Boxen

„The Tigress“ schlägt zurück

Alesia Graf meldet sich eindrucksvoll zurück. (Foto: Richard Schrade)

Gut dreieinhalb Jahre nach ihrem letzten Kampf in Deutschland schlug „The Tigress“ Alesia Graf am 15. Dezember in ihrer Wahlheimat Stuttgart wieder zu. Gegen Liliana Martinez behauptete sich Graf auch im Rückkampf und stellte eindrucksvoll unter Beweis, dass es besser ist, wenn man sie noch nicht abschreibt. Wie sie den Kampf gesehen hat, was sie rückwirkend über Universum denkt und welche Zukunftspläne sie hat, das hat uns Alesia Graf im exklusiven Interview verraten.

Alesia, ein frohes neues Jahr noch und herzlichen Glückwunsch zur WM-Titelverteidigung gegen Liliana Martinez. Wie hast du den Kampf erlebt?
Erst einmal vielen Dank und natürlich auch dir noch ein frohes neues Jahr. Also ich habe alles richtig gemacht in dem Kampf und bin sehr zufrieden mit meiner Leistung.

War dieser Kampf etwas Spezielles für dich, weil ihr bereits zum zweiten Mal gegeneinander geboxt habt?
Die hat sich supergut gehalten. Die kannte mich und natürlich hat sie alles gegeben. Für mich war es so, dass ich vor meinem eigenen heimischen Publikum geboxt habe, und es war ein bisschen Druck dahinter, aber ich bin in den Kampf gegangen wie in jeden anderen und ich habe gesiegt aufgrund meiner Leistung.

Wie groß war für dich der Druck im Vorfeld des Kampfes weil a) jeder einen Sieg von dir erwartet hatte und b) es der erste Kampf in Deutschland seit fast dreieinhalb Jahren war?
Also der Druck von außen war nicht größer als früher, der war genauso groß. Aber weil ich vor meinen Bekannten und vor meinem Publikum in Stuttgart gestanden habe, war der Druck in mir selbst mehr, als wenn ich den komplett gemacht habe. Also, ob Ausland oder nicht, der Ring ist derselbe, aber die Leute sind ganz anders und deshalb hat sich in mir ein bisschen mehr Druck aufgebaut.
Liliana Martinez vs. Alesia Graf (Foto: Richard Schrade)
An welcher Stelle des Kampfes bist du dir sicher gewesen, dass Martinez dir nicht mehr gefährlich werden könnte?
Gegen Ende der dritten Runde, als ich sie an der Leber getroffen habe. Ich habe auch gemerkt, dass sie schwach war zum Körper und ich musste einfach mehr reingehen. Nach der dritten Runde habe ich schon gemerkt, dass sie nicht so stark und nicht so gefährlich ist. Sie hat schon versucht, mitzuboxen, ihre Schläge habe ich schon gespürt, aber natürlich ich habe gut in den Kampf gefunden. Und wir hatten daran gearbeitet, dass der Schlag gegen die Leber eigentlich der perfekte Schlag war und durchkam. Er ist schließlich mein Favorit und – dass ich keinen Spaß verstehe, wenn ich an den Körper und in den Kampf gehe. (lacht) Also der Schwachpunkt ist eigentlich schon der Körper gewesen.

Nach dem Kampf gegen Terry Lynn Cruz im Juli 2009 in Hamburg hast du nicht nur eine Pause von über einem Jahr eingelegt, sondern bist auch von Stuttgart nach Australien gegangen. Warum dieser Schritt?
Also ich war erst fast ein Jahr privat in Amerika, um Urlaub zu machen. Dann wurde mir angeboten, dass ich um die Weltmeisterschaft boxen kann, denn ich hatte hier lange nicht geboxt und der Titel war mir aberkannt worden, also ich war keine Weltmeisterin mehr. Und in Australien wurde mir angeboten, dass ich Weltmeisterin werden kann, deswegen bin ich da hingegangen.

Bei Universum hast du mit Ina Menzer und Susi Kentikian die Riege gebildet, die nach dem Karriere-Ende von Regina Halmich so richtig in das Rampenlicht treten sollte. Hast du rückblickend das Gefühl, dass man dich dabei  etwas hängen lassen hat?
Ach, normalerweise ja, also von meiner Seite schon. Ich habe mit meinem Trainer Hans Schulz gearbeitet, man konnte sehen, was wir machen. Aber ich bin unter Vertrag halt. Was erfreulich war: Sie haben mir Kämpfe angeboten und mich gestärkt und ich habe auch Geld kassiert, das war nicht schlecht. Aber was Vermarktung angeht, meine ich, haben sie mehr auf die anderen gesetzt. Und das ist das Ergebnis jetzt.

And the winner is... (Foto: Richard Schrade)
Was hättest du dir an dieser Stelle von Universum gewünscht?
Eigentlich, dass sie ein bisschen mehr an mich geglaubt hätten.

Oder gibt es auch einen konkreten Vorwurf, den du im Nachhinein gegenüber Universum machst?
Nein, das ist Geschäft und man kann die Zukunft nicht voraussehen. Natürlich war ich traurig, weil ich nicht so vermarktet wurde wie die anderen, aber was soll ich machen? Ansonsten bin ich aber zufrieden gewesen.

Gab es damals auch die Überlegung, vielleicht zum SES-Boxstall zu gehen, da ja Sauerland bekanntlich kein großer Fan des Damen-Boxens ist.
Sauerland? Ach nee, finde ich nicht. Natürlich war mir gesagt worden, die nehmen keine Frauen. Aber ich habe damals den Prozess verloren und dann war das alles abgeblasen, denn ich musste meinen Vertrag erfüllen bis zum Ende. Und deshalb war keine Rede mehr davon nach dem Prozess, dort wegzugehen.

Nach dem Rücktritt von Regina Halmich ist ein Loch im Damen-Boxen entstanden. Woran lag es deiner Meinung nach?
Also es kommt auch auf die Medien drauf an und wie man die Sportler vermarktet. Normalerweise musst du viel mehr Leistung zeigen bei den Frauen und du brauchst eine authentische Person wie Regina Halmich. Wahrscheinlich war es die falsche Auswahl. Aber man weiß es nicht.

Was müsste man tun, damit das Damen-Boxen wieder auf ein ähnliches Niveau bzw. ähnliche Akzeptanz gelangt?
Also es ist wichtig, das (Damen-Boxen) in den Sendern zu zeigen, damit die Leute sehen, dass Frauen auch super boxen können. Es kommt auf die drauf an, die das Boxen machen. Wir müssen nicht nur super boxen, sondern die Frauen müssen sich auch vermarkten können. Beides. Beim Frauenboxen herrscht mehr Druck als bei den Männern.

Gibt es schon Pläne über einen weiteren Kampf von dir in Deutschland oder müssen sich deine Fans erneut wieder dreieinhalb Jahre gedulden?
Also im Moment arbeiten wir daran. Ich habe zwar jetzt Urlaub genommen, danach geht es aber weiter, denn es muss bald wieder einen Kampf geben. Ich kann jetzt nicht noch mal ein Jahr warten, sondern muss aktiv bleiben und deswegen bleiben wir auch dran.
Alesia Graf lang gewaltig hin. (Foto: Richard Schrade)
Wenn wir einen Blick in die Kristallkugel werfen, wo siehst du dich in fünf bzw. zehn Jahren?
Das ist eine gute Frage. Also es sind natürlich viele Dinge zu erreichen und ich kann nicht sagen, ob das in fünf Jahren alles funktioniert. Mein Traum wäre es, in vier Jahren zur Olympiade zu gehen, und damit vielleicht Abschied zu nehmen. Sportlich habe ich ja eigentlich alles erreicht.

Hast du dir schon einen Zeitpunkt gesetzt, bis wann du noch boxen möchtest und falls ja, hast du dir auch schon Gedanken darüber gemacht, was du danach machen willst?
Solange es mir Spaß macht und ich noch gesund bin, möchte ich Sport treiben und boxen. Aber ich merke schon, dass die Leistung nachlässt. Nur im Moment denke ich nicht, dass ich mir darüber wirklich Gedanken machen muss. Und ich werde noch ein paar Jahre boxen. Aber ich kann nicht voraussehen, was noch kommt. Die Risiken sind da, egal wie hart man trainiert.

Man kennt die Boxerin Alesia Graf. Wie aber würdest du den Menschen Alesia Graf beschreiben?
Also ich nehme das Leben als Spaß oder Spiel und gehe ganz leicht durchs Leben, ich mache mir da keine großen Gedanken, auch keine Sorgen. Was kommt, das kommt. Ich gehe in den Ring und ich boxe halt, wie ich boxe. Ich muss mir Gedanken machen, wie ich eine Gegnerin schlagen kann, aber so bin ich auch privat. So lalilala lustig halt. So wie ich mein Leben spiele, so kommt es. Das Leben ist ein Spiel und wir sind die Schauspieler und wir spielen halt, also ich mache mir da keine großen Gedanken.

Alesia, ich möchte dir vier Stichpunkte nennen und bitte dich, uns spontan und mit einem Wort zu sagen, was dir dazu einfällt:
- Linsensuppe oder Maultaschen: Maultaschen
- Heinz Schultz: kritisch und ein Perfektionist
- Ultimate Fighting: nichts für Frauen
- Alesia Graf: macht sich keine Sorgen um nichts

Dein Kampfname ist „Die Tigerin“. Wie kam es dazu und wer hat ihn dir verpasst?
Das Publikum. Als ich in Stuttgart meinen ersten Kampf im Profiboxen gemacht habe, da hat eine ein Interview gemacht mit dem Publikum und die haben gesagt "Die Tigerin boxt".
Nochmal drei Jahre will Graf nicht wieder warten. (Foto: Richard Schrade)
Gibt es vielleicht noch etwas von dir, wo wir sagen würden: „Mensch, das hätten wir nicht von dir gedacht“?
Ja, ich bin keine Frühaufsteherin und leider auch etwas unpünktlich. (lacht)

Zum Abschluss hast du jetzt noch die Möglichkeit, ein paar Worte an die Leser und deine Fans zu richten.
Ich freue mich, dass sie mich unterstützen, dass sie mir treu geblieben sind, als ich im Ausland war. Dafür möchte ich mich bedanken und hoffe, dass sie sich weiterhin freuen auf Kämpfe mit mir.

Alesia, ich danke dir für das Interview und wünsche dir weiterhin viel Erfolg in deiner Karriere und hoffe, dass wir nicht wieder drei Jahre auf einen Kampf von dir in Deutschland warten müssen.
Gerne geschehen. Ich habe zu danken und nein, das wird nicht passieren. Vorher höre ich auf.