Grappling

Hannah Rauch: „Profisportler zu sein ist ein Vollzeitjob“

Foto: Hannah Rauch ganz oben auf dem Treppchen.

Hannah Rauch ist No-Gi Weltmeisterin. Die Kampfsportlerin der Fight-Fusion-Academy Regensburg holte sich im Dezember den Weltmeisterschaftstitel der Brazilian Jiu Jitsu Federation, dem größten Brazilian Jiu Jitsu Verband der Welt. Ausgetragen wurden die No-Gi-Weltmeisterschaften im amerikanischen Anaheim. Die 28-jährige Hannah Rauch trat auf der Matte in der Klasse der Braungurte an und sicherte sich die Goldmedaille. 

GNP1.de: Hallo Hannah, herzlichen Glückwunsch zum No-Gi IBJJF-Worldchampion-Titel. Was für ein Gefühl ist das, ganz oben auf dem IBJJF-Treppchen zu stehen?
Hannah Rauch: Vielen Dank für die Glückwünsche. Es ist einfach ein unglaubliches Gefühl, es geschafft zu haben bei den No-Gi Worlds ganz oben zu stehen. Natürlich ist das das Ziel gewesen. Aber wenn man es dann tatsächlich geschafft hat, kann man es kaum glauben und man ist einfach nur glücklich.

Ist dein Titel-Durst damit gestillt oder wirst du jetzt noch härter an dir arbeiten?
Definitiv nicht. Jetzt hat das Fieber erst richtig angefangen. Die Weltmeisterschaft im BJJ, ob mit oder ohne Gi zu gewinnen, ist seit ich mit dem Sport begonnen habe ein Traum für mich gewesen, für welchen ich immer hart trainiert habe. Jetzt habe ich es das erste Mal geschafft ganz oben zu stehen, nachdem ich 2013 als Blaugurt und dieses Jahr im Mai als Braungurt auf Platz 3 der Gi Weltmeisterschaften gestanden habe.

Natürlich werde ich weiterhin an mir arbeiten um jeden Tag ein bisschen besser zu werden. Dieser Sport erfindet sich gefühlt jeden Tag neu, es gibt immer wieder neue Techniken, die man erlernen kann und so viele Trainingspartner mit denen man sich auf der ganzen Welt austauschen kann, was für mich diesen Sport zu einem der besten der Welt macht und man so nie müde wird zu trainieren.
Die Vorbereitungszeit in San Diego bei Gracie Humaita unter Leticia Ribeiro und Fabricio Camoes sowie 10th Planet Jiu Jitsu unter Richie Martinez war natürlich sehr gut. Wir haben dort zwei Wochen lang jeden Tag 2-3 Mal trainiert. Es war eine wirklich starke Vorbereitungszeit. Die einzigen freien Tage waren die Sonntage und die letzten zwei Tage direkt vor dem Wettkampf, um kleinere Verletzungen auszukurieren und fit zu sein.

Was aber diesmal wirklich besonders gut lief war, dass ich mich mental zu 100% fokussieren konnte. Die mentale Stärke auf diesem Level ist nicht zu unterschätzen. Wenn ich vom Kopf her nicht zu 100% überzeugt davon bin, dass ich der Champion sein werde, wird es schwer die benötigte körperliche Leistung auf die Matte zu bringen. In meinem Kopf war vor jedem Kampf nichts, außer der Ablauf meines Gameplans und wie zum Schluss meine Hand als Siegerin vom Referee nach oben gehalten wird. Das hat funktioniert und ich bin immer noch überglücklich!

An welchen Ecken und Kanten wirst du noch weiter an dir schrauben?
Generell bin ich sehr zufrieden mit meiner Leistung. Zwei von meinen drei Gegnerinnen konnte ich durch Submisson zur Aufgabe zwingen. Meinen ersten Kampf beendete ich nach ca. 40 Sekunden durch Armbar und meinen zweiten Kampf nach ca. zwei Minuten durch Kimura. Mein dritter und letzter Kampf ging dann über die volle Kampfzeit.
Aber natürlich gibt es immer Ecken und Kanten an denen man arbeiten kann. Selbst wenn man einen Kampf bzw. einen ganzen Wettkampf gewinnt, hat man nicht alle Techniken sauber ausgeführt, es gibt immer Kleinigkeiten, die es zu verbessern heißt.

Hast du eher weibliche oder männliche sportliche Vorbilder? Was macht deine Art zu kämpfen besonders?
Es gibt viele Sportlerinnen und Sportler, die ich für ihre Leistung im BJJ bewundere. Direkte Vorbilder habe ich keine.

Ich denke, dass jeder Wettkämpfer auf diesem Niveau eine einzigartige Art und Weise hat zu kämpfen. Jeder hat seine Lieblingstechniken für sich entdeckt und versucht diese gegen seinen Gegner durchzubringen. Für mich macht dieses menschliche Schachspiel diesen Sport so besonders und sowohl anspruchsvoll für den Kopf als auch für den Körper.
Ich persönlich versuche jeden Tag so hart an mir zu arbeiten, dass ich morgen eine bessere BJJ-(Wett-) Kämpferin bin, als ich gestern war.

Was könnte BJJ von anderen Sportarten in Sachen Bekanntheit, Marketing und Sponsoren noch lernen?
BJJ ist in vielen anderen Ländern sehr verbreitet und gehört teilweise schon zu den dortigen Kultsportarten. Natürlich vor allem in den USA und Südamerika.
Ich denke, dass die Bekanntheit einer Sportart auch vom gesellschaftlichen Interesse abhängig ist. In Deutschland ist es, im Gegensatz zu anderen Ländern, gefühlt generell schwierig Kampfsport zu etablieren und interessant zu machen. Ich denke aber, dass durch die neu geregelte Übertragung von MMA im Fernsehen so langsam auch das Interesse für die einzelnen Disziplinen dahinter wachsen wird. Einige Grappling-Events sind auch bereits im UFC Fight Pass online verfügbar. Ein nächster Schritt wäre hier, dass solche Events auch mal im normalen Fernsehen übertragen werden.
Neben der Frage der Bekanntheit, denke ich wäre es wichtig, dass die Verbände mehr Geld in die Sportler investieren sollten, damit es diesen möglich ist, sich zu 100% auf den Sport konzentrieren zu können, um somit mehr Zeit für das Training zu haben und eine bessere Leistung abrufen zu können.

Ein Profisportler, der nebenher noch einer anderen Arbeit nachgehen muss, um sein Leben zu finanzieren, wird keine so gute Leistung abrufen können, wie ein dementsprechend geförderter Sportler. Auch die meisten Sponsoren sollten umdenken und den Athleten nicht nur Kleidung stellen, sondern auch finanzielle Unterstützung leisten. Der Aufwand den man betreiben muss, um bei hochklassigen Wettkämpfen ganz oben mitmischen zu können, wird oft unterschätzt.

Profisportler zu sein ist ein Vollzeitjob! Der Sportler muss regelmäßig und mehrmals am Tag trainieren, er muss auf eine gesunde Ernährung achten können. Um den Körper leistungsfähig zu halten, sollte natürlich auch regelmäßig der Physiotherapeut aufgesucht werden. Die Arbeit an der mentalen Stärke ist natürlich nicht zu vergessen und mindestens genauso aufwendig wie das körperliche Training. Das alleine verschlingt schon einen großen Teil an Zeit und Geld. Nicht zu vergessen sind natürlich dann die Investitionen für ein Trainingslager (Kosten für Flug, Unterkunft und Training) und die Startgebühr für ein Turnier. Wenn Sportler eine Top-Leistung bringen sollen, müssen sie dementsprechend gefördert werden.

Vielen Dank für das Interview. Der letzte Satz ist deiner!
Ich bedanke mich ebenfalls für das Interview.

Ich möchte mich bei all meinen Trainingspartnern/innen bedanken. Jedes einzelne Sparring mit euch hat mich nach vorne gebracht und mir sehr viel Spaß gemacht. Ein ganz herzlicher Dank geht natürlich an Leticia Ribeiro und Fabricio Camoes, sowie Richie und Nora Martinez. Die uns in ihren  Gyms mit offenen Armen empfangen und uns das Gefühl gegeben haben zu Hause zu sein.

Vielen Dank für die tolle Zeit und die Techniken. Für das klasse Coaching geht nochmal ein ganz großes Danke an Leticia und Fabricio! Ich bedanke mich bei allen, die uns im Gym und privat den Rücken freigehalten haben. Ihr seid spitze! Danke auch an meinen Sponsor Adidas für das Vertrauen.

Und natürlich geht ein riesen Dankeschön an meinen Partner Jan Zander! Danke für die tolle Zeit auf und neben der Matte! Danke, dass du immer an meiner Seite stehst und an mich glaubst, mich motivierst, mich auffängst, dich für mich freust!

Ich widme diesen Sieg meinen Großeltern, die mir immer die Daumen gedrückt haben, sich für mich gefreut haben, und die für mich die besten Großeltern der Welt waren und jetzt sicherlich ziemlich stolz wären. Danke!