Grappling

„Das Wort Triumph ist zu hoch gegriffen“

Foto: Andreas Stockmann

Am vergangenen Wochenende gewann der in Geretsried bei München lebende Andreas Stockmann bei den London Open die Goldmedaille. Nach einjähriger Wettkampfpause hat er seine nächste Prüfung mit Bravur bestanden.

Groundandpound.de: Nochmals herzlichen Glückwunsch zum Titel bei den London Open. Das war dein erstes Turnier nach sehr langer Auszeit und dann gleich der Titel. Wie glücklich bist du darüber?
Andreas Stockmann: Erst einmal DANKE für die Interview-Anfrage von GroundandPound. Ihr seid wirklich die Schnellsten!

Zurück zum Thema: Eigentlich war es keine echte Auszeit, aber dazu eventuell ein anderes Mal mehr. Ich habe in meiner Gewichts- und Altersklasse einmal gekämpft und gegen einen Judo-Schwarzgurt gewonnen, worüber ich wirklich sehr, sehr glücklich war. Die längere Version sieht so aus: ich wusste, dass mein Gegner der Judotrainer der schwedischen BJJ-Mannschaft ist, hatte ich zwei Strategien für ihn vorbereitet.

Grundsätzlich wollte ich über Punkte gewinnen, aber meine Feinplanung sah folgendermaßen aus: Variante A, er steht extrem seitlich, gehe ich in seinen Rücken und bleibe da, um meine Würger vorzubereiten bzw. durchzusetzen. Variante B, er steht parallel, dann werfe ich ihn schnell und beginne mein Bodenspiel. B trat ein so dass ich nach Plan vorgehen konnte. Tomonage, Sidecontrol, Americano-Angriff. Er konterte, ich gehe in den Kesa Gatame, er will mich runterschieben, ich steige mit meinem Fuß über seinen Kopf, um ihn mit einem Triangel zu attackieren. Er gab auf... Sieg für mich!

Wenn man länger ausgesetzt hat, kommen einem dann Zweifel, das Richtige zu machen?
Nö, ich habe ja nicht wirklich ausgesetzt. Mein letzter MMA-Kampf ist ja erst ein Jahr her und Zweifel habe ich nie gehabt. Wie kann ein Hase daran zweifeln, dass er ein Hase ist? So in die Richtung geht mein Verständnis vom Kämpfen wollen und Kämpfer sein.

Wie erklärst du dir diesen Triumph?
Auch wenn ich mich wie Bolle gefreut habe, ist das Wort Triumph zu hoch gegriffen. Ich habe gewonnen, weil ich nur das machte, was ich konnte. Zwei Punkte geholt, versucht noch zwei Punkte zu machen und dann durch die Aufgabe meines Gegners gewonnen.

Du bist ja an erster Stelle ein Standkämpfer. Fiel es dir leicht, am Boden ohne zu schlagen zu agieren?
HAHAHAH, woher das Gerücht kommt, ist mir schleierhaft. Ich sehe mich eher als Bodenturner und habe keine Probleme, im Stand zu bleiben. Aber am liebsten bin ich am Boden.

Wirst du noch häufiger auf der Matte bei großen Turnieren zu finden sein?
Wenn es meine Zeit erlaubt: JA, gerne!

Du wirst in Deutschland wegen deiner Erfahrungen sehr geschätzt, wirst du auch hier mal kämpfen?
Auch hier die gleiche Antwort; habe ich Zeit für das Training, dann gerne.

Deinen Titel hast du im BJJ gewonnen. Wäre dies im Grappling auch möglich gewesen?
Keine Ahnung, habe aus zeitlichen Gründen nicht in der No-Gi-Klasse gekämpft. Wie ich schon sagte, ich mag den Boden, kann aber nicht sagen, was wäre wenn...

Worin siehst du deine größte Stärke?
Im Analysieren von Situationen und im Erkennen von Schwachstellen bzw. Chancen. Ich bin niemand, der kämpfen will, sondern jemand, der den Weg zum Sieg sucht. Meine Schüler können das bestätigen; gibt man mir die Möglichkeit, suche ich immer Wege, den Gegner hereinzulegen. Darin sehe ich meine wirkliche Stärke. Für meinen Kampf hieß das, dass ich auch unter Druck nachdenke und Wege zum Sieg suchte.

Du bist jetzt in den Fünfzigern. Fällt es dir schwer, mit den Jungen mitzuhalten?
Ich bin jetzt über 50 und denke nicht daran, mit den Jungen mithalten zu wollen! Wenn die physisch schwächer sind als ich, läuft was falsch. Ich orientierte mich noch nie am Alter, sondern immer an der Leistung. Ich will lernen und dabei ist es mir so ziemlich egal, wie alt diejenigen sind, von denen ich lerne. Übrigens kann man – und daran glaube ich wirklich – von allen Menschen etwas lernen.

Woran wirst du trotz des Erfolges noch arbeiten?
Der Sieg hat heute schon gar keine Bedeutung mehr für mich: „Es gibt nichts wichtigeres als den Kampf, der vor dir liegt und es gibt nichts unwichtigeres, als der Kampf, der hinter dir liegt!“ ist meine Maxime. Also mache ich weiter, wie bisher und widme meine Kraft der MMA-Trainerakademie.

Wie viel Zeit investierst du, um dich zu verbessern?
Meine gesamte Lebenszeit, weil ich „verbessern“ im Sinne von „lernen“ und „neues Wissen aneignen“ verstehe. Also alles, was an Zeit übrig bleibt und nicht durch meine Kunst, mein Privatleben, mein Training und meine Arbeit für die MMA Trainerakademie gefressen wird, „investiere“ ich in mich bzw. mein Lernen – ist doch gar nicht so schlecht, in sich zu investieren, oder?

Was steht demnächst bei dir an?
Ich würde wirklich gerne mal längere Zeit nach Schweden oder, wenn das nicht klappt, eine Rundreise durch ein paar deutsche Städte machen wollen. Berlin und ein paar andere, um BJJ zu trainieren. In Köln, Marl und anderen Städten meine Freunde besuchen, ein, zwei BJJ-Turniere kämpfen, der Ausbau der MMA-Akademie und und und.

Du erwähnst immer deine MMA-Trainerakademie. Was hat es damit auf sich?
Hinter der MMA-Trainerakademie steht ein Team aus erfahrenen Sport-Experten, das sich größtenteils bereits zu FFA-Zeiten zusammengefunden hat. Grundsätzlich ist sie die verbandsoffene Version des bereits erprobten Ausbildungssystems der FFA. Wobei man VERBANDSOFFEN groß schreiben müsste – hoffe, das macht ihr dann auch... Womit wir eigentlich auch schon den Grund meines Austrittes aus der GEMMAF besprochen haben. Nur falls ihr fragen wolltet. Mir ging es darum, mit allen Sportlern und Verbänden zusammenzuarbeiten, ohne Einschränkungen.

Muss ich Mitglied in einem Verband/Verein werden, wenn ich die Angebote der MMA Trainer Akademie nutzen will?
Ganz klare Antwort: Nein.

Vielen Dank, der letzte Satz ist deiner!
Danke an meine Familie, Freunde und Trainingspartner für eure Geduld mit mir und danke, dass es euch in meinem Leben gibt!