Grappling

Faixa preta

Franco De Leonardis

Die erste Ausgabe der Kolumne „Faixa preta“, die BJJ-Schwarzgurt und Profikämpfer Franco De Leonardis monatlich für unser Journal schreibt, exklusiv zum Start unserer neuen Website.

10 Aspekte des Jiu-Jitsu

Konzentration

Ob ich vor einem Kampf alle möglichen Gefühlsschwankungen durchlebe oder ob ich im Kampf selbst einen schmerzhaften Treffer kassiert habe – die Konzentration holt mich immer wieder auf eine geistig gefestigte Basis zurück, die ich im Vorfeld geschaffen habe und in der ich mich wohl fühle. Durch Schulung von Achtsamkeit und Aufmerksamkeit schaffe ich in meinem Geiste Wege, um permanent „stabil“ zu bleiben. Dadurch kann ich meine Ziele konsequent verfolgen. Mit Hilfe geschulter Konzentration lässt man sich durch keine äußeren oder inneren Einwirkungen beeinflussen, sondern verfolgt das fokussierte Ziel bis zum Ende. Im Klartext: Kein Gefühl, Stress, Lärm oder Schmerz dieser Welt sollte dich von dem ablenken können, was du erreichen willst.

Disziplin

Disziplin ist notwendig, um selbst gestrickte Regeln einzuhalten. Oftmals steht man vor der Wahl zwischen „Gut“ und „Böse“. Natürlich fällt es einem schwer, statt abends mit Freunden Party zu machen, früher ins Bett zu steigen, damit man am nächsten Tag fit fürs Training ist. Auch ist es für Einige hart, Kumpels beim Burger King zuzusehen, wie sie sich den Magen voll schlagen und dabei selbst auf dieses Essen zu verzichten, um zu Hause schließlich etwas Ordentliches zu essen. Überall, wo die Willenskraft getestet wird, kommt die Disziplin ins Spiel. Disziplin sollte nicht als Zwang gesehen werden, sondern als eigene, feste Überzeugung, die sich bei tückischen Entscheidungen einschaltet. Sicherlich ist es für einen Kämpfer besser, früh schlafen zu gehen und sich gesund zu ernähren – die Logik steht der Disziplin zur Seite!

Motivation

Eine richtige Motivation ist natürlich ein sehr guter Antrieb für das Training. Ob Gürtelprüfung oder Wettkampf, es gibt viele Arten von Motivation. Es kann durchaus auch sein, dass sich eine neue Fight-Short oder ein neuer Rashguard motivierend auf das Training auswirkt. Auch das Erlernen an sich oder besser gesagt das Aneignen immer neuer Techniken auf der Matte und der messbare Fortschritt im Training, können Impulse sein, die einen begeistert in das Training treiben. Am Tag des Wettkampfes erscheinen zwei Wettkämpfer auf der Matte. Der eine modisch gekleidet, der andere mit neuem, gedrilltem Können – wer willst du sein?

Ehrenwertes Leben

„Ehrenwertes Leben“ bedeutet, sich als Mensch nach den ethischen und moralischen Werten der friedlich zusammen lebenden Gesellschaft zu richten. Das heißt auch, sich von negativen Menschen, Orten und Einflüssen fern zu halten. Logisch lässt dies niemanden automatisch zu einem besseren Kämpfer werden. Ohne Zweifel aber wird derjenige, der ein ehrenwertes Leben führt und z.B. keine Konfrontationen mit dem Gesetz hat, einen viel klareren Kopf für das Wesentliche haben. Das erlaubt ihm, viel mehr Aufmerksamkeit und Energie in das wertvolle Training zu stecken, um seine Fortschritte zu beschleunigen.

Respekt

Respekt bedeutet nicht, sich einfach zu verbeugen und „Oss“ zu rufen – es ist viel mehr als das. Auf der Matte sind alle gleich – ob jung oder alt, Wettkämpfer oder Hobbysportler – niemand sollte sein eigenes Ich über einen anderen stellen. Die Fähigkeit, von einem Kind noch etwas zu lernen, geht verloren, wenn ich die Ansichten und die Person des Kindes nicht respektiere. Auch die fehlende Bereitschaft mancher Leute gegen Anfänger zu rollen ist respektlos. Wo wärst du heute, wenn sich in deinen Anfangszeiten die Fortgeschrittenen zu gut gewesen wären, um mit dir zu rollen oder zu sparren? Behandle alle Menschen so, wie du selbst behandelt werden willst… Theoretisch viel über Respekt zu wissen bringt nichts, wenn man es nicht auch lebt!

Ernährung

Die Ernährung ist sozusagen der Treibstoff des Körpers. Alles, was ich in meinen Mund stecke, kaue, schmecke und herunter schlucke, wirkt sich in irgendeiner Art und Weise auf meinen Organismus aus. Im Zeitalter von leckerem Glutamat und edlem Analogkäse sollte jeder zweimal hinschauen, was er eigentlich isst. Dank des Internets dürfte fast jeder dazu in der Lage sein, herauszufinden, was Kohlenhydrate, Proteine, Vitamine und Mineralien im Körper bewirken und in welchen Lebensmitteln sie zu finden sind. Sich mit dieser Materie zu beschäftigen, wird im Laufe der Zeit die Wahrnehmung zur Nahrung grundlegend und zum Besseren ändern. Zudem wird sich die Fähigkeit entwickeln, gezielt und bewusst das Körpergewicht beeinflussen zu können.

Technik

Die Technik ist das Herzstück des BJJ. Es hatte einen Grund, weshalb Royce Gracie in den ersten UFCs mit dem Gracie Jiu-Jitsu die Aufmerksamkeit der Kampfsportwelt auf sich zog. Es war nicht seine unglaubliche Kraft oder seine gnadenlose Aggressivität, die ihm zum Sieg verhalfen – es war seine technische Überlegenheit. Heute gibt es Techniken wie Sand am Meer – man braucht auf Youtube nur „Armbar“ einzugeben und man bekommt unzählige Versionen angezeigt. Ist es wirklich so simpel? Die eigentliche Kunst besteht darin, einzelne Techniken und später komplette Bewegungssequenzen durch Drillen zu konditionieren. Die Techniken müssen dann auch noch so strukturiert werden, dass sie über die Jahre hinweg logisch aufeinander aufgebaut werden können und zu einem kompletten Game zusammen wachsen. Wenn man ein robustes Haus baut, fängt man beim Keller an. Natürlich kann man sich Zeit sparen und auf den Keller verzichten, aber beim ersten gewaltigen Sturm zahlt sich die längere Bauzeit aus.

Kraft

Viele suggerieren mit dem Wort Kraft die Anzahl der Kilos, die man beim Bankdrücken stemmen kann. Doch Kraft ist nicht gleich Kraft und erst recht nicht beim Jiu-Jitsu! Jede Technik (Bewegung) beinhaltet in jedem Moment eine eigene spezifische Kraft. Es ist ein Unterschied, ob ich eine bestimmte Kraft über einen Zeitraum halte oder ob ich einen Widerstand wegdrücke. Kurzum: Ob isotonisch, isokinetisch oder isometrisch, es gibt eine Unmenge von Kräften in meinem Körper, welche ich erzeugen kann und die im ständigen Wechsel miteinander spielen. Lerne, die Kräfte den Techniken zuzuordnen und dementsprechend separat zu trainieren, um eine ganzeinheitliche Stärkung des Körpers zu erlangen. All diese körperlichen Kräfte werden stets auch von der körperlichen Ausdauer getragen. Es gibt allerdings noch eine weitere Kraft: wahrscheinlich die Wichtigste im BJJ – sie durchdringt permanent jeden Raum und ist jederzeit verfügbar. Es ist die Gravitation (Anziehungskraft). Dein Körpergewicht wird jede Sekunde durch diese unsichtbare Kraft auf den Boden gezogen. Entwickle Fähigkeiten und Techniken, um diese Kraft nutzen zu können und du wirst den Zugang zu einer unendlichen Quelle öffnen, die unabhängig von deiner körperlichen Kondition ist!

Kondition

Kondition ist sozusagen ein Transporter. Im Wettkampf trägt sie Technik, Kraft, Schnelligkeit und Konzentration in einer gewünschten Leistung über die Rundenzeit. Fehlende Kondition im Sinne der körperlichen Ausdauer sollte für BJJ’ler, die im Wettkampf antreten, nie der ausschlaggebende Faktor für eine Niederlage sein. Daher wird meistens vor Wettkämpfen ein spezifisches Wettkampftraining begonnen, was die Ausdauer und die Kraft aufbaut und stärkt. Man sollte jedoch nie aus den Augen verlieren, dass Kondition sich nicht nur auf körperlicher Ebene abspielt. Nicht selten haben Leute, die ein starkes Kraft-Ausdauer-Training hinter sich haben, am Kampftag nach fünf Minuten ausgesehen, als hätten sie kaum trainiert. Ohne die zusätzlich ausgeprägte Ausdauer der Konzentration, die sich auf geistiger Ebene abspielt, wird man es jedenfalls schwerer haben. Es ist mühselig, permanent im Kampf da zu sein, um stets im Kampfgeschehen agieren und reagieren zu können. Körper und Geist müssen eine Einheit sein – das gilt auch noch 2009 im MMA-Zeitalter.

Wettkampf

Früher oder später wird jeder, der Grappling oder BJJ betreibt, auf einem Turnier landen – sei es als Wettkämpfer oder als Zuschauer. Am Turniertag mischen sich Neulinge und alte Füchse unters Volk, man trifft alte Bekannte und ewige Rivalen. Doch man spürt die Energie der versammelten Community und dass alle den Grappling-Sport lieben. Aber Wettkampftag ist nicht nur ein freundschaftliches Zusammentreffen. Man hat sich darauf vorbereitet, sich für diesen einen Tag in Form gebracht, sein Gewicht erreicht und tritt dort mit seinem Siegeswillen an. Sobald man auf die Matte steigt, fügt sich alles zusammen, was man bis dato trainiert hat. Auf der Wettkampffläche entscheidet sich dann, ob die ganze Mühe belohnt wird oder ob man mit einer Niederlage nach Hause fährt. Bewerte Niederlage oder Sieg nicht, sehe alles als Erfahrung und versuche immer, es das nächste Mal besser zu machen! Sei nicht traurig oder wütend – wenn du schon den Kampf verloren hast, verliere nicht auch noch die Lektion und vergiss nie: BJJ lebt durch dich im Wettkampf, auch wenn du Luta Livre machst… ;-)

Wer mehr über Franco wissen will oder Fragen zu BJJ hat, kann ihn gerne auf seiner MySpace-Seite kontaktieren.