Grappling

„Das war quasi das Tüpfelchen auf dem i“

Anke Müller (Mitte) gewann vier Goldmedaillen bei den London Open. (Foto: Anke Müller)

Anke Müller ist die aktuelle Nummer eins in der IBJJF-Weltrangliste bei den Lilagurten im No-Gi.  Jetzt gewann sie bei den London Open gleich vier Titel! Der Druck wird jetzt größer für Müller, doch sie weiß damit umzugehen. Mit Druck umzugehen ist einer ihrer Stärken. Ihr nächster Streich sind die Munich Open im November. Da sind die nächsten Titel schon fest eingeplant.

Groundandpound.de: Nochmals herzlichen Glückwunsch zum vierfachen Triumph bei den London Open. Du hast damit bei den Lilagurten bewiesen, zu den Besten in Europa zu gehören.
Anke Müller: Herzlichen Dank. Obwohl ich erst seit Anfang Februar (also seit dem Gewinn der European Open) zu den Lilagurten gehöre und jetzt erst langsam anfange, mich mit meinem noch recht neuen Gürtel wohlzufühlen, zeigt mein Sieg glaube ich doch ganz gut, dass ich in diesem Niveau nicht nur mitspielen, sondern sogar die Spielregeln bestimmen kann.

Du bist die aktuelle Nummer eins der Welt.
In der aktuellen Weltrangliste der IBJJF bin ich momentan No-Gi auf Platz 1 in meiner Gewichtsklasse und auf Platz 2 (Open Weight) gelistet. Mit Gi bin ich auf Platz 5 in meiner Klasse weltweit.

Wie erklärst du dir deinen vierfachen Triumph?
Es lief einfach von Anfang bis Ende alles optimal. Klar, man hofft und träumt im Vorfeld immer ein bisschen, aber das Ergebnis hat sogar die hohen Erwartungen, die ich an mich selbst immer stelle, übertroffen. Nachdem ich in den Kampflisten gesehen habe, dass ich im No-Gi-Bereich in meiner Gewichtsklasse keine Gegnerin habe, habe ich mich einfach eine Klasse höher angemeldet. Ich fahre nicht auf ein Turnier, um eine Medaille nur für meine bloße Anwesenheit zu bekommen, ich will kämpfen. Und ganz besonders happy bin ich, dass ich alle Kämpfe, mit und ohne Gi, Gewichtsklasse und Open Weight, vorzeitig mit Submission gewinnen konnte. Das war quasi das Tüpfelchen auf dem i.

Hattest du diesmal das Gefühl, verlieren zu müssen?
Was heißt verlieren müssen? Ich versuche immer (manchmal mehr, manchmal weniger erfolgreich) negative Gedanken im Vorfeld auszublenden bzw. gar nicht an mich heranzulassen, ohne Grübeln oder Selbstzweifel, aber auch ohne Arroganz oder Überheblichkeit in den Kampf zu gehen.
Ich habe Respekt vor jeder Gegnerin, egal wie oft ich schon gegen sie gewonnen oder verloren habe.

Am besten sind die Kämpfe, in denen man nicht über Sieg oder Niederlage oder was-wäre-wenn spekuliert, sondern einfach kämpft, agiert ohne zu überlegen. Und das habe ich trotz dem Druck und dem Stress, der bei einem so großen Turnier immer mit dabei ist, gut geschafft.

Ich konnte, wie schon gesagt, alle Kämpfe mit Submission vorzeitig gewinnen und war eigentlich nie wirklich in Gefahr, selber tappen zu müssen.

Mein härtester Kampf war das No-Gi-Finale in der Offenen Klasse gegen eine sehr starke Kämpferin aus der Schweiz. Das war für mich gleichzeitig der letzte Kampf des ganzen Turniers. Ich hatte an diesem Tag schon drei Kämpfe hinter mir, während es für meine Gegnerin erst ihr zweiter Kampf war. Ich habe die ganze Kampfzeit hindurch attackiert, ohne sie wirklich beenden zu können. Dabei ist mir fast entgangen, dass sie bei unserem Scramble irgendwie zwei Punkte Vorsprung bekommen hatte. Also musste ich kurz vor Ende der Kampfzeit noch mal so richtig Gas geben. Ich habe es dann buchstäblich mit letzter Kraft doch noch geschafft, sie zu submitten.

Läuft derzeit alles nach Plan?
Im Moment läuft tatsächlich alles super. Angefangen mit meinem Sieg bei der European Open im Januar (Europameisterin Middle Weight, Vizemeisterin Open Weight) konnte ich mit der Rome International Open (1. Platz Gewichtsklasse und Offene), No-Gi European Open (Europameisterin Light Weight, Vizemeisterin Open Weight), London International Open (1. Platz Gewichtsklasse und Offene) und No-Gi London International Open (1. Platz Gewichtsklasse und Offene) in den letzten zehn Monaten gleich fünf internationale IBJJF-Turniere in Folge gewinnen, davon drei mit Doppelsiegen in beiden Klassen.

Trotzdem werde ich im Training und auf verschiedenen Turnieren zwischendurch immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, und das ist auch ganz gut so. Harte Arbeit hat mich dahin gebracht, wo ich jetzt stehe und deshalb werde ich mich auch nicht auf meinen Lorbeeren ausruhen,  sondern im Gegenteil noch mehr und noch härter trainieren.

Woran solltest du trotz des Erfolges noch arbeiten?
Es heißt ja immer so schön „you win or you learn“.

Dennoch habe ich trotz meiner Erfolge wieder einiges mitgenommen, an dem ich arbeiten möchte bzw. muss. Und es gibt mit Sicherheit einige Punkte, die noch verbesserungswürdig sind. Das Streben nach Perfektion ist doch gerade eines der Dinge, die unseren Sport so faszinierend machen.

Ich werde auch weiterhin mit und ohne Gi trainieren und kämpfen und möchte mich dabei auch nicht nur auf ein Regelwerk festlegen. Gerade die Vielfältigkeit der verschiedenen Turnierangebote mit ihren unterschiedlichen Reglements, sei es IBJJF, DGL oder Submission-only macht doch einen großen Reiz des Grapplingsport aus.

Du bist eine akribische Technikerin. Worin siehst du deine größte Stärke?
Nun ja. Zum einen natürlich das Vertrauen in die eigenen Techniken und Fähigkeiten. Jede/r muss mit der Zeit für sich selbst herausfinden, was für einen persönlich funktioniert. Diese Techniken gilt es dann im Training und im Sparring zu verbessern und zu verfeinern bis man am Ende maximal eine Handvoll kampftauglicher Techniken hat. Dabei setze ich persönlich ganz klar auf das sichere Beherrschen der Basics. Also kein zweifach gedrehtes eingesprungenes Irgendwas, sondern ganz solide Grundtechniken.

Der andere wichtige Punkt ist der mentale Fokus im Kampf. Es geht darum (sich selbst) nicht aufzugeben, egal wie der Punktestand aussieht, wie viel Zeit noch auf der Uhr ist und ganz egal wie gut die/der andere oder wie erschöpft man selber gerade ist. Einfach immer alles geben bis der Gegner tappt oder die Zeit rum ist.

Was bedeuten dir diese Titel?
Einerseits sind Titel und die dahinterstehenden gewonnenen Kämpfe immer nur eine Momentaufnahme, die besagt, dass man in diesem einen Moment einfach besser war als die Gegnerin. Gleichzeitig symbolisieren sie aber auch die harte Arbeit, den Schweiß, die Tränen und die Mühen, die es gekostet hat, soweit zu kommen. Und von daher ist jeder Titel immer genauso viel Wert, wie es einen selber gekostet hat, ihn zu erkämpfen.

Gerade als höher graduierte Frau im Leichtgewicht ist es nicht immer leicht, im Training passende Sparringspartner zu finden. Was sagt es denn zum Beispiel aus, einen 30kg schwereren Weißgurt zu tappen? Gegen einen 10kg leichteren und 15 Jahre jüngeren männlichen Blaugurt zu verlieren?  Daher sind die großen Turniere, bei denen man alters-, gürtel- und gewichtsmäßig auf
Seinesgleichen trifft, oft die einzige Möglichkeit, sich mit gleichwertigen Gegnern zu messen und eine realistische Rückmeldung über sein Können und seine Fähigkeiten zu bekommen.

Was kannst du dir vorstellen, noch zu gewinnen?
Tja, vorstellen kann ich mir vieles, aber ich ergehe mich nicht so gerne in öffentlichen Spekulationen. Ich werde auf jeden Fall die nächsten IBJJF-Turniere in Europa, also die Munich Open in November und die European Open Ende Januar in Lissabon mitkämpfen. Mit Sicherheit werde ich dort zu den Favoritinnen gehören und „gejagt“ werden, aber ich werde es meinen Gegnerinnen so schwer wie möglich machen. Dem EM-Titel dieses Jahr bei den Blaugurten einen weiteren Titel nächstes Jahr bei den Lilagurten folgen zu lassen, wäre natürlich definitiv ein Ziel.

Außerdem möchte ich sobald Zeit und Geld es möglich machen, unbedingt auch mal außerhalb Europas bei einem der größeren Turniere auf der Matte stehen. Weitere lohnenswerte Ziele mit BJJ auf hohem Niveau, die in meiner Sammlung noch fehlen, sind Skandinavien und Osteuropa.

Wie viel Zeit investierst du täglich, um dich zu verbessern?
Ich investiere so viel Zeit wie möglich in mein Training. Das ist neben einem Vollzeitjob natürlich nicht immer ganz einfach. Zwar lässt sich mit BJJ kein Geld verdienen, aber es ist doch viel mehr für mich als „nur“ ein Hobby. Ich stehe normalerweise 5- bis 6-mal die Woche auf der Matte. 

Was steht demnächst an Turnieren bei dir an?
Die nächsten größeren Turniere werden die Munich Open im November und die European Open Ende Januar in Lissabon sein. Wenn zwischendurch noch das ein oder andere kleinere Turnier in den Zeitplan passt, warum nicht.

Nachdem ich bereits für die diesjährige European Open vom Deutschen BJJ-Bund gesponsert wurde, stehen die Chancen sehr gut, dass ich auch für nächstes Jahr mein Freiticket nach Lissabon in der Tasche habe. Die offizielle Entscheidung des BJJBD steht zwar noch aus, aber als Titelverteidigerin und aufgrund meiner anderen Erfolge in diesem Jahr bin ich definitiv auf Platz 1 der Verbandsrangliste.

Vielen Dank, der letzte Satz ist deiner!
Zunächst mal herzlichen Dank an GroundandPound für das Interview und die Berichterstattung.
Ich bedanke mich bei dem BJJ Team Marshmallow und meinem Trainer Jörg Lothmann für die Unterstützung und die Vorbereitung.

Außerdem ganz herzlichen Dank an alle, die mir bei meiner Vorbereitung geholfen haben, an meine eigene Unisportgruppe, meine Trainingspartner und alle anderen Menschen, die mir wichtig sind, die  an mich glauben, mich aufmuntern, mit mir mitfiebern und mir die Daumen drücken. Ohne euch wäre das alles nicht möglich gewesen. Danke!

Danke auch an die Teamsponsoren des BJJ Teams Marshmallow, Phantom MMA und BMS.