Boxen

Wochenend-Punktzettel

Trotz beherzter Leistung musste Darren Barker gegen Sergio Martinez auf die Bretter. Foto: craveonline.com.

Nach einem recht geschäftigen Box-Wochenende wird es wieder einmal Zeit für den GroundandPound Wochenend-Punktzettel, in dem wir die wichtigsten Fights der vergangenen Tage betrachten und bewerten. Für Deutschland besonders interessant war natürlich die große Sauerland-Verstaltung, detaillierte Berichte dazu findet ihr hier und hier. Aber auch im Ausland flogen die Fäuste, hier unsere Nachbetrachtung:

Sergio Martinez vs. Darren Barker

Obwohl er keinen WM-Gürtel von einem der großen vier Weltverbände innehat, gilt Sergio Gabriel Martinez (23-1-0, 14 KO) als bester Mittelgewichtler, und auch gewichtsklassenübergreifend als einer der besten Boxer der Welt. Dementsprechend wenig Chancen rechnete man dem zuvor ungeschlagenen Briten Darren Barker aus. Der hatte das Duell gegen Martinez selbst gefordert und via Twitter ins Rollen gebracht. Ein Himmelfahrtskommando, dachten viele.

Doch Martinez konnte nicht so glänzen, wie zuletzt gegen Serhiy Dzinziruk oder Paul Williams. Der zähe Brite machte es dem Argentinier nicht einfach und boxte beherzt und mit der richtigen Taktik. Mit erhobener Doppeldeckung überbrückte er die Distanz und attackierte dann mit Einzelaktionen. Er war dabei jedoch nicht aktiv genug und kassierte so vom immer wieder Konter von Martinez, der ihn ganz im Stil von Roy Jones Jr. mit hängender Deckung zu Fehlern verleiten wollte.

Im zehnten Durchgang konnte Martinez Barker schließlich mit einem rechten Haken anklingeln. Barker clinchte und schaffte es in die Pause, wurde in der elften Runde aber schließlich von einem weiteren rechten Haken, der auf der Deckung landete, auf die Bretter geschickt. Er schaffte es nicht bis zehn auf die Beine. Später wurde bekannt, dass sein Trommelfell gerissen sei – vermutlich war dies der Grund für den seltsamen KO.

GroundandPound-Wertung: Martinez‘ Status bleibt auch nach dieser weniger spektakulären Vorstellung unangetastet. Vor allem Barker hat mit seiner beherzten Leistung aber Fans gewonnen.

Juan Manuel Lopez vs. Mike Oliver

Juan Manuel Lopez (l.) und Mike Oliver (Foto: boxnews.com.ua)

Nachdem Juan Manuel Lopez (31-1-0, 28 KO) im April überraschend von Orlando Salido gestoppt wurde und seinen Federgewichtsgürtel abgeben musste, feierte er nun ein halbes Jahr später sein Comeback. Der Gegner Mike „Machine Gun“ Oliver (25-3-0, 8 KO) war dabei selbstverständlich handverlesen. So sah es schon eindrucksvoll aus, wie der Amerikaner direkt zu Beginn einige seiner wilden Schwinger landen konnte und Lopez am Seil mit einer Schlagserie eindeckte, die meisten Hände landeten jedoch auf der Deckung des gelassenen Ex-Champions, der nur auf seine Chance wartete. Und die kam schnell, schon in der Mitte der ersten Runde.

Die weiten Haken Olivers waren prädestiniert für Lopez‘ blitzschnelle Konter. Ein für das menschliche Auge kaum wahrnehmbarer linker Haken schlug ein und Oliver landete auf dem Allerwertesten. Von da ab war der Drops gelutscht. Kurz vor Ende der Runde musste Oliver nach einem rechten Haken erneut auf die Bretter. Im zweiten Durchgang entwickelte sich der Kampf zur Prügelei. Oliver nützte das jedoch nichts, er nahm wiederholt Konter von Lopez und ging nach einem weiteren rechten Haken schließlich erneut zu Boden. Der Ringrichter Roberto Ramirez winkte das Duell daraufhin ab.

GroundandPound-Wertung: Lopez ist zurück, hat jedoch nach wie vor noch große Lücken in seiner Defensive. Gegen schwerer ausrechenbare Puncher als Oliver könnte es daher noch immer gefährlich werden.

Toshiaki Nishioka bes. Rafael Marquez

Rafael Marquez (40-7-0, 36 KO) ist eine Box-Legende und gehörte zu den besten Superbantamgewichten der Welt. Nachdem er sich zuletzt im Federgewicht versucht hatte, im Titelduell gegen Juan Manuel Lopez aber verletzungsbedingt nach Runde acht aufgeben musste kehrte er nach einem Aufbaukampf im Juli nun wieder in seine alte Heimat, das Superbantamgewicht, zurück. Toshiaki Nishiokas (39-4-3, 24 KO) WM-Gürtel stand dabei auf dem Spiel – es war Marquez‘ vielleicht letzte Chance auf einen großen Titel.

Es wurde erneut deutlich, dass Marquez im Alter von 35 Jahren, und nach 47 Kämpfen, nicht mehr derselbe Kämpfer wie noch vor drei oder vier Jahren ist. Sein Herz hat er jedoch noch immer nicht verloren. Dementsprechend verlief der Kampf gegen den Champion aus Japan wie so viele in seiner Karriere: er wurde in den letzten Runden zur erbitterten Schlacht.

Das Duell fing ausgeglichen an, Marquez begann ab der Mitte des Fights jedoch merklich abzubauen und Nishioka übernahm die Führung. Marquez gab sich jedoch nicht auf und versucht im Schlagabtausch Bomben zu landen. Nishioka war jedoch schlicht schneller und akkurater und so bestand nach zwölf Runden kein Zweifel an der Entscheidung der Punktrichter: 117-111, 116-112 und 115-113 werteten die für den Champion Toshiaki Nishioka.

GroundandPound-Wertung: Rafael Marquez ist noch immer für sehenswerte Ring-Schlachten gut, auch wenn er über die Jahre einiges an Substanz verloren hat.

Karo Murat vs. Gabriel Campillo

Karo Murat (l.) und Gabriel Campillo. (Foto: Photo Wende)

„Diebstahl!“, riefen viele international Medien nach dem WM-Eliminator zwischen Karo Murat (24-1-1, 14 KO) und Gabriel Campillo (21-3-1, 8 KO). Doch ich muss widersprechen. Die Punktrichter werteten 115-113, 111-117 und  114-114, ich saß selbst am Ring und hatte es 115-113 für Murat. Es gab jedoch eine Menge sehr knapper Runden, so dass ich persönlich weder mit einem Punktsieg für Campillo (wenn auch nicht unbedingt mit einem 111-117), noch mit dem Unentschieden ein Problem hätte, bzw. habe.

Unentschieden sind immer ärgerlich, aber das Duell der beiden war in der Tat sehr ausgeglichen. Während Murat die ersten Runden auf meinem Zettel knapp gewann, baute er in der Mitte des Fights plötzlich ab und verlor Runde um Runde. Gegen Ende marschierte er jedoch noch einmal nach vorn und feuerte mit allem was er hatte – das sicherte ihm die rettenden Punkte. Ein „Diebstahl“ sieht anders aus.

GroundandPound-Wertung: Ein enorm unterhaltsamer Fight mit einem ärgerlichen, aber verständlichen Punktergebnis.

Yoan Pablo Hernandez vs. Steve Cunningham

Yoan Pablo Hernandez (r.) und Steve Cunningham. (Foto: Winfried Mausolf)

Um es kurz zu machen: dieses Duell hätte das Potential zu einem der besten Fights des Jahres gehabt. Leider wurde er unter fragwürdigen Umständen zu früh gestoppt. Dabei war die Leistung von Ringrichter-Veteran Mickey Vann gleich auf mehreren Ebenen suspekt.

Erstens: Nach dem krachenden Knockdown von in der ersten Runde hätte der Kampf vorbei sein müssen. Ob Vann zu langsam gezählt hat oder nicht, will ich hier gar nicht erörtern. Fakt ist: Steve Cunningham (24-3-0, 12 KO) war bei zehn alles andere als kampfbereit.

Zweitens: Der Kopfstoß von Cunningham in Runde drei, der den ersten großen Cut bei Yoan Pablo Hernandez (25-1-0, 13 KO) verursacht hatte, wurde als unabsichtlich gewertet, sah aber nicht unbedingt danach aus. Hier hätte Vann einen Punktabzug fast schon verhängen müssen.

Drittens: Der Abbruch. Zwar blutete der Cut stark, die Verletzung war jedoch alles andere als schlimm, zumal an der Seite des Kopfes und nicht etwa kampfentscheidend am Auge. Warum also ein Duell abbrechen, dass gerade von Cunningham gedreht wurde und sich zu einem interessanten Duell entwickelte?

GroundandPound-Wertung: Ein super Fight zwischen zwei Top-Sportlern, mit einem einer grausigen Leistung des Ringrichters. Ich hoffe auf einen Rückkampf, auch wenn es dazu in absehbarer Zukunft wohl nicht kommen wird.