Grappling

Exklusivinterview mit Matthias „Matze“ Sieber

Fotos via Matthias Sieber.

Matthias Sieber begann seine Kampfsportlaufbahn als junger Judoka. Doch nach knapp zwei Jahren gab ihm das Training nichts mehr und so wandte er sich für lange Zeit vom Kampfsport ab, bevor er als Erwachsener das Studium des Ninjutsu begann. Im Jahr 2005 veränderte sich seine Sichtweise für ein effektives Training in den Martial Arts. In jenem Jahr erlernte er das Muay Thai. Die Grundlagen hierfür eignete er sich zunächst im Gym Sitpholek in Pattaya (Thailand) und schließlich im Gym Kwan an. Seit Juli 2006 ist er ist zertifizierter Übungsleiter im Thaiboxen und Kickboxen der WKN und IPTA. Seine Fähigkeiten im Bereich Grappling überprüft er seit Trainingsaufnahme im Jahr 2006 auf Wettkämpfen.

So konnte er bereits nach wenigen Wochen Training den Titel des Süddeutschen Meisters im Brazilian Jiu Jitsu erringen. Neben vielen vorderen Platzierungen (auch im europäischen Ausland) folgte dann 2007 der Titel des Deutschen Vizemeisters im Luta Livre und der Titel des Internationalen Deutschen Meisters im Grappling. Zudem wurde er als bester Techniker des Turniers geehrt, wobei definitiv die angewandten Techniken aus dem 10th Planet Jiu Jitsu einen großen Anteil hatten. Weitere internationale Erfolge folgten. Matthias ist Basic Instructor im Krav Maga des Verbandes Krav Maga Germany (heute European Krav Maga Organisation) und außerdem zertifizierter Mixed Martial Arts Conditioning Coach der MMACA.

Matthias' Interesse an den verschiedenen Ansätzen in den Martial Arts ließ ihn Stile wie Modern Arnis, Kali Sikaran, Penjak Silat, Tai Chi, Kung Fu, Jeet Kune Do, Ju-Jutsu, Capoeira, Taekwondo, das MMA-System Thaikido, Wing Chun, Luta Livre und Brazilian Jiu Jitsu ausprobieren. Seit 2011 versucht er sich mehr auf das 10th Planet Jiu Jitsu zu konzentrieren und gibt mehr Aufgaben bei der Ausbildung der Schüler der Sportschule Hamburg an qualifizierte Trainer ab. Matthias bildet sich in erster Linie in Los Angeles, Kalifornien bei Eddie Bravo, dem Begründer des 10th Planet Jiu Jitsu regelmäßig fort.

GroundandPound: Hallo Matthias, stell dich bitte den Lesern einmal vor.
Matthias Sieber: Hallo! Mein Name ist Matthias Sieber. Ich bin gebürtiger Hamburger, Steinbock, Hahn und gehe stark auf die 30 zu. Ich mag sportlich Motorrad fahren, zum Relaxen auf meiner Xbox 360 oder am Mac spielen und Musik hören. Ich bin in einer glücklichen Beziehung und habe Ziele im Leben. Außerdem bin ich Inhaber und Cheftrainer der Sportschule Hamburg, der besten Kampfsportschule in der schönsten Hansestadt. Und darum soll's wohl primär gehen. (lacht)

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Eddie Bravo?
Nachdem ich bei der ADCC in Spanien im November oder Dezember 2006 gekämpft habe, ist ein damaliger Teamkollege ebenfalls nach Barcelona gereist, um mit Robin Gracie zu trainieren. In seinem Hotelzimmer zeigte er mir den legendären Kampf von Eddie Bravo gegen Royler Gracie im Jahre 2003. Es war ein schönes Match, welches mir in Erinnerung geblieben ist.

Nachdem klar wurde, dass die Schule bei der ich damals trainiert habe, mich nicht länger an Board haben wollte, habe ich mich umorientiert. Ich wollte weiter Grappling trainieren, da ich mich in den Sport verliebt hatte. Der Gi war mir immer egal, da ich ursprünglich nur mit dem BJJ angefangen habe, um auf dem Boden unter MMA-Bedingungen nicht gnadenlos unterzugehen. So habe ich mir viele Videos angeschaut und auch aus Büchern gelernt. Keine optimalen Trainingsbedingungen.

Zum Glück hat mir das Gym Kwan die Möglichkeit gegeben mit einem (wahnsinnig schweren und kräftigen) Türsteher und Schulfreund von früher rumzurollen. Als ich dann „Mastering The Rubber Guard“ in meine Hände bekommen habe und die Techniken aus dem Buch auch bei Turnieren einfach funktioniert haben, war für mich schon klar, dass ich das System wirklich erlernen will. Ich habe Eddie gemailt, er hat mich willkommen geheißen und schon habe ich meinen Flug gebucht. Anfang 2008 habe ich dann für drei Monate bei ihm in der Schule in Los Angeles trainiert und seitdem stehen wir in regelmäßigem Kontakt.

Bist du regelmäßig in den Staaten?
Ich versuche jedes Jahr dort zu sein. 2009 habe ich in Thailand eine ziemlich üble Verletzung erlitten, an der ich heute noch leide. Daher bin ich erst ein Jahr später wieder für drei Monate in den Staaten gewesen, habe große Fortschritte gemacht und meinen Blaugurt von Eddie bekommen. Dieses Jahr war ich wieder für zwei Monate da. Ich würde gerne öfter hinfliegen und länger dableiben, weil ich dort wieder einfach nur Schüler sein und wie ein Freund aus Berlin gesagt hat „konsumieren!“ kann. Aber ich habe eine Schule zu leiten und was 10th Planet Jiu Jitsu in Deutschland angeht, bin ich auf Dauer noch unersetzlich.

Ihr seid jetzt offizieller Repräsentant des 10th Planet Jiu Jitsu. Du bist auch im
Einspielvideo für 10th Planet JJ zu sehen. Bist du ein wenig stolz auf das Erreichte?

Nein und ja. Ich bin nicht stolz auf mich, denn ich bleibe hinter meinen eigenen Erwartungen zurück. Worauf ich stolz bin, ist das Team der Sportschule Hamburg: unsere Trainer, Schüler, die 10th Planet Community allgemein und sonstige Supporter. Doch es gibt noch wahnsinnig viel zu tun. Prioritäten zu setzen ist nicht immer einfach. Sicherlich ist es beachtlich, was meine Partnerin Verena Sehring und ich mit der Sportschule bislang erreicht haben.

Aber wir sind noch lange nicht fertig und so bleibt nur wenig Zeit zufrieden auf das Geschaffene zu blicken. Und gerade für das 10th Planet Jiu Jitsu ist hierzulande noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Das Bild, das die BJJ-Szene vom 10th Planet Jiu Jitsu hat, ist meiner Meinung nach vergleichbar mit dem Bild, das die deutsche Bevölkerung vom „Käfigkampf“ hat. Ein kurzer Blick auf die Oberfläche und schon wird eine starre Meinung gebildet.

Bei euch ist als MMA-Trainer der UFC-Star Carlos Eduardo Rocha. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Neben den 10th Planet Jiu Jitsu Stunden haben wir vor zwei Jahren BJJ Einheiten mit Gi eingeführt. Zu Anfang hat Rodrigo Augusto bei uns unterrichtet. Der ist dann nach Kalifornien ausgewandert und sein Nachfolger hat bei uns angefangen.

Ich habe dann Kontakt zu Carlos Eduardo Rocha aufgebaut. Wir haben uns getroffen, er hat viel erzählt, ich habe gespannt zugehört, meine Sichtweise geschildert und wir haben uns gut verstanden. Nach ein paar Wochen hat er dann bei uns angefangen zwei Mal in der Woche BJJ und einmal MMA Training zu geben. Carlos ist großartig.

Von Tag zu Tag wird er mir sympathischer und auch wenn ich persönlich kein wahnsinnig großer Freund des Gis bin, so lerne ich doch viel über BJJ in jeder seiner Trainingseinheiten. Bei ihm merkt man die Leidenschaft und dass er seine Schüler besser machen will. Er ist ein ehrlicher, respektvoller Mann, der uns alle zu besseren Menschen macht. Und wenn jemand sein Jiu Jitsu auf der Bühne der UFC unter Beweis stellen kann, wie er es tut... Ganz ehrlich? Wer ein guter Kämpfer werden will und nicht bei uns trainiert, ist selbst schuld. Wir mussten uns schon ohne Carlos nie verstecken, aber er ist mehr als das I-Tüpfelchen.
Matthias Sieber und UFC-Fighter Carlos Eduardo Rocha beim Training.
Was bietet ihr neben MMA und BJJ an?
Wir haben ursprünglich mit Krav Maga angefangen und die EKMO (European Krav Maga Organisation) ist auch der einzige Verband an den wir als Schule angegliedert sind. Muay Thai und Boxen sind weitere Disziplinen, denen wir ehrgeizig nachgehen. Darüber hinaus haben wir Kettlebelltraining, eine MMA Conditioning Einheit und Yoga im Angebot. Verena animiert auch noch zwei Mal in der Woche die Lil' Dragons zum Bewegen. Wettkämpfer werden zusätzlich gesondert gefördert, aber auch viele Leute von außerhalb kommen insbesondere wegen des 10th Planet Jiu Jitsu zu uns und wollen erst ein und danach mehr Privattraining. Selbiges gilt für Krav Maga. Zudem laden wir oft Referenten zu Seminaren in. Die haben nicht immer einen großen Namen, sind aber Meister ihres Faches und geben auch unseren Trainern neue Anreize. Weitere dazu passende Angebote werden in Kürze Folgen

In Sachen Grappling dreht sich derzeit alles um die Deutsche Grappling Liga. Wie sieht es damit aus. Stellt ihr auch aktive Kämpfer?
Wir stellen in der aktuellen Saison aus verschiedenen Gründen keine Kämpfer.

Was würdest du jemandem raten, der mit dem Kampfsport beginnen möchte?
Tu es! Schau dir ein paar Schulen an und absolviere ein paar Trainingseinheiten zur Probe. Wenn es dir Spaß macht, bleib dabei. Nicht jede Schule ist für jeden die Richtige. Daher schau dich um und bleib da, wo du dich wohl fühlst.

Was stehen sonst für Projekte bei euch an?
Da steht einiges auf dem Zettel. Verena und ich werden in naher Zukunft viele energieraubende Verwaltungsaufgaben an eine vertrauenswürdige und kompetente Person abgeben. Dann haben wir etwas mehr Luft für vieles Weitere. Ich persönlich habe neben dem alltäglichen Geschäft das Bestreben 10th Planet Jiu Jitsu in Europa weiter zu verbreiten. Das heißt evtl. neue Schulen oder zusätzliche Trainingsangebote in existierenden Schulen.

Mal schauen, was sich ergibt. Seminare in Lüneburg, Schwerin, München und Österreich stehen schon auf dem Programm. Auf dem Y-Day sind wir auch wieder vertreten. Wer für wenig Geld auf der Wiese eines Campingplatzes in viele verschiedene Kampfsportarten reinschnuppern möchte, der kann sich das gerne angucken. Ist immer ein interessantes Ereignis. Apropos interessantes Ereignis. Wir stellen als Hamburger Schlickerschlusen ein Team bei der Wattolümpiade in Brunsbüttel. Dabei handelt es sich um eine Benefizveranstaltung – einfach mal googeln. Auch möchte ich bei uns einen weiteren 10th Planet Jiu Jitsu Workshop anbieten und damit Geld für das Japanische Rote Kreuz sammeln.

Für die Mitglieder der Sportschule arbeite ich mit unserem Webmaster an einem unterrichtsbegleitenden Lernportal im Internet. Und dieses Jahr wird es wieder einen Summer Slam am 6. August geben, nachdem wir im letzten Jahr aus Rücksicht auf die DGL nur ein einziges Turnier veranstaltet haben.

Viele Menschen verfolgen eine Philosophie. Diese kann im täglichen Training, aber auch im Leben integriert werden. Hast Du philosophische Ansätze nach denen Du eines der beiden erwähnten Dinge ausrichtest?
Hmm... Das ist eine sehr gute Frage. Ich handle aus einer tiefen Überzeugung und für mich festen Grundsätzen. Diese bestimmen mein Leben und ich benötige sicher eine Weile sie an die Oberfläche zu tragen und in Worte zu fassen. Aber lass es mich versuchen. Schwierigkeiten und Probleme sehe ich als Chance zu wachsen. Das trifft im täglichen Training, sowie allgemein im Leben auf mich zu. Im Training sind solche Herausforderungen leicht auszumachen.

Beim MMA Conditioning machen wir alle drei bis vier Wochen eine sogenannte „Warrior Challenge“. Diese besteht aus den immer selben drei Übungen. Es gibt ein Zeitlimit und das Ziel ist, die Anzahl an sauber ausgeführten Wiederholungen vom letzten Mal zu überbieten. Meine persönliche Messlatte ist das Rollen mit einer Trainingspartnerin mit sehr guter Verteidigung. Wie oft kann ich Jessica in sechs Minuten submitten? Auf der anderen Seite steht Carlos. Wie lange überlebe ich mit ihm, wenn er meine Beine attackiert? Das Leben selbst bietet jeden Tag viele Chancen, als Mensch zu wachsen. Nicht all diese Chancen sind als solche zu erkennen und durchweg positiv, aber so ist das Leben. Ich entwickle in all dem was ich tue Ehrgeiz und möchte Dinge genau und als absolutes Minimum überdurchschnittlich gut bewältigen. Auch weigere ich mich an diesem Punkt in meinem Leben Rückschritte zu machen. Vielleicht kann ich nicht auf direktem Wege an mein nächstes Ziel kommen, dann mache ich eben einen Bogen drum herum und entdecke so etwas Neues, das ich ohne das Hindernis nicht wahrgenommen hätte.

Diese Denkweise hat mir insbesondere in den letzten Jahren geholfen, mit meinen Verletzungen umzugehen. Ich versuche meinen Schülern, die temporär nicht voll beim regulären Training mitmachen können, immer Wege aufzuzeigen, was sie alternativ machen können. Manchmal erweist sich dann etwas scheinbar Schlechtes als glückliche Fügung des Schicksals (wenn man denn daran glaubt), aber auch nur wenn man selbst etwas aus der Situation macht und positiv die Sache anpackt. Außerdem weiß ich als Motorradfahrer, dass zwar die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten eine Gerade, aber die Schönste eine Kurve bzw. ein Bogen ist. Ich selbst habe durch meinen Beruf eine Vorbildfunktion. Das muss nicht immer bedeuten, dass ich alles am Besten kann, denn dem ist nicht so. Aber ich muss dennoch die Richtung klar und deutlich zeigen und den Weg mitgehen können.

Zuerst vorneweg, dann vielleicht ein bisschen nebenbei antreibend und dann laufe ich hinterher und gucke, dass sich mein Schützling noch auf dem richtigen Pfad bewegt. Wir haben insbesondere im Muay Thai viele Leute mit denen ich nicht unbedingt in den Ring steigen würde, wenn ich auf einen Sieg aus wäre. Wenn ich die Welt verbessern möchte – und das möchte ich – so muss ich zu aller erst an mir selbst arbeiten. Dann kann ich versuchen, mein näheres Umfeld positiv zu beeinflussen. Das sind Familie, Freunde und auch Arbeitskollegen, die Kassiererin im Supermarkt, Leute denen man einfach über den Weg läuft... seid nett zueinander. Das mit der Nettigkeit muss ich zugegebener Maßen selbst noch üben. Ich bin im persönlichen Gespräch ein recht offenherziger und direkter Mensch. Nicht jeder weiß diese Ehrlichkeit zu schätzen und fühlt sich, manchmal vielleicht auch zu Recht, gekränkt. Im Grunde meine ich es aber ausgesprochen gut mit meinen Mitmenschen.

Welche Technik ist deine Spezialität?
Ich arbeite weiterhin an meiner Technik Gagging Spider. Ich konnte bislang noch keine Braungurte damit tappen. Aber im Allgemeinen gehören Würgetechniken zu meinen Favoriten. Rear Naked, Triangle und D'Arce choke sind wohl meine erfolgreichsten Submissions.

Wo siehst du dich in fünf, zehn und zwanzig Jahren?

Da gibt’s viele mögliche Szenarien. In fünf Jahren sehe ich mich mehr durch die Welt reisen. Weitere Verbreitung von 10th Planet Jiu Jitsu in Europa, weitere Trainingsaufenthalte in Los Angeles. Und vielleicht lerne ich dann ja auch endlich mal surfen. In 5 Jahren habe ich die meisten Aufgaben in der Sportschule abgegeben, bin eher Visionär als Geschäftsführer und werde evtl. meinen ersten Lilagurt verleihen können. Ich selbst möchte zu dem Zeitpunkt so viel trainiert haben, dass ich ein solider Braungurt im 10th Planet Jiu Jitsu bin. Und zwei meiner unfertigen Tattoos sollten bis dahin auch endlich mal fertig werden. In 10 Jahren sehe ich mich in der Grundschule meines Kindes und versuche dem Schulleiter zu erklären, dass mein Kind nicht versucht hat, den Schulbully zu töten, sondern ihn nur schlafen geschickt hat. In 20 Jahren bin ich auf einem Schloss und lerne von Steven Seagal Frontkicks und Handgelenkshebel.

Matthias, vielen Dank für das Interview!
Ich habe zu danken!