf“ mit der Waage und dem Gi-Checker gewonnen habe, ist irgendwie unbefriedigend. Dafür hätte ich nicht nach München fahren müssen.

Die offene Klasse war dann leider erst sehr spät abends, sodass zwei weitere gute Featherweight-Kämpferinnen nicht mehr angetreten sind. Umso froher war ich dann, dass die Medium-heavy-Kämpferin aus München, die in ihrer Klasse auch keine Gegnerin hatte, bis zum Ende geblieben ist, sodass wir zumindest noch ein schönes Open Class Finale kämpfen konnten.

Wir kannten uns zwar schon von verschiedenen Lehrgängen und offenen Matten, hatten aber noch nie gegeneinander gekämpft. Ich konnte trotz der späten Stunde meine Nerven zusammenhalten, meinen Gameplan durchsetzen und den Kampf schließlich mit einer meiner Lieblingstechniken vorzeitig für mich entscheiden.

Was hat dir an den Munich Open besonders gefallen?
Obwohl andere IBJJF-Turniere in Europa vielleicht etwas besser organisiert sind, war es für das erste Mal in Deutschland durchaus ein Erfolg. Das Turnier hatte genau die richtige Größe, um eine gelungene Mischung aus internationalem Flair und familiärer Atmosphäre bieten zu können. Bleibt zu hoffen, dass Deutschland als Veranstaltungsort überzeugen konnte und sich in der Turnierplanung der IBJJF etabliert.

Ist es für dich eigentlich noch etwas Besonderes zu gewinnen? Wie motiviert man sich da?
Wie heißt es immer so schön: Der nächste Kampf ist immer der schwerste. Jeder Kampf ist und jede Gegnerin ist eine neue Situation und eine neue Herausforderung. Eine gewisse Wettkampferfahrung ist natürlich hilfreich. Man wird einfach ruhiger und routinierter. Ich bin trotzdem vor jedem Kampf nervös. Besondere Motivation brauche ich  eigentlich keine. Ich versuche vor dem Kampf Gedanken über Gewinnen oder Verlieren erst gar nicht aufkommen zu lassen. Auf die Matte gehen und sein Ding durchzuziehen. Entweder es klappt oder es klappt nicht. Und in letzter Zeit hat es meistens geklappt.

Deine letzte Niederlage ist schon etwas her. Hast du Angst auch mal zu verlieren?
Ich kämpfe gerne und natürlich gewinne ich auch gerne. Wem geht das nicht so? Und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werde ich früher oder später auf jemanden treffen, der mir meine Grenzen aufzeigen wird. Das ist auch ok. Dann weiß ich, woran ich noch arbeiten muss. Ich habe kein Problem damit, zu verlieren, weil meine Gegnerin einfach besser ist, aber ich könnte mir selbst in den Hintern beißen, wenn ich aufgrund eigener dummer Fehler verliere oder weil ich meine Leistung im passenden Moment nicht richtig abrufen kann.

Ich habe in den letzten zehn Monaten sechs IBJJF-Turniere in Folge gewonnen, davon vier in meiner Gewichtsklasse und in der offenen. Natürlich ist man dann in der Favoritenrolle und wird gejagt. Ich versuche jedoch, nicht allzu viel darüber nachzudenken und einfach auf der Matte mein Bestes zu geben.

Was kannst du jedem raten, wenn er aktiv an Turnieren teilnehmen möchte?
Trainieren, anmelden, hinfahren, kämpfen. Es müssen ja nicht direkt die Worlds sein.

Aber ernsthaft, ich würde jedem BJJler und Grappler empfehlen, zumindest einmal an einem Wettkampf teilzunehmen. Einfach nur, um zu wissen, wo man steht.

Gerade die immer zahlreicheren Beginner- und Whitebelt-Turniere ermöglichen Anfängern durch das Poolsystem eine Vielzahl an Kämpfen. Zu Beginn sollte auf jeden Fall der Lern- und Spaßfaktor im Vordergrund stehen. Bei den fortgeschrittenen und ehrgeizigeren Sportlern geht es ab einem gewissen Level natürlich nicht mehr ohne entsprechende Vorbereitung und Trainingsdisziplin. Aber auch da ist die Freude und die Leidenschaft, an dem was man tut, wichtig, denn nur dann wird man auf lange Sicht dabeibleiben und Erfolg haben.

Wie lief diesmal deine "kurze" Vorbereitung auf die Munich Open?
Tatsächlich meinte in München jemand scherzhaft zu mir, ob denn meine Turniervorbereitung nur aus Turnieren bestünde oder ob ich zwischendurch auch mal normal trainieren würde.

Die London Open sind ja erst drei Wochen her. Von daher war ich eigentlich ganz gut im Training und habe in der Vorbereitung eher darauf geachtet, mich wieder etwas von London zu erholen und ansonsten mein übliches Trainingspensum beibehalten.

Du wurdest gerade von der Universität Trier ausgezeichnet. Was hat es damit auf sich?
Ich wurde von der Universität Trier für meinen Sieg bei der IBJJF European Open No-Gi Championship in Rom geehrt. An der Uni Trier trainiere und unterrichte ich seit einigen Jahren die Judo- und Brazilian Jiu-Jitsu-Gruppe im Allgemeinen Hochschulsport.

Leider ist BJJ außerhalb der Fachpresse und Teilen des Internets immer noch ziemlich unbekannt. Durch einen Pressebericht meines Trainers zur European Open wurde dann auch die Lokalpresse auf meinen Erfolg aufmerksam und hat im Sportteil einen ziemlich ausführlichen Bericht über mich veröffentlicht. Dies hat der Sportwart der Uni Trier mitbekommen und mich daraufhin für diese Ehrung vorgeschlagen. Ich habe mich natürlich sehr über diese Auszeichnung gefreut.

Wie ist dein weiterer Turnier-Fahrplan?
Mein nächstes großes Turnier wird die European Open Ende Januar in Lissabon werden. Nachdem ich dieses Jahr auf der Euro meine Gewichtsklasse bei den Blaugurten gewinnen konnte, möchte ich nächstes Jahr auch bei den Lilagurten wieder ganz vorne mit dabei sein. Bis dahin bleiben mir noch zwei Monate für die Vorbereitung. Ich trainiere das ganze Jahr über kontinuierlich und hart, will mein Training in diesen zwei Monaten aber nochmal intensivieren.

Eine Woche vor der Euro werde ich in Saarbrücken auf der Kampfsportgala zugunsten des Kinder-Hospizdienst Saar einen Freundschaftskampf für einen guten Zweck bestreiten. Ansonsten würde ich in naher Zukunft gerne auch einmal außerhalb Europas kämpfen. Nachdem ich dieses Jahr in Europa bei sechs IBJJF-Turnieren immer ganz vorne mit dabei war und mir damit in der IBJJF Weltrangliste einen Platz in den Top 3 (No-Gi, Lightweight und Open weight) bzw. Top 10 (Gi, Lightweight und Open weight) erkämpft habe, wäre es nun an der Zeit, auch mal außerhalb Europas nach neuen Gegnerinnen und neuen Herausforderungen zu suchen. Leider fehlen mir dazu im Moment noch etwas die finanziellen Mittel und ich würde natürlich jedes Angebot von ernstgemeinter Unterstützung sehr zu schätzen wissen.

Vielen Dank an dieser Stelle, der letzte Satz ist wie immer deiner!
Ich danke dir vielmals für das Interview.

Weiterhin möchte ich wie immer den wichtigsten Menschen innerhalb und außerhalb meines Jiu-Jitsu-Lebens danken. Allen, die mich bei meiner Vorbereitung unterstützen, die an mich glauben und für mich da sind.

Danke an das gesamte Team Marshmallow, meinen Trainer Jörg Lothmann, meine BJJ-Unisportgruppe und alle anderen, für die vielen harten, aber lehrreichen Stunden auf der Matte.

Danke an die Teamsponsoren des BJJ Team Marshmallow, Phantom MMA und BMS und ganz herzlichen Dank an Scramble-stuff.uk, die mich in Kürze mit ihrer neuen Frauen-Kollektion unterstützen werden.