Grappling

Exklusiv-Interview mit Andre Nunes

Fotos via Mirko Kannenwischer und Andre Nunes

Das Exklusivinterview mit dem aktuellen BJJ-Europameister Andre Nunes. Der 41-jährige Vollprofi gab GroundandPound einblicke in sein Leben und des BJJ. Nunes ist schon über 30 Jahre dabei, hat als achtjähriger mit dem BJJ angefangen. Er lebt in Sevilla (Spanien) und gastiert derzeit in Hamburg. Nunes ist ein Gracie Barra-Schwarzgurt mit zwei Streifen (2. Dan). Er trainiert in der Gracie Barra Schule in Hamburg und Hamburg-Mitte. Sein erster Schüler in Spanien war der in Hamburg lebende Samuel Sanvicente, der jetzt die Gracie Barra Schule Hamburg-Mitte leitet. Der Brasilianer Nunes konnte als Kämpfer, wie auch als Trainer viele Erfolge feiern.

GroundandPound: Was war dein sportlich größter Erfolg?
Meinen größten Erfolg als Trainer hatte ich 2009, als unser Team als zweitbeste Mannschaft in ganz Europa abgeschnitten hat. Fabio Gurgel vom Team Alliance war auf Platz eins, wir waren aber noch vor Leo Vieria von Checkmat.

Dieser Titel ist bis heute das beste Ergebnis eines spanischen Teams. Als Kämpfer gewann ich 2011 in meiner Gewichtsklasse die BJJ-Europameisterschaften, aber für mich hatte eine größere Bedeutung den dritten Platz in der absoluten Klasse gewonnen zu haben. Ich gewann zwei harte Kämpfe und verlor nur mit einem kleinen Vorteil gegen Prof. Juquinha. Der Kampf gegen die Legende Prof. Juquinha war das größte für mich. Ich habe es genossen gegen den mehrmaligen ehemaligen Weltmeister verloren zu haben.

Wie bist du zum BJJ gekommen?
Eigentlich war es nicht ich, sondern mein Vater, über ihn kam ich zum BJJ. Er war ein großer Fan der Gracie Familie und des BJJ im Allgemeinen.

Du hast ein Team von Null in Spanien aufgebaut. Jetzt hat dein Team bei den BJJ-Europameisterschaften viele Titel sammeln können. Wie erklärt sich das?
Wir sind das beste spanische Team im Jahr 2011 gewesen, 2009 waren wir nur das zweitbeste Neulingteam!

Ich bin nicht berühmt, ich bin nicht besonders stark, ich habe lange Haare, Brille und keine coolen Tatoos. Ich sehe mehr aus wie ein Nerd, als ein BJJ Kämpfer! (lach)

Ich nehme meinen Job sehr ernst, mein Training ist trotzdem entspannt und ruhig. Ich bringe meinen Schülern nicht nur die Techniken bei, sondern auch deren Strategien. Dadurch verstehen sie BJJ viel besser.

Du bist schon lange dabei. Welche Lehrer haben dich am meisten geprägt? Und warum?
Mein erster Lehrer Sebastiao Ricardo ist auf jeden Fall einer davon. Ricardo gehört zu den 14 höchstrangigen Rot-Schwarzgurten (8.Dan), die es weltweit gibt. Ich habe als achtjähriger bei ihm angefangen zu lernen. Bei ihm bin ich 13 Jahre geblieben. Ich verdanke ihm (fast) alles, was ich über BJJ weiß. Mein BJJ-Leben ist aber zweigeteilt. Während ich als Junge bei Ricardo die Basistechniken studierte, war es im Erwachsenenalter Diojone Farias der mich dann prägte. Farias ist mein Lehrer, der mich weiter formt und fordert. Diese beiden Meister haben mich erschaffen.

Wann hast du deine Leidenschaft am BJJ erkannt?
Als ich mit den Wettkämpfen auf Turnieren begann. Mein erstes Turnier machte ich mit zehn Jahren. Ich hatte es gleich gewonnen, von da an stieg meine Begeisterung und dadurch auch meine Leidenschaft. Das alles hat mich sehr fasziniert.

Mit oder ohne Gi, was bevorzugst du?
Für mich ist es einfach, diese Frage zu beantworten: Mit Gi. Der Kampf mit Gi kann helfen, eine geistige und körperliche Schnelligkeit zu entwickeln und das Spiel des BJJ zu verstehen. Sie können diese Erkenntnisse wiederum auch verwenden, wenn Sie ohne Gi kämpfen. Anders herum geht es nicht.

Was fasziniert dich denn so sehr am BJJ?
Es gibt nichts, was ich nicht mag. Vom Training bis zum Wettkampf. Der BJJ-Livestyle, Freundschaften – das Familiengefühl! Es ist alles ein Miteinander. Außerdem muss man immer mitdenken, jedes Mal deine Strategie, dein Game neu aufstellen. Wenn du richtig mit Leib und Seele dabei bist, dann fühlst du den „Flow“. Ich helfe gerne den Menschen mit meiner Ausrichtung des BJJ. Das macht mir extrem viel Spaß.

Wann hast du dieses System (BJJ) begriffen? BJJ zwar gemacht, aber machen heißt ja nicht können.
Als ich war habe ich bemerkt, dass ich eine Fähigkeit hatte, BJJ schnell begreifen zu können. Aber ich wusste damals nicht warum. Viele Jahre später hatte ich es erst begriffen, was einen Beginner von einem Profi unterscheidet. Ich sage immer in meinem Unterricht, dass BJJ nicht nur Technik ist, sondern im Endeffekt alles. Da gehört auch die Strategie dazu und noch vieles mehr. Viele lernen nur die reinen Technikabläufe, wissen aber nicht, warum das eine oder andere nicht funktioniert. Sie wissen nicht warum und weshalb sie scheitern. Sie müssen BJJ als gemeinsames Spiel verstehen, dass ist wichtig. Du musst Schach spielen können. Die einzelnen Bewegungen und Züge zusammen bringen einem zur Vollendung.

Was hast du angestellt, um auch über den Tellerrand zu schauen?
Das ist eine sehr philosophische Frage. Ich liebe alles, was ich über die Jahre gelernt habe. Jeder muss seine eigenen Erfahrungen machen um sich zu verbessern, einen anderen weg gibt es nicht. Man muss dafür reit sein! Jeder der BJJ beginnt, fängt mit den Techniken an. Erst danach lernt man die dazugehörende Strategie. Doch das braucht alles Zeit. Du musst einfach reif dazu sein, dann kommst du allein hinter vieles. Du wirst Dinge sehen, du wirst BJJ neu entdecken.

Du bist nach Europa gekommen, um BJJ weiter zu verbreiten. Wie kamst du auf diese Idee?
Ich bin nicht wegen nach Europa gekommen, aber BJJ ist ein großer Teil von mir. Es hat sich einfach so angeboten. Ich habe entdeckt, dass es in Europa einen Mangel am BJJ gibt. Seit elf Jahren bin ich jetzt hier, habe mich in Sevilla (Spanien) nieder gelassen und unterrichte dort meine Schüler.

Gibt es für dich eine Brücke oder Parallelen/Gemeinsamkeiten zwischen BJJ und dem normalen Alltag?
BJJ gibt mir persönlich viel Disziplin und Selbstvertrauen. Das setze ich jeden Tag im Leben um, kann es immer gebrauchen. Wenn du etwas möchtest, darfst du nicht aufgeben. Immer daran glauben dass du es schaffst. Ich lebe mein Leben nach diesen Werten.

Was ist dir besonders wichtig im Leben?
Familie, Freunde – einfach die Freude am Leben! Man sollte das Leben positiv betrachten. Es gibt für alles eine Lösung. Stets lächeln, alles positiv sehen, auch wenn es viele Probleme gibt.

Auf was bist du am meisten stolz?
Auf meine beiden Kinder! Sie sind mir am wichtigsten! Beide machen BJJ, das macht mich als Vater und BJJ’ler auch noch besonders stolz.

Was hältst du vom technischen Niveau der deutschen Grappler?
Hier gibt es ein großes Potential Viele Leute können sehr gut werden. Die Deutschen haben eine große Disziplin, sind sehr Willensstark ihre Ziele zu erreichen. Es gibt aber nur webnige Schwarzgurte in Deutschland. Die Leute müssen mehr an das BJJ glauben, dazu gehört auch das Tragen eines Gi’s. Es braucht noch ein wenig Zeit, damit auch hier etwas Ähnliches im BJJ wie in Brasilien entstehen kann.

Wir haben in Deutschland eine Deutsche Grappling Liga, sind also auf dem besten Weg noch professioneller zu arbeiten. Was hältst du davon?
Das ist eine sehr gute Idee. Ich halte davon viel! Es ist eine schöne Möglichkeit den Sport noch attraktiver und bekannter zu machen.

Andre, Vielen Dank für das Interview!
Ich habe euch zu danken!

Wettkampferfolge als Trainer:
2. Platz Teams IBJJF Europameisterschaften 2009
Bestes spanisches Team IBJJF Europameisterschaften 2011 mit zehn Medaillen (2 goldene, 2 silberne und 6 bronze)

Wettkampferfolge als Kämpfer:
Mehrmaliger erste und zweite Plätze bei Carioca Meisterschaften in Rio de Janeiro
1. Platz IBJJF Europameister 2011
3. Platz Absolute IBJJF Europameisterschaften 2011
3. Platz FHJJS Europameisterschaften 2009